Großsedlitz einst und jetzt

Von Dr.-Ing. Hugo Koch, Nerchau-Leipzig

Aufnahmen von Walther Möbius, Dresden

Großsedlitz, einst das schönste und charaktervollste Gartenkunstwerk der Zeit Augusts des Starken, ist heute ein vergessenes Paradies, der Gefahr des Verfalles preisgegeben. Nur schneller Eingriff und gründliche Arbeit vermag das Gartenkunstwerk lebendig zu erhalten, das zu den schönsten Werken der Barockzeit zählt und zweifellos in der Kunstgeschichte des Gartens eine bedeutende Stellung einnimmt. Möchte die kurze Besprechung dieses seltenen Gartenbauwerkes die verantwortlichen Stellen auf seine Bedeutung aufmerksam machen und die daraus sich ergebende Verpflichtung zur Erhaltung dieses Kunstbesitzes wecken.

Abb. 1. Großsedlitz. Erster Entwurf für den Garten
Aus Hugo Koch: »Sächsische Gartenkunst«
[Details]

Mit August dem Starken war für Sachsen eine Zeit größter fürstlicher Prachtentfaltung gekommen. Sie blieb nicht stecken in vergänglichen Hoffesten und Prunkschaustellungen, sondern zeitigte durch prächtige Schöpfungen der Architektur und Gartenkunst dauernde Kunstwerte, denen heute noch Dresden, die fürstliche Residenz, ihre Bedeutung verdankt. Der König ging als erster Bauherr voran, ihm folgten im Wettstreit seine Getreuen, als einer der bedeutendsten unter ihnen Graf Wackerbarth, – der Begründer von Großsedlitz.

Abb. 2. Großsedlitz. Zweiter Entwurf für den Garten
Aus Hugo Koch: »Sächsische Gartenkunst«

In der Geschichte des sächsischen Gartens hat sein Name einen guten Klang, gehen doch neben Großsedlitz noch andere beachtliche Gartenkunstwerke – Wackerbarths Ruhe in der Lößnitz und die großzügige Gartenplanung am Schlosse zu Zabeltitz – auf seine Initiative zurück. Sein bevorzugter Architekt war Knöfel. Johann Christoph Knöfel, oder Knöffel, wurde 1686 zu Dresden geboren – 1722 wurde er Landbaumeister – 1728 Oberlandbaumeister. Im Schaffen Augusts des Starken tritt er noch wenig hervor. Unter August II. arbeitete er viel für den allmächtigen Minister des Königs, Brühl. Der Brühlsche Garten zu Dresden, die große Gartenanlage zu Pforthen gehen auf ihn zurück. Er war noch verhältnismäßig jung an Jahren, als ihn Wackerbarth mit der Großsedlitzer Planung betraute. Wenn wir dies nur vermuten und über die Künstler, die in Großsedlitz tätig waren, nur wenig Bestimmtes wissen, so liegt es daran, daß die einzigen Zeugen, die Entwürfe, Zeichnungen und Rechnungen bei dem Brand seines Wohnhauses, des Gouvernementsgebäudes zu Dresden am 19. Januar 1728 verloren gingen.

Abb. 3. Großsedlitz. Dritter Entwurf für den Garten, der etwa der ausgeführten Anlage entspricht
Aus Hugo Koch: »Sächsische Gartenkunst«

