M. D. Pöppelmann und die Zwickauer Torbrücken

Von Regierungsbaumeister Dr. Weißbach, Holzminden

Wir leben jetzt in den Tagen, in denen der Name Pöppelmann uns besonders nahegerückt ist. Es geht um die Erhaltung des Dresdner Zwingers, des großartigsten Werkes dieses fürstlichen Baumeisters.

Während der Zwinger weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt und berühmt ist, sind andere Bauten Pöppelmanns teils weniger bekannt, teils vergessen, weil sie entweder nicht so bedeutend oder schon wieder verschwunden sind (Augustusbrücke). Manches kann ihm auch nicht mit Sicherheit zugesprochen werden. Viele kleinere Arbeiten sind naturgemäß überhaupt nicht bekannt geworden. So auch seine Vorschläge für die Torbauten in Zwickau.

Wie aus folgendem zu ersehen ist, erstreckte sich Pöppelmanns Tätigkeit nicht nur auf die Hauptstadt. Als Oberlandbaumeister hatte er auch auf andere Städte gewissen Einfluß. Das beweisen zwei wenig umfangreiche Aktenstücke[1] im Ratsarchiv der Stadt Zwickau. Es handelt sich um den Umbau der Stadttore.

August der Starke hatte ein selten feines Kunstverständnis und verband damit eine großzügige Art die Mittel für seine Bauten bereitzustellen. Auf diese Weise war Pöppelmann Gelegenheit gegeben, sein ganzes Können zu entfalten. Anders war es in Zwickau. Da konnte nicht so aus dem vollen gewirtschaftet werden. Und wenn schon einige Ratsherren Sinn für das Schöne hatten sowie den Wunsch, die Pläne Pöppelmanns durchzuführen, so wurden sie doch von den sorgsamer rechnenden Stadtvätern überstimmt. Die Vorschläge des Oberlandbaumeisters konnten der Kosten wegen nicht verwirklicht werden. Doch ist diese Tatsache insofern ohne Belang, als die Tore schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei Schleifung der Befestigungswerke und infolge der Ausdehnung der Stadt und der Steigerung des Verkehrs wieder verschwinden mußten. Aber in den genannten Akten sind uns die Zeichnungen erhalten geblieben. Der zugehörige Schriftwechsel, ergänzt durch die Beschlüsse in den Ratsprotokollen, eröffnet uns ein anschauliches Bild von der Tätigkeit und dem sicheren künstlerischen Urteil Pöppelmanns.

Die vier Stadttore (das Niedertor im Norden, das Obertor im Süden, das Frauentor im Westen und das Tränktor im Osten) hatten vor den Tortürmen halbrunde Bastionen (»Rondells«), die in den Graben vorsprangen. Je eine hölzerne Torbrücke führte, aus festungsbaulichen Gründen seitlich, in jedes »Rondell«. 1712 beschloß der Rat, diese Brücken nach und nach steinern auszuführen, weil, wie es in einem Schreiben vom 3. April 1719 an Pöppelmann heißt, »die über die Stadtgräben allhier gehenden hölzernen Brücken sehr kostbahr zu erhalten und zu deren Reparatur fast keine Brückenbäume mehr in der Nähe umbs Geld zu haben sind, ... Steine und Kalch umb einen billichen Preiß allhier zu erlangen.« 1716 war als erste die Obertorbrücke durch eine steinerne ersetzt worden. Im selben Jahre wurde beschlossen, auch die Niedertorbrücke zu erneuern. Doch sollten da gleichzeitig Veränderungen am Tor vorgenommen, der Eingang in die Mitte des Rondells, die Torschreiberwohnung seitlich verlegt werden. »Ob aber deswegen allerunterthänigster Bericht einzusenden, stünde dahin; es dürfte solches eine kostbare Commission nach sich ziehen und darum eben nicht vonnöthen sein, weil zum Bau nichts von Vestungsbaugeldern gegeben würde, sondern man von eigenen Kosten bauete, die Stadt auch vor keine Vestung Iziger Zeiten Beschaffenheit nach gehalten würde.« Am 3. April 1719 ließ man »wegen Transferierung des Thors und der Aufzugbrücke ... wenigstens des Herrn Ober Land Baumeister Pöppelmann Gutachten ... einholen«. Ein Maurermeister wurde mit dem obenerwähnten Brief, den »gefertigten Abrißen« und zwölf Thalern nach Dresden geschickt. Am 7. April 1719 antwortete Pöppelmann: »Hoch Edle, Hoch- und Wohlgelahrte, Hochgeehrteste Herren. Dieselben haben das Vertrauen gehabt, in ihrem Vorhabenden Baue mich zu Consellieren Beliebet, auch den Mäurer Meister abgeschicket, damit er desto mehrere Kundschaft einziehen möge. So habe Beyliegenden Riß ([Abb. 1]) Verfertiget, denen Conducteurs Vorgezeichnet, die Sich vor das überschickte dienstl. Bedanken thun. Die vielen vorhabenden Baue haben nicht zulaßen wollen mehren Fleiß anzuwenden. Der pfeihler, welcher in des Mäurer Meisters Riß angedeutet, kan ersparet werden, auch ... von den Zierathen nach belieben ausgelaßen werden und kan nach diesen Riß mit Wenigem eine große Parade zu des Königes andenken und Zierde der Stadt gemacht werden ...«

