Was alte Grabsteine erzählen
Von Siegfried Störzner, Dresden
Die Glocken des Dorfkirchleins läuten den Gottesdienst aus. Durch die weitgeöffneten Türen strömt die Menge der Andächtigen. Nicht alle aber lenken ihre Schritte heimwärts. Meist sind es nur die Jungen. Den Alten hingegen ist es schon lange zur lieben Gewohnheit geworden, nach der Andachtsstunde mit Gevatters- und Nachbarsleuten noch ein wenig auf den Friedhofswegen und zwischen den Grabreihen dahinzuwandeln, sinnenden Auges die Ruhestätten zu betrachten und in Treue und Wehmut der Schläfer da drunten zu gedenken, von denen die Aufschriften der Leichensteine Kunde geben. Und da sind es besonders die alten Grabmale, die gar mancherlei zu erzählen wissen, die in epischer Breite und oft auch in dichterischer Schönheit den ganzen Lebenslauf des Verstorbenen berichten. Ja, die gute, alte Zeit! Man spürt noch einen Hauch von der Liebe und Teilnahme, mit der ein Freund der Heimgegangenen, wohl zumeist der Pfarrer oder der Schulmeister, die Inschrift aufgesetzt hat, man sieht an dem kunstvollen Grabstein, daß Meister Steinmetz sich Zeit und Beschaulichkeit zu seinem Werke gelassen, man freut sich, daß die Kirchenvorstände verständnisvoll den alten Denkmälern ein Plätzlein gegönnt haben, wo sie künftigen Geschlechtern ein Bild von der Kultur vergangener Jahrhunderte geben sollen, auch dann noch, wenn die Dutzendware der Zement- oder Kunststeine mit ihren Schabloneninschriften längst einem besseren Geschmack weichen mußte.
Und nun möchte ich heute den Freunden des Heimatschutzes von einigen Grabmalen erzählen, die durch ihre eigenartige, denkwürdige Aufschrift oder durch hohen Kunstwert ein Recht haben, der Nachwelt erhalten zu bleiben.
Wer einmal das Gotteshaus von Neukirch am Hohwald besucht, findet an der Außenwand und an der Kirchhofsmauer pietätvoll aufgestellte sehens- und lesenswerte Grabsteine ehemaliger Gerichtsschöppen und Pfarrer. Wohl die originellste Inschrift zeigt das Grab des 1671 verstorbenen Pfarrers Klunge, der neununddreißig Jahre in der Gemeinde amtierte. Wir lesen da:
Herr Klunge lieget hier in dieser Gruft begraben,
ein Mann von Altertum und schönen Geistesgaben.
Aufrichtig war sein Herz, wahrhaftig war der Mund,
und seine Gottesfurcht ist factum worden kund.
»Der Seligverstorbene redet«:
Ich habe neununddreißig Jahre
dich, Neukirch, priesterlich bewacht
und meine silberweißen Haare
mit Ehren in das Grab gebracht.
Es ließ mich dreimal ehlich werden
der Schöpfer Himmels und der Erden.
Er gab mir einundzwanzig Kinder
und einen stillen Ehestand.
Der Herr, des Todes Überwinder,
hat meinen Geist in seiner Hand.
Gott, aller frommen Herzen Vater,
sei auch der Meinigen Berater.
Pfarrer Klunge stand gleich seinem bekannten Amtsbruder Künzelmann in Döhlen im Ruf, ein erfahrener Teufelsbanner zu sein. Dr. Pilk berichtet, man erzähle sich in Neukirch noch heute die seltsamen Ereignisse, die sich beim Begräbnisse seiner dritten Frau zugetragen haben. Die Pfarrersfrau habe sich selbst das Leben genommen, was Klunge jedoch verheimlichte, um sie ehrlich begraben zu können. Bei der Beerdigung hätten die Glocken nicht geläutet werden können, bis sie der Pfarrer durch dreimaliges Umschreiten der Kirche wieder zum Ertönen brachte. Da habe plötzlich oben aus dem Schalloch die Tote ihrem eigenen Begräbnis zugeschaut, sei jedoch durch bloßes Winken Klunges mit dem Schneuztuch sofort zum Verschwinden gebracht worden.
