Die Lachmöwe in Sachsen und in den angrenzenden Landschaften der preußischen Oberlausitz
Von Rud. Zimmermann, Dresden
Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen von E. Schwarze und dem Verfasser
Von den Vogelarten unserer Heimat, die mich in den letzten Jahren besonders gefesselt haben, steht die Lachmöwe mit an erster Stelle. Häufige Besuche der volkreichen, zu den prächtigsten Naturdenkmälern Sachsens zählenden Kolonie auf dem Freitelsdorfer Vierteich (nördlich Radeburg) in den Jahren nach dem Kriege, denen sich dann kaum weniger zahlreich solche auch anderer Siedlungen unseres Vogels vorwiegend in den Grenzgebieten der sächsisch-preußischen Oberlausitz anschlossen, führten ganz zwangsläufig zu einer Beschäftigung auch mit der Geschichte dieser Kolonien und zu Untersuchungen über den Bestand unseres Vogels einst und jetzt. Obwohl die Ergebnisse dieser Untersuchungen noch ihrer endgültigen Auswertung harren, sei es mir doch bereits heute hier gestattet, ihnen einiges vorwegzunehmen und den Lesern der Heimatschutzmitteilungen einiges über unseren Vogel und sein Vorkommen in unserem Vaterlande zu berichten.
Die Brutkolonien der Lachmöwe in Sachsen sind durchweg jüngeren Ursprungs. Wir wissen ja, daß unser Land größere natürliche, stehende Gewässer nicht besitzt und daß die heute besonders in den Flachlandschaften östlich der Elbe so zahlreichen ausgedehnten Teiche sämtlich künstlich angelegte Stauteiche sind, deren erste Anfänge zwar in die Zeit nach der Besiedlung des Landes und seiner Urbarmachung durch die Deutschen fallen, die in ihrer Mehrzahl aber in noch späteren Jahrhunderten entstanden sind. Durch ihre Anlage erst wurde der Lachmöwe die Möglichkeit zur Ansiedlung und zur Gründung von Brutkolonien geschaffen. Nun ist es allerdings nicht ausgeschlossen, daß der Vogel vor dem Vorhandensein von Teichen bereits im Bereiche der Elbe, deren Lauf ehedem ja weite Altwässer und dergleichen begleitet haben mögen, Heimatsrechte im Lande besessen haben kann, doch sind wir für eine derartige Annahme ausschließlich auf Vermutungen, nicht aber auch auf gesicherte Beweise angewiesen. Das älteste sächsische Vogelverzeichnis, das den meißnischen Arzt und Naturforscher Kentmann (nicht aber den meißnischen Rektor Fabricius, wie Bernh. Hoffmann, Mitt. Sächs. Heimatsch. 12, 1923, S. 41, irrtümlich angibt) zum Verfasser hat und das die um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts bei Meißen an und auf der Elbe vorgekommenen Vögel aufzählt, nennt auch eine Anzahl »Miben« (= Möwen). Doch lassen sie sich mit Sicherheit auf ihre Art nicht feststellen (der Hoffmannsche Versuch einer Namenserklärung ist in vielem zu gezwungen, wennschon die Lachmöwe bestimmt mit unter den aufgezählten Vögeln sich befinden dürfte) und außerdem sagt es uns leider gar nichts über die Art des Vorkommens selbst. Es ist also, selbst wenn wir dabei außer acht lassen, daß es bereits in eine verhältnismäßig späte Zeit fällt, für unsere Frage ohne Wert.
