15 000 Mark

In Buchstaben: Fünfzehntausend Mark.

Nach einigem Zögern hatte auch ich mir ein Los der 5. Sächsischen Geldlotterie des Landesvereins »Sächsischer Heimatschutz« geleistet. Warum auch nicht! Wer opfert nicht von Herzen gern eine Mark und fünfzig Pfennig gerade für diesen Verein! Und sollte man es sogar in der Befürchtung tun, nichts zu gewinnen! Aber nein, für mich kam die Sache ganz anders. Meine Losnummer endete mit einer eins, und durch die Gewinnliste, die ich mir für zehn Pfennig kaufte, erfuhr ich die große Tatsache: alle Lose, die mit einer eins endigen, haben eine Mark und fünfzig Pfennig gewonnen, oder mit anderen Worten: sie erhalten den Loseinsatz zurück! So steckte ich also mein wohlverwahrtes Los ein und fuhr mit der Elektrischen von meiner Vorstadt aus bis auf den Pirnaischen Platz, von dort aus lenkte ich meine großen Schritte nach der Schießgasse zu. Vor der Geschäftsstelle des Landesvereins hielt ein leeres Auto. Warum sollte vor der Geschäftsstelle des Landesvereins nicht einmal ein leeres Auto halten? Konnte ihm nicht eben der Herr Hofrat Seyffert entstiegen sein? Doch nein, fast möchte ich’s nicht glauben: der Herr Hofrat, der noch vor kurzem durch das ganze liebe Sachsenland gewandert ist, um Schätze für sein Paradies in dem früheren Jägerhof drüben auf der Asterstraße zu sammeln, wird auch bis auf die Schießgasse nicht erst ein Auto nehmen. Wie dem auch sei: vor der Geschäftsstelle des Landesvereins hielt ein leeres Auto. Ich ließ es dort stehen, solange es wollte, und stieg behutsam die alte steinerne Treppe hinauf. Im Vorraum der Geschäftsstelle zeigte ein großer Pfeil nach links, nach dem Zimmer nämlich, in dem die Gewinne ausgestellt wurden. Ich schwenkte also, was ich sonst nie tue, nach links, mein Los in der Hand, und bemerkte auf den Stühlen des Vorraumes Männer und Frauen, die sich gar geheimnisvoll zuflüsterten. Ich ahnte, daß sie alle einmütig zusammengehörten. Jetzt erst trat ich in den großen Raum ein. An dem langen Zahltisch stand neben mir ein stattlicher Mann, etwa dreißig Jahre alt, einfach gekleidet, aber ohne den geringsten Tadel. Der legte, genau wie ich es nach ihm tat, sein Los auf die Tafel, um seinen Gewinn abzuholen. Aber er hatte eine ganz andere Nummer gezogen als ich: 86 156! Und das wußte ich noch von der Gewinnliste her, die ich mir für zehn Pfennig gekauft hatte: »Die Prämie von fünfzehntausend Reichsmark fiel auf die Nummer 86 156 mit einem Gewinn von fünfundzwanzig Reichsmark.«

So stand ich also neben dem Glücklichen, der in jenem Augenblick ein reicher Mann wurde. Aufgeregt war er, das merkte man ihm an. Ja, wenn nun auch nur eine Ziffer nicht gestimmt hätte, oder wenn ... na kurz, er glaubte es selbst erst, als die Beamten die Nummer nachgeprüft hatten und ihm nun 15 000 M., in Buchstaben: fünfzehntausend Mark auf einem großen Zahlbrett auszahlten. Auf die fünfundzwanzig Mark verzichtete er freiwillig, und während er das viele, viele Geld in seine Brieftaschen steckte, gab er immer und immer wieder die Versicherung ab, diesmal sei der Gewinn wirklich in gute Hände geraten. Bald wußte ich auch seinen Namen und seinen Wohnort, ich war der erste, der ihn beglückwünschte, dann aber zog ich mich bescheiden zurück; denn ich wollte nicht gleichzeitig auch der erste sein, der ihn ... anbettelte! Er wird schon bald danach bemerkt haben, wie beliebt er überall ist, wo er sich nur irgend sehen ließe. Jetzt kam ich selbst an die Reihe und ließ mir meinen Gewinn auszahlen: eine Mark und fünfzig Pfennig. Und als ich wieder in den Vorraum kam, fand ich meine Vermutung bestätigt: mitten im Kreise – es war wohl sein Verwandtschaftskreis – stand er, der reiche Mann, und er zeigte ihnen soviel gutes Geld, wie sie wohl noch nie gesehen hatten: 15 000 Mark! Ob er schon wußte, was er mit seinem Gewinn anfinge? Ich für meinen Teil überlegte nicht lange, ich ging in den zweiten Raum, legte zu meinem Gewinn noch eine halbe Mark hinzu und bezahlte an den Landesverein meinen Mitgliedsbeitrag, mit dem ich noch weit im Rückstande war. Ich zahlte nun sogleich für zwei Monate auf einmal! Und blieb noch immer ein großes Stück hinter dem Heereszug zurück. Als ich die steinerne Treppe wieder bedächtig hinuntergestiegen war, füllte sich das Auto mit vergnügt aussehenden Männern und Frauen. Töff, töff, und fort ging die Fahrt. Nun ich einmal mitten in der Stadt war, benutzte ich die Gelegenheit, hier und da noch etwas zu erledigen, und erst in später Abendstunde trat ich meinen Heimweg an. Sonderbarerweise kam mir gar nicht der Gedanke, mit der Elektrischen heimzufahren; nein, Schritt für Schritt marschierte ich heraus in meine Vorstadt. Mir war, als fänden die Vorübergehenden etwas Besonderes an mir; sollten sie mir es etwa ansehen, daß ich heute Augen- und Ohrenzeuge eines so großen Ereignisses gewesen war? Oder glaubten sie etwa gar ...? Nein, das – gewiß nicht. Von Zeit zu Zeit griff ich an meine Tasche; ich konnte unbesorgt sein: ich hatte sie noch immer bei mir, meine – Quittung über den Mitgliedsbeitrag für zwei Monate auf einmal!

