Die Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

In den Jahren nach der bösen Zeit hat uns der Büchermarkt zahlreiche Neuerscheinungen gebracht und das Eine muß gesagt werden, wenn wir den Durchschnitt daraus ziehen: Es ist erstaunlich aufwärts gegangen! Die Zeit hat selbst Auslese gehalten. Die Besten unseres Volkes haben sich abgewandt vom seichten Lesestoff früherer Zeit, der gar oft nur süßlicher Tand war und den fühlenden Menschen nicht befriedigen konnte. Für sie ist ein neues besseres Buch zum Bedürfnis geworden, ein Buch, dessen Inhalt, ob ernst oder heiter, zum tiefen Erlebnis wird, und für die Menschen, die mit beiden Füßen fest auf der Heimaterde stehen, ein Buch, das die tief im Herzen wohnende Sehnsucht nach den Schönheiten und Wundern der Heimat stillt.

Wir Sachsen können uns glücklich schätzen, daß uns in den letzten Jahren eine kleine abgerundete Sammlung solcher trefflicher Bücher beschert wurde, die sechs Bände der Bücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz. Liebe zur Heimatschönheit, Freude an der wundersamen Heimatnatur und Treue zur angestammten Scholle hat diese »Bücher des sächsischen Heimatfreundes« entstehen lassen. Heimatliebe und Heimatfreude wollen sie pflegen und bei denen wecken, die es verlernt oder nie gekannt haben, sehenden Auges durch die Heimat zu wandern, sich einzufühlen in ihre Schönheit, den tausendfältigen Stimmen zu lauschen, die die heimatliche Natur durchklingen, neue Hoffnung zu schöpfen aus den Denkmälern und Stätten der tausendjährigen Geschichte unseres Vaterlandes.

Die Bücher sind nicht dazu geeignet, in einem Zuge heruntergelesen zu werden wie Romane. Gar oft hebt sich unser Blick von den Zeilen und wir schauen traumverloren hinaus in die Ferne und sehen mit geistigem Auge die Heimatschönheiten vor uns erstehen, wie die Verfasser sie erschauten.

Dann wandern wir im Geiste mit Gerhard Platz durch die sonnenüberflutete Landschaft und im Morgennebel auf Weidmannspfaden durch den Erzgebirgswald oder weilen mit ihm im Kreise schlichter, glücklicher Menschen.

Wir sehen unser Land und Volk mit den Märchenaugen Max Zeibigs. Was uns Meister Ludwig Richter im Bilde an Erbaulichem und Beschaulichem beschert hat, das weiß Zeibig aus tief empfindendem Herzen in Worten zu schildern.

Bei Hahnewalds Sächsischen Landschaften packt uns die Wandersehnsucht und reißt uns mit zu froher, rascher Fahrt durchs Heimatland, heißt doch sein Leitwort »Sehne dich und wandere.«

Gustav Rieß läßt das alte silberschwere Freiberg und das von Bergmannsromantik durchklungene Freiberger Land vor uns erstehen und offenbart uns die Seele einer verklungenen Zeit mit ihren Freuden und Leiden.

Und Martin Braeß, dem Freunde der Tiere, wie trefflich gelingt es ihm, uns unsern Brüdern im stillen Busch, in Luft und Wasser nahe zu bringen, daß wir mit ihnen fühlen, in ihnen unsere Mitgeschöpfe sehen lernen.

Unerschöpflich ist der Reichtum an Schönheiten, der in den trefflichen Büchern ruht. Lies sie selbst und schaffe dir Stunden reinsten und edelsten Genusses, verschenke sie und mache anderen eine dauernde Freude; die Bücher lassen den fühlenden Menschen nicht los und wollen immer wieder gelesen sein. Auf jedem Weihnachtstische sollten sie darum liegen

die Bücher des sächsischen Heimatfreundes!