Abb. 1. Pöppelmanns Entwurf für die Niedertorbrücke (1719)

Die in [Abbildung 1] wiedergegebene Zeichnung ist also nach Pöppelmanns Angaben (Skizzen) im Oberlandbauamt gemacht worden, und zwar von seinen Baubeamten (Kondukteuren), denen er auch die zwölf Thaler zukommen ließ. – Leider ist die Zeichnung vom Maurermeister nicht mehr vorhanden, so daß kein Vergleich möglich ist. Jedenfalls war auf dieser ein Pfeiler, ähnlich wie in [Abbildung 3] vorgesehen. Pöppelmann überspannt den Graben mit einer einzigen Bogenöffnung in gefälliger Form und läßt, wie im Schnitt zu sehen ist, im Brückenbogen eine Öffnung für die Zugbrücke. Diese gefährliche Stelle sollen nachts die beiden Brückenlaternen beleuchten. Das Tor, dessen äußere Pilaster übereck gestellt sind, ist mit kriegerischem Schmuck versehen, mit Fahnen, Helmen, Panzern, Schilden, Kanonenrohren. Der Schlußstein mit Krone erinnert an die allerdings bei weitem reichere Ausführung am westlichen Zwingerpavillon. Wie vorteilhaft würde ein solches Tor an der glatten Mauer des Festungsrondells gestanden haben! Aber es kam gar nicht zur Ausführung, weil die Steinmetzarbeiten zu teuer erschienen.

Abb. 2. Naumanns Entwurf für das Portal an der Frauentorbrücke

Im Ratsprotokoll vom 14. April 1719 heißt es: »Herr Ober Land Baumeister Pöppelmann hätte die Fortrückung des Niederthors und daß die Brücke gleich zu gehen möchte (d. h. geradeaus, in die Mitte des Rondells) approbiret, auch den ihm gezeigten Riß anders eingerichtet. Man könnte auf diese Weise leichter darzu gelangen und an denen Kosten ein merkliches ersparen. Weil nun auch dessen Meinung nach es Ihrer königlichen Majestät wohl gefallen würde, wenn das Thor und die Brücke nach seinen Gutbefinden gebauet würde, so sollte immer solcher Bau angetreten werden. – Herr Haupt (Ratsherr) ... ließe sich Herrn Pöppelmann Riß und Vorschlag gar wohl gefallen, sonderlich würde es ein Zierrath sein, wenn das Portal vorgerißnermaßen gemachet würde.« Am 10. Juli 1719 wird beschlossen, das Portal der Kosten wegen wegzulassen, die neue Toröffnung mit den alten Steinen zu mauern und »die Zierrathen bis zum Tränkthor, wo die Herrschaften herein zu ziehen pflegten, versparen.« (Das Tränktor an der Dresdner Straße wurde erst 1800 umgebaut, kommt also hier nicht in Frage.)