Eine weitere sehr bemerkenswerte Grabinschrift eines Pfarrherrn findet sich in Schirmenitz, einem nahe der Elbe zwischen Strehla und Mühlberg gelegenen Grenzdorfe, das ich auch aus einem anderen Grunde eines Besuches empfehlen kann, befand sich doch in der Schirmenitzer Pfarre in den Tagen der Schlacht bei Mühlberg das Hauptquartier Kaiser Karls V., und noch heute wird das Stüblein gezeigt, das der Herrscher bewohnte. Der nahe Spans-, d. h. Spanierberg, bildete den Mittelpunkt der Aufstellung des kaiserlichen Heeres. Im Nachbardorfe Aussig verbrachte Johann Friedrich der Großmütige die ersten Tage der Gefangenschaft. Den »Kursächsischen Streifzügen« Otto Eduard Schmidts ist es zu danken, daß Heimatfreunde auch diese abgelegene Gegend durchwandern.
Adam, wo bist du? So lautet die Überschrift des Lebenslaufes, in dem die Geschichte der Schöpfung und des Sündenfalles sich deutlich widerspiegelt, ja, fast wörtlich ist der biblische Ausdruck beibehalten worden und in Anwendung gesetzt zum Leben des Hirten, der hier ruht.
Wir lesen:
Adam, wo bist du?
In dieser Gruft, mein Leser, da findest du die Asche
des wohlerw. M. Johann Adam BÖHLENS,
treufleißigen Pastoris zu Schirmenitz und Paußnitz.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde
den 4. März 1685 in Strehla
und setzte ihn 1718 in seinen Kirchengarten Eden,
daß er ihn bauete.
Weil es aber nicht gut, daß der Mensch alleine,
machte ihm Gott
1.) die Jungfrau Martha Judith,
weyl. G. M. Jacob Rösters in Strehla ehel. Tochter
den 23. April 1719,
dann
2.) Jungfrau Christiane Theodora,
weyl. Herrn Joh. Brausitzen, Jur Proc. in Mühlberg
ehel. Tochter, den 7. Mai 1725,
nun betrübten Witwe,
eine Gehilfin,
die um ihn sei.
Und Gott segnete sie, daß sie fruchtbar
und sich mehreten in 1. Ehe
mit 2 Söhnen und 1 Tochter,
davon jene leben,
in 2. Ehe mit 3 Töchtern und 2 Söhnen,
davon diese aber entschlafen.
Gesetz und Evangelium,
wonach er lehrte, glaubte und lebte,
war ein Baum der Erkenntnis und Baum des Lebens.
Jetzt mußte er wieder zur Erde werden,
davon er genommen,
denn 1737, den 20. Nov., ließ Gott der Herr
einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen,
und er entschlief,
daß sein Alter ward 52 Jahr 8 Mon. 16 Tag.
Da ließ ihn Gott aus Eden
durch den Cherub ins Paradies ein.
Siehe, mein Leser,
so ist Adam geworden als unser einer.
Eine Träne des Mitleids kommt wohl jedem Besucher des Kirchhofs zu Pesterwitz bei Dresden, wenn er auf dem auch künstlerisch sehr wertvollen Grabdenkmal der Familie des Pfarrers Opitz die Trauerkunde vom »sechsfachen Tränenopfer« liest, wie im zartesten Alter ein Kind nach dem andern von Pestilenz und sonstigen Seuchen dahingerafft worden ist. Und trotz dieser Schicksalsschläge das glaubensfrohe: Sit nomen Domini benedictum in secula! ([Abb. 1.])
Abb. 1. Das »sechsfache Tränenopfer« auf dem Pesterwitzer Kirchhof
Das Denkmal wird oben von sechs Kinderköpfen geschmückt, die aus einem Baldachin hervorschauen. Darunter sind sechs wappenartige Tafeln mit Namen und Lebensgang der Kleinen zu finden. Links, auf urnengeschmücktem Grabmal, eine größere Tafel, deren Inschrift sich auf Pfarrer Opitz bezieht, rechts eine gleiche, die von seiner Lebensgefährtin erzählt. Zwei Knabengestalten halten die Epitaphe, während am Fuße des Denkmals ein trauernder Engel kniet.