Großsedlitz, in Verbindung mit dem kaum eine Viertelstunde nordwestlich gelegenen Dorfe Kleinsedlitz, war ehedem ein schriftsässiges Rittergut. Eine große Feuersbrunst am 23. August 1715 (vgl. »Geschichte des Königlichen Schlosses und Gartens und Erklärung der Statuen des Parkes« von G. A. Abendroth. Zweite Auflage 1881) mag die Veranlassung gegeben haben, daß Heinrich Gottlob von Wolffersdorff am 21. Juli 1719 das Rittergut Groß- und Kleinsedlitz für zwanzigtausend Gulden an den Grafen von Wackerbarth verkaufte. Nun begann ein umfassendes Planen und eine rege Bautätigkeit. Bereits am 29. September 1719 wurde vier Einwohnern zu Kleinsedlitz durch den Beauftragten des Grafen, den Oberkommissarius Hofrat Matthäus Gärtner, eröffnet, »daß Se. Exzellenz auf’m Erlichtberge sich ein Gebäude aufzuführen Willens sei, wozu er ihre daselbst gelegenen dreieinviertel Acker zweiundzwanzig Ruthen nötig habe«. Gleichzeitig wurde die Planung von Großsedlitz in Angriff genommen, denn am 6. Oktober 1719 meldete der Hofrat Gärtner dem Gerichtsverwalter Barth, »daß er Dienstag, den 11. Oktober, früh in Großsedlitz eintreffen werde, um denen, so zu dem zu erbauenden Palais Land abgetreten, dafür Felder auf dem Kleinsedlitzer Berge abzustecken und mit Pflöcken zu berammen«. Beide Planungen für Klein- und Großsedlitz standen miteinander in Beziehung. Wie immer das Bestreben jener Tage dahin ging, die ganze Umgebung in die Komposition einzubeziehen, war das auf dem Erlichtberge in Kleinsedlitz geplante Schloß mit Garten, Terrassen und reichen Kaskadenanlagen, für welche das abschüssige Gelände nach dem Elbtale zu sehr glücklich benutzt werden sollte, ausersehen, mit der Planung für Großsedlitz auch den Blick auf Dresden und das westliche Elbtal zu erschließen. Die beiden großen Anlagen sollten durch zwei Lindenalleen verbunden werden. Durch Aufgabe des Projektes auf dem Erlichtberge kam hiervon nur ein Teil zur Ausführung. Alle Mittel wurden auf die Großsedlitzer Anlage verwandt.

Abb. 4. Großsedlitz. Blick vom Eingang auf das alte Orangeriegebäude

Wir sind von der Planung unterrichtet durch den Entwurf, der sich in der Kartensammlung der Staatsbibliothek in Dresden erhalten hat mit der Bezeichnung: »Projet du Château et Jardin de Sedlitz près de la ville de Dresde au Comte de Wackerbarth,« ohne Namen des Verfertigers ([Abbildung 1]). Er dürfte auf Knöfel zurückzuführen sein.

Abb. 5. Großsedlitz. Rückfront des alten Orangeriegebäudes

Der Schöpfer der Planung machte sich eine Taleinsenkung des Geländes in geistreicher Weise zunutze. Das Schloß mit zwei weit vorspringenden Flügelbauten und die zu beiden Seiten im stumpfen Winkel symmetrisch sich anfügenden Orangeriegebäude bilden als beherrschende Baugruppe den Zielpunkt der Anlage. In den Achsen der drei Gebäude führen Terrassen und reiche Wasseranlagen zur Taleinsenkung hinab, während das ansteigende Gelände gegenüber als Waldstatt, durchschnitten von Schneisen, ausgebildet ist. An diesen beherrschenden Mitteltrakt schließt rechts und links je eine weitere Anlage an. Wirtschaftsgebäude, Orangerie und Pavillonbauten dienen als Dominanten der dem Gelände wiederum gut angepaßten Gartenanlagen. Auch hier setzen weit in die Landschaft fortgeführte Alleen das Schloß mit der weiteren Umgebung in Beziehung.

Abb. 6. Großsedlitz. Aufgang zur Eingangsterrasse

Schloß und Orangeriegebäude kamen zuerst zur Ausführung. Doch schon im Januar 1723 ging das Besitztum an den König über mit der Bestimmung, daß Graf Wackerbarth über den eingetretenen Besitzwechsel Stillschweigen zu beobachten und die Vollendung der gesamten Anlage in seinem eigenen Namen, aber nach Angaben und auf Kosten des Königs, auszuführen hatte. Die Geheimhaltung des Kaufes dauerte bis 1726, in welchem Jahre die öffentliche Übergabe an den König erfolgte. In jene vier Jahre fällt die Herstellung der Gartenanlagen, wie diese in ihrer Grundform noch heute erhalten sind.