Preis je 4 M. Zu haben im Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24

Bestellkarte in diesem Hefte

Band XIV Heft 9/10

1925

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben

Abgeschlossen am 30. September 1925

Otto Eduard Schmidt[1]

Der deutsche Touristendampfer liegt im grünen Hafen Spitzbergens vor Anker. Seine Fahrgäste kommen eben in langer Bootsreihe von einem Ausfluge zurück. Da löst sich von der Funkenstation ein Motorboot und fährt den Heimkehrenden entgegen. Zwei junge Leute sind darin, die sich mit lautem Zuruf als Deutsche vorstellen. Sie bekunden ihre Freude über diese Begegnung mit Landsleuten so geräuschvoll und übermütig, daß es dem feiner Empfindenden beinahe etwas weh tut, daß er meint, einen tragischen Unterton heraushören zu müssen. Handelt es sich hier vielleicht um das Erlebnis, das in besonderem Sinne gerade für den Deutschen in Anspruch genommen werden muß; um das Erlebnis des verlorenen Sohnes, der erst in der Fremde merkt, was die Heimat für ihn bedeutet? Wir Deutsche sind im ganzen noch immer nicht so weit, daß wir Volk und Vaterland unmittelbar als ersten Wert unseres Weltbürgertums erfaßten. Wir haben die Männer bitter nötig, die uns auf dem strengen Wege des Beobachtens und Erkennens zur rechten Liebe und Begeisterung für unser Volkstum emporführen. Einem von ihnen aus warmem Herzen für solche Arbeit zu danken, die er auf den verschiedensten Gebieten seines öffentlichen Wirkens, auch als treuer Mitarbeiter dieser Zeitschrift getan hat, gibt uns sein siebzigster Geburtstag die ersehnte Gelegenheit. Wir wollen versuchen, seine Art und seine Tat mit bescheidenem Worte zu erfassen.

Otto Eduard Schmidt ist ein Sohn des Vogtlands. Am 21. August 1855 wurde er in Reichenbach als Sohn des Kantors der Stadt geboren. Sich selbst zu verstehen aus dem Zusammenhang mit der Familie und mit der Landschaft, in die sie ihre Wurzeln geschlagen hatte, ist ihm immer ein wichtiges und fruchtbares Unternehmen gewesen. Er hat der Parole: Kümmere dich um die Geschichte deiner Familie, nachgehandelt, noch ehe sie ein so erfreuliches Echo gefunden hatte, wie das jetzt besonders auch in dem jüngeren Geschlecht geschehen ist. Wir hörten neulich einen berühmten Hygieniker sagen, der Mensch könne in seinem Leben das Schwerste ertragen, der eine glückliche Kindheit gehabt habe. O. E. Schmidt ist eine solche Kindheit beschieden gewesen, und er hat sie nicht nur als Erinnerungsstoff zu reizvoller Erzählung gestaltet, aus ihr hat er auch immer richtige Kräfte geschöpft, wie sie das Leben zu meistern vermögen. Dem Unterrichte des eigenen Vaters, der Realschule seiner Vaterstadt, die damals gerade im ersten Aufblühen war, dankt