Aufnahme von E. Schwarze
Abb. 1. Aus der ehemaligen Lachmöwenkolonie des Dippelsdorfer Teiches bei Moritzburg
Die am frühesten im Schrifttum erwähnte sächsische Lachmöwenkolonie ist die heute allerdings nicht mehr bestehende auf dem Dippelsdorfer Teich bei Moritzburg gewesen; über sie berichtete 1840 der besonders um die sächsische Säugetierforschung verdiente A. Dehne an Christian Ludwig Brehm, daß sie fünfhundert Brutpaare umfasse. 1893 schätzte sie F. Helm, nachdem sie, da der Dippelsdorfer Teich von 1864 bis 1876 trocken gelegen und landwirtschaftlichen Zwecken gedient hatte, zeitweise erloschen gewesen sein muß, wiederum auf etwa fünfhundert Paare, und 1906 noch trafen der verstorbene Mayhoff und R. Schelcher einen Bestand an, »der der früheren Herrlichkeit nicht allzuviel nachgeben mochte.« In den folgenden Jahren aber nahm die Zahl der Vögel rasch ab, bis in den letzten Kriegsjahren die Kolonie gänzlich erlosch. Zeitlich mit dem Eingehen der Dippelsdorfer Kolonie fällt wohl auch das Eingehen einer kleineren Siedlung auf dem Moritzburger Frauenteich zusammen, deren Stärke 1910 Mayhoff und Schelcher auf vierzig bis fünfzig Paare bezifferten. Das Erlöschen der Dippelsdorfer Kolonie führte zur Entstehung einer anderen oder, wenn diese (in dann aber kleinerem Umfange) schon bestanden haben sollte, zu deren Aufblühen, nämlich der auf dem Freitelsdorfer Vierteich, der heute bedeutendsten Sachsens. Hoffmann schätzte 1916 ihre Stärke auf eintausendfünfhundert Paare und mit eintausend Paaren bezifferte sie auch Mayhoff, eine Zahl, die auch ich auf Grund meiner zahlreichen Besuche der Kolonie während der Jahre 1920 bis 1924 für die der Wirklichkeit am nächsten kommende halten möchte. Für 1925 allerdings melden Beobachter – ich selbst konnte die Kolonie in diesem Jahre leider nicht besuchen – einen Rückgang ihres Bestandes. Dafür jedoch hat eine andere Kolonie, die im Schrifttum früh schon genannt wird, aber in den Jahren nach dem Kriege sehr zusammengeschrumpft war und nur noch höchstens fünfzig oder etwas mehr Paare umfaßte, einen neuen Aufschwung genommen, nämlich die auf dem Adelsdorfer Spitalteich. Ihre ersten Erwähnungen fallen in das Ende der siebziger und in die erste Hälfte der achtziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts. Aus dieser Zeit liegen auch Schätzungen vor, die ihre Stärke auf eintausend Paare beziffern. Zeitweilig splitterten Teile von ihr ab und führten zur Entstehung kleinerer Kolonien auf benachbarten Teichen, und später erlosch sie sogar gänzlich. Um 1900 hat sie bestimmt nicht mehr bestanden, und erst nach der Jahrhundertwende besiedelte unser Vogel den Teich von neuem. Bei einem Besuche der Kolonie Ende Mai dieses Jahres, wobei ich dank dem liebenswürdigen Entgegenkommen des Bewirtschafters des Teiches die Kolonie in ihrem gesamten Umfange mit dem Boote abfahren konnte, bot sie sich in einer Schönheit und einer Stärke dar, die der Freitelsdorfer Kolonie nicht oder nur um ein Geringes nachstand. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Entstehung der ersten Kolonie auf dem Adelsdorfer Spitalteich eine Folge des Erlöschens der Dippelsdorfer Kolonie in den sechziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts gewesen ist; die dort zum Abwandern gezwungenen Vögel ließen sich hier nieder.
Aufnahme von Rud. Zimmermann
Abb. 2. Brütende Lachmöwe (Vierteich bei Freitelsdorf)
Eine ebenfalls größere Kolonie beherbergte lange Zeit auch der Grüngräbchener Lugteich. Ihr Erlöschen fällt noch in die Zeit vor dem Krieg, doch siedelten sich 1922 von neuem gegen fünfzig Paare auf dem Teiche an. Im darauffolgenden Jahre allerdings kehrte nur eine verschwindend kleine Anzahl wieder zurück, und 1924 waren es nur noch ganze zwei Paare, die auf dem Teiche brüteten. Im nördlich angrenzenden preußischen Gebiet bestanden eine etwas größere (einige hundert Paare umfassende?) Kolonie bei Niemtsch und eine kleine bei Kroppen. Die erstere erlosch 1910 infolge der Entwässerung der Teiche durch den Bergwerksbetrieb, während ich über die zweite, anscheinend ebenfalls nicht mehr bestehende, zuverlässige Nachrichten bisher nicht erlangen konnte. Außer diesen beiden, im Schrifttum bereits bekannten Siedlungen scheinen hier und da aber auch noch einzelne kleinere Kolonien vorhanden zu sein; sie entgehen dem Beobachter meistens, weil sie einem dauernden Wechsel unterworfen sind, hier erlöschen und dort wieder neu aufleben. So stellte z. B. 1924 E. Dittmann, Dresden, eine kleine Siedlung unseres Vogels auf dem Sorgeteich bei Guteborn fest.
