Schloß Augustusburg als Reichsdenkmal für unsere im Weltkrieg Gefallenen

Von Otto Eduard Schmidt

Aufnahmen des Heimatschutzes

Der Gedanke, der Gesamtheit unserer im Weltkrieg Gefallenen unter Beteiligung des ganzen Volkes von Reichs wegen ein würdiges Denkmal zu weihen, lebt immer von neuem auf und ist trotz des für uns ungünstigen Ausganges des Krieges unabweisbar. Denn in welcher anderen Zeit hätte wohl das deutsche Volk, in Sonderheit seine Frontkämpfer, ein größeres, ergreifenderes und wirkungsvolleres Heldentum an den Tag gelegt? Aber unser Schicksal und unsere Lage ist derart, daß sie uns nicht zu einem stolzen und prunkvollen Neubau hindrängt. Aus dieser Empfindung heraus ist der Plan entstanden, eine unserer altberühmten Burgen zum Reichsdenkmal der Gefallenen zu weihen. Zu den Burgen und Schlössern, die dafür in Betracht kommen, ja sogar zu einer schon getroffenen engeren Auswahl unter denselben gehört auch unsere sächsische Augustusburg, und ein durch seine Vaterlands- und Heimatsliebe wohlbekannter Mann, Geheimrat Meinel auf Tannenbergstal in Sachsen, hat soeben in einer an den Reichsminister des Innern gerichteten Eingabe diesen Plan mit warmen Worten empfohlen. So wird er binnen kurzem die Öffentlichkeit beschäftigen. Deshalb hat mich der Vorstand des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz ersucht, in den »Mitteilungen« von den mir naheliegenden landeskundlichen und geschichtlichen Gesichtspunkten aus über das genannte Schloß und die darauf sich erstreckenden Pläne zu berichten.

