Volkskundliches in den Federzeichnungen des kursächsischen Oberlandbaumeisters Dilich

Von E. Rich. Freytag, Borstendorf i. Erzgeb.

Auf der Ausstellung von Lehr- und Unterrichtsmitteln, die anläßlich einer sächsischen Lehrerversammlung in Plauen veranstaltet worden war, erregten einige auffallend große, für den Massenunterricht berechnete Zeichnungen die Aufmerksamkeit der Besucher. Die kräftigen Zeichnungen, ausgeführt in Holzschnittmanier, doch waren sie auch an manchen Stellen durch Farbe belebt, stellten Ansichten vogtländischer Städte aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vor. Den Herstellern dieser Vergrößerungen dienten die in den Heften der »Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Denkmäler des Königreichs Sachsen« wiedergegebenen Federzeichnungen kursächsischer Städte und Schlösser vom Oberlandbaumeister W. Dilich als Vorlage. Mit der Darbietung dieses zeit- und kostenfordernden Anschauungsmittels bezeugte die Schule die außerordentliche Wichtigkeit, welche den Städteansichten Dilichs als Gesichtsquelle zuerkannt werden muß. Erhöht wurde der Lehrgehalt der vorgezeigten Städtebilder durch die gleichzeitige Vorführung von Bildern, die die Ansichten der Städte aus der Gegenwart veranschaulichten. Nun konnte man einen Vergleich über das Sonst und Jetzt mühelos anstellen, und sobald eine solche Übung in der Schule erfolgt, wird man auch die Ursachen, die solche Veränderungen herbeiführten, aufzudecken versuchen und so eine rege Teilnahme am Geschichtsunterricht erwecken. Die Dilichschen Federzeichnungen geben hierzu reichlich Anlaß. Es war daher ein mit Freude zu begrüßendes Unternehmen, daß die »Sächsische Kommission für Geschichte« im Jahre 1907 eine vom Oberbibliothekar Hofrat P. E. Richter (Dresden) veranstaltete Reproduktion des ganzen Dilichschen Werkes (hundertzweiunddreißig Aufnahmen) in die Reihe ihrer Schriften aufnahm, und daß die im Laufe der Jahrhunderte so rege begehrten Zeichnungen, von denen manche schon, aber meist verkleinert, bekannt geworden waren, mit vollkommener Treue in Originalgröße wiedergegeben wurden[2].

Die Federzeichnungen des kursächsischen Oberlandbaumeisters haben insofern für uns eine Bedeutung, als sie für die meisten sächsischen Städte die ältesten Abbildungen darstellen. Sie führen uns siebenundsiebzig Ortschaften aus der Zeit von 1626–1629 treu und doch mit künstlerisch gebildetem Auge erfaßt vor. Dilich steht weit höher als seine Vorfahren auf dem Gebiete der Städtezeichnung. Er bietet keine trockene und plumpe Häufung von Detail, die noch jede Fähigkeit zur Komposition vermissen läßt. Dilich war der erste, dem das Stadtbild als Ganzes etwas bedeutete. Er erfaßte nicht nur die Einzelheiten, sondern das, was er vom gutgewählten Standpunkt aus vor sich sah, den »Prospekt«, wie man es damals ausdrückte, als etwas Einheitliches, durchaus Ganzes. Der Ort war ihm untrennbar von der Gegend, darin sie wurzelte, nur in und mit dieser will er ihr Bild erfaßt und charakterisiert wissen. Das Wohlgefallen an der Landschaft, welches Dilich innewohnte, seine Freude an der schönen Natur, beeinflussen ihn bei der Wiedergabe der Stadtbilder. Wie malerisch strecken sie sich am Flußufer hin oder sind eingebettet in den Talkessel. Wieder andere klettern am Schloßberge in die Höhe oder dehnen sich in der Ebene aus. Immer ist jedes Bild fein charakterisiert mit Hervorhebung der Stimmung der Gegend.

Bei allen seinen Städteaufnahmen, mögen manche auch etwas Skizzenhaftes an sich tragen, überzeugt uns der geschickte Zeichner, daß er in seiner Kunstfertigkeit mit geringen Mitteln viel zu sagen weiß, daß er, selbst ein Baukünstler, als solcher die Bauwerke anschaut und mit sicherer Freiheit wiedergibt.