Die Aufschrift lautet:
Des hiesigen Pastoris
Mag. Johann Gottlob OPITZENS
und seiner Ehegenossin
Frauen Charlotten Marien geborenen Rentzschen
aus Frankfurt an der Oder
sechsfaches Tränenopfer
bei dem frühzeitigen Absterben ihrer Kinder.
I. ANONYMUS, kam tot zur Welt den 3. März 1759.
II. CHRISTIAN LOBEGOTT, geb. den 10. Mai 1755, fiel den 21. Sept. 1760 nebst seinen beiden Geschwistern an einer gefährlichen Blatterkrankheit und mußte als der munterste und robusteste unter ihnen die Schuld der Natur vorzeitig bezahlen den 27. Sept. 1760 im 6. Jahre.
III. SOPHIA AMALIA, ward den 8. Oktober 1761 in einer Stunde geboren, getauft und vollendet.
IV. ERNESTINE HENRIETTE, geb. 7. Sept. 1762,
brachte bei einer schwächlichen Konstitution die traurigen Merkmale von den bisherigen Kriegsunruhen und vielen Schrecken mit auf die Welt, fiel in eine Verzehrung und starb den 14. Mai 1763, 8 Monate alt.
V. JOHANN ADOLPH, der Liebling, geb. den 17. Jan. 1766.
Seine Erziehung war vom 2. Jahre ab mehr angenehm als beschwerlich, da er Fähigkeit genug hatte, verschiedene biblische Historien, geographische Fragen und lateinische Wörter zu fassen.
Er versprach zum öfteren, mit Gottes Hilfe ein frommes Kind zu werden. Sein täglich Gebet war: Gedenke meiner, mein Gott, im besten! Und er hörte!
Er starb sechs Wochen vor seinem ältesten Bruder den 6. April 1769 im 4. Jahr an den Blattern.
VI. GOTTHOLD THEODOR, der erstgeborene Sohn vom Hause, spes laeta parentum,
trat in die Vergänglichkeit ein am 24. Jan. 1753,
bezog die Meißnische Fürstenschule 1766 den 4. Okt.,
ließ bei einem guten Genie, nachdem er bereits 1768
unter die Ober Lectioner als Secundaner war aufgenommen worden, etwas von sich hoffen,
kam am 4. Mai 1769 zum Besuch nach Hause und starb den 23. Mai nach einer viertägigen Niederlage am hitzigen Fieber
in den Armen und unter den Tränen seiner schon vorher tief gebeugten Eltern im 17. Jahre.
Die Grabinschrift des Pfarrers Opitz selbst ist leider nicht mehr ganz zu entziffern:
Herr Mag. Johann Gottlob OPITZ,
Sein Vater, ein treuer Schullehrer zu Schmiedefeld,
und seine Mutter, eine geborene Thomaßin aus Langburkersdorf,
denen Er den 14. Juli 1717 geboren ward,
gaben Seiner Seele die erste Bildung.
Nach rühmlich vollendeten Vorbereitungsjahren in Dresden und Leipzig
führte Er bey hiesiger Kirchgemeinde das Amt,
welches ihm Gott. NIMTSCH anvertraute,
38 Jahre mit voller Erfahrung und Gewissenhaftigkeit,
(legte es) ... nachdem Er 68 Jahre 8 Mon. und 7 Tage gelebet hatte,
... 31. März 1786 nieder.
Der in der Grabschrift genannte Kollator Nimtsch ist einer aus dem Geschlechte der Herren von Nimptsch, an die noch am Rittergut von Oberpesterwitz, einem ehemaligen kurfürstlichen Küchengut, jetzt im Besitz des Barons von Burgk, das Wappen erinnert. Auch der Ortsteil Neunimptsch und das Juchhöh- oder Jochhöhschlößchen am Höhenrande des Plauenschen Grundes gehen auf diese Adelsfamilie zurück. Ein Geheimrat von Nimptsch erbaute 1791 auf dem zum Rittergut Roßtal gehörigen Grund und Boden den Weiler Neunimptsch, der früher den Namen »Der Kuckuck« oder »Auf dem Juchhe« führte. Das vom Herrn von Nimptsch errichtete Weinberghaus mit den drei Flügeln und dem Turm war eins der schönsten im Lande.