Weiter östlich sind es besonders die Gegend von Königswartha und die sich dieser im Norden anschließenden Landschaften der preußischen Oberlausitz, die von jeher volkreiche Brutkolonien unseres Vogels beherbergt haben und sie auch heute noch beherbergen. Bernhardt Hantzsch erwähnt 1903 als noch auf sächsischem Gebiet gelegen eine kleinere, etwa zweihundert Paare umfassende, anscheinend aber nicht lange bestehende und heute nicht mehr vorhandene Kolonie auf dem Commerauer Mühlteich; ich lernte weitere auf den Caßlauer Wiesenteichen und dem Caminauer Altteich kennen, die aber beide 1924 infolge vorgekommener Störungen aufgegeben wurden und von denen die auf den Caßlauer Wiesenteichen in diesem Jahre von mindestens zweihundert Paaren von neuem besiedelt, aber leider ein Opfer von Krähen wurde, die sie fast restlos plünderten. 1924 entstand eine kleine, nur einige wenige Paare umfassende Kolonie auf dem Holschaer Großteich (begründet wohl von Vögeln, die von den Caßlauer Wiesenteichen abgewandert waren), die aber in diesem Jahre meines Wissens nicht wieder besiedelt worden ist.
Die größten Kolonien der Gegend liegen jedoch dicht jenseits der Landesgrenze auf preußischem Gebiet. Es sind die von Koblenz und Klösterlich-Neudorf (bei Wittichenau). Stolz nennt 1911 die bereits 1903 Bernhardt Hantzsch bekannt gewesene Koblenzer Kolonie eine »kleine Siedlung«. Sie muß aber dann sehr schnell volkreicher geworden sein, ging um das Kriegsende aber wieder zurück und stieg danach von neuem langsam an; 1924 konnte ich auf Grund wiederholter Besuche ihren Bestand auf mindestens sechshundert Paare einschätzen. 1925 bot sie sich bei meinem ersten Besuch am 20. Mai viel vogelärmer als im vorhergegangenen Jahre dar, und bei einem weiteren am 30. Mai stellte sie sich als fast restlos vernichtet dar: sie war ein Opfer rücksichtslosester Eierräubereien durch Unbefugte (wohl durch die Belegschaft der nahen Kohlengrube Werminghoff) geworden. Die Neudorfer Kolonie war und ist auch heute noch eine der größeren; ihr Bestand dürfte zeitweilig an tausend (und vielleicht noch mehr) Brutpaare herangekommen sein. Auch sie ging in den letzten Jahren zurück (in dem Maße, wie die Koblenzer Kolonie volkreicher wurde?), nahm aber dann in diesem Jahre wieder (zum Teil wohl durch Zuzug der von den Koblenzer Teichen abgewanderten Vögel) einen neuen Aufschwung und dürfte zuletzt gegen fünfhundert (oder auch etwas mehr) Paare umfaßt haben. Neben diesen größeren Kolonien werden im Schrifttum auch noch einzelne, meist nur wenige Paare umfassende kleinere Kolonien erwähnt, die aber, wie wir dies ja auch schon in anderen Fällen sahen, nie von langem Bestand und einem dauernden Wechsel unterworfen gewesen sind; sie immer mit Sicherheit zu erfassen und zu verzeichnen, ist in dem ausgedehnten, ja so teichreichen Gebiete für den einzelnen Beobachter jedoch nicht leicht.
Im äußersten Osten Sachsens bestanden schließlich früher noch zwei Kolonien bei Großhennersdorf und Burkersdorf, die um 1860 sehr volkreich gewesen sein sollen, später aber abnahmen, und – nachdem 1887 die Nester durch ein Hochwasser zerstört worden waren – 1890 gänzlich erloschen. Auf angrenzendem schlesischem Gebiet endlich begegnen wir im Kreise Görlitz noch drei weiteren Kolonien, nämlich auf dem Sohrteich bei Görlitz, bei Ullersdorf und bei den Spreer Heidehäusern. Die erstere ist seit mehr als hundert Jahren bekannt gewesen, sie soll um 1820 »Hunderte von Paaren« umfaßt haben, ging aber dann in den Jahren von 1910 bis 1913 ein. Die zu Ullersdorf bezeichnete William Baer 1898 als »womöglich noch stärker« als die auf dem Sohrteiche, doch traf auch sie das Schicksal der letzteren, sie erlosch 1920. Dagegen hat aber die, von mir 1923 besuchte, der Spreer Heidehäuser in den letzten Jahren stark gewonnen, Pax bezifferte 1924 ihren Bestand mit sechshundert Paaren eher zu niedrig, als zu hoch.