Durchblättert man die schön ausgestatteten drei Bände der Federzeichnungen, so hat man den Eindruck, dem Dilich Ausdruck gab in der Vorrede zu seiner ebenfalls mit Stadtansichten von seiner Hand ausgestatteten hessischen Chronica: »Dem äußerlichen Ansehen nach sind sowohl die Dörfer als Städte ansehnlich wegen ihrer hohen Kirch- und anderen Türme und den beiliegenden hohen Berghäusern und Schlössern, inmaßen denn wenig Städte, bei welchen nit etwa ein solch Haus und prächtig Gebäu zu sehen oder zum wenigsten ein Antiquität und Anzeigung eines alten Gemäuers von denselben noch übrig, wie solchs aus beigesetzten Abrissen klärlich erscheinen. So sind zudeno alle Städte mit hohen Mauern und Türmen, wo nicht mit einem Wall und Graben, zum wenigsten mit einem Hagen von Dornen umgeben.« Wenn der begabte Zeichner aber weiter fortfährt über die im Hessenlande angeschauten Orte zu berichten, »daß man auf den Hügeln um die Städte zerfallene Türme und Warten sehen könnte, so vor etlichen hundert Jahren wegen des vielfältigen Streifens dero Reisigen von Städten, dem Ackermann des Feindes Ankunft darvon durch gewisse Zeichen anzudeuten und ihn zur Flucht anzumahnen, erbauet habe,« so findet dieser Hinweis keine Anwendung auf die Darstellungen kursächsischer Orte. Auf diesen sind zerstörte Burgen, Trümmer von Stadtmauern, »Rudimenta«, wie Dilich sich auszudrücken beliebt, nur einigemal zu sehen. Fast immer sind die Befestigungswerke in tadellosem Zustande, und die stattlichen Türme der vielen stilvollen Gotteshäuser verstärken den Eindruck, daß auch die Bevölkerung Kursachsens einen hohen kulturellen Aufstieg erlangt hatte. Noch ist alles unverletzt und zeugt von Wohlhabenheit und Gediegenheit. Die Stätten, wo die wehrhafte Bürgerschaft sich den Freuden der Geselligkeit hingaben, lassen ihr behäbiges Genießen und ihre hochgemute Lebensführung erkennen. Aber schon warf die Kriegsfurie ihre Schatten in das Künstlerschaffen Dilichs. Seine festgesetzte Entschädigung kann ihn bei der durch die Kriegsnot heraufbeschworenen Geldknappheit und der zerrütteten Finanzen nicht mehr rechtzeitig ausgezahlt werden. Nur wenige Jahre, nachdem er seine Stadtbilder vollendet hatte, lagen viele der Orte, deren »Prospekt« der Oberlandbaumeister aufgenommen hatte, in Schutt und Asche und der Wiederaufbau der eroberten, niedergebrannten und verwüsteten Städte, Dörfer, Schlösser und Burgen zeigte dann ein wesentlich verändertes Bild.

Die Wirkung der meisten Ortschaften, die sich damals ohne störende Einflüsse einer harmonischen Entwicklung und Ausgestaltung erfreuen durften, muß auf den Beschauer eine ausgesprochen malerische gewesen sein[3], so daß eine farbige Wiedergabe der Federzeichnungen in dem Bogen der stichbogig gewölbten Decke des Riesensaales im kurfürstlichen Schlosse vom künstlerischen Standpunkte aus vollkommen berechtigt war.

Sowohl die Anordnung in der Landschaft, zwischen Berg und Tal, die Ausschneidung der hohen und niedrigen Gebäude, ihre Einbettung zwischen den Schutz- und Obstbäumen, als auch der Farbenkontrast der grauen Schindel- oder gelben Strohdächer, der braunen Lehmwände, der roten Ziegel und der grünen Spaliere der Weingeleite und Baumwipfel, mußten ein ungemein reizvolles Bild darbieten. Manche im Vordergrunde der Zeichnungen zu erblickenden Gebäude lassen an der Außenseite Erscheinungen erkennen, die ihre besonderen tektonischen Bedeutungen haben. Schlösser, Türme und hervorragende öffentliche Gebäude mit ihren kunstvollen Giebelverkleidungen geben, obwohl die Wiedergabe der architektonischen Feinheiten nur sehr klein und zart gehalten werden mußten, zahlreiche Aufschlüsse über die Geschichte der Baukunst in Sachsen. Bohlenstühle oder Umgebinde der Häuser mit ihrem mannigfaltigen Verspannungs- und Aussteifungssystem, die in Bogen-, Wellen- oder Zackenlinien ausgeschnittenen äußeren Ränder der Giebelverschalungen, Laubengänge und anderes, lassen sich unschwer erkennen.