er die feste Grundlage seiner weiteren Ausbildung. Auf ihr konnte die Kreuzschule in Dresden den gymnasialen Abschluß in einer kürzeren Reihe von Jahren aufbauen, als ursprünglich möglich schien. Der »arme Kantorsgung«, dessen schmalen Geldbeutel die Fabrikantensöhne von Reichenbach bespöttelten, ist zu einem Manne geworden, der aus dem Schatz seines Geistes und Gemüts viele reich gemacht hat. Aber auch äußerlich hat sein Leben einen bedeutsamen Aufstieg zu Führung und Geltung gewonnen. Aus dem philologischen und historischen Studium an der Universität Leipzig erwuchs eine Doktordissertation, die der Professor Ludwig Lange angeregt, und mit der er dem jungen Gelehrten den Weg in eine zwanzigjährige wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Todeskampfe der römischen Republik gewiesen hatte. Aus diesem Studium erwuchs ein Staatsexamen, das O. E. Schmidt den Zugang zum höheren Schuldienst Sachsens öffnete. Es liegt uns daran, diese Seite seiner Lebensarbeit zu betonen, damit sie ja nicht hinter der schriftstellerischen zurücktritt. Er hat es eben fertiggebracht, als Lehrer und Schulleiter ganz seinen Mann zu stellen und zugleich in unbeirrbarem Fleiß und unbeugsamer Willenskraft den Weg des Forschers und Volkserziehers zu verfolgen. Vier Stätten teilen sich in seine amtliche Wirksamkeit. Das Staatsgymnasium in Dresden-Neustadt, das für ihn wie für manchen anderen immer mit dem Zauber der ersten Liebe zum Beruf umwoben blieb. Die Fürstenschule zu St. Afra in Meißen, in deren Lebensbereich zu gehören bei Lehrern wie Schülern gesunderweise immer ein gewisses Hochgefühl weckt. Das Wurzener Gymnasium und das Albertinum in Freiberg hat er dann als Rektor geleitet. Schon dieser Anstieg zeigt, daß ihm die Anerkennung der obersten Schulverwaltung nicht gefehlt hat. Aber auch die unüberbietbar köstliche Frucht schulmeisterlichen Strebens ist ihm gereift, die dankbare Treue der Mitarbeiter und der Schüler. In Grubes biographischen Miniaturbildern, deren achte Auflage O. E. Schmidt bearbeitet hat, erzählt er in einer der fünfundzwanzig von ihm neu geschaffenen Lebensbeschreibungen von dem Renaissance-Pädagogen Vittorino da Feltre. Wenn da vom Lehrer die doppelte Kunst des Belehrens und Erziehens verlangt, wenn die körperliche Ausbildung als wichtig neben die geistige gestellt, wenn die Freude des Lehrers am fröhlichen Spiel der Jungen geschildert wird, wenn wir den Erzieher bemüht sehen, Schädlinge von ihnen fern zu halten, einfache Sitten und fromme Beugung unter den Willen Gottes zum tragenden Gerüst ihres Lebens zu machen, dann sind das wohl Erziehungsgrundsätze, die dem Erzähler bei seinem eigenen Lehrerwirken den Weg gewiesen haben.