Als ich bei uns daheim ankam, lagen die Meinen bereits in stiller Ruh, wie einstmals Babylon, und ich bemühte mich, sie nicht zu stören. Leise ging ich in mein Zimmer, tastete nach einem Streichholz und brannte die Gaslampe an; nur halbhell ließ ich es im Zimmer werden; denn für meine Gedanken brauchte ich keine grelle Beleuchtung. Eigentlich wollten wir schon längst elektrisches Licht haben, aber immer wieder reichte der Draht nicht, und so verpaßten wir den Anschluß vom Treppenhaus aus bis in die Wohnung. Für heute jedoch war es gut so: wird man doch mit elektrischer Beleuchtung wohl kaum Dämmerlicht erzeugen können, wie ich es gerade brauchte. Dichten und trachten – und sei es auch böse von Jugend auf – man muß es doch bisweilen tun, und mir will es nur dann gelingen, wenn ich um mich herum blaue Wölkchen aufsteigen sehe, die sich phantastisch gestalten, bis sie sich in einer bestimmten Höhe beruhigen und zu einem dicken Strich verdichten. Darum setzte ich zuerst eine Zigarre in Brand und dann mich selbst ganz allein um den großen Tisch herum, der für gewöhnlich noch meine Frau und zwei erwachsene Kinder um sich versammelt sieht. Im Dämmerlicht schrieb ich mit festen Zügen auf ein großes Blatt Papier:

1,50 M.

Und wie ich so dasaß und sann und sann, da machte sich plötzlich und unerwartet das scheinbar unscheinbare Komma auf die Wanderschaft und rückte nach rechts bis hinter die erste Null. Da waren aus meinem Gewinn schon hundertfünfzig Mark geworden. Ich fügte noch eine Null hinzu, und das Komma stellte sich dahinter. 1500 Mark las ich jetzt halblaut vor mich hin. Noch einmal griff ich zum Blei, nicht zum tödlichen, sondern nur, um noch eine Null hinzuzuschreiben; denn, dachte ich mir, aller guten Dinge sind drei. Und als ich die letzte Null oben verschloß, krach! da brach die Spitze des Bleistiftes ab und ward nicht mehr gesehen! Auch mein Komma war verschwunden, zum mindesten habe ich ihm keine Beachtung mehr geschenkt, und ich schenke doch sonst so gern! Da hatte ich sie wieder vor mir, die große Zahl, die mich heute nicht aus ihrem Bannkreis weichen lassen wollte:

15 000 M.!

