Zu Gast in der Au

Von Gerhard Platz, Weißer Hirsch

Eigenaufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Der Sonntag Kantate – die kleinen Vögel in den Bürgergärten von Radeburg lassen es sich gesagt sein. Was aus den Kehlen heraus will, schmettern sie hinein in den sonnigen Maimorgen, und die beiden jungen Pärlein vor mir tun es ihnen nach in herzensfroher Jugendlust.

Und auf einmal lächle ich. Ein Erinnerungslächeln aus ferner Kinderzeit. Ein Sonntag Kantate war es, als wir Kinder um das Söhnchen aus unserer Nachbarpfarre geschart standen, das uns nach seiner Art auf die Bedeutung des Tages hinzuweisen sich verpflichtet fühlte. Auf dem Torpfeiler zum Pfarrgarten saß der kleine Mann, die festen runden Beinchen um die gewaltige Sandsteinkugel geklemmt, die den altersgrauen Pfosten krönte. Umständlich räusperte er sich, und dann warf er, wie er es vom Vater gelernt, beide Arme in die Luft. »Meine geliebte Gemeinde, wir feiern heute den Sonntag Kandidate ...« Knacks sprach es oben, und bums – samt seinem Predigtstuhl lag der kleine Pfarrherr im Grase; ein Glück, daß ihm sonst nichts weiter geschehen war.

Abb. 1. Radeburg

Es sei mir bei dieser Gelegenheit einmal gestattet, ein Wort an unsere Jugend zu richten. – Keiner weiß es besser als der Schreiber dieser Zeilen, welch ein Segen in einem Sonntag in Gottes freier Natur begründet liegt – aber liebe junge Wandersleute, ich bitt’ euch, geht mir nicht jeden Sonntag jeder Kirche vorbei! Ihr braucht deshalb nicht in der Stadt zu bleiben, beileib’ nicht. Lenkt eure Schritte nach wie vor hinaus in die grüne Heimatwelt – aber, wenn ihr durch solch Dörfchen kommt, und es läuten gerade die Glocken vom Turme, so tretet auch einmal hinein unter das kühle Gewölb, sitzt einmal nieder in dem alten Gestühl zwischen den Bauern mit den braunen Gesichtern, singt mit ihnen die alten deutschen Lieder und horcht auf die Worte, die von der buntbemalten Kanzel herabtönen, und die von den Bergen sprechen, zu denen aufzublicken gerade für unser Volk doch so nötig. Und gebt acht, erfrischt wie von einer Rast am Bergquell werdet ihr scheiden von der Stätte, die so oft der Träger ist einer jahrhundertelangen Heimatgeschichte. Aber wenn ihr dann hinausgeht mit den Alten im grünschwarzen Kirchenröcklein und mit den jungen Starken, die es auf dem Dorf Gott Lob noch nicht für eine Schmach halten, zu sitzen, wo schon ihre Ahnen andächtig saßen, da schaut euch um unter den Grabsteinen im Chor und im grünen Gräbergarten; betrachtet euch Kirchengerät, Klingelbeutel und Bildwerk. Volkskundlich und heimatgeschichtlich schon werdet ihr euch belohnt sehen, und auch eurem Leibe wird die Rast in der Stille wohlgetan haben und ihm zu weiterer froher Tagefahrt nützen. –

Abb. 2. Schloß Bärnsdorf bei Radeburg

Bei den Scheunen, wo die Junggänse durch die Brennesseln schnattern, und wo Nußbaum, Eiche und Pappel machtvoll emporragen, verlasse ich das sonntagsfrohe Städtchen. Wie gut, daß es noch Ackerbürger gibt in unseren Tagen; diesen ehrenwerten, kernigen, wurzelstarken Stand. Welcher Zauber nur geht von solcher Scheunenreihe aus und von den Gärten, die hinter den Bürgerhäusern lang und schmal zur Straße sich strecken. Apfelblüte und Schwertlilie, Schwalbengezwitscher und Finkenschlag, Jungweingerank und frisch aufgebrochener Flieder – o du Maienzeit, du Lenzeslust in solch kleiner deutscher Stadt! Vor dem Tischlerhaus jetzt freudiges Stimmengewirr – Besuch aus der Fremde rückt ein, strahlend begrüßt vom hemdärmligen Meister und der wohluntersetzten Mutter. Schon balgen sich die Hauskinder um die Reisetasche der Tante, schnurrend umstreicht das Kätzchen gekrümmten Rückens das festliche Beinkleid des Onkels, da sind sie endlich verschwunden im Hausflur, und der Bürgersteig wird wieder frei.