Doch kehren wir von diesem kleinen »Ausfluge« zur Grabschrift der Pfarrersfrau zurück!
Im Leben allgemein beliebt,
im Tode herzlich beweint
und im Grabe allen Guten unvergeßlich,
ruht allhier die wahrhaftig verehrungswürdige Frau,
Frau CHARLOTTE MARIE,
weiland Sr. Hochwohlehrwürdigen Herrn Mag. Johann Gottlob Opitzens,
treuverdienten Pastoris zu Pesterwitz
hinterlassene Witwe.
Ihren geliebten Ältern,
Herrn Johann Christian Rentzsch, berühmten Chirurgo zu Frankfurt a. d. Oder,
und dessen Gattin, Frau Evan Margarethen, geb. Wolfin,
von welcher sie den 13. Junius 1733 geboren wurde,
war sie ein teures Geschenk des Himmels,
ihrem wertgeschätzten Gatten,
mit welchem sie sich den 13. Junius 1751 ehelich verband,
war sie 35 Jahre hindurch die trefflichste Lebensgefährtin,
ihren sie zärtlich liebenden Kindern,
als 6 Söhnen und 3 Töchtern,
von welchen bloß 1 Tochter und 2 Söhne
ihren letzten Segen erhalten konnten,
war sie Mutter und Wohltäterin
in edelstem und vollkommenstem Verstande
allen ihren Freunden und Bekannten in hiesiger Kirchfahrt
ein unentbehrliches Kleinod.
Allgemeines Trauern erregte daher der 17. April 1794,
an welchem Tage sie zu Pesterwitz
ein 60 Jahre 10 Monate und 4 Tage
hindurch geführtes musterhaftes Leben
nach langwierigem körperlichen Leiden
in sanfter Stille und seliger Hoffnung endigte.
Sanft ruhe nun die Verklärte.
Da wir uns gerade auf dem Pesterwitzer Kirchhof befinden, sei erwähnt, daß man beim Abtragen der Grundmauern des alten Gotteshauses einen Behälter mit Eiern gefunden hat, der einst aus Aberglauben eingemauert worden war, um die bösen Geister zu versöhnen. Man glaubte früher bekanntlich, daß man beim Bauen etwas Lebendes als Opfer einmauern müsse. Während man in den ältesten Zeiten Kinder und Jungfrauen opferte (diese besonders bei Anlage von Ritterburgen, die man dadurch uneinnehmbar zu machen dachte), nahm man später Ziegen, dann kleinere Tiere, bis zuletzt die barbarische Sitte noch weiter gemildert wurde und man auf Eier zukam. Die sehr sehenswerten Sammlungen des Herrn Dr. Pötsch in Pesterwitz enthalten einige beim Kirchenneubau gefundene Eier. Genannter Herr gewährt Besuchern gern Einblick in sein Museum, das die verschiedensten Gebiete umfaßt.
Das »Sechsfache Tränenopfer« erinnert mich an ein ergreifendes Gegenstück, so sich auf dem Felsenkirchhof zu Liebethal bei Lohmen findet. Der von fünf Blümchen und einer Ranke gezierte Grabstein erzählt von »fünf lieben Ehepflänzlein«, die im zartesten Alter von fünf bis achtzehn Tagen, nur ein Kind erreichte das fünfte Lebensjahr, den bekümmerten Eltern entrissen wurden. Nicht ohne tiefes Mitleid liest man:
Allhier ruhen fünf liebe Ehepflänzlein
Johannis Georgi HÜBSCHENS,
Pastoris in Porschendorf und Liebenthal,
und Frau Julianen Mariens geb. Hartmannin,
alß ...
Und nun folgen die Namen und Daten ...
Auch hier wieder am Schluß die glaubensfeste Hoffnung:
»Ich habe Euch ziehen lassen mit Trauern und Weinen,
Gott aber wird Euch mir wiedergeben mit Wonne und Freude ewiglich.«
Das an der Kirchenmauer aufgestellte Grabmal ist wohl der einzige bemerkenswerte Denkstein dieses Friedhofs. So sehr schon die Erhaltung des über zweihundert Jahre alten Steins auch vom künstlerischen Standpunkte aus zu begrüßen ist, so sehr ist noch zu wünschen, daß die Umgebung des Grabmals von allerhand Abraum und Baumaterial gesäubert und ein würdiger, stimmungsvoller Rahmen geschaffen werde.
