Bedeutungswandel von Vor- und Familiennamen
Von Dr. phil. R. Trögel, Auerbach i. V.
Die eigenartige sprachliche Erscheinung, daß Personennamen in Gattungsbezeichnungen übergehen, ist schon mehrfach Gegenstand der Untersuchung gewesen[1]. Da aber die seelischen Grundursachen für diese Art des Bedeutungswandels, die von Wundt in seiner Völkerpsychologie als »singuläre Namensübertragung[2]« gekennzeichnet worden ist, immer wieder im Laufe der sprachlichen Entwicklung wirksam sind, lassen sich mancherlei Ergänzungen bringen, die teils im Schrifttum verborgen lagen, teils aber auch als erst in den letzten Jahren entstanden überhaupt noch nicht schriftlich aufgezeichnet worden sind.
Schon die Tatsache, daß bis in die neueste Zeit hinein Eigennamen zu Gattungsnamen werden, beweist den engen inneren Zusammenhang zwischen den beiden Arten. Freilich, scheinbar und bei flüchtiger Betrachtung liegt darin geradezu ein tiefer Widerspruch. Der Eigenname ist, wie der Name sagt, das ureigenste Besitztum einer Person, mit seinem Träger untrennbar fest verbunden, weil er dessen Wesen als Einheit nach außen hin im Gegensatz zu anderen Persönlichkeiten zur Erscheinung bringt. Umfaßt nicht jeder Gattungsname eine ganze Zahl mannigfaltiger Einzelwesen, indem er die ihnen gemeinsamen wesentlichen Merkmale zusammenschließt? Von einer Gegensätzlichkeit kann jedoch bei näherer Prüfung keine Rede sein. Die Unterschiede sind, soweit solche überhaupt bestehen, nur solche des Grades, und da, wo oberflächliche Beobachtung unüberbrückbare Gegensätze annimmt, sieht der Blick des Forschers enge Verwandtschaft und ewigen Kreislauf. Aus Gattungsnamen erwachsen Eigennamen, und diese wieder erhalten aus irgendwelchen Ursachen appellativischen Sinn. Besonders auffällig tritt diese Begriffswandlung an dem Vornamen Karl zutage. Daß es ursprünglich ein Gattungsname war, bezeugt ahd. charal, mhd. Karl = Mann, Ehemann, Geliebter, das mundartlich in der ablautenden Form Kerl lebendig ist. Die gewaltige Persönlichkeit des großen Frankenherrschers hat seinen Namen fast über ganz Europa verbreitet, und bei den slawischen Völkern des Ostens erhielt derselbe den allgemeinen Sinn eines Appelativums »König, Herrscher« (polnisch król, russisch karóli, lit. karâlius, albanisch kralj, magyarisch király). Der Eindruck einer Persönlichkeit von sehr hervortretender Eigentümlichkeit und starke Affektwirkung hatten, wie Wundt dartut, zu dieser Assoziation herausgefordert. In weitaus den meisten Fällen wird sich der Eintritt des Bedeutungswandels kaum auf eine bestimmte Persönlichkeit und auf einen bestimmten Zeitpunkt zurückführen lassen. Die Voraussetzungen sind ebenso wie die seelischen Ursachen nie dieselben, immer ganz individueller Art. Das will Wundt mit dem Ausdruck singuläre Namenübertragung sagen. Die Übertragung von Personennamen beschränkt sich aber nicht auf Personen; es liegt tief im Wesen der menschlichen Natur begründet, auch Tiere und selbst leblose Dinge zu verpersönlichen, und die Sprache ist voll von solchen Personifikationen. Das bedeutet aber wieder einen Übergang des Eigennamens zu einem Gattungsnamen.
Wenn es sich nun darum handelt, in die Fülle von Beispielen irgendwie Ordnung und Übersichtlichkeit zu bringen, so treten zunächst zwei Gruppen deutlich auseinander. Am Anfang der Entwicklung hat bei allen Völkern die Einnamigkeit gestanden; der Vorname mußte genügen, eine Persönlichkeit nach ihren körperlichen und seelischen Eigenheiten zu kennzeichnen. Erst spät (im 17. Jahrhundert) kam man darauf, Doppelvornamen zu geben, die Familiennamen stellen den Abschluß der