Abb. 1. Königstein

Abb. 2. Hohnstein (Sächs. Schweiz)

Abb. 3. Mildenstein

Abb. 4. Wappen der Bergstädte

Die Ummauerung ist, wenn auch nicht überall, so doch bei den meisten Städten zu bemerken. (S. [Abb. 1], [2] und [22].) Sie besteht aus Wall und Graben oder (was selten zu sehen ist) einem Zaun von hölzernen Planken und Pfählen, vielfach aber auch aus einer festen, die eigentliche Stadt scharf von den Vorstädten scheidenden Mauer. Die Bauweise derselben ist überall die nämliche: eine starke, unmittelbar die Stadt umschließende Innenmauer, mit Türmen, Wiechhäusern, Erkern, Wehrgängen, Scharten, Bollwerken (Basteien) und Toren versehen, ist der Hauptteil, an sie schließt sich eine meist später errichtete und durch den sogenannten Zwinger von jener getrennten niedrigere Außenmauer an. Gewissenhaft verzeichnet Dilich unter seinen Zeichnungen neben den Namen der Kirchen und öffentlichen Gebäude auch die der Tore. In der bei vielen Städten verfolgbaren Vierzahl lassen sie den uraltertümlichen Einfluß der vier Himmelsgegenden erkennen. Neben den Stadttoren, als dem wichtigsten Teile der Stadtmauer, erscheinen auch Nebentore, Mauerpforten, die ebenfalls bedeutungsvolle Namen führen. Die sich vorfindende Bezeichnung der Tore nach Innungen, Zünften und Gilden läßt wohl vermuten, daß dieser Teil der Stadtumwallung von einer gewissen Klasse der Bürgerschaft zu verteidigen oder zu unterhalten und zu erneuern war. Der Name dieser Tore oder Türme läßt vielfach auch einen Schluß auf die Bauart und Beschaffenheit derselben zu.

Abb. 5. Schießhaus zu Borna

Abb. 6.
a Kurf. Haus. b Kurf. Bad. c Gemeine Bäder. d Wohnung f. Badegäste. e Wohnung d. Kochs u. Stall. f Weg n. Annaberg. g Weg n. Wolkenstein

Abb. 7. Gericht bei Bischofswerda

Abb. 8a. Galgen (Camberg)

Abb. 8b. Galgen (Liebenwerda)

Die Siegel der Städte (siehe [Abb. 4]), welche ebenfalls Dilich seinen »Stadtprospekten« und zwar in meisterhaft gelungenen Bildchen beifügte, lassen ebenfalls erkennen, wie die Stadtmauer mit ihren Toren als durchaus zum Begriff der Stadt gehörig angesehen wurde, denn die meisten der zierlichen Stadtsiegel zeigen ein Tor und ein Stück der Stadtmauer.

Vom Inneren der Städte erlangt man, wie dies bei einer außerhalb des Ortes gemachten Aufnahme nicht anders sein kann, keine oder nur eine sehr geringe Einsicht. Der Verkehr ist in keiner Weise zur Darstellung gekommen. Es lag dies auch nicht in der Aufgabe des Künstlers. Die hübschen Personengruppen auf einem der die Ansicht von Leipzig wiedergebenden Prospekte zeigen mehr das Streben, über den bloßen Abriß hinaus zu einem wirklichen Bild zu gelangen. Einen besonderen Reiz erlangen die Dilichschen Städtezeichnungen durch die Darstellung der Baulichkeiten, in denen sich die Vereinstätigkeit der organisierten Schützenbrüderschaft ihr Übungsfeld auserkoren hat. Die Schützengilde besitzt draußen vor der Stadtmauer einen großen umfriedeten Platz, der eine hohe, auf einer wohlbefestigten Balkenbasis stehende Stange zeigt. Etwa sechshundert Fuß davon entfernt befindet sich die Zielstatt, das Gesellschaftshaus der Bürgerschützen (s. [Abb. 5]), ein Holzbau mit Türen und Stockwerken. Die hohe Stange deutet darauf, daß nach einem hölzernen Vogel, einem uralten Ziele[4], geschossen wird, doch lassen auch andere Abbildungen der Schießübungsstätten eine Schießmauer oder eine schwebende Scheibe erkennen. (Adorf.) Besonders gravitätisch stellt sich die Vogelschießstange vom Bade Wiesenbad (Hiobsbad) bei Annaberg dar. Sie diente den Schießübungen der Wettiner, wenn diese in dem fürstlichen Bade weilten, was häufig geschah. In Ausübung dieses ritterlichen Sportes waren die Nachkommen des kriegerischen Moritz von jeher eifrig und geschickt. ([Abb. 6.])