Abb. 7. Großsedlitz. Blick vom »Aha« nach dem Schloß

Was tat nun der König? Ihm konnte bei seinen königlichen Bedürfnissen das von Wackerbarth erbaute bescheidene Schlößchen nicht genügen. Er erkannte wohl auch mit seinem sicheren, künstlerischen Blick, daß das Schloß in seiner Anlage wenig glücklich in den Raum komponiert war, daß es bei seinen bescheidenen Abmessungen, es bestand nur aus Erdgeschoß und einem Stockwerk, nicht vermochte, der weitausgedehnten Anlage den beherrschenden Mittelpunkt zu geben. So ging er ans Um- und Neuplanen, und es ist naheliegend, daß er dazu die Künstler heranzog, mit denen er seine sonstigen Baupläne durchführte. – Pöppelmann, den bewährten Zwingerbaumeister und Zacharias Longuelune. Letzterer war 1664 in Paris geboren und herangebildet, gehörte zu dem Kreis von Künstlern, welcher sich am Hofe König Friedrichs I. von Preußen versammelt hatte und trat nach des Königs Tod 1703 in sächsische Dienste. Mit Longuelune fand in Sachsens Gartenkunst der großzügige Stil Lenôtres, des berühmten Schöpfers der Versailler Gartenanlagen, Eingang, und man darf wohl mit Sicherheit annehmen, daß ihm der Hauptanteil an der nunmehr vom König zur Durchführung gebrachten Großsedlitzer Gartenschöpfung gebührt, während Einzelteile der architektonisch-plastischen Arbeiten auf die Meisterhand Pöppelmanns zurückzuführen sind. Auch urkundlich ist bestätigt, daß Pöppelmann bei der Sedlitzer Planung tätig gewesen ist.

Abb. 8. Großsedlitz. Das neue Orangeriegebäude mit anschließendem Orangerieparterre

Nachdem der König es aufgegeben hatte, die Zwingeranlagen zu vollenden, wendete er sich mit großem Eifer der Sedlitzer Anlage zu. In der Sammlung für Baukunst an der Technischen Hochschule in Dresden und anderen Sammelstätten finden sich noch heute eine Reihe von Plänen, die des Königs korrigierenden Stift zeigen. Was letzten Endes das Ziel seiner Pläne war, zeigt ein Originalplan im ehemaligen Königlichen Oberhofmarschallamt in Dresden. ([Abbildung 2.])

Abb. 9. Großsedlitz. Seitlicher Blick auf das Orangerieparterre

Das Schloß wird ganz ausgeschieden aus der Planung, die Hauptachse der Gartenanlage auf das von Knöfel erbaute Orangeriehaus verlegt und an dessen Stelle ein großer Schloßbau geplant. Diese Achse wird im Garten zur beherrschenden erhoben durch reiche Kaskadenanlagen, die sich die Taleinsenkung des Geländes zunutze machen. Zu beiden Seiten sollte in der Tiefe, symmetrisch zur Hauptachse, je ein Orangerieparterre mit Orangeriehaus liegen, von denen nur das linke zur Ausführung kam. In ihrer Mittelachse führen aufsteigende heckenbegrenzte Wege zu einem quadratischen Platze, der, dem Schloß gegenüberliegend, als Abschluß der den Wald durchschneidenden Kaskade geplant war. In seiner Mitte liegt ein großes Wasserbecken. Ein Parterre von achteckiger Form, mit Pavillonbauten an den Eckpunkten, umschließt es. Eine lange Allee in der Achse des Schlosses führt den Blick in die weite Landschaft, und weitere zwei- und vierreihige Alleen stellen die Verbindung mit der übrigen Gartenplanung her; denn seitlich der Orangerieparterre schließen weitere Anlagen an, die als Waldstätten durchgebildet sind und im Geiste der Zeit Stätten gesellschaftlichen Lebens, Stätten des Spiels, lauschige Plätze und ruhige Wasserbecken bergen.

Abb. 10. Großsedlitz. Aufgang am Orangerieparterre, genannt »Die stille Musik«

Damit war eine Planung geschaffen, die durchaus den Anforderungen eines glänzenden Hofes in einer prachtliebenden Zeit entsprach. In ihrem architektonischen Aufbau wie in der Einzeldurchbildung stellt sie ein Meisterwerk dar, dessen einzigartige Wirkung wir uns wohl vorzustellen vermögen, wenn wir die auf uns überkommene Anlage im Geiste entsprechend ergänzen. Denn leider reichten die Mittel des Königs nicht zur völligen Durchführung des Planes. Von dem gesamten Entwurf kam nur der östliche Teil, und auch dieser nur teilweise zur Ausführung.

Abb. 11. Großsedlitz aus der Vogelschau
(Nach einer Zeichnung des Verfassers)