Die aus dem engen Wesenitzgrunde zum Kirchlein heraufführende Felsentreppe ist uralt und von malerischer Wirkung. Ludwig Richter hat oft hier geweilt und gezeichnet. ([Abb. 2.]) Der Blick vom Felsenkirchhof hinab in die vom Flusse rauschend durchströmte Schlucht ist ganz eigenartig. Einst soll der Grund so eng gewesen sein, daß er von einer Brücke überspannt wurde. Die Steinbrüche haben im Laufe der Jahrhunderte die Schlucht immer mehr verbreitert, wie von der niederen Kirchhofsmauer aus deutlich zu sehen ist.
Abb. 2. Aufgang zum Felsenkirchhof von Liebethal
Von Liebethal führt uns eine kurze Wanderung hinab zur Elbe nach Hosterwitz, dessen Gotteshaus früher so nahe am Strome stand, daß die Fluten die Mauer bespülten. ([Abb. 3.]) Ein uraltes Schifferkirchlein ist es, wie wir deren in Sachsen nur noch eins haben, das von Lorenzkirchen bei Strehla. Hier stiegen die Schiffer aus, verrichteten ihr Gebet und baten ihren Schutzpatron um glückliche Fahrt. Wenn auch heute der Kirchhof durch eine Wiesenaue von der Elbe getrennt wird, so reichen doch bei Hochwasser die Fluten bis heran. Wie oft haben sie das Gotteshaus bedroht! Auch anderer unangenehmer Besuch stellte sich ein: der berüchtigte Kirchenräuber Lips Tullian raubte ihm 1702 Pretiosen im Werte von 700 Talern. Er saß dann in den Kerkern der Augustusburg und endete als Raubmörder und Räuberhauptmann 1715 nach großen Qualen im Dresdner Blockhaus. Das Kirchendach erinnert mit der großen, aus dunklen Ziegeln bestehenden Zahl 1790 an eine in diesem berüchtigten Hochwasserjahre vorgenommene Erneuerung und Vergrößerung des Gotteshauses.
Abb. 3. Schifferkirche zu Hosterwitz
Das oft von Künstlerhand gemalte Kirchlein wird von einem mit Trauerbäumen bestandenen Kirchhof umgeben, auf dem seit Jahrzehnten keine Beerdigung mehr stattgefunden hat, soweit es sich nicht etwa um ein Erbbegräbnis handelte. Sein stimmungsvollstes Denkmal ist das »Grab des Silberpagen«, eines Herrn von Brandenstein, der in den Diensten des kursächsischen Hofes stand und 1788 im Alter von 18 Jahren beim Baden in der Elbe ertrank. Seine Freunde errichteten das Grabmal. Es wird gekrönt von einer Knabengestalt, die trauernd eine Vase voll Blumen ausgestreut hat. ([Abb. 4.])
Die übrigen Denkmäler sind künstlerisch weniger wertvoll, einige sogar die übliche üble Dutzendware. Doch ist eine ganze Reihe von ihnen in anderer Hinsicht recht bemerkenswert. Zunächst durch die Angabe von Berufen oder Amtsbezeichnungen, die man auf anderen Friedhöfen wenig oder gar nicht findet und die meist vergangenen Zeiten angehören. Wir lesen von Plantagengutsbesitzern, Schiffsherren, Erbschiffsmüllern, Weinbergsbesitzern, Amtszimmermeistern, Schloßpredigern, Kgl. Sächs. Bettmeistern und von einem Hofbettschreiber, dessen Stein uns erzählt, hier ruhe »die Asche eines Biedermannes«.