In entgegengesetzter Richtung dieser Stätten, die den in den Städten erwachten Volksgeist und die Freude an gemeinsamer Festlust bekunden, zeigt Dilich auch auf seinen Bildern den Ort, den Unheimlichkeit und Schimpf umgaben, den Galgen. (S. [Abb. 7], [8a], [8b].) Auf allen Städtebildern darf ja diese bekannte Silhouette: der Galgen, nicht fehlen, und Dilich findet sogar den Mut, auf einer Zeichnung einen Gehängten mit seinem ganzen Graus und Schrecken hineinzuschmuggeln. Die Galgen haben verschiedenes Aussehen. Bald sind es die ganz einfachen Formen des Knie- oder Winkelgalgens, mit böser Ironie schlankweg »einschläfriger« geheißen, oder es sind reichgegliederte, auf Säulen oder Mauerwerk ruhende Balkenverschlingungen, an denen die armen Opfer »in der Luft reiten« oder »über sich die Luft zusammenschlagen lassen«, wie der grimme Spott im Mittelalter zu sagen pflegte. Die hohen und festen Mauern um den Galgen haben wohl das Entwenden der Leichname seitens der Verwandten zwecks Beerdigung unmöglich machen wollen, denn indem die alte Justiz den Gehängten über der Erde verwesen ließ – den Vorüberziehenden zum Schrecken und zur Freude der Aasgeier – hat sie den Schmerz der Angehörigen vermehrt, die Strafe und deren Schimpf verschärft.

Abb. 9 Elbbrücke in Dresden, daneben ein Stück Festung

Abb. 10. Muldenbrücke bei Rochlitz

Abb. 11. Frankenberg

Abb. 12. Muldenbrücke

Die grausame Strafe des Räderns scheint im Jahre der Anfertigung der Städteansichten in Sachsen nicht mehr üblich gewesen zu sein, da das aufgespießte Rad nirgendwo von Dilich neben dem Gerüste des Hochgerichtes gezeichnet worden ist.

Die Federzeichnungen gewähren vielfach den Anblick von Brücken. (S. [Abb. 9][17], [20].) Diese sind sehr verschiedenartig gebaut. Steinerne Brücken mit kühnen Bogen erscheinen ganz selten. Die Brücke über die Elbe in Dresden zeichnete sich von jeher aus und galt im Zeitalter der Entstehung der Städtebilder Dilichs schon als große Sehenswürdigkeit und als Wahrzeichen der Residenzstadt. Außer dieser Steinbrücke hat die Bildersammlung kein nennenswertes Monument der Brückenbaukunst aufzuweisen[5]. Wir sehen meist Pfeilerbrücken, die auf steinernen Pfeilern ruhen und wo die Zwischenräume mit Balken überdeckt sind. Nicht selten sind Pfahl- oder Jochbrücken. Angenehm wirken die überdachten Brücken. Die Wände, die das Dach der Brücke tragen, sind mit Ausblicken, Lucken und Luftlöchern versehen. Schützende Geländer fehlen meist. Bei niedrigen Ufern, wo man das Austreten des Wassers über dieselben zu fürchten hatte, ist vielfach die Brücke noch weiter in das anliegende Acker- oder Wiesenland fortgeführt.

Den Vordergrund beleben, allerdings nur auf wenigen Bildern, Personen. Auch diese sind lebendig und treu charakterisiert. Auf dem schönen Bilde Marienberg ist es ein zur Arbeit schreitender Bergmann[6], der die Staffage belebt. Am Strande der Elbe bei Pirna deuten barfüßige und mit großer langer Badehose bekleidete Schiffer oder Fischer ihre Tätigkeit am und im Wasser an. Einige schlichte Männer sind in der Stellung mit ausgestrecktem Arme und Zeigefinger festgehalten, das sind die vom Rate der Stadt dem Städtezeichner zur Verfügung gestellten Einheimischen, die dem kurfürstlichen Oberlandbaumeister die Namen der hervorragenden Gebäulichkeiten nennen und deuten. ([Abb. 18a], [b], [e] und [f].) Gewissenhaft versieht der Zeichner an passender und die Zeichnung nicht störender Stelle die besonders sich kenntlich machenden Bauten mit einem Buchstaben und verzeichnet getreu dann am Rande des Bildes seine Bedeutung. Aber was bedeutet das im Vordergrunde des Stadtbildes Zwönitz in der spanischen Tracht eines Edelmannes einherschreitende ritterlich zierliche Männlein, dessen Gesicht von langen Vogelfedern unkenntlich gemacht ist? Verputzt wie ein Weinbergwärter oder Flurschütze in Tirol? ([Abb. 19.])