Ein Originalplan der Staatsbibliothek in Dresden, bezeichnet: »Plan de Sedlitz 29. Januar 1732«, gibt den Zustand der Schöpfung wieder, wie sie gegen Ende der Regierungszeit Augusts des Starken geplant war und wie sie nahezu auf uns überkommen ist. ([Abbildung 3.]) Denn nach dem Tode des kunstsinnigen Königs (1733) erlosch das Interesse für Großsedlitz. Sein Sohn und Nachfolger August II. führte den großzügigen Plan seines Vaters nicht weiter, wenn er auch hier oft sein Hoflager aufschlug und die Ordensfeste in alter Pracht mit wenigen Unterbrechungen jährlich am 3. August hier feierte. Noch 1756, während Friedrich der Große schon seine Zurüstungen zum Einmarsch in Sachsen vorbereitete, hielt er unter Lust und Jubel ein Ordensschießen ab. Niemand ahnte wohl damals, daß anstatt der lustigen Fanfaren beim Ordensfest schon wenige Wochen danach die Kriegstrompete hier erschallen würde, daß die friedlichen Räume und die Wasserkünste zerstört, die kupferne Bedachung des großen Orangeriehauses herabgerissen und in die feindlichen Arsenale gesendet, die Statuen aber fast ohne Ausnahme verstümmelt sein würden, wie uns Abendroth berichtet. Neue Kriegsstürme um 1813, in welchen der Garten selbst zum Schauplatze von Kämpfen wurde, schlugen weitere Wunden.

Abb. 12. Großsedlitz. Blick auf das Orangerieparterre
von der Terrasse oberhalb der stillen Musik

Erst unter König Friedrich August II. (1836 bis 1854) und seinem Nachfolger ging man an den Wiederaufbau. Zunächst wurde ein Teil der Statuen, die neunzig Jahre verstümmelt und grau mit Moos und Flechten überwachsen auf ihren Postamenten gestanden, in alter Weise hergestellt, ein Umbau der großen Freitreppen am Orangerieparterre vorgenommen und die Orangeriehäuser erneuert. Das 1813 zerstörte Schloß wurde in den Jahren 1872 bis 1874 nur etwa in ein Drittel der alten Größe wieder aufgebaut. War es schon vorher zu bescheiden in seinen Abmessungen, um der großzügigen Gartenplanung einen wirkungsvollen Abschluß zu geben, so steht es nunmehr als ein bescheidener Bau ohne rechte Beziehung ziemlich verloren in der Gesamtanlage. Und endlich wurde aus mangelnden Mitteln auf die Wiederherstellung der Wasserkünste verzichtet und damit der Anlage ein Hauptreiz genommen. Wenn wir auch annehmen müssen, daß die früheren Wassermengen nicht eben bedeutende waren, so dürften sie doch genügt haben, um die gewollte Wirkung einigermaßen zu erreichen. Die wenigen durch eine neue Leitung heute mit Wasser gespeisten Becken können nicht als Ersatz gelten. Wenn trotzdem der Garten von Großsedlitz auch heute noch eine tiefe Wirkung ausübt, so vermag man zu erkennen, welch bedeutsames Kunstwerk hier entstehen sollte, dessen heutige Gestalt wir nunmehr durch einen Rundgang kennenlernen wollen.

Abb. 13. Großsedlitz. Die große Freitreppe zwischen Orangerieparterre und Kaskadenanlage

Wir betreten heute den berühmten alten Garten durch die Gärtnerwohnung hinter dem Knöfelschen Orangeriebau und befinden uns hier auf der oberen Terrasse, auf welcher in der Planung Augusts des Starken ([Abbildung 2]) die Schloßbauten entstehen sollten. Hier erschließt sich ein reizvoller Blick auf die Rückseite des Knöfelschen Orangeriebaues. ([Abbildung 4] und [5].) Beschnittene Hecken säumen die Wege und umschlossen einst ein großes Wasserbecken ([Abbildung 3]) von dem die Speisung einiger Wasserkünste erfolgte. Heute ist die Fläche zu Frühbeetanlagen ausgenutzt. In der Mittelachse führt eine breite, im Schnitt gehaltene Allee (i i auf [Abb. 3]) auf der oberen Terrasse entlang, mit steinernen Ruhebänken zu beiden Seiten. In der Mitte öffnet sich eine freie Aussicht auf den tiefer liegenden Garten. Wir stehen oberhalb eines runden Wasserbeckens, aus welchem ehemals drei glitzernde Wasserstrahlen emporstiegen. Feingeschwungene Freitreppen vermitteln den Höhenunterschied von etwa vier Meter. Die Balustraden zieren große Vasen mit Reliefporträts in feiner Sandsteinarbeit. ([Abb. 6.]) Wir gelangen hinab in ein großes Parterre, einem ebenen Wiesenplan, der ehemals durch eine reich verzierte Borde eingefaßt war. Nach einem Plane in der Sammlung für Baukunst sollten an den Längswänden, die durch Heckenwände oder Gitterwerk gebildet waren, zwischen Ruheplätzen in halbkreisförmigen Nischen je fünf Wasserkünste, insgesamt zwanzig, das Bild beleben. Heute sind nur noch die begrenzenden Heckenwände vorhanden und trotz aller Einfachheit ergibt sich auch heute noch durch die fein abgewogenen Raumverhältnisse ein starker Eindruck. Rechts, nach dem Schlosse zu, ist das Parterre durch eine Steinbalustrade abgeschlossen. Zwei steinerne Sphinxe bewachen den Eingang, während nach links Waldstätten anschließen. Wir gelangen hier zunächst in ein großes Rundteil von etwa achtundzwanzig Meter im Durchmesser, wo vier Statuen, die Allegorie des Ackerbaues, der Fischerei, die Siegesgöttin Viktoria und die Hygiea wirkungsvolle Aufstellung gefunden haben. In den anschließenden Waldstätten war eine Kegelbahn untergebracht und ein Naturtheater geplant, was jedoch heute nicht mehr vorhanden ist und wohl überhaupt nicht zur Ausführung kam. Die Längsachse des großen Wiesenparterres findet nach links ihren Abschluß durch ein sogenanntes »Aha«. Die Einfriedigungsmauer ist hier unterbrochen und der Abschluß durch einen gemauerten Graben ersetzt, damit der Blick ins Weite geführt wird. Im Vordergrund auf [Abbildung 7] ist das Aha zu erkennen und zeigt das Bild den Blick von hier nach dem Schlosse zu.