Über die Grenzen dieser Dienste, die dem sächsischen Schulwesen geleistet sind, gehen die Wirkungen hinaus, die O. E. Schmidt mit seinen Büchern hervorgerufen hat. Als der kursächsische Streifzügler ist er wohl dem deutschen Lesepublikum am vertrautesten geworden. Wir bilden diesen Ausdruck, um einen doppelten Irrtum zurückzuweisen, der entstehen könnte. Er klingt an die Streifkorps und Nachzügler an, die in wilden Kriegszeiten das Land durchschwärmen; die fahren daher und nehmen, was sie erwischen können, und im nächsten Augenblick sind sie flüchtig davon. Nichts von solcher rauhen, oberflächlichen, effekthaschenden Art, wie sie durch den kriegerischen Vergleich etwa anschaulich wird, ist der Schriftstellerei O. E. Schmidts eigen. Und ihr Stoffgebiet ist weiter als das Gebiet von Kursachsen. Das hohe Lied der Heimat ist eine Blüte am Baum seines Schaffens, sie fällt vielen ins Auge und wird von vielen genossen. Aber wir dürfen Stamm und Wurzel nicht vergessen, die ihr erst die Möglichkeit zum Aufblühen gaben.

Äußerlich angesehen scheiden sich O. E. Schmidts Schriften in zwei Gruppen. Da ist einmal, was er über die römische Antike, besonders über Cicero und seine Zeit, und dann, was er zur Geschichte und Landeskunde Sachsens und früherer sächsischer Gebiete geschrieben hat. Etwa bis 1900 steht das Altertum im Brennpunkt seiner Studien. In eindringender Kleinarbeit sucht er den richtigen Wortlaut der Briefe Ciceros und die Zeit ihrer Abfassung festzustellen. So schafft er aus Hunderten von wissenschaftlich gesicherten Einzelbelegen den Grund, auf dem er dann ein lebendiges Bild von der Persönlichkeit Ciceros im Rahmen der Kulturentwicklung, in die es hineingehört, aufrichten kann. Das geschieht in dem Hauptwerk dieser ersten schöpferischen Periode »Der Briefwechsel des Marcus Tullius Cicero, von seinem Proconsulat in Cilicien bis zur Ermordung Caesars«. O. E. Schmidt hat sich darüber freuen dürfen, daß die Bewertung Ciceros, und überhaupt die Forschungen, die in diesem Buche niedergelegt sind, immer allgemeiner von der Wissenschaft angenommen und noch zuletzt von Eduard Meyer in seinem Werke über Caesar und die Begründung der Monarchie als grundlegend anerkannt worden sind. Wir sehen übrigens den Deuter der ciceronianischen Zeit zur ersten Liebe seiner wissenschaftlichen Arbeiten zurückkehren. Seit ihm 1919 die Pflichten seines Amtes abgebürdet worden sind – von einem Ruhestand kann bei O. E. Schmidt wirklich nicht die Rede sein – hat er eine durchgreifende Neubearbeitung von Wägners Rom vollendet. Schon mit der neunten Auflage von 1912 hatte er dieses Buch zu seiner Gesamtdarstellung der römischen Geschichte umgestaltet; eine andere, noch ausführlichere, liegt in dem zweiten Bande von Spamers Weltgeschichte vor.

Zwischen diesem ersten Frühling aber und seinem Johannistrieb im siebenten Jahrzehnt keimt eine neue große Liebe auf. Seit der Jahrhundertwende verblaßt die heroische Linie der Landschaft Mittelitaliens und die kürzere, anmutigere Linie mitteldeutscher Gegend prägt sich schärfer aus. 1902 erscheint der erste Band der kursächsischen Streifzüge. Ihm sind vier andere gefolgt, die heute wohl fast alle in bereicherter Auflage vorliegen. Und auch die andere schriftstellerische Tätigkeit O. E. Schmidts, ob sie nun in großen Werken wissenschaftlicher Art oder in Büchern und Aufsätzen für den deutschen Leser Gestalt gewinnt, wendet sich der Heimat zu. Es ist uns nicht bekannt, was für ein äußerer Anstoß etwa diese neue Wendung ausgelöst haben mag. Nach ihrem inneren Gesetz erscheint sie uns aber als eine notwendige Folge aus der Anlage des Autors. Ein Mann, dem es gegeben ist, Leben zu erschauen und zu erfassen, der den Trieb spürt, die geschichtlichen Wurzeln dieses Lebens bloßzulegen, muß schließlich einmal auf das Leben stoßen, das ihm äußerlich und innerlich am nächsten ist, auf das Leben der Heimat. Dabei darf dies nicht vergessen werden: Heute ist die Heimatschriftstellerei die große Mode, auch Wanderberichte und Reiseeindrücke sehr bescheidener Art werden von ihrer Welle ins Publikum getragen; O. E. Schmidt hatte seinerzeit mit Staunen und Befremden zu kämpfen, er mußte die Leser erst erziehen für die gute Kost, die er ihnen brachte.

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, das reiche Schrifttum dieser zweiten Schaffensperiode ebensowenig wie das der ersten in seinem ganzen Umfange zu würdigen. Für beides fehlt uns Sachkenntnis und Raum. Wir können nur versuchen, ein paar Züge hervorzuheben, die ihm gemeinsam und eigentümlich zu sein scheinen.