Eine des öfteren wiederkehrende Gestalt eines rüstig ausschreitenden Mannes mit umgehängter Tasche und einem Bergstocke (oder Spieß?) in der Hand deuten wir als einen Brief- oder Postboten, der eben, als Dilich tätig war, vorüberschritt und nun sofort mit dem Stifte festgehalten wurde. Vielleicht war damals auch der Postbote eine ebenso charakteristische Erscheinung in der Landschaft wie der Fleischer- (Kälber)wagen in Friedenszeiten auf den Landstraßen des Vogtlandes? ([Abb. 18 d] und [g].)

Wie fein aber ist der Vordergrund und die Staffage dem Bilde des Bades Wiesa bei Annaberg (siehe [Abb. 6]) angepaßt?

Auf einer der fünf sauberen Federzeichnungen von Dilichs Hand, welche Abbildungen von Leipzig[7] aus dem Jahre 1594 bringen, ist der Zeichner freigebiger mit der Darstellung von Personen gewesen, da sehen wir im Schatten eines Baumes ein paar Studenten in bemerkenswerter Tracht, von denen der eine am Boden sitzend, lebhaft aus einem Buche vorliest, der andere dem Vorlesenden zuhört, rechts ebenfalls ein paar männliche Figuren am Boden gelagert, von denen der eine mit der Bütte als Bauer, der andere mit dem abgelegten Schwert als Soldat gekennzeichnet ist.

Nachdem wir auf die Bedeutung der Städtezeichnungen Dilichs für die Kenntnis des Zustandes und der äußeren Verfassung kursächsischer Orte und Schlösser vor dreihundert Jahren hingewiesen haben, fügen wir noch einige Mitteilungen über die Geschichte der Entstehung dieser bemerkenswerten Zeichnungen bei.

Abb. 13. Muldenbrücke bei Grimma

Abb. 14. Muldenbrücke bei Grimma

Abb. 15. Elbbrücke bei Mühlberg

Abb. 16. Muldenbrücke bei Düben

Abb. 17. Elbbrücke bei Meißen

Abb. 18a.

Abb. 18b.

Abb. 18c. Bergmann (Marienberg)

Abb. 18d. Postbote

Abb. 18e.

Abb. 18f.

Abb. 18g. Bauer

Abb. 18h. Postbote

Abb. 19. Staffage (Zwönitz)

Abb. 20. Brücke über die Elster in Plauen

Abb. 21. Dilich der Städtezeichner auf der Reise

Abb. 22. Dorf Plauen bei Dresden. Befest. Ort

Abb. 23. Bergwerke bei Freiberg

Abb. 24. Schmelzhütten an der Zschopau bei Wolkenstein

Der im Jahre 1571 in einem hessischen Städtchen geborene Zeichner wurde kurze Zeit nach seiner Anstellung in Sachsen mit der Herstellung der Pläne und Anschläge für den Neubau des Riesensaales im Schlosse zu Dresden beauftragt. Er schlug vor: »zuförders oben in dem Bogen der stichbogig gewölbten Decke die kur- und fürstlichen auch gräflichen Wappen, unten aber in dem Fries die der kursächsischen und meißnischen Ritterschaft anzubringen, zunächst über dem Hauptgesims aber die Contrafukturen der vornehmsten Städte des Landes Meißen und des Kurkreises (eine jede nach ihrer Qualität) mit einem gebührlichen Emblemata condecoriret usw.« Die Vorschläge Dilichs fanden die Genehmigung und den Beifall des Fürsten, der auch alle die Wünsche und Forderungen bewilligte, welche seitens des Oberlandbaumeisters – diese Würde hatte ihm der einsichtsvolle Landesherr in Berücksichtigung seiner Verdienste als Zeichner, Architekt und Ingenieur verliehen – zwecks der Aufnahmen geäußert worden waren. Obwohl bereits fünfundfünfzig Jahre alt, erklärte sich Dilich, in dem der Trieb zum Wandern, Schauen und Zeichnen lebendig war, wie in seinen jungen Jahren, bereit, die Städtebilder selbst aufzunehmen. Im Frühjahr 1626 begann Dilich die Aufnahmen im Kurkreise. Im Jahre 1628 ist er im Meißner Kreis und im darauffolgenden Jahre »im Gebürg« (erzgebirgischen Kreise) und im Vogtland. Der kunstgeschickte Städtezeichner hat sich bei einigen Städten nicht mit der Herstellung eines »Abrisses« begnügt, er machte von Leipzig, Dresden, Torgau, Wittenberg zwei, drei und auch vier Aufnahmen. Noch erwähnen wir, daß der bekannte Verfasser und Herausgeber der »Obersächsischen Topographie«, Merian aus Frankfurt, zwanzig sächsische Städtebilder von Dilich nachweislich als Vorlage benutzt hat.