Schon die letzten Berufsangaben deuten auf die Nähe des Kgl. Hofes hin, der ja im Sommer in Pillnitz residierte. So ist es denn erklärlich, daß wir auf dem Hosterwitzer Kirchhof eine Unmenge Namen alter Adelsgeschlechter finden, die weit über Sachsen hinaus einen guten Klang haben. Sie gehörten wohl ausnahmslos dem Pillnitzer Hofstaat an. Prinzessin von Schönaich-Carolath, Gräfin Hohenthal, von Cerrini di Monte Varchi, von Römer, von und zu Egloffstein, von Tschirschky und Bögendorff, von Minkwitz, Sappeur-Capitain von Swett, Baron Seddeler, von Trautvetter und wie sie alle heißen.
Zu einem schlichten Denkstein aber muß ich noch hinführen, ehe wir den kleinen Hosterwitzer Friedhof verlassen. Da lesen wir:
Hier liegt
Johann Christian Gottfried KLEMM,
gest. 1. Aug. 1863,
54 Jahre Soldat der Sächs. Armee,
48 Jahre bei dem Kommando
zur Bedienung der Fähre
im Kgl. Hoflager zu Pillnitz,
38 Jahre als Pontonier-Sergeant und Feldwebel
Kommandant der ersteren,
noch im Tode mit der Ernennung zum Leutnant
von seinem Kriegsherrn geehrt.
Ein Muster treuer Pflichterfüllung.
Abb. 4. Silberpagengrab auf dem Hosterwitzer Friedhofe
Wie diesem Manne seine Pflicht, sein Soldatenrock über alles gegangen ist, so findet man hie und da auch einen Grabstein, dessen Nachruf Leben und Sterben des Heimgegangenen mit berechtigtem Stolz im Spiegel seines Berufes zeigt. Hierfür zwei Beispiele: Ein Leichenstein auf dem Kirchhof zu Fürstenau bei Lauenstein ist in seinem Ausdruck und Inhalt ganz der Sprache der Bergleute angepaßt, da der Schläfer drunten einst diesem Stande angehörte. So lesen wir hier:
In dieser Grube hält seine Liegestunde
bis an den Tag der seligen Ausfahrt
Herr Michael KADNER.
46 Jahr 36 Jahr } gewesener { Gerichtsgeschworener, Knappschaftsältester,
wie auch Schichtmeister allhier,
mit seinem seligen Vater,
Michael KADNER,
Bauersmann allhier,
und neben seiner sel. Mutter,
Frau Esther geb. Knauthin,
von welcher er den 13. Juli 1672 allhier geboren.
Hat auf der Zeche seines Lebens und Ehestandes
den 24. Jan. 1692 zur Schlägelgesellin bekommen:
Frau Marie geb. Königin,
mit welcher er 4 Söhne und 3 Töchter
zur Ausbeute von dem Segen Gottes erhalten.
Von seiner Lebensarbeit hat er Schicht gemacht
den 19. Mai 1737,
nachdem er vor diese Orte angesessen
65 Jahre.
Auf der Rückseite:
Vom Elend bin ich ausgefahren
ins Huthaus jener Himmelsscharen,
wo mit des Heilands teuerm Blut
ich in der Taufe eingemuth.
In Naundorf, im lieblichen Bobritzschtale zwischen Grillenburg und Freiberg gelegen, ist in die Kirchenmauer eingelassen der Grabstein eines Bauern und Fuhrmanns. Die Skulptur zeigt unten ein mit sechs Pferden bespanntes Botenfuhrwerk, das rasch seine Straße dahinfährt, während oben der Fuhrmann vor dem Kruzifix kniet und Gottes Sohn um Schutz anfleht. ([Abb. 5.]) Das ist Melchior Heber, dem die Naundorfer Kirche die mittlere Glocke verdankt, der Stammvater eines bekannten Bauerngeschlechtes, das seit 350 Jahren ein altes »Hufengut« hier besitzt. Als man 1783 die jetzige Naundorfer Kirche baute und dabei Mauersteine brauchte, wurde der alte, umgesunkene Leichenstein Hebers vom Jahre 1580 mit für die Außenwand verwendet, und zwar glücklicherweise so, daß Bild und Inschrift zu sehen blieben. Wir lesen da:
Im Leben hatte ich
an fahren mein Vergnügen
und fuhr an diesem bald
und bald an jenem Ort.
Im Tode spannt ich aus,
ließ alles fahrn liegen.