Abb. 3. Schloß Bärnsdorf bei Radeburg

Bei der Lohgerberei unten überschreite ich die rauschende Röder. Von Osten her grüßen schon die Höhen um Königsbrück im zarten Dunst. Ich aber will heute nichts wissen von Bergen und Tälern, ich wende mich links ab ins uralte Sumpfland, auf einem innig schönen Pfade am Ufer entlang – hinaus in die grünblaue Weite!

Abb. 4. Niederrödern

Ich liebe ihn sehr, diesen stillen braunen Tieflandsfluß, der die Großenhainer Pflege erquickt und verschönt. Ein Stück unterhalb des Städtchens haben sie ihm ein neues Bett gegraben, des Bahnbaues wegen, aber bald wallt er wieder unter uralten Eichen seines ursprünglichen Weges dahin. Ganz allein bin ich hier; kein Mensch in der Runde; Wildtaubengegurr, Pirolruf und Lerchengesang nur erfüllen die Stille, und die Aue erjauchzt in einer Farbenpracht ohnegleichen. – Die Röder war immer ein gutes, zuverlässiges Fischwasser und ist es in gewissem Sinne bis auf unsere Tage geblieben. Freilich, seitdem mit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die schmutzigen Fabrikwässer sich in die Heimatströme zu ergießen begannen, ist der ursprüngliche Fischreichtum sehr zurückgegangen, und das Gesinde in den Elbdörfern braucht nicht mehr im Mietvertrag sich auszubedingen, daß es nicht mehr als zweimal in der Woche Lachs zu verzehren brauche zum Mittagsmahl. – In den ältesten deutschen Zeiten war der Fischfang in unserer Heimat ganz frei; später ward er ein Recht des Grundherrn, zu dessen Gebiet der Wasserlauf zählte. Der als mustergültiger Wirt sattsam bekannte Kurfürst August wandte der Fischerei seine besondere Aufmerksamkeit zu. Vor allem trat er der unvernünftigen Behandlung der Fischweid entgegen. So verbot er, in dürren Jahren die in den Bächen verbleibenden »Teufen« auszuschöpfen und den Fischen ihren letzten Zufluchtsort zu rauben. Er gab Vorschriften über Art und Beschaffenheit der Fangwerkzeuge. Besonders hielt er darauf, daß nicht zu engmaschige Netze verwandt wurden, und für Krebse, Hechte und Barben wurden eiserne Modelle angefertigt, unter deren Größe nicht gefangen werden durfte. Nur Mittwochs und Freitags war das Fischen erlaubt, und mit Strenge wurde die Verunreinigung der Fischwässer durch das Rösten des Flachses verhindert. Den Holzmühlen war es untersagt, die Sägespäne ins Wasser zu werfen, und selbst die hoch privilegierten Gruben durften die Pochwerksabwässer nicht unmittelbar in die Flüsse ableiten. Ganz besonders scharf aber war der Landesherr hinter den Fischdieben her. Im Jahre 1568 befahl er, bei allen Hegewässern in Abständen von tausend Ellen einen hölzernen Galgen aufzurichten, und tatsächlich ließ er die Strafe des Stranges wider etliche mutwillige Verbrecher ergehen.

Abb. 5. Schloß Niederrödern

Manch nasse Stelle ist hier noch übrig geblieben aus der Zeit, da weit und breit der »Rad« der Sumpf, die Gegend beherrschte, und der Pflanzenfreund, mein ich, wird hier manch wertvollen Fund machen. –

Ein Stück komme ich hier vom Wege ab und muß den neuen Bahndamm als Straße benutzen. Das ist nicht erlaubt, und deshalb ist mir es auch äußerst fatal, daß ich die Kiebitze nicht los werde, die immer lauter meine Übeltat hinausschreien in die Sonne. Dumme Kerle, ihr habt doch den wenigsten Grund, Menschenkulturwerk zu schützen – oder haltet ihr mich vielleicht für den Erbauer des Werks, das euch wieder ein Stück von eurem Revier raubte?

