Leipziger Bauten aus der Schinkelzeit
Von Dr.-Ing. Gero Schilde
Mit Eigenaufnahmen des Heimatschutzes
Um die Wende des vorletzten Jahrhunderts erlebte die Baukunst bei dem wirtschaftlichen Tiefstand in Deutschland, welchen der Siebenjährige Krieg und das napoleonische Jahrzehnt mit sich brachte, eine äußerst dürre Zeit. Die Geschichte der Baukunst hat die damalige Stilbewegung des Klassizismus an Schinkels Namen geknüpft und nennt bis auf Schinkel und Klenze nur wenige Architekten, die sich in bescheidener Weise bei ihren spärlichen Bauaufträgen als Baukünstler auswirken konnten. In Sachsen, welches durch die vergangenen politischen Wirren zu besonderer Einschränkung gezwungen worden war, kann sich Leipzig rühmen, in dieser Zeit Architekten besessen zu haben, die immerhin zu den bedeutenderen der Klassizisten zählen, und die Leipzig als Stätte der Baukunst für die Periode des Klassizismus betonen.
In Leipzig setzte frühzeitig die Bewegung des Klassizismus ein. Hier hatte bereits der Zopfstil, der Vorläufer der klassizistischen Periode, in Adam Friedrich Oeser, dem Maler und Lehrer Goethes, seinen Hauptvertreter. Der praktische Vertreter des Klassizismus wurde nach ihm der Architekt Johann Friedrich Dauthe, der in seinen Bauten dem Zuge der Zeit zur Antike einen starken Ausdruck zu geben verstand. Als eines seiner besten Werke kann noch heute die Innenarchitektur der Nikolaikirche gelten, deren ehemals gotischen Stil Dauthe in eine mustergültige naturalistische Form des Klassizismus brachte. Ein weiterer Bau dieses Architekten, die Frauenberufsschule auf der alten Moritzbastei, hat im vorausgehenden Artikel eine ausführliche Darlegung gefunden. Der Architekt von heute wird bei einem näheren Studium der schlichten Fassade viel schöne Einzelheiten und feine Gedanken klassizistischen Empfindens wiederfinden.
Neben diesen wenigen erhaltenen Werken Dauthes besitzt Leipzig noch eine Reihe anderer klassizistischer Gebäude, die nach den Befreiungskriegen als erste große Bauten entstanden und das Stadtbild wesentlich beeinflußten und auch heute noch bereichern.
Diese hat es seinem damaligen Baudirektor und spätklassizistischen Architekten Albert Geutebrück zu verdanken. Geutebrücks Name wird in der Baugeschichte meistens in Verbindung mit dem Schinkels genannt, der ihn bei dem Bau des Augusteums, der alten Universität, als seinen Vasallen erscheinen läßt. In Wirklichkeit hat Geutebrück als Architekt weit mehr bedeutet.
Abb. 1. Augusteum und Paulinerkirche in ihrer Gestaltung durch Geutebrück
(Nach einer Lithographie)
Vier Bauwerke sind es, welche heute dem Besucher des Augustusplatzes durch ihren gleichartigen Stil besonders in das Auge fallen: Universität, Post, Theater und Museum. Diese Gebäude präsentieren sich ihm in ihrem italienischen Renaissancestil als scheinbar gleichaltrige Gefährten aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts; doch dem ist nicht so.
Die Gestaltung des Augustusplatzes begann in den dreißiger Jahren bereits mit den Bauten der Universität und des Postgebäudes. Mit beiden ist der Name Geutebrücks eng verbunden. In den Jahren 1836 und 1838 hatte Geutebrück mit dem Augusteum und der Post die ersten Seitenlinien dieses großen Platzes ziehen können und damit den Mittelpunkt der baulich sich entfaltenden Stadt angelegt. Wenn auch für die Ausführung der Fassade des Augusteums ein Entwurf Schinkels maßgebend wurde, so hatte doch Geutebrück nach eigenen Plänen den Innenbau durchführen können und sich dabei als Universitätsbaumeister großes Verdienst erworben. Seine Ausgestaltung der Aula, die später umgebaut wurde, verdient als vorbildlicher Saalbau seiner Zeit im Bilde wiedergegeben zu werden.