Fünfzehntausend Mark! Hätte ich doch meinen Gedanken nicht so ganz freien Lauf gelassen! Aber schon war es zu spät! Fünfzehntausend Mark! Auf den letzten Pfennig genau war es derselbe Betrag, der mein einst war und den ich vor ein paar Jahren in den Händen meines deutschen Vaterlandes kleiner und immer kleiner werden sah, bis er sich eines schönen Tages, oder sagen wir lieber eines schlimmen Tages, in ein Nichts aufgelöst hatte. Doch, machen wir es ganz wie unser Vaterland: reden wir nicht davon! Fünfzehntausend Mark! Um sie zu erlangen, braucht es schon anderer Vorbedingungen, als sie bei mir erfüllt sind, da muß man Z... heißen, aus Gr... in der sächsischen Lausitz stammen und in der 5. Sächsischen Heimatschutz-Geldlotterie das Los 86 156 ziehen. Immerhin, wer es auch gewonnen hat, es sind und bleiben doch fünfzehntausend Mark. Nach dieser unwiderlegbaren Feststellung muß ich wohl oder übel meinem griechischen Freunde Morpheus in die weichen Arme gefallen sein; denn nach kurzer Zeit hatte ich das beglückende Gefühl, als besäße ich fünfzehntausend Mark. Und mit all meiner Freud’, was fang’ ich wohl an? Nun, laßt mich in der mir angeborenen Bescheidenheit mit mir selbst beginnen! Oder halt: schnell erst eintausend Mark auf die Seite geschoben für arme Leute als Weihnachtsgeschenk, es könnte sonst zuletzt nichts mehr übrigbleiben! Dann kommt mein Teil. Ach, wie schäbig sieht mein »guter« Anzug aus, den ich mir vor dem Kriege nach Maß bauen ließ. Nichts ist mehr schön daran als die Knöpfe allein. Richtig, vor ein paar Jahren gewann ich bei einem Preisausschreiben fünfzig Mark, und als ich die Summe brüderlich teilte, da sprang für mich eine neue Steinnußknopfgarnitur heraus. Morgen also will ich zu einem Dresdner Schneider gehen, der nur nach der ersten Taxe berechnet und womöglich auch da noch etwas draufschlägt, und vor dem Christfeste noch muß der Anzug fertig sein. Dann kaufe ich mir Bücher über Bücher; ich bin den jetzt lebenden Dichtern noch soviel Dankbarkeit schuldig: von manchen besitze ich ein Buch, von den meisten aber auch das nicht einmal. Ganz verarmt bin ich in literarischer Beziehung, und mit einer wahren Todesverachtung verschlang ich noch bis gestern sämtliche Weihnachtskataloge, die mir mehrere Buchhändler freundlichst überreicht hatten. Das soll nun anders werden: von morgen an begnüge ich mich nicht mehr mit empfehlenden Extrakten, sondern ich trinke nun wieder an der Quelle und werde da lange, lange sitzen bleiben können. Gegenwärtig sitze ich noch im Dämmerlicht der Gaslampe, und meine Füße ruhen auf den selbstbraunfleckig gestrichenen Dielen. Im ersten Jahre unserer sonst so glücklichen Ehe schenkten uns reiche Verwandte sechzig Mark für einen Teppich. Wir brauchten aber das Geld für höhere Zwecke, und so verwandelte sich der Teppich in einen Zukunftstraum und ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Aber das soll nun anders werden, morgen schon kaufe ich einen Teppich, nicht für einmal, nicht für zweimal, nein, für siebenmal sechzig Mark, wenn es so teure überhaupt gibt, nun, bei Weymar auf der Schloßstraße wird wohl Rat werden. Und alle unsere Zimmer sollen in elektrischem Licht erstrahlen.

Und jetzt kommt ihr an die Reihe, meine beiden Kinder! Du, Reinhart, mein Sohn, brauchst nun keine Hosen mehr zu tragen, in die deine Mutter einen ganz bestimmten Teil neu einsetzen mußte, brauchst auch weder abgenutzte Hüte, Schlipse und Schuhe deines Vaters noch weiter abzutragen; du sollst schon morgen vom Scheitel, den du immer so fein pflegst, bis zur Sohle, die du seit langem schon durch Pneumette-Einlagen aus dem Reka gangbarer zu gestalten trachtest, neu ausstaffiert werden. Und während ich dich von der höheren Schule wegnehmen mußte, weil ich die Millionen und Milliarden nicht mehr erschwingen konnte, gehst du nun dank den drei Nullen, die ohne Komma an der fünfzehn hängen, wieder aufs Gymnasium, wo du trotz deiner reichgeschmückten Oberlippe aufgenommen werden wirst. Dann siedelst du nach Klein-Paris über, das bildet seine Leute, da kannst du studieren und singen nach Herzenslust. Und für dich, Sieglinde, meine Tochter, brauchen wir nun nicht mehr die Möbel an die Wand zu malen; in das feinste Dresdner Möbelhaus, in die Hellerauer Kunstwerkstätten wollen wir gehen, nein ... fahren, und für dich Möbel aussuchen, das sich gewaschen hat. Dann wird mir noch immer Geld genug übrigbleiben, und so kann ich zu meiner Schwester Martha, die sich im Kriege am Krankenlager der Soldaten viel zu schaffen gemacht und sich dabei eine schwere Krankheit zugezogen hat, sagen: mach dir keine Sorge um deine Gesundheit, gehe den ganzen Winter nach dem warmen Süden, und komme im Frühjahr geheilt zurück!

So träumte ich noch lange Zeit dahin. Plötzlich hörte ich, und das war schon kein Traum mehr, zwei Türen ganz verdächtig quietschen, die eine, die vom Schlafzimmer nach dem Vorsaal, und die andere, die von dort nach meinem Zimmer führt. Richtig, dachte ich schnell noch im Vollbesitz meiner fünfzehntausend Mark, auch sämtliche Türen meiner Wohnung lasse ich morgen ölen! Und vor mir stand sie, meine Lebensgefährtin, die mich auch in den Jahren der Armut Tag für Tag mit Liebe und Treue umgeben hat. Behutsam weckte sie mich aus meinem Halbschlummer und führte mich in das Gefilde der Wirklichkeit zurück, die doch auch so schön, ach, so schön ist. Ich umarmte sie lange und berichtete ihr freudestrahlend von meinem doppelten Glück: einmal hatte ich Mitgliedsbeitrag gezahlt für zwei Monate auf einmal, und umgaukelt hatte mich ein schöner Traum!

Paul Krause.