Rotbraun ziehen sich die Moorgräben durch die Wiese. Goldenes Dotterblumengerank geht ihnen zur Seite, silberne Fischlein flitzen über den Grund, und immer glühender werden die Farben der Blumen. Dann nimmt mich für ein Stück Weges der ernste Zeisigbusch auf mit seinen Altkiefernkronen.

Weit drüben brüllt ein Auto und entheiligt die Maiennatur mit wüster Staubwolke. Wohlgeborgen in Frische und Saft blicke ich ihm nach – nicht mit den besten Gefühlen! Wohl ist auch eine Staubsäule schön und erhaben, wenn der Sturmwind sie hochtreibt mit sausendem Fittich, aber Menschen sind es hier, die die unschuldig frohe Straße vergiften mit Qualm und Gestank und Gebrüll. Wie wird die Menschheit wohl einmal ihren Frieden machen mit diesem – zugegeben – unvermeidlichen Übel?

Wie ein schlummerndes Kind mit blühenden Wangen liegt Oberrödern dort unter seinen rosig überschäumten Obstbäumen, und immer weiter geht mir die Aue zur Seite mit Pappeln, Eichen und Erlen gleich lauschigen Inseln inmitten.

Und jetzt hinter goldenen Alteichenwipfeln ein Schloß mit Ziegelsteildach und altersgrauen Renaissancegiebeln – Niederrödern, das fürstlich Reußische Gut. Auf hohem Dammweg schreite ich freudig drauf zu, da überrascht mich von rechts her schon wieder ein neuer anmutiger Ausblick – die Dorfkirche mit ihrem reizvollen schieferverschalten Dachreiter lugt hinter den Eichen hervor. Wieviel Lieblichkeit, Schönheit und Größe auf so engem Raum beieinander.

Sturmsicher und fest liegt das alte Wasserschloß hinter Fluß und grünlinsigen Weihern; der schmale Pfad, der jetzt durch diese an den Bau heranführt, war früher sicher noch nicht vorhanden. Mit tiefer Kehle singt der Frosch hier von Lenz und von Liebe.

Auch im Dorf findet sich viel noch, was dem Heimatfreund Auge und Seele erfreut; trauliche Tagelöhnerhäuschen und stattliche Bauernhöfe, eine schöne alte Schmiede und ein wahres Juwel von Pfarrhaus, braun verschalt und rot beziegelt. In seinen blühenden Garten trete ich jetzt ein, ziehe die Glocke und verlasse mit einem Bunde gewaltiger Schlüssel bald darauf durchs Hinterpförtchen das Haus. Der Herr Pfarrer vertraut sie mir an; mein Wanderausweis vom Heimatschutz tat mir auch hier leicht die Pforten auf.

Abb. 6. Schloß Niederrödern

Still und feierlich liegt das Innere des kleinen Gotteshauses da. Zwei herrliche Sträuße duften vom Altar her, der edel und würdig bekleidet ist mit rotem Sammetornat vom Jahre 1690. Rechts von dem kleinen Spätrenaissancewerk fesselt meine Aufmerksamkeit ein ungewöhnlich schönes Steinmal. Ein geharnischter Mann kniet dort, ein Ritter aus dem Zeitalter der Reformation. Aber in seinem Gesicht spricht sich mehr noch aus als ritterbürtiger Anstand – der charaktervolle langlockige Kopf redet auch von offenbarer geistiger Überlegenheit und Bedeutung. Christoph von Beschwitz ist es, Erbherr und Doktor der Rechte, der seit dem Jahre des Herrn 1540 hier seine Urstünd erwartet. Mit einiger Mühe entziffre ich die Schrift am Fuße des Steins. »... sein Wandel war erbar fridtsam und schlecht – in seiner Herren Dinst ein trewer Mann ...« O du deutsches Wort!

