Das alte Leipziger Rathaus

Von Dr.-Ing. Hubert Ermisch, Dresden

Aufnahmen des Städtischen Hochbauamtes Leipzig, sowie Eigenaufnahmen des Heimatschutzes

Unter den alten Rathäusern Sachsens ist, wenn man die heutige Grenze als maßgebend ansieht, zweifellos das alte Leipziger Rathaus der bedeutendste und schönste Bau. Bedeutsam, weil er der rechte Vertreter der sächsischen Rathäuser seiner Zeit ist. Typisch die Folge der aufgereihten hohen Dachaufbauten und der mittlere vorgestellte Treppenturm. Und schön muß der Bau genannt werden, weil er bei aller malerischen Freiheit dennoch das schöne Gleichmaß zeigt, weil er, ohne seine Umgebung zu ertöten, dennoch kaum schöner an seinen Platz am Markt hätte gestellt werden können. Das alte Rathaus wurde 1556 von Hieronymus Lotter gebaut. Es entstand in einer Epoche, die in Obersachsen eine Blütezeit für alle Künste und nicht zum wenigsten für die Baukunst war. Hier, wo die Wiege der Reformation stand, war fruchtbarer Boden für die Kunstpflege. Die Reformation gab dem künstlerischen Schaffen, besonders im Kirchenbau, Freiheit und der »nervus rerum« floß reichlich aus dem Bergsegen des Landes, an dem nicht nur der Fürst, sondern in hohem Maße auch alle Städte beteiligt waren. So war für das städtische Bauwesen gute Zeit.

Abb. 1. Gesamtansicht, jetziger Zustand

Es ist bezeichnend für die Epoche der Renaissance, in der alle Welt von künstlerischen Ideen erfüllt war, daß der Architekt des Baues kein zünftiger Maurermeister oder Steinmetz – letztere wurden ja damals im allgemeinen als Architekten genannt – sondern ein kunstliebender und kunstgeübter Kaufherr, der damalige Bürgermeister Hieronymus Lotter war. Ihm zur Seite stand allerdings ein künstlerisch hochbefähigter Steinmetz: Paul Wiedemann. Daß sich in dieser Zeit höchster Bautätigkeit zwei künstlerisch so hochbefähigte Männer zusammenfanden, muß als besonders glücklicher Zufall bezeichnet werden. ([Abb. 1.])

Abb. 2. Rathausturm, durch die Katharinenstraße gesehen

Ich möchte behaupten, daß die wenigsten Leipziger wissen, daß die Front des alten Rathauses einen Knick macht und daß der Turm gar nicht in der Mitte des Baues steht. Ein Beweis, daß der Erbauer das richtige Gefühl gehabt hat, daß diese künstlerische Freiheit erlaubt sei und nicht stören würde. Der Grund ist hinsichtlich des Knickes natürlich kein rein künstlerischer, sondern ein sehr praktischer. Der neue Bau wurde auf vorhandenen Grundmauern errichtet, und zwar stand an der Ecke nach der Grimmaischen Straße zu das kleine alte Rathaus, das uns im Stadtbild von 1547 sehr anschaulich dargestellt wird. Aber auch dies ist schon aus zwei Gebäuden zusammengesetzt gewesen, dem eigentlichen Rathaus und dem Kaufhaus. Zwischen beiden lag eine enge Gasse, das Loch, eine Örtlichkeit, die in alten Urkunden oft vorkommt. Rathaus und Kaufhaus standen nicht genau in einer Front, und als man Ende des 15. Jahrhunderts beide Gebäude zusammenzog und »das Loch« überbaute, blieb der heute noch sichtbare Knick bestehen. Die andere Unregelmäßigkeit des Baues, der seitlich stehende Turm, mag wohl im wesentlichen künstlerische Gründe gehabt haben. Das ganze Marktbild sollte vom Turm aus beherrscht werden, den der Architekt deshalb näher der Mitte der gesamten Marktseite stellte. ([Abb. 2.])