Abb. 3. Der Zwickauer Entwurf für die Frauentorbrücke

Der Umbau des Frauentors wurde 1724 beschlossen. Der Rat hat sich zunächst an den Obrist-Lieutenant und Baudirektor Johann Christoph Naumann in Dresden gewendet. Er war Baudirektor der Akzis-Behörde. Weil die Steuereinnehmer- und Torschreiberwohnung verändert werden sollte, wandte man sich zunächst an ihn. Er übersandte seine »Gedanken« in zwei Zeichnungen: Ansicht des Tores ([Abb. 2]) und der Brücke (ähnlich wie [Abb. 3]). Am 27. Mai 1726 wurde an Pöppelmann geschrieben und die Zeichnung, die in [Abbildung 3] zum Teil wiedergegeben ist, mitgeschickt. Er antwortete am 7. Juni: »... Ew. Hoch Edle und Hochw. übersende beygehend ich den mir zu geschickten Riß des aufzubauenden Stadt Thores und Brücke nebst einer anderweitigen copey deßselben, ([Abb. 4]), in welcher ich meine unmaßgebliche Gedanken und Gutachten zugleich mit zu erkennen geben wollen. Gleichwie nun nachdem neuen und von mir entworffenen Riße das Thor sowohl als die Brücke ein beßeres Ansehen gewinnen dürffte also halte auch dafür, daß es beßer gethan seyn möchte, wenn nach dem Adjecto sub A die Brücke gerade fort in einer Linie gezogen und nicht abhängig gemacht werden solte, maaßen solches der Brücke selbsten ein gutes Ansehen geben dürffte. Wegen des Waßer Abfalls aber kan die Brücke von inwendig darnach gepflastert und das Regen Waßer durch Ausgüße in den Fluß gewießen werden, wodurch den endlich der faciata keine Unförmlichkeit zugezogen würde. Wenn auch ferner an der Brücke ein Gatter Thor, wie ich solches ohngefehr gezeignet (B), gefertigt werden wolte, dürffte solches gleichmäßig eine formität dem Thore selbsten machen und das Anlaufen derer Leuthe an die Aufzieh Brücke bey Nachtzeiten verhindern, mithin vielleicht besorglichen Schaden verhütten ...«

Abb. 4. Pöppelmanns Abänderungsvorschlag zum Zwickauer Entwurf für die Frauentorbrücke (1726)

Pöppelmann behält das einfache Tor Naumanns bei, gibt aber der Brücke eine schönere Form. Der schwere Halbkreisbogen wird zum leichteren flachen Korbbogen und der Knick in der Brüstung fällt weg. Auch die Pfeiler des »Gattertors« bekommen bessere Verhältnisse und Anläufer vermitteln den Übergang zur niedrigen Steinbrüstung.

Aber auch dieser Entwurf erlitt dasselbe Schicksal wie der vorhergehende. Am 13. Juni 1726 wird im Rat beschlossen, »bei dem von Herrn Baudirektor Naumann gefertigten Riß zu bleiben.« Vielleicht spielte hierbei die Änderung in der Besetzung des Stadtrates eine gewisse Rolle. Es waren inzwischen, 1725, die beiden Bürgermeister und drei andere Ratsmitglieder gestorben, darunter der obengenannte Haupt und der Vorstand des Bauamts.

Als vor hundert Jahren die Tore und Brücken abgebrochen wurden, sind also jedenfalls keine bau- und kunstgeschichtlich wertvollen Gebäudeteile verschwunden.

Es ist immer von besonderem Reiz, einen Blick in die Werkstatt eines Künstlers zu werfen. Beim Baukünstler heißt das die Pläne, Zeichnungen und Erläuterungsberichte kennen lernen. Wir haben hier nur einen kleinen Ausschnitt aus dem großen Arbeitsfeld Pöppelmanns vor uns und doch entbehrt er nicht einer gewissen Anteilnahme. Wir erkennen auch aus dem wenigen, wie der Meister der Zweckmäßigkeit und Schönheit in gleicher Weise Rechnung zu tragen verstand.

Fußnote:

[1] III o 10a Nr. 1: Acta den Nieder Thor Brücken Bau betr. 1719 und III o 10a Nr. 2: Acta den Bau einer neuen Frauen Thor Brücke betr. 1724.