Abb. 7. Toter Röderarm bei Niederrödern

Im vorletzten Gehöft vor der Mühle gibt es eine Hochzeit. Eine prächtige Ehrenpforte krönt den Toreingang. Noch ist die Braut nicht sichtbar, aber die männlichen Festteilnehmer sitzen in feierlichen schwarzen Hosen und blütenweißen Hemdärmeln unter dem Flieder. Röcke sind sicher auch vorgesehen, ich kann sie von hier aus nur nicht entdecken. Eine Trompete im Hof bittet die Festversammlung in wehmütigen Tönen, ihr doch zu sagen, was es bedeuten solle, daß sie so traurig sei – da bin ich bei der zusammengestürzten Brücke schon wieder zum Dorfe hinaus, allein in der Frühnachmittagsstille. Auf dem Gepfähl sitzt der rotrückige Würger und schaut nach Maikäfern aus. In den Lüften aber blitzt schon hier und da silberner Möwenflug auf; ich bin also recht auf dem Wege zur Brutkolonie des reizenden Vogels hinten im Sumpf. Noch einmal schau ich vom Steinberg herab auf das liebliche Rödern. Der Brautzug kommt jetzt heraus aus dem Gehöft, die Trompete von vorhin schmettert ein schneidiges Stücklein, und dann heben die Glocken an zu schwingen. Glück auf den Weg, junges Paar!

Naß wird der Pfad jetzt und weich. Ein weiter brauner Wald alten Rohres weht vor mir im Wind, und bald bin ich im wogenden Halmemeere verschwunden. Unwillig schilt der Froschkantor über die Störung, sechs seiner begabtesten Schüler auf einmal sehe ich grade noch kopfüber im Wasser verschwinden; raschelnd fährt die Ringelnatter durchs Röhricht, aber ungestört noch durch mein Nahen schrillen die Rohrsänger im Schilf um die Wette. Puh, ist es hier heiß! In wahren Strömen rinnt mir der Schweiß von der Stirne, vor den Augen flimmert der Sonnenglast und stahlblauer Libellenflug. Weiß wie Schnee deckt das Wollgras den unsicheren Boden, der mich zu immer gewagteren Sprüngen zwingt. Wie es hier lebt in dem Sumpf! Entengeschnatter, Fasanenschrei, immer neues vielstimmiges Kreischen von unsichtbarem Getier dringt an mein Ohr, und nun auf einmal stiebt in gewaltigem Ruck eine mächtige weiße Wolke hinter den Halmen empor – hunderte, nein tausend Lachmöwen sicher steigen auf edelschmalen Schwingen dort auf, kreisen angstvoll hoch in der Luft, fallen wieder ein, rudern über die blanken blauen Wasserstellen im Sumpf, steigen wieder auf, lassen ihre Losung fallen, krächzen, krähen, schrillen, als wollte die Welt untergehen. Vorsichtig arbeite ich mich heran an die Blänke, sehe durchs Glas hinüber zu den Kaupen, darauf die Nester stehen mit den graugrünen, braungefleckten Eiern, und ziehe mich dann leise zurück, um nicht zu lange die fleißigen Brüter zu stören. Aber noch immer steigen neue Scharen auf; dazwischen strack und steil einzelne Enten; das Geschrei will nicht aufhören. Ganz wirbelig biege ich um die äußerste Rohrecke, schon wieder auf festem Boden; da liegt es schneeweiß auf der Wiese, auch hier hunderte der aufgescheuchten Vögel, die bei meinem Nahen verwehen wie der Oktobernebel vor der aufsteigenden Sonne.

Weit aus der Wiese schau ich noch einmal zurück. Braun liegt der Schilfteich, schüchtern erst kämpfen sich hellgrüne Junghalme durch, aber welch unvergeßlicher Anblick, welch hohe Freude bot mir diese Einöde heut. Ein Stück große, echte Natur durfte ich hier schauen, wie ich sie in der übervölkerten Heimat gar nicht mehr zu finden gehofft.

Abb. 8. Großdittmannsdorf

Allmählich nur gelingt es dem Kuckucksruf, der aus den Bäumen am Fluß drüben läutet, das Möwengeschrei aus meinem Ohre zu bannen. Hier hinter dem Sumpf zeigt das Röderland übrigens so recht, was es in landwirtschaftlicher Hinsicht bedeutet.