Abb. 1. Vorhof der Augustusburg mit der Auffahrt

Abb. 2. Die Augustusburg mit dem inneren Tor

Die Augustusburg, 1568 bis 1572 erbaut, ist die Nachfolgerin der mittelalterlichen Burg Schellenberg. Diese lag, ebenso wie das heutige Schloß, auf der gewaltigen, rechts von der Zschopau, links von der Flöha umspülten Porphyrplatte, die wie ein gewaltiger Eckturm den Nordrand des eigentlichen Erzgebirges und zugleich den Punkt bezeichnet, in dem sich das westliche von dem östlichen Gebirge scheidet. Das Flöhatal gilt als die Grenze der beiden Gebiete. Diese Porphyrplatte schiebt sich von Öderan (d. h. »Ort bei den Edern« = Zäunen, Grenzen) südwärts in den ungeheuren Grenzwald vor, der in alter Zeit als ein unbewohntes Puffergebiet zwischen der Mark Meißen und dem Herzogtum Böhmen lag. Dieser Grenzwald war kaiserlich, ebenso der hier hindurchführende Paß von Öderan über Zöblitz und Sebastiansberg nach Komotau oder von Chemnitz über Zschopau-Wolkenstein nach Preßnitz und ins Egertal. Der Eingang zu beiden Straßen, die zu den wichtigsten Verbindungsgliedern zwischen Nord- und Süddeutschland gehörten, wurde von der Burg Schellenberg beherrscht. Deshalb waren die ritterlichen Herren von Schellenberg, denen auch die Burgen Rauenstein an der Flöha und Lauterstein bei Zöblitz als südlich vorgeschobene Posten gehörten, nicht Vasallen der Meißner Markgrafen, sondern standen als edelfreie Ritter unmittelbar unter dem Kaiser. Erst als die kaiserliche Gewalt zertrümmert und das reichsunmittelbare Geschlecht der Schellenberg wegen eines Frevels, den es gegen das Kloster Altzella verübt hatte, geächtet war (1323), kam der wichtige Porphyrfelsen mit seiner Burg in den Besitz der Wettiner (5. April 1324), und nach der Leipziger Teilung (1485) in den Besitz der Albertinischen Herzöge von Sachsen. In der Zeit, wo sich der Schmalkaldische Krieg vorbereitete, hat sich in der Burg Schellenberg eine denkwürdige Szene zugetragen. Der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, in Sorge um die Zukunft seines vom Kaiser Karl V. mit Ächtung bedrohten Hauses, besuchte dort im Jahre 1545 zur Zeit der Hirschbrunft seinen Vetter Herzog Moritz und suchte im Vertrauen auf seine eigene Trunkfestigkeit dem in diesem Punkte schwächeren Moritz beim nächtlichen Gelage seine politischen Geheimnisse zu entlocken. Aber Moritz verriet sich nicht, nur wäre er bei der Heimreise nach Dresden an den Folgen des schweren Trunks fast gestorben. In der Tat wurde das Jahr 1547 das Schicksalsjahr der Ernestiner: sie verloren den größten Teil ihrer Länder an die Albertiner, aber es wurde auch das Schicksalsjahr der Burg Schellenberg: sie brannte im Jahre 1547 durch Blitzschlag ab. Zwanzig Jahre lang lag nun die Burg in Schutt und Asche. Da faßte Kurfürst August im April 1567 voll Siegesfreude über die Eroberung der Feste Grimmenstein zu Gotha den Plan, »weil solches des Hauses Sachsen ältesten Schlösser eines, aus erforderter Notdurft, auch zur Zierde des Landes alle solches Schlosses alte Gebäude abtragen zu lassen und zu verordnen, daß an der Stelle ein neues Schloß gebaut werde.« Er gewann dafür als Baumeister den Leipziger Bürgermeister Hieronymus Lotter, der elf Jahre zuvor mit unerhörter Geschwindigkeit den reizvollen Hallen- und Giebelbau des Leipziger Rathauses geschaffen hatte, und dieser an der Schwelle der Siebzig stehende Mann brachte wirklich in vierjährigem, heißem Bemühen den umfangreichen Schloßbau zustande (1568 bis 1572), die letzte Vollendung aber wurde, weil Lotter unverdientermaßen bei dem ungeduldigen Bauherrn in Ungnade gefallen war, dem italienischen Grafen Rochus zu Lynar anvertraut. Außer der Vorburg mit dem gewaltigen äußeren und inneren Tor und der hochgelegten steinernen Auffahrt zeigte das Schloß vier wuchtige, breit dastehende Ecktürme, die durch meist dreistöckige Flügel untereinander zu einem großen Rechtecke verbunden sind. Sie enthielten in reicher Fülle die Säle und Gemächer für einen groß zugeschnittenen fürstlichen Hofhalt. Der Außenbau ist in schlichten, aber markigen Formen gehalten, die Innenräume waren vom Hofmaler Heinrich Göding nach den Angaben des Kurfürsten mit sinnvoller Malerei ausgeschmückt von teils lehrhafter, teils humorvoll-satirischer Art. So war in der »Turteltaubenstube«, wo sich die Hoffräuleins aufzuhalten pflegten, die Kurfürstin Anna über der Tür gemalt, wie sie mit strengem Blick darüber wacht, daß ja nichts Anstößiges geschieht, und neben ihr stand ein Fräulein, das den Pferdefuß, der als Strafe für Verstöße gegen den Anstand verwendet wurde, auf der Schulter trug. Weit berühmt waren die Bilder des »Hasenhauses«, in denen Göding, den Schlußgedanken des »Mümmelmann« von Hermann Löns vorwegnehmend, die Hasen als die eigentlichen Herren der Erde in der Ausübung aller menschlichen Geschäfte, auch als Staatsmänner und Kriegsleute dargestellt hatte, doch so, daß sie zuletzt wieder den Menschen unterliegen und wie einst in Pfannen und an Bratspießen ihr unrühmliches Ende finden.