Abb. 2. Universitätsaula im Geutebrückschen Augusteum
Schonender ist die alles umgestaltende Zeit an dem Postbau Geutebrücks vorübergegangen. Hier sind die Hauptteile der Fassade von 1838 zum großen Teil noch erhalten. Das Quaderwerk der alten Sandsteinstücke, die Fenster bis auf ihre Verdachungen im Obergeschoß, als auch die seitlichen Pilaster der mittleren Vorlage und die Gesimse blieben bestehen. In ihnen grüßt uns heute noch der Geutebrücksche Bau. Die Eckrisalite, die Säulenvorlage mit Giebelfeld und figurengekrönte Attika, sowie die Balustrade oberhalb des Hauptgesimses sind neu.
Abb. 3. Portal des Geutebrückschen Universitätsgebäudes, heute südlicher Nebeneingang der neuen Universität. Nach Schinkels Entwurf von Ernst Rietschel ausgeführt
Das Augusteum und das Postgebäude wollten nach dem Bau des Theaters von 1867 und dem projektierten Umbau des städtischen Museums von 1883 nicht mehr recht zu dem Gesamtbilde des Augustusplatzes passen. Ihre schlichten Fassaden mußten reicher gegliederten Platz machen, die in der Form der italienischen Renaissance gehalten wurden.
Abb. 4. Geutebrücks Postgebäude am heutigen Augustusplatz; rechts davon das alte Teubnersche Haus
Als Spätklassizist strebte Geutebrück in seinen weiteren Bauten der antikisierenden Renaissance zu. Einzelne davon haben sich im Stadtbild bis auf heute unverändert erhalten. Das Konviktsgebäude der Universität in der Ritterstraße zum Beispiel ist ein solcher Bau. Ursprünglich hatte es anderen Zwecken als den jetzigen gedient. 1836 war es als erste Buchhändlerbörse Deutschlands vom Buchhändlerbörsenverein errichtet worden. Wie damals Geutebrück selbst sich äußerte, hat er bei dem Fassadenentwurf wesentlich unter dem Eindruck italienischer Studien gestanden. Das Renaissancemotiv des Rundbogenfensters kehrt an seinem Postbau wieder.
Abb. 5. Postgebäude nach dem letzten Umbau
Einen weiteren Bau Geutebrücks stellt das Preußische Haus in der Goethestraße dar. Auch dieses zeigt bis auf die modernisierten Ladeneinbauten noch seine alte Gestalt. Die Universität hatte es zu Messe- und Buchhandelszwecken entworfen und 1841 errichten lassen. Der Stil dieses Baues weist nicht mehr den schlichten Klassizismus auf. Lebhafter gliedert sich die Fassade und reicher werden die Profile; zwei Balkone auf kräftigen Konsolen betonen Eingang und Mitte.
Abb. 6. Alte Buchhändlerbörse an der Ritterstraße
Noch feinere Architektur findet man am Fridericianum in der Schillerstraße. Hier schuf Geutebrück seinen letzten größeren Bau, ebenfalls im Auftrage der Universität. Auch an ihm hat die Zeit nichts geändert. Deutlich kann man die Bewegung des Baustiles vom Klassizismus zum Renaissancismus verfolgen, wenn man den gegenüberliegenden Schulbau Dauthes betrachtet. Dort noch die einfache klassizistische Architektur; deren Wirken allein durch monumentale Größe. Hier in der Fassade des Fridericianums bereits das Aufteilen und Verlieren in Einzelheiten. Es ist nicht mehr nur das Portal, welches durch einfache Zusammenstellung von Säule oder Pilaster mit Fries und Giebel ausgestattet wird. In den Mittel- und Seitenrisaliten bauen sich korinthisierte Pilaster übereinander auf, vielfacher wird der Schmuck, reicher die Profilierungen der Fenstergewände. Der reine Klassizismus, wie ihn Schinkel der Fassade des Augusteums aufprägte, ist hier verschwunden.
Abb. 7. Das Fridericianum an der Schillerstraße
Wie anfangs erwähnt wurde, hat Schinkel den in Deutschland vertretenen Klassizismus mit seinem Namen beherrscht. Seine Bedeutung für diese Zeit war so groß, daß man ihr später allgemein die Bezeichnung Schinkelzeit zulegte, ohne damit immer den Begriff des reinen Klassizismus decken zu können. So hat dann auch Leipzig in seiner baulichen Entwicklung eine Schinkelzeit gehabt. Die Werke Dauthes und Geutebrücks geben von ihr noch lebhafte Kunde. Noch haben sie ihren Platz als stattliche Bauten im Stadtbilde behalten; noch bedeuten sie der Baugeschichte Leipzigs ein Stück steinerne Chronik!