Wir kehren nach dem Wiesenparterre zurück und treten auf einen der drei bastionartigen Austritte oberhalb des durch Longuelune geschaffenen Orangeriegebäudes. Hier bietet sich ein köstliches Bild. ([Abb. 8] und [9].) In der Tiefe breitet sich das Orangerieparterre aus, dessen ursprüngliche Gestalt in einem Originalplan in der Sammlung für Baukunst ersichtlich und in meiner »Sächsischen Gartenkunst« wiedergegeben ist. Den Mittelweg flankieren zu beiden Seiten lange schmale Wasserbecken, in denen einst je neun kleine Fontainen sprangen. Auf den Wegen, die den vertieften Rasenplatz umgeben, stehen noch heute eine große Anzahl Orangeriebäume. Ehemals war die Orangerie dieses Gartens sehr berühmt. Iccander berichtet »von dem Hoch-Reichs-Gräflichen Wackerbarthischen Garten zu Sedlitz, der seinesgleichen weit und breit in Deutschland nicht haben wird, daß der fleißige orientalische Kunst- und Lustgärtner Herr Meyer mehr als zwanzigtausend rare Indianische und andere ausländische Gewächse konservieret und man zwei amerikanische Aloen siehet, die wohl in kurzer Zeit zur Blüte getrieben werden dürften«. Am etwas erhöhten äußeren Rand des Parterres stehen stumpfe, kegelförmig verschnittene Buchen, so weit gesetzt, daß der Durchblick noch frei, aber in der Perspektive das Bild geschlossen erscheint, und der Blick auf die Mittelgruppe, die sogenannte »stille Musik«, gelenkt wird ([Abb. 10]), ein Meisterwerk Pöppelmannscher Gestaltungskraft. Zu beiden Seiten eines Wasserbeckens führen geschwungene Treppen hinauf zum oberen Parterrerundgang. Zwölf kleinere Figuren von ungemein reizvoller Wirkung zieren die Treppenbalustraden. Darstellungen musizierender Tritonen haben ihr den Namen »stille Musik« gegeben – mit vollem Recht. In der Mitte des Wasserbeckens sprang einst eine Fontäne, die den Blick weiter hinaufführte in die freie Landschaft, denn eine Allee durchschneidet die hohe noch unter Schnitt gehaltene Waldstatt, die das Parterre bogenförmig abschließt. Zu den hohen dunklen Heckenwänden stehen die weißen Statuen in ihrer bewegten Haltung in wirkungsvollem Gegensatz. Wenn Großsedlitz weiter nichts böte, als dieses in Abmessungen und räumlicher Gestaltung wundervoll gelungene Orangerieparterre, so genügte es allein schon, um diese Gartenschöpfung als eine der bedeutendsten aller Zeiten zu bezeichnen. Daraus ist zu ermessen, daß diese Anlage unbedingt vor weiterem Verfall geschützt werden muß. Vor allem bedürfen die in ihren Abmessungen so trefflich gelungenen Treppenanlagen zu beiden Seiten des Parterres wie auch die »stille Musik« dringend einer gründlichen Ausbesserung. Die vor dem Orangeriehaus heute aufgeschlagene Freilichtbühne stört durch ihre Stuhlreihen den großen Eindruck und würde besser in einem abgeschiedeneren Teil des Parkes untergebracht werden.