Abb. 3. Das innere Tor der Augustusburg

Abb. 4. Der Kirchenflügel der Augustusburg

Abb. 5. Schmalseite der Kirche mit der Kanzel und einem Teil der Decke

Ganz eigenartig ist die von dem Niederländer Erhard van der Meer geschaffene Schloßkirche. Sie entspricht als rechteckige Saalkirche durchaus den Anforderungen einer Predigtkirche. Über dem Schiff erheben sich die unten von steinernen Bögen und toskanischen Säulen, oben von jonischen Säulen getragenen Emporen, die von einer Decke überwölbt werden, bei der das gotische Rippenwerk durch ein der Kassettendecke sich näherndes System aus rotem Rochlitzer Stein ersetzt ist. Das Altarbild, ein Werk des jüngeren Cranach, zeigt unter dem Gekreuzigten den Kurfürsten mit acht Söhnen und die Kurfürstin mit sechs Töchtern. Es ist zugleich ein Totenmal: denn nur zwei von den Söhnen sind durch Medaillen an der Halskette und nur zwei von den Töchtern sind durch Kränze als noch lebend bezeichnet. Im Hintergrunde des Bildes sehen wir rechts die ehemalige Burg Schellenberg und links die Annaburg (in der jetzigen preußischen Provinz Sachsen). Kurfürst August war bei manchen Bedenken, die man gegen seinen Charakter erheben darf, ein ausgezeichneter Organisator der Volkswirtschaft und vor allem ein großer Lebenskünstler. Als Lotter wegen der starken Wirkung von Wind und Wetter auf der ganz frei gelegenen Höhe die Maße für die Fenster des Schlosses etwas klein genommen hatte, befahl ihm der Kurfürst in einem Briefe, sie größer zu machen, weil »in gewelben, tie (die) nicht genugksamb Wetter und Licht haben, ganz verdrießlich und langweilig zu wohnen« sei. Deshalb hatte der Kurfürst auch, die Gunst der Lage benutzend, angeordnet, daß der ganze Bau in der Höhe des dritten Stockes von einer breiten Galerie umzogen werde, die nach allen Himmelsgegenden hin freie Aussicht gestatte. Von dieser Galerie zeigte er im Jahre 1575 das vollendete Werk dem ihm gesinnungsverwandten Kaiser Maximilian II. und genoß mit ihm die herrliche Aussicht namentlich nach Süden in die wildreichen Bach- und Flußtäler und hinüber bis zur Kammlinie des Erzgebirges, die das entzückte Auge hier vom Keilberg im Westen bis zum Geising im Osten beherrscht. Von besonderen Merkwürdigkeiten erwähne ich noch die uralte sieben Meter im Umfang haltende, aber nur zwei Meter dreißig Zentimeter hohe Linde, die mit der Krone in die Erde gepflanzt sein soll und sich so breit verästelt, daß sie von einem Balkengerüst gestützt wird, und den vom Freiberger Bergmeister Martin Planer in siebenjähriger Arbeit fast durch den ganzen Porphyrmantel des Berges einhundertundsiebzig Meter tief gesprengten Brunnen, für dessen Betrieb ein besonderes Göpelwerk vorhanden war.

Abb. 6. Kanzel und Altar der Kirche in Schloß Augustusburg

Abb. 7. Ein Saal des Hasenhauses in der Augustusburg

Leider ist von der ursprünglichen Schönheit der Augustusburg im Laufe der Jahrhunderte durch widrige Schicksale und Vernachlässigung viel abgebröckelt. Die Malerei ist an den meisten Stellen verblaßt, die aussichtsreichen Galerien und die sie überragenden Giebel und Dachgeschosse sind 1798 wegen Baufälligkeit abgebrochen worden. Dagegen ist die Kirche, abgesehen von einem, die alte feine Farbenstimmung störenden inneren Anstrich, völlig unversehrt erhalten, ebenso das gewaltige Mauerwerk der Türme und des ersten und zweiten Stockwerkes, auch ist das Schloß noch jetzt in allen Teilen bewohnbar. Einige Räume sind dem Erzgebirgs-Verkehrs-Museum zugewiesen, andere sind von Beamten und Behörden eingenommen, andere stehen leer, im Erdgeschoß herrscht ein lebhafter Gastwirtschaftsbetrieb. Denn Schloß Augustusburg ist schon jetzt zu allen Jahreszeiten das Ziel von Tausenden von Wanderern, die aus der näheren und weiteren Umgebung dort zusammenströmen.