Hinter Freitelsdorf gilt es zum ersten Male heut, die Landstraße unter die Füße zu nehmen. Schwarzblau dehnt sie sich nordwärts in unendliche Weiten. Aber langweilig wird sie mir nicht, auch sie hat ihren Reiz, ihren großen sogar – das Geheimnisvolle, der Zug in die Ferne liegt auf ihr! Manch Dörflein, manch stattlicher Kirchturm grüßt mich von weitem, am prächtigsten doch der gewaltige Breitturm von Niederebersbach mit dem kecken Dachreiterchen ganz obenauf.

Abb. 9. Landstraße bei Niederebersbach bei Großenhain

Mächtig schreite ich aus, in wenigen Stunden muß ich am Ziel sein, der Zug wartet nicht. Bieberach mit der Uferschwalbenkolonie in der alten Kiesgrube liegt hinter mir, und schon taucht das rossenährende Kalkreuth auf. Ach, wehmütig wird es mir zu Sinn, wie ich die verlassenen Koppeln sehe, darauf einst vierhundert Jungpferde, Remonten der alten Armee, herumsprangen. Nur vier Hengste noch stehen jetzt hier, wo schon zu Kurfürst Christian I. Zeiten ein Stuthaus für hundert Rosse bestand.

Nördlich von Kalkreuth dehnt sich auf Folbern und Quersa zu eine ungeheure Ebene. Hier war es, wo August der Starke der Reiherjagd huldigte. Im Röhricht am Fluß standen damals genug der blaugrauen Wildfischer, es war nicht schwer, ihrer einen hochzumachen, und dann ward der Falke an ihn geworfen! In verzweifelter Hast stieg der Reiher, er wußte, was ihm drohte, aber wie ein Sturmwind zog der Falke empor, steiler und steiler, bis er ihn endgültig überhöht hatte. Was nützte es dem Grauen, daß er herausholte aus den Fittichen, was er nur konnte; daß er herausspie, was er im Kropf trug; daß er den dolchartigen Schnabel dem Gegner entgegenreckte? Wie ein Stein fiel der Falke ihm auf den Rücken, eine wirbelnde, schwingenschlagende Masse kam weit drüben zur Erde. Und jetzt hieß es für die Jäger Schenkel heran und im vollen Rosseslauf hin zu den Vögeln – keinesfalls sollte der Falke den Reiher abtun; des Weidwerkes feinstes Ziel war, den Reiher lebendig zu fangen, ihn mit silbernem Ring am Ständer zu zieren und ihn dann wieder in Freiheit zu setzen. – Im Kalkreuther Hof wohnte der Oberfalkenmeister mit seinen Knechten, und in der Ebene stand der sogenannte Reiherpavillon, ein anmutiges Schlößchen, darin die Teilnehmer an der Jagd hinterdrein ihre Bequemlichkeit fanden.

Und nun auf zum letzten Kampf mit der Ferne. Schon winken die Großenhainer Dächer und Türme hinter der unendlichen Aue. Daß ich dem Löwenwirt an der Landstraße den Schmerz antue, beim Nachbar mir zwei Gläser Wasser zu erbitten, ist unschön, hilft mir aber bei der Hitze besser weiter als schäumendes Braunbier. Gar bald grüßt mich denn auch das äußerste Vorwerk von Kalkreuth, der Reiherhof, ein Zeuge aus der Zeit des edlen Federspiels. Unter einer wundervollen Pappelgruppe liegt der stattliche Hof mit seinen anmutigen Runddächern da. Mildes Rindergebrumm weht mir aus den Koppeln nach, und mit glänzenden Augen mustern die Fohlen den hastigen Wandrer. Im warmen Abendsonnenschein glänzt der Röderkanal unter der Bohlenbrücke; wie brauner Achat, wie Goldsammet leuchtet jetzt sein Gewässer. Dann umgibt mich wieder Menschengewimmel; ich stehe am Bahnhof und kehre zurück dahin, wo mich der neuen Woche Pflichten erwarten. Das Herz aber, ich weiß es, wird noch lange sich zurücksehnen in das grüne, stille und starke Land dort in der Au.