Wir benutzen nun die großen Freitreppen, um vom oberen Wiesenparterre nach der »stillen Musik« zu gelangen und von hier aus das gegenüberliegende Parkbild zu genießen. ([Abb. 11] bis [13].) Mit großem Geschick ist der Höhenunterschied zwischen dem oberen Wiesenparterre und dem tieferen Orangerieparterre zur Anlage des Orangeriehauses benutzt. Es wurde im Jahre 1862 neu aufgeführt, auch mit Wasserleitung versehen und öffnet sich in weiten Bogen nach dem Garten zu, so recht geeignet, in heißer Sommerszeit schattigen Wandelgang zu bieten. Der Entwurf Longuelunes hierfür ist noch erhalten, aus dem ersichtlich ist, daß statt der Rundbogenfenster früher Flachbogenfenster gewählt waren. Die große Horizontale des Baues wird unterstrichen durch hohe beschnittene Heckenwände, hinter denen die kubisch beschnittenen Alleen der höher liegenden Gartenteile sichtbar werden.

Abb. 14. Großsedlitz. Blick nach dem alten Orangeriegebäude und dem Schloß

Wenden wir den Blick weiter westlich, so erscheint ein noch malerischeres Bild. Den oberen Abschluß, auf schmaler Terrasse, bildet das alte Gewächshaus, von Knöfel erbaut, einfach in den Formen, doch im Umriß fein abgestimmt. ([Abb. 14.]) An dieser Stelle war in der erweiterten Planung von August dem Starken der große Schloßbau geplant und daher diese Achse als Hauptperspektive besonders reich ausgebildet worden. Wenige Stufen führen vom Orangeriebau Knöfels zu dem vorliegenden großen Hauptparterre hinab, in vier Felder gegliedert, von denen die hinteren zwei nach Art der Teppichbeete ehemals reich geziert waren. Heute haben hier die Arzneipflanzen-Siedlungen der Hofapotheke ihren Platz gefunden. Störend wirken die vielen großen Namentafeln, die etwas kleiner auch ihren Zweck erreichen und nicht so unangenehm auffallen würden, wie überhaupt hier in der Kriegszeit angepflanzte Nutzsträucher und dergleichen endlich beseitigt und gepflegte Anlagen geschaffen werden sollten. Vor den ehemaligen zwei großen Teppichbeeten liegen zwei große Wasserbecken, deren Brunnen heute nicht mehr springen. ([Abb. 15.]) Eine Steinbalustrade als Bekrönung der hohen Futtermauer schließt dies Parterre gegen den tiefer liegenden Garten ab, zu welchem reich gegliederte Kaskadenbecken hinabführten, heute noch erkenntlich an den großen Vasen, die als Wasserbecken gedacht waren. ([Abb. 16.]) Aus vorhandenen Plänen geht hervor, daß auf der ersten Kaskadenmauer beiderseits je vier Springbrunnen angeordnet waren, während die Mitte eine größere Fontäne beherrscht. Auf dem nächst niederen Absatz werden die Wasserkünste kleiner, je zwei bescheidenere Strahlen treten an Stelle des großen, und plätschernd sollte sich wohl das flüssige Element in das große unterste Becken ergießen. Gegenüber aber rauschte von der waldigen Höhe aus einem engen, von Statuen umgebenen Becken das Wasser in zahlreichen schmäleren Fällen in Form einer Kaskade herab. Es sammelte sich im untersten großen Becken, welches zwei treffliche Statuen schmücken. Mit feinem künstlerischen Gefühl wußte der entwerfende Künstler die Wirkung durch die seitlich im Waldesdunkel liegenden Fontänenbecken zu heben, deren ehemals springende Wasser im stimmungsvollen Akkord zur Wassertreppe traten. ([Abb. 17.]) Durch diesen pyramidenförmigen Aufbau, diese allmähliche Steigerung ist ein Gesamtbild geschaffen worden, wie es reizender kaum gedacht werden kann. Nicht wenig tragen die acht trefflichen Doppelstatuen in ihrer fein bewegten Umrißlinie zur Wirkung des Gesamteindruckes bei. Weiter müssen wir uns zur Vollständigkeit des Bildes die seitlichen Treppen der Kaskade von einer lustwandelnden Hofgesellschaft belebt denken. Sie steigen die Stufen gemessenen graziösen Schrittes empor, um am Ende der Allee im gegenseitigen Austausch die herrliche Aussicht auf die von ferne winkenden Zinnen von Pirna und die malerisch im Nebel verhüllten Berge der Sächsischen Schweiz genießen zu können. In trautem Zwiegespräch kehren sie zurück und verlieren sich in den weiten Räumen des Gartens.