Und fuhr andern Seelen nach
in sichern Himmels Port.
Abb. 5. Melchior Hebers Fuhrmannsgrab zu Naundorf
Als ich kürzlich wieder einmal das Landesmuseum für Sächsische Volkskunst besuchte, entdeckte ich zu meiner Freude ein kleines Lichtbild des eben beschriebenen Grabsteines.
Zum Schluß noch ein kurzes Wort von den Toten- oder Leichenbrettern und den Marterln, die uns zwar über die Grenzen unserer Heimat hinausführen, aber recht erhaltenswerte Volkskunst und Volkspoesie zeigen. So trifft der Wandersmann schon in der Oberpfalz und mehr noch im Böhmerwalde hie und da am Weg auf einzelne oder in Gruppen beisammenstehende Bretter, lang und schmal, zugespitzt in die Erde gesteckt. Stirbt jemand in der Gegend, so legt man die Leiche auf das sogenannte Totenbrett, das bunt bemalt und mit Sinnbildern des Todes, einem Schädel und paarweise gekreuzten Knochen, sowie mit einer aufgepinselten Blumenranke »geziert« wird. Nach dem Begräbnis versieht man die Tafel noch mit dem Namen, dem Geburts- und Todestag, sowie mit Berufs- und Titelangaben (das scheint besonders wichtig zu sein, wenigstens wird ganz streng darauf gehalten), bringt auch meist ein Sinnsprüchlein, einen Nachruf oder die Bitte um ein Paternoster für die arme Seele auf dem Brett an, spitzt es zu und schlägt es am Wegrand in die Erde, am liebsten in der Nähe von Kirchen und Kapellen oder bei einem Heiligenbild.
Die Marterl hingegen sind Tafeln, die an Unglücksfälle erinnern. Sie wollen uns sagen, daß hier an dieser Stelle, am schroffen Abgrunde, unter himmelhohem Felsen, am reißenden Gebirgsbache oder im einsamen Hochwalde, ein Menschenleben plötzlich dahingerafft wurde. Das »Tuifele« zeigt meist ein von ungeschickter Hand gemaltes Bildchen und ein Verschen, manchmal nach Art der Bänkelsängerreime gedichtet. So lesen wir:
Verweilet hier vor diesem Bild,
und knieet betend nieder,
daß sich mein letzter Wunsch erfüllt,
geliebte Christenbrüder.
Ich junger Mann mußt’ hier
vom Baume erschlagen sterben.
Euer Vaterunser helfe mir
mein Seelenheil erwerben.
Zum Andenken Verunglückter hat man das Marterl hier am Weg errichtet, damit Vorübergehende ein Vaterunser oder ein Ave Maria beten. Auf dem Bildchen ein Mensch, langhingestreckt unter einen eben gefällten Baum oder mit Pferd und Wagen in die Tiefe stürzend oder von einer Lawine verschüttet und ähnliche Unglücksfälle. Oben die Himmelskönigin, die Jungfrau Maria, mitleidsvoll die Arme ausstreckend, unten der Name des Toten, eine kurze Schilderung des Unfalls und ein Verschen, das in seiner Originalität allerdings manchmal eher erheiternd als betrübend wirkt.
Auch hierfür zuletzt noch ein Beispiel:
Wie wahr, o, wie wahr!
Als ich in meinem 68. Lebensjahr
den 17. August 1763
für meine Geißen Gras zu Heu machen wollte,
stürzte ich über diese hohe Felswand.
Meine Sackuhr ging noch eine Zeitlang,
doch meine Lebensuhr blieb plötzlich stehen.
Mein Fleisch und meine Gebeine verdorreten,
sind bereits verfault, da Du dieses liesest.
Wanderer, bete für mich!
Eugen Haslmann aus Buchsgarten.
Das schlichte Kreuz auf der Höhe, das Marterl am Wege, der alte Leichenstein auf dem Friedhofe, die efeuumsponnene Grabplatte an der Kirchenmauer – ein gut Stück Kulturgeschichte und Volkskunst ist in ihnen enthalten. Von Menschennot und Menschenschicksal, aber auch von Glaubensmut und Ewigkeitshoffnung wollen sie singen und sagen den spätesten Geschlechtern.