Wenden wir uns nun kurz noch dem Vorkommen des Vogels auch in Westsachsen zu, so müssen wir feststellen, daß dieser Teil des Landes augenblicklich keine einzige Kolonie mehr aufweist und daß die früher hier vorhanden gewesenen sich niemals auch nur annähernd mit den ostelbischen messen konnten. Eine kleine, nur dreißig bis vierzig Paare umfassende Siedlung bestand 1873 (und nur in diesem Jahre?) auf dem Burkartshainer Teich bei Wurzen, eine andere wird für die achtziger Jahre vom Müncherteiche bei Grimma genannt. Eine ebenfalls nur vorübergehende kleinere, vielleicht bis oder etwas über hundert Paare umfassende Kolonie verzeichnet weiter Hennicke für den Anfang der neunziger Jahre für die Rohrbacher Teiche. Seit Mitte der achtziger Jahre wird ferner das Brüten unseres Vogels von den Frohburg-Eschefelder Teichen erwähnt; die ebenfalls niemals groß gewesene Kolonie erlosch um 1913, obgleich auch in späteren Jahren ab und zu hier nochmals einige Paare gebrütet haben mögen. Die Vögel scheinen sich nach den nahen, auf altenburgischem Gebiete gelegenen Haselbacher Teichen gewendet zu haben, die als Niststätte von Lachmöwen 1889 erstmals erwähnt werden und, mit dazwischen gelegenen Pausen, noch bis in die letzten Jahre einzelnen Paaren des Vogels Nistgelegenheit geboten haben. Schließlich gedenkt auch Richard Heyder des Brutvorkommens weniger Paare während der Jahre 1912 bis 1914 auf dem Großhartmannsdorfer Teich. –
Aufnahme von Rud. Zimmermann
Abb. 3. Lachmöwe auf das Nest gehend (Klösterlich-Neudorf O./L.)
Unsere vorstehenden, kurzen Untersuchungen über die Lachmöwensiedlungen unserer Heimat lassen dabei ganz von selbst die Frage entstehen: »Wie verhält es sich mit dem zahlenmäßigen Bestand unseres Vogels, ist er sich gleich geblieben oder hat er, wie dies so oft behauptet worden ist, und wie ich dies auch selbst – ich betone dies ganz besonders – bisher angenommen habe, eine wesentliche Abnahme erfahren?« Eine alle Zweifel ausschließende Beantwortung derselben ist allerdings nicht ganz leicht, ja, vielleicht überhaupt nicht möglich. Denn uns fehlen dazu aus der Vergangenheit die notwendigen Unterlagen, Untersuchungen und Aufzeichnungen sowohl über die Zahl der ehemals vorhandenen Kolonien – die Zahl der aus dem ostelbischen Gebiet aus der Gegenwart bekannten z. B. ist größer als diejenige der in gewissen Zeiten im Schrifttum der Vergangenheit erwähnten – ebenso wie auch sorgfältige Schätzungen ihres Vogelbestandes. Die letzteren sind fast immer ganz allgemein in den meistens auch heute noch gebrauchten, nichts oder nur wenig sagenden Ausdrücken »einige hundert Paare« oder bei stärkeren Kolonien »tausend Paare,« »über tausend Paare« usw. gehalten. Wenn man nun aber die auf uns überkommenen wenig exakten Angaben etwas kritisch einzuwerten vermag und nie die einzelne Kolonie an sich betrachtet, sondern dabei das Gesamtvorkommen des Vogels in dem unseren Untersuchungen zugrunde liegenden Gebiete im Auge behält, wenn man ferner aus den Verhältnissen der Gegenwart unvoreingenommene Schlüsse zu ziehen imstande ist, und schließlich die Kolonien selbst auch kennt und den unseren Vögeln im Gebiete zur Verfügung stehenden Lebensraum berücksichtigt, so kommt man zu dem Schluß, daß eine wirklich erhebliche Abnahme im Bestand der Lachmöwe in unserem Gebiete sich nicht nachweisen läßt und daß eine solche Abnahme auch gar nicht wahrscheinlich ist. Wir sehen zwar Kolonien verschwinden, an ihrer Stelle aber auch immer wieder neue entstehen