Aus den Tagen der Kurfürstlichen und Königlich Sächsischen Post, 1770 bis 1865
Unter diesem Titel sind zwölf überaus reizvolle farbige Bilder von dem im Jahre 1917 verstorbenen Herrn Geh. Postrat Karl Thieme in Dresden aus Anlaß des Sachsentages im Juli 1914 erstmalig herausgegeben worden. Den Druck dieser schönen Bilder, deren Originale zum größten Teil von dem im Jahre 1922 im hochbetagten Alter verstorbenen Hofrat und Kustos der Gemäldegalerie Gustav Otto Müller stammen, hat die Lehmannsche Buchdruckerei in Dresden in vorzüglicher Weise ausgeführt[2].
Die jeder Serie beigelegten Erläuterungen machen diese Bilder jedem Heimatfreund besonders wertvoll.
Wir bringen hier eine Wiedergabe des zwölften Bildes, das vom genannten Herausgeber in sinniger Weise mit den Worten »Das Lied ist aus« bezeichnet ist.
Der weltbekannte, im Jahre 1793 eingerichtete und nach dem Kaiser Franz I. benannte Kurort Franzensbad, von dessen »Sauerbrunnen bei Eger« wir seit 1542 einen gedruckten Nachweis besitzen, dessen Bäder aber erst im 17. Jahrhundert benutzt wurden, hatte bis 1865 noch keine Eisenbahn.
Alljährlich strömten viele Hunderte von Patienten den kräftigen Quellen von Franzensbad zu. Nachdem die letzten Stationen der Sächsischen und Bayrischen Bahnlinien von den Reisenden verlassen worden waren, benutzten sie den schnellen Eilpostwagen oder die teure Extrapost, um ihr Ziel zu erreichen. Die meisten Kurgäste konnten sich diese Mehrausgabe schon leisten und erfreuten oft genug den schmucken Postillion, der unterwegs seine besten Stücke blies, mit einem Extratrinkgeld.
Da gab es bei dem Kaiserlich-Königlichen Postamt zu Franzensbad ein buntes Gedränge von Österreichischen, Bayrischen und Sächsischen Postillionen, die in guter Kameradschaft miteinander lebten und sich gern ein gutes Schöppchen gönnten. Auf unserem Bilde erblicken wir drei solche brave Ritter vom steifen Stiefel. Ach, in den Becher ihrer Daseinsfreude fällt ein bitterer Tropfen banger Beklemmung, als sie den ersten Wagenzug auf der neuen Eisenbahn heranbrausen sehen. So viele Passagiere schleppt das eiserne Ungetüm heran, so viel »honorige« Passagiere, die kaum in zwanzig Extrapostkutschen Platz hätten. Wo bleiben wir armen Postillione? ist wohl ihre sorgenvolle Frage. Der lebhafte Österreicher fuchtelt grimmig mit den Händen, als möchte er am liebsten die heimtückische, fauchende Lokomotive von den Schienen herunterstoßen, der betrübte Sachse vergißt ganz und gar den tröstlichen Schoppen, den er in der Linken hält. Das treffliche österreichische Bier kommt ihm heute gallenbitter vor. Am meisten erregt unsere Teilnahme der brave alte Bayer, der in seinem einfachen blauen Stallkamisol auf dem Bänkchen vor dem Posthause sitzt. Hätte er, wie die beiden anderen Kameraden, auch seine Galauniform an, so könnten wir seine schmucke Erscheinung bewundern, denn die bayrische Postverwaltung hat in der geschmackvollen Ausstaffierung ihrer Postillione immer etwas los gehabt.
Unser ergrauter bayrischer »Schwager« schaut auf die gewaltige Rauchsäule der Lokomotive, indes seiner Pfeife kein Wölkchen mehr entsteigt. Vielleicht denkt er:
Rauch ist alles ird’sche Wesen!
Wie des Dampfes Säule weht
Schwinden alle Erdengrößen,
– Auch der Postillion vergeht.
Und inzwischen ist der Postillion vergangen.
Wenn auch der Name »Postillion« geblieben, es steckt in diesem Wortgehäuse doch weiter nichts mehr, als ein uniformierter Rollkutscher oder ein Kraftwagenführer, der bloß noch Briefe und Pakete zu karren hat. Mit dem alten Postillionsgeschlecht ist auch das Posthorn vergangen. Wer weiß denn noch etwas von dem poesievollen Klang des Posthorns, wenn es von der stillen Landstraße her seine Zaubertöne über schlafende Dörfer und Städtlein ergoß? Aber in ungezählten Widmungen ist von Poeten und Musikern den Tagen der Romantik des Postillions und seines Zauberhörnleins doch ein dauerndes Denkmal gesetzt worden, und wie das vorstehende Bild, so bleiben auch die übrigen der zwölf farbigen Bilder ein freundliches Andenken an die Tage unserer Groß- und Urgroßväter.
Fußnote:
[2] Anmerkung: Diese zwölf farbigen Bilder sind soeben in zweiter Auflage erschienen und in allen Papierläden und durch Georg Rennert in Dresden-A. 26, Postfach zu haben. Auch als Geschenk sehr geeignet kostet die Reihe mit zwölf Bildern nur Mark 1.20 und die Prachtausgabe 3.— Mark.