Hinter der Darstellung steht bei O. E. Schmidt immer ein gründliches Studium und eine sorgfältige Bewertung der Quellen. In der philologischen Arbeit an dem antiken Stoff hat er sich diese strenge Arbeitsweise angeeignet. Aber er bleibt nie im Kleinen und Einzelnen stecken. Er hat die Gabe entfaltet, in die vergangene Zeit sich so einzuleben, daß er sie auch anderen lebendig machen kann. Man lese etwa das Werk »Minister Graf Brühl und Karl Heinrich von Heinecken«, das als Band XXV unter den Schriften der Sächsischen Kommission für Geschichte 1921 herausgekommen ist. Da lernen wir sie alle kennen, die Helfershelfer des Verbrechers auf dem Ministersessel, vom Kammerherrn bis zum Kammerdiener, und seine Gegner, vom König bis zum Oberhofprediger. Gelegentlich muß der Herausgeber zu einem der Namen, die in den abgedruckten Briefen vorkommen, Anmerkungen machen wie diese: »Die Person des Professors Richter konnte ich nicht näher bestimmen.« Dann sehen wir zwischen diesen Worten ordentlich ein Schweißtröpfchen glänzen, das von der angewandten Mühe erzählt, und hören einen leisen Seufzer darüber, daß sie vergeblich gewesen ist. Bei all dieser Genauigkeit im einzelnen gibt doch das ganze Buch ein Bild von dem todkranken Rokoko, wie es nicht anschaulicher gedacht werden kann. Auch auf die kursächsischen Streifzüge hat ihr Verfasser nicht ein beliebiges Reisehandbuch zu gelegentlichem Nachschlagen mitgenommen, sondern das ganze Rüstzeug der Urkundenkenntnis für die Geschichte, die der durchwanderten Landschaft ihre Spuren aufgeprägt hat. Wir erinnern uns an die Jahre, wo wir in Dresden freundnachbarlich mit O. E. Schmidt verkehrten, der bereits nach Meißen übergesiedelt war. An einem bestimmten Wochentage konnte man ihn stets in der Hauptstadt treffen, denn da kam er trotz aller Belastung mit den Schulpflichten herüber, um im Staatsarchiv zu arbeiten. Den Leser, dem nun die aus solchen Mühen entstandenen Schriften so leicht und angenehm eingehen, möchte man doch auch daran erinnern, daß O. E. Schmidt nicht eigentlich eine sogenannte flüssige Feder hat, daß er vielmehr auch an die Formgebung seiner Gedanken viel feilende Sorgfalt wenden muß. Das Ziel seiner forschenden Teilnahme sind Männer, deren Charakterbild in der Geschichte schwankt. Ihnen zu einer gerechteren Beurteilung bei der Nachwelt zu verhelfen, gewisse eingewurzelte Vorurteile der Geschichtsbetrachtung zu zerstreuen, ist ihm ein wichtiges Anliegen. Wir denken etwa an die Rettungen, die für Lessings Berliner Schriftstellerei kennzeichnend sind. Als O. E. Schmidt über Cicero zu schreiben begann, herrschte das Urteil Mommsens über den Arpinaten. Er durfte seinen Helden aus diesem Schatten heraus in ein günstigeres Licht rücken. In dem Buche »Fouqué, Apel, Miltitz, Beiträge zur Geschichte der deutschen Romantik«, wird einmal Fouqués Dichterruhm gegen mancherlei Verkennung sichergestellt und dann wird an dem Scharfenberger Kreis gezeigt, daß auch in dem weichen Klima der Romantik Männer ihren Wirklichkeitssinn und ihre Tatkraft sich bewahren konnten. Auch eine geschichtliche Gestalt, wie der Minister Brühl, ist nicht einfach mit einem Freispruch oder einer Verurteilung abgetan. O. E. Schmidt läßt seine falsche Politik und den Mißbrauch, den er mit seiner Amtsgewalt und mit dem Vertrauen seines Fürsten getrieben hat, scharf hervortreten, aber läßt uns doch auch in der ästhetischen Kraft seiner Prachtliebe und in seiner wirtschaftlichen Erfindungsgabe eine gewisse Genialität