oder bereits vorhandene volkreicher werden. Erinnert sei hier nur an das erste Erlöschen der Dippelsdorfer Kolonie in den sechziger Jahren, an das sich, wenn meine Nachforschungen an Ort und Stelle nicht trügen, höchst wahrscheinlich die Entstehung der Adelsdorfer Kolonie knüpft, erinnert an das Eingehen auch der späteren Dippelsdorfer Kolonie, das die Entstehung oder zum mindesten ein gewaltiges Aufblühen der heute so großen und wirklich prächtigen Freitelsdorfer Kolonie zur Folge hatte und deren wahrscheinliche (immerhin dann aber nur geringere) Abnahme in diesem Jahre mit einem kaum geahnten Anwachsen der fast zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken gewesenen Adelsdorfer Kolonie verknüpft ist. Die oben erwähnte Abnahme auch der Neudorfer Kolonie in den letzten Jahren spiegelt sich wahrscheinlich in der gleichzeitigen Zunahme der Koblenzer Kolonie wieder, das Eingehen der Kolonien auf den Caßlauer Wiesen- und dem Caminauer Altteich 1924 drückt sich wiederum in der Stärke der Koblenzer Kolonie im gleichen Jahre aus, die die des vorhergegangenen um ein ganz erhebliches übertraf, und die Vernichtung der Koblenzer Kolonie in diesem Jahre hatte, wie sich von den im Gebiete regelmäßig anwesenden Beobachter leicht verfolgen ließ, die Wiederbesiedlung der Caßlauer Wiesenteiche und eine deutlich zum Ausdruck kommende Bestandszunahme der Neudorfer Kolonie zur Folge. – Man hat bisher nur immer das Verschwinden einer Kolonie als Verlust gebucht, aber selten auch die Entstehung neuer oder das Aufblühen bereits bestehender auf der Gewinnseite eingetragen.
Aufnahme von Rud. Zimmermann
Abb. 4. Brütende Lachmöwe (Klösterlich-Neudorf O./L.)
Die Lachmöwe hat oft etwas zigeunerhaftes an sich; sie liebt den Wechsel, der sich besonders im Entstehen und Wiederverschwinden der kleineren Kolonien ausdrückt. Aber auch die Art der Teichbewirtschaftung ist von großem Einfluß auf die einzelnen Kolonien, ihren zeitlichen Bestand und ihre Stärke; das Eingehen der Dippelsdorfer Kolonie gegen Kriegsende z. B. scheint mit der durch den Krieg bedingten größeren Rohrnutzung in unmittelbarem Zusammenhang zu stehen. Daß schließlich auch wilde Eierräubereien, wie wir sie in dem Koblenzer Beispiel kennen lernten, Kolonien gefährden können und gefährden müssen, bedarf wohl kaum eines besonderen Hinweises, dies zeigt uns deutlich ja das eben erwähnte Beispiel. In diesem Falle haben sich die Schädigungen lediglich örtlich ausgewirkt: sie veranlaßten die von den Plünderungen betroffenen Vögel lediglich zur Abwanderung nach Teichgebieten in der unmittelbaren Nachbarschaft, würden aber wohl bestimmt das Verschwinden der Vögel im Gebiet überhaupt zur Folge gehabt haben, wenn dieses infolge seines Teichreichtums ihnen eben nicht die Möglichkeit der Ansiedlung an anderen, weniger gefährdeten Stellen geboten hätte. Die Vögel würden und müßten gänzlich verschwinden, wenn ähnliche rücksichtslose Nestplünderungen wie sie 1925 in fast ohne weiteres Beispiel dastehender Weise die Koblenzer Kolonie betroffen haben, auch die übrigen treffen würde. Hoffen wir daher, daß dieser Fall trotz vieler Ansätze dazu (die Freitelsdorfer Kolonie z. B. leidet ebenfalls stark unter Eierräubereien durch Unbefugte) niemals eintreten und daß es uns allmählich gelingen möchte, die heute eingerissene, aus einem falschen Freiheitsbegriff entstandene Zügellosigkeit einzudämmen und die Massen wieder zur Achtung der heimatlichen Landschaft und ihrer hohen Werte zu erziehen!