Abb. 8. Blick von der Augustusburg in das Flöhatal

Abb. 9. Blick nach Augustusburg auf dem Wege von Öderan

Aber – und nun kommen wir zur Hauptfrage – ist es denn geeignet, eine würdige Erinnerungsstätte an unsere Toten aus dem Weltkriege zu werden? Ich kann diese Frage nur bejahen. Denn hier vereinigen sich alle Erfordernisse der Natur und Lage, der Geschichte und Kunst zu einer nur an wenigen Punkten in gleichem Maße wiederkehrenden Harmonie. Die riesige Porphyrplatte (zweihundertundzwanzig Meter über die Umgebung emporragend) ist auch ohne das darauf ruhende Schloß ein bedeutendes Denkmal der Natur, eine Art von natürlichen Aussichtssöller für das Mittelstück des deutschen Mittelgebirges, und die darauf errichtete Burg war gleich von Anfang an ein Stück steingewordener Fürsorge der lebendigen Reichsgewalt, eine Warte des nord- und süddeutschen Verkehrs in der großen Zeit der Kreuz- und Römerzüge und dann eine weithinleuchtende Stätte landesfürstlicher Wirtschaftlichkeit. Aber auch ohne alle diese geschichtlichen Erinnerungen eignet sich Schloß Augustusburg zum Reichsdenkmal der Gefallenen durch die ganze würdige und großzügige Art des Bauwerks, durch seine schöne Lage und leichte Erreichbarkeit. Hier brauchen nicht ungezählte Millionen in einen ungewissen Baugrund versenkt zu werden: das Schloß thront auf seinem Porphyrfelsen wie ein Bau für die Ewigkeit, das vorhandene Mauerwerk ist stark und tragfähig. Es kommt nur darauf an, das Schloß in seiner ursprünglichen Höhe wieder herzustellen, d. h. das abgebrochene dritte Stockwerk, von dem es gut beglaubigte Abbildungen gibt, in seiner alten Höhe und Schönheit wieder aufzubauen und mit der nach allen Himmelsrichtungen ausschauenden Galerie zu umziehen. Diese bietet dann Raum, daß an Sonn- und Festtagen Hunderte von Menschen gleichzeitig den entzückenden Ausblick in die nahen Wald- und Flußtäler, über die reich angebaute Landschaft, die deutschen Ackerbau und deutsche Industrie vermählt, und hinüber auf die stille Kammlinie des Gebirges genießen und dabei an ihre gefallenen Lieben und an die Zukunft des deutschen Volkes denken können. Alle Wohnungen, Amtszimmer und der Gastwirtschaftsbetrieb müßten natürlich aus dem Schlosse verschwinden; dann würden seine Säle und Zimmer dazu ausreichen, für die Toten jeden Armeekorps und jedes Geschwaders unserer Marine einen besonderen Erinnerungsraum zu schaffen! Die Kirche wird der natürliche Ort werden für Gedenkfeiern der Vereinigungen ehemaliger Frontkämpfer; ein gewaltiger Felsblock im Hofe oder im Schloßgarten würde die lapidare Weiheinschrift für das Ganze enthalten. Die ganze Umgebung des Schlosses müßte durch Haine mit deutschen Laub- und Nadelbäumen und Zypressen auf die im Schlosse herrschende Stimmung vorbereiten, ebenso die aus der Ebene und aus den Waldtälern zum Schlosse führenden Wege und Straßen. Und wie leicht ist dieses in der Mitte Sachsens, im innersten Herzen des Reiches gelegene Denkmal auch von den Rändern der deutschen Erde zu erreichen! Es ist schon jetzt mit der großen Verkehrslinie München–Hof–Dresden–Breslau von der Station Flöha aus durch die Zschopautalbahn und eine Drahtseilbahn verbunden. So führt also die Linie Hof–Chemnitz den süddeutschen, die Linie Leipzig–Chemnitz den westdeutschen, die Linie Berlin–Chemnitz den nord- und nordostdeutschen, die Linie Breslau–Dresden den ostdeutschen Verkehr heran, und bei ganz großen nationalen Feiern gestattet die Nähe der Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz, auch sehr große Volksmassen unterzubringen. Schon jetzt sieht jeder, der von Hof oder Zwickau nach Dresden und Breslau fährt, die eigenartige Umrißlinie des Schlosses Augustusburg am Horizont auftauchen und wieder verschwinden und wieder auftauchen. Um wieviel mehr wird das der Fall sein, wenn der Bau in seiner alten Höhe wieder hergestellt ist und wenn seine ganz besondere Bestimmung und Weihe die Blicke aller Mitreisenden in ganz anderem Maße und mit viel tieferer innerer Teilnahme darauf hinlenken.

Abb. 10. Blick auf Erdmannsdorf und die darüberliegende Augustusburg