Abb. 3. Rathausturm mit Mittelteil des Rathauses

In einem erhaltenen Schriftstück Lotters, das bei einer Erneuerung des Turmknopfes 1573 von ihm verfaßt und in diesen gelegt wurde, sagt er, er habe 1556 das alte Rathaus lassen einreißen und habe zum Teil die alten Grundmauern und »einiges Mauerwerk zu Hilfe genommen und wie es jetzt steht in neun Monaten« erbaut. Der Bau scheint allerdings riesig rasch vonstatten gegangen zu sein. In einem alten Tagebuch steht, daß die Kaufleute, die zur Ostermesse den Beginn des Neubaues mit angesehen hatten, »über so unverhofften Fortgang fast erstarrt waren«, als sie zur Herbstmesse wieder nach Leipzig kamen.

Abb. 4. Großer Bürgersaal, jetziger Zustand als Museumsraum. An der Abschlußwand der Pfeiferstuhl

Wenn man die alten Abbildungen des Leipziger Rathauses in zeitlicher Folge betrachtet, wird man mit Verwunderung sehen, daß ursprünglich die Erdgeschoßfenster über den Lauben heraussahen, daß zum Haupteingang eine Treppe hinaufführte, kurz, das Gebäude eine größere Höhenentwicklung hatte, wie es heute sich uns zeigt. Das hat auch bestätigt gefunden, wer sich den Oberflächendurchschnitt durch den Markt gelegentlich der Ausgrabung für das unterirdische Marktmeßhaus angesehen hat. Der Markt hat sich allmählich gehoben und das Rathaus versank entsprechend. Hierzu kommt allerdings, daß man die heutigen Lauben wesentlich höher baute, als die ursprünglichen waren.

Abb. 5. Kamin im großen Bürgersaal

Der obere Abschluß des Rathausturmes stammt vom Jahre 1744. Die alte Uhr ist noch erhalten. Der überdeckte Austritt über dem Haupteingang wurde im Jahre 1599 angefügt. Es ist der Platz, von dem aus die Stadtmusikanten ihre Ständchen brachten. ([Abb. 3.])

Abb. 6. Große Ratsstube, jetziger Zustand

Das Äußere des Baues war uns gottlob noch ziemlich unberührt bis in unser Jahrhundert erhalten und wurde 1906/09 unter Scharenberg in vorbildlicher Weise wieder hergestellt, wobei der ganze Bau zu einem stadtgeschichtlichen Museum umgestaltet wurde. Wenn man die alten Zeichnungen zu den vielfachen Umbauplanungen ansieht, muß man dankbar sein, daß sie nicht ausgeführt wurden. Meist war es allerdings lediglich Geldmangel, der davon abhielt. So hat auch die Not der Zeiten für die Stadt ihr Gutes gehabt. ([Abb. 4.])

Abb. 7. Museumsraum für kirchliche Kunst (ursprünglich Schöffenstube)
Das Kreuzgewölbe ist unter Benutzung von Gewölbemalereien des Paulinerkreuzgangs ausgemalt

Es war ein überaus glücklicher Gedanke, das alte Rathaus als stadtgeschichtliches Museum umzubauen. Der größte Teil des Gebäudeinnern war zu Verwaltungsräumen ausgebaut. Trotzdem haben sich eine Anzahl schöner Architekturstücke erhalten, so vor allem der vortreffliche Renaissance-Kamin von 1610 ([Abb. 5]) und der Pfeiferstuhl, der wohl noch von 1556 stammt und die Handschrift Wiedemanns zeigt. Diese Musikempore erinnert daran, daß der Rathaussaal der Saal der Stadt war. Hier fanden die Bürgerversammlungen statt, hier wurden die Ratsschmäuse abgehalten, hier feierten die angesehenen Bürger ihre Hochzeitsfeste und hier war auch der öffentliche Tanzboden. Der Umbau von 1906/09 hat mit großem Verständnis die Räume wieder in ihren ursprünglichen Zustand gebracht. Man bekommt so recht ein anschauliches Bild, wie weiträumig und großzügig unsere Altvordern bauten. Wie schön der große Bürgersaal sich als repräsentative Diele des Rathauses zeigt, kann das beigefügte Bild am besten zeigen. ([Abb. 6.])

Abb. 8. Museumsräume für kirchliche Kunst, anschließend an den großen Saal im Hauptgeschosse