ahnen. Auf der anderen Seite sehen wir den großen Gegner Brühls, Friedrich II., im berechtigten Kampfe gegen das unbequeme Sachsen doch auch so kleine Mittel nicht verschmähen, wie es der Eingriff in den Privatbesitz des Ministers eines ist. In einer anderen Veröffentlichung der Sächsischen Kommission für Geschichte, sie heißt: »Aus der Zeit der Freiheitskriege und des Wiener Kongresses. Siebenundachtzig ungedruckte Briefe und Urkunden aus sächsischen Adelsarchiven«, verteidigt O. E. Schmidt Sachsen gegen den Vorwurf, daß es 1813 auf der falschen Seite gestanden habe. Er macht uns eine Reihe führender Männer bekannt, die mit Kraft und Wirkung den vaterländischen Gedanken des Befreiungskampfes in Sachsen vertreten haben. Daß sie damit nicht zur rechten Zeit durchdrangen, daß sie dann die drohende Zerstückelung Sachsens nicht verhindern konnten, war nicht ihre Schuld. Was er anderen anschaulich machen will, das sieht er sich nach Möglichkeit mit eigenen Augen an. Er weiß, daß die Vergangenheit nicht nur auf Urkunden von Pergament und von Papier sich niedergeschlagen hat, daß vielmehr fernes Leben in Mauerwerk und Stein, in alten Sitten und Bräuchen, in Werken der Kunst und in der Sprache aufzuspüren ist. Vor allem hat es sich ihm als fruchtbar erwiesen, einen Menschen zu verstehen, zu erklären aus dem Gehäuse, das er seinem Dasein gab. Darum ging er nach Italien und suchte die Stätten auf, wo Ciceros Villen standen; so wurde ihm der Briefschreiber lebendig, der im Tablinum dieser Villen gesonnen und geschrieben hatte. Wir freuen uns mit dem rüstigen Siebziger, daß nun die Schranken böser Zeiten gefallen und der Weg zu neuen Südlandsfahrten offen steht. Die Wurzeln dieser schönen Rüstigkeit, der ungetrübten Wanderfreude auch im Alter, liegen doch darin, daß er den Wandertrieb, der schon im Knaben fröhlich aufwachte, so folgerichtig durch ein ganzes Leben gepflegt hat. Was hier ein Handwerksbrauch, dort ein Mittel der Entspannung, was gesellschaftliche Veranstaltung, was Mode, Parteisymbol sogar geworden ist, das Wandern, er hat es zur Kunst entfaltet. Er ist ein Mann, der suchen kann, der aber auch zu finden versteht; ein Mann, der sehen kann, aber auch anderen die Augen zu öffnen vermag. Gewiß reden die Steine; es ist aber doch reizvoller und förderlicher, wenn O. E. Schmidt neben das alte, schöne Tor, neben den zerfallenen Turm tritt und ihre Sprache deutet. Wir hätten den einzigartigen Blick auf Dom und Albrechtsburg nie genossen, wenn er uns nicht zu dem Bodenfenster seiner Meißner Amtswohnung hinaufgeführt hätte, von dem aus sich der Blick erschloß. Was haben seine Wandergefährten für Erquickung und Gewinn gehabt, was auch der gelegentliche Besucher, den er nach ernstem Gespräche durch eine der Mittelstädte seines amtlichen Wirkens führte – sie hat im Bädeker keinen Stern – ihm durch Anschauung alter Baudenkmäler neue Erkenntnisse aufschloß und das Gleichgewicht seines Gemüts zurückgab. Immer hat der kursächsische Wandersmann auch den Leuten aufs Maul gesehen. Aus ihrer Sprache hat er das Wesen der deutschen Stämme, denen seine besondere Aufmerksamkeit galt, und ihre Geschichte aufgeleuchtet. Seine Ausführungen über die sächsischen Dialekte sind ein wirksames Mittel gegen die Vergiftung, die gewisse Dialektdichtungen im Bliemchenstil bei den anderen deutschen Stämmen hervorgerufen haben; eine Vergiftung des Gemüts, die mit einem mitleidig-verächtlichen Lächeln auf alles Sächsische glaubt reagieren zu dürfen.