Abb. 15. Großsedlitz. Das alte Orangeriegebäude mit vorliegendem Wasserbecken

Wir wenden uns mit ihnen zu den schattigen Ruheplätzen, welche zu beiden Seiten der Kaskade in einer Geraden angelegt sind. Ganz links erfreut unser Auge die kräftige Gestalt des farnesischen Herkules ([Abb. 18]), während bei der Kaskade Cybele, die Göttin der Erde, und Juno, die Himmelskönigin, wohl die beste Statue des Gartens, unseren Blick fesseln. Steinerne Ruhebänke laden ein zu näherer Betrachtung.

Abb. 16. Blick auf das große Kaskadenbecken, dahinter das Orangerieparterre

Nicht alle Statuen des Gartens besitzen höheren Kunstwert, aber durch ihre meisterhafte Aufstellung geben sie dem Garten reiches Leben. ([Abb. 19] und [20].) In der Aufstellung der Plastiken hatte man von Frankreich gelernt. Überall setzt der Künstler seine Statuen gegen den dunklen Hintergrund der Hecken, überall sieht man sich in Gesellschaft der alten Götter, nur sind diese aus den hellen reinen Höhen des Olymps herabgestiegen in die Sphäre der Kulissen und haben vielfach Gestalt und Ausdruck bekannter Mitglieder des Hofes angenommen. Sie gaben so reichen Stoff zur Belehrung und Belustigung. Die später angebrachten Namentafeln aus Blech sollte man bei einer Instandsetzung, die in vielen Fällen dringend nötig ist, beseitigen.

Abb. 17. Großsedlitz. Blick auf die »Wassertreppe«
(Aufnahme des Verfassers)

Wir aber lenken nun unsere Schritte weiter westlich nach der großen Allee, welche die Achse des ehemaligen Schlosses aufnimmt und in die Weite führt. Dieser Teil der Planung ist in den Anfängen stecken geblieben. Nach der unter August dem Starken vorgenommenen Umplanung sollte hier ein zweites Orangerieparterre entstehen, was aber aus Mangel an Mitteln nicht zur Ausführung kam.

Abb. 18. Großsedlitz. »Herkules«

So ist Großsedlitz ein Torso geblieben. Ihm fehlt der bestimmende Schloßbau, der die reiche malerische Gartenanlage zur Einheit zusammenschließt. Was aber in seinen Einzelteilen geschaffen worden ist, gehört zu dem Schönsten und Reifsten, was die Gartenkunst je hervorgebracht hat. Hier ist die Verfolgung des Zieles gelungen, das der bekannte Gartentheoretiker Daviler dahin bezeichnet, daß die größte Kunst bei der Anlage von Gärten in der Benutzung der Vorteile und Fehler des Grundstücks bestehe bei geringster Veränderung der Bodenlage. Die auf jene verwendeten Kosten seien doppelt mißliche, weil man den Erfolg nach Vollendung der Arbeit nicht sehe. So ist es in Großsedlitz gelungen, durch Benutzung vorhandener Bodengestaltung ein Gartenkunstwerk zu schaffen, dessen höchste Werte in den wundervollen Raumgestaltungen seiner Einzelteile liegen. Es ist auf dem Gebiete der Gartenkunst – etwa wie der Zwinger als Architekturschöpfung – ein einzigartiges Werk.

Abb. 19. Großsedlitz. »Afrika«

Ich sah Großsedlitz nach Jahren wieder, an einem sonnigen Herbsttage in einer wunderbaren Herbststimmung. Der Eindruck war stärker denn je. Etwas ging wohl auf Kosten der prächtigen Herbstfärbung, andererseits fehlte jedweder blühende Blumenflor und auch der Schmuck der bereits eingewinterten Orangenbäume. Ganz klar und einfach trat darum die Struktur dieses einzigartigen Gartens zu Tage, allein das Raumkunstwerk von Großsedlitz sprach und wirkte – wirkte tiefer noch als je.