Abb. 25. Schinderei (Waldheim)

Abb. 26. Windmühlen

Zu unseren Mitteilungen über die Geschichte der Entstehung der Städtezeichnungen von Dilich, die wir auf Grund des von Dr. Krollmann verfaßten Lebensabrisses gaben, fügen wir noch den Hinweis, daß auf der im »Bilder-Atlas zur Sächsischen Geschichte« von Schmidt und Sponsel Seite 50 stehenden Abbildung des Riesensaales im Schlosse zu Dresden die Verwendung der Städtezeichnung bei Benützung eines Vergrößerungsglases sehr gut erkannt werden kann.

Es war eine einzigartige Betätigung des Heimatgedankens, über hundertdreißig kursächsische Städte, Burgen, Schlösser, Dörfer und Badeorte in künstlerisch ausgeführten Bildern wahrheitsgetreu an einer ausgesucht passenden und viel besuchten Stätte vorzuführen. Zwar fiel der Riesensaal im Jahre 1704 einer Feuersbrunst zum Opfer, aber während eines Zeitraumes von siebzig Jahren bot er doch ungezählten Besuchern die Anschauung hervorragender Sehenswürdigkeiten des durch landschaftliche Reize reich ausgestatteten Sachsenlandes. Welche vielseitigen Anregungen und welche wirksamen Belehrungen werden von diesem Bilderwerk, von dieser vorbildlichen Heimatkunde, ausgegangen sein! Unsere Gegenwart hat nichts aufzuweisen, das sich diesen farbigen Vorführungen Kursachsens Örtlichkeiten ebenbürtig an die Seite stellen könnte. In dem Wändeschmuck der Wartesäle des Dresdner Hauptbahnhofs, wo auf Porzellantafeln einige der wirksamsten Städtebilder des Königreichs Sachsen und die besuchenswerten schönsten Punkte des Landes eine künstlerische Darstellung gefunden haben, hat der Gedanke Dilichs, den er in der Bilderreihe des Riesensaales verwirklichte, eine Neubelebung erfahren.

Fußnoten:

[2] Dr. Krollmann, der sich bereits um die Veröffentlichung der Zeichnungen Dilichs, soweit sie das Rhein- und Hessenland betrafen, große Verdienste erworben hatte, verfaßte hierzu einen trefflich orientierenden Text.

[3] Siehe besonders die Abbildungen: Burgen, Schlösser pp. ([Abb. 2] u. [3]).

[4] Der Doppeladler stellte wohl das alte deutsche Wappen vor.

[5] Bemerkenswert ist noch die steinerne Brücke über die Elster in Plauen i. V., an deren Ende ein Hospital steht. ([Abb. 20.]) Auch Leisnig besitzt eine steinerne Brücke mit zwei Bogen nebst Vorrichtungen gegen Überschwemmungsgefahren.

[6] Man beachte an der Krempe seines Hutes die feingeschwungene Linie. ([Abb. 18c.])

[7] Das schöne Stadtbild von Leipzig aus dem Jahre 1594 – es ist also dreißig und noch mehr Jahre älter als die im vorliegenden Aufsatze besprochenen Aufnahmen – ist in der Zeitschrift für »Bildende Kunst« – 23. Jahrgang, Heft 4, vom Jahre 1888, Leipzig, Seemann – zum Abdruck gekommen. Professor Dr. G. Wustmann, der ehemalige Ratsbibliothekar, hatte die Stadtabbildungen entdeckt und versäumte nicht, auf die hohe Bedeutung der Arbeiten des sächsischen Oberlandbaumeisters Dilich nachdrücklich und überzeugend hinzuweisen. S. 116 a. a. O.