Die Stärke O. E. Schmidts liegt nicht in der beweisenden Gedankenführung, in der Zusammenfassung philosophischer Höhenschau. Ihm kommt es immer auf das Anschauen des Lebens und seine getreue Wiedergabe im schriftstellerischen Bild an. Wir begreifen, wie stark das deutsche Schicksal der Jahre 1914/18 auf ihn wirken mußte. Dazu kam der Auftrag des sächsischen Königs, die Taten der Sachsen im Weltkriege zu schildern. Dieses Unternehmen vorzubereiten, ist er dreimal zu längerem Aufenthalt an die Front geschickt worden. Ein weitschichtiger Briefwechsel mit Kriegsteilnehmern und persönlicher Gedankenaustausch mit den militärischen Führern hat sich angeschlossen. Als ersten Ertrag bekamen wir 1915 das Büchlein »Eine Fahrt zu den Sachsen an die Front«. Dem mit unendlicher Mühe fertiggestellten Hauptwerke versperrte die Zensur den Weg in die Öffentlichkeit. Wir getrösten uns der kommenden Zeit, wo einmal die Staatsleitung und die Staatsbürger in gleicher Weise dieses Denkmal kriegerischer Leistung werden unbefangen werten können.

Am Anfang des vierten Bandes der Kursächsischen Streifzüge stellt O. E. Schmidt in einer Vision Jean Paul sich gegenüber und bezeugt dankbar den Einfluß, den er von ihm erfahren hat. Es besteht zwischen beiden nicht nur der äußere Anklang, daß weit über den engeren Kreis der Freunde hinaus auch der Doppelname Otto Eduard den allzuhäufigen Familiennamen entbehrlich gemacht hat. Vielmehr ist der Schilderer der kursächsischen Heimat seinem großen Vorbild auch in diesem Zuge ähnlich: er sieht die Welt mit den Augen eines Sonntagskindes an; darum erkennt er das Wundersame auch im kleinen und kleinsten. Er bringt es fertig, den bescheidenen Alltag sinnig zu beseelen und zu durchgeistigen. Einer der Freunde hat fein gesagt: »In jeder Pfütze sieht O. E. Schmidt das Stück Himmel, das sich darin spiegelt«. Mit einem freudigen Optimismus, der in der Güte und Reinheit seiner Gesinnung und letztlich in der frommen Haltung seines innersten Menschen ruht, bejaht er das Leben und freut sich der aufbauenden Kräfte, die in ihm wirken. Er ist davon durchdrungen, daß er eine Landschaft, ein Kunstwerk, einen Menschen nur dann verstehend erfassen kann, wenn er mit williger Liebe ihnen entgegenkommt.

Diese entgegenkommende Liebe und dieser Glaube an den Sieg des Guten haben in ihm die echte Gabe entfaltet, Freunden ein Freund zu sein; haben ihn befähigt, den Umfang persönlicher Beziehungen fast auf alle gesellschaftlichen Schichten seiner Heimat auszudehnen, in der bewußten Absicht, bei allen das Wertvolle zu finden und im Austausch mit ihnen seine Kenntnisse zu erweitern. Ob er mit der Wirtin im Dorfgasthaus plaudert, ob er sich von der Schwester eines toten Künstlers Werkstatt und Hinterlassenschaft zeigen läßt, ob er mit Pfarrer und Schullehrer in alten Kirchen und Ruinen umherkriecht, oder ob er in der Tafelrunde der Schloßherren sitzt, die ihn so gern als Sachverständigen in ihre Archive und als immer anregenden Erzähler in ihren geselligen Kreis rufen, immer bleibt er der Gleiche, fühlt sich am rechten Platz, ohne die Selbständigkeit seines Denkens und Fühlens irgend preiszugeben.

Zum Schluß kehren wir bei dem Siebziger ein, der mit seiner von ihm hoch gehaltenen Frau, mit Kindern und Enkeln den Familientag begeht; auf der Scholle, nach der er sich frühzeitig gesehnt, die er in heißem Mühen langsam sich erarbeitet, die er wieder, wie ein Häusler hackend und mähend, sich erhalten hat durch Zeiten der Not. Wir hoffen, daß auch wir, wenn das Fest schlafen gegangen ist, wieder einmal einkehren dürfen in Hirschsprung, nahe bei der Ladenmühle, daß er uns dann durch die schlichten aber heimeligen Räume des Bauernhäuschens führt und uns Hausrat zeigt, den er inzwischen vorm Untergang errettet und angekauft hat. Und wenn er uns dann die Geschichte dieses Stuhls und jenes Kruges erzählt, dann schauen wir verstohlen nach seinem Schreibtisch, ob sich da nicht wieder eine Handschrift zur Veröffentlichung rundet, und freuen uns auf das, was er uns wieder schenken will.

Rudolf Richter, Leipzig.

Fußnote:

[1] Dieser Aufsatz erschien in verkürzter Gestalt bereits zum siebzigsten Geburtstag des hervorragenden Gelehrten am 21. August 1925 in den Dresdner Nachrichten.