Abb. 20. Großsedlitz. »Adonis«

Das ist wirklich Großes, was sich so behaupten kann, ohne jedwede schmückende Zutat, was noch eine unvergängliche Wirkung ausübt – im Sterben –. Ja, vom Sterben dieser einzigartigen Schöpfung raunte es in den Wipfeln und in den Hecken und auf dem Rasen und in dem Gestein. Wie lange noch werd’ ich dem Schicksal trotzen, das mich verstoßen, vergessen –, vergessen im Weichbild einer Großstadt, in einer Zeit, wo man den Wert von Grünflächen für die Volksgesundheit erkannt hat, von einer Stadt, die noch heute vom Ruhm der Werke zehrt, deren Meister auch mich erschufen – mich als ein einzigartiges Werk in der ganzen Geschichte der Gartenkunst, unberührt vom Geist der Sentimentalität und Romantik, dem so manche Anlage der Barockzeit zum Opfer fiel, der auch mich wohl erfaßt hätte, wenn ich nicht von jeher als Stiefkind behandelt worden wäre, das weit draußen vor den Toren von Dresden der Vergessenheit anheim fiel. Aber noch sträube ich mich mit aller Kraft gegen das Sterben. Unsere Wurzeln sind gesund, versicherten die Hecken und die Waldstätten. Etwas mehr Pflege, und wir werden es euch danken durch frischeres Grünen und Blühen. – Verschließt meine Risse und Wunden, die mir das Alter schlug, und ich bleibe fest gefügt, flehte das Gestein, die Balustraden, die Mauern. – Die Götter des Olymp aber baten um ihr Leben, sie würden dann auch Jahrzehnte und Jahrhunderte weiter unermüdlich erzählen von dem Einst, dem Geist ihrer Schöpfer und dem lebensprühenden gesellschaftlichen Bild, das sich in diesem Garten entfaltete.

Selbst die Sphinxe auf der oberen Terrasse, die scheinbar teilnahmlos mit undurchdringlichem Ausdruck zugehört hatten, ließen sich nun anklagend vernehmen. Stolz sei das heutige Geschlecht auf seine Kultur. Stolz der Staat auf seinen Kunstbesitz, den er im wesentlichen dem abgedankten Königshaus verdanke. Nun habe er auch von Großsedlitz Besitz ergriffen für die Volksgemeinschaft, ohne aber das Mahnwort: »Besitz verpflichtet« zu beherzigen. Und wo gelte das mehr als beim Staate, der der Volksgemeinschaft verantwortlich sei für die ihm anvertrauten kulturellen Güter.

So und ähnlich klang’s und rauschte es in diesem wundervollen Gartenbauwerk an jenem sonnigen Herbsttag. Möchte das Klagen, Flehen und Mahnen auch an die Stellen dringen, denen die Verantwortung und Pflege für diesen einzigartigen Kunstbesitz obliegt. Denn selbst bei ganz nüchterner Betrachtung und Erwägung wird man dann erkennen, daß sofortige Hilfe not tut. Wohl wird in heutiger Zeit auch der begeisterte Kunstfreund nicht fordern, daß große Summen bewilligt werden, um Großsedlitz im einstigen Glanze erstrahlen zu lassen. Das mag einer besseren Zeit vorbehalten bleiben. Zum anderen wird es aber auch niemand verantworten können, hier ein Werk sterben zu lassen, das einzig in seiner Art und mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln zu pflegen und damit noch Jahrhunderte hindurch zu erhalten ist. Wo ein Wille, da ein Weg. Wenn es wirklich nicht durchführbar sein sollte, aus laufenden Etatmitteln Beträge von der Regierung bzw. dem Landtag zu erhalten, so müßte doch zum mindesten der Staat als großindustrieller Unternehmer die moralische Pflicht in sich fühlen, hier helfend einzuspringen. Den sächsischen Werken, die zur Förderung ihrer wirtschaftlichen Betriebe geradezu vernichtend in das Bild der Heimat eingreifen, müßte es eine Ehrensache sein, auf der anderen Seite etwas für die Erhaltung wertvoller Denkmäler der Heimat zu tun. Wenn wir schätzen, daß schon ein Betrag von etwa fünf- bis zehntausend Mark auf einige Jahre ausreichen würde, um die Großsedlitzer Anlage wieder lebensfähig herzustellen, dann sollte man doch wirklich nicht zögern, das Opfer zu bringen, und aus den wirtschaftlichen Betrieben des Staates die Mittel zur Verfügung stellen. Ein einzigartiges Gartenbauwerk, das zweifellos zu den reifsten Schöpfungen der Gartenkunst aller Zeiten gehört, gilt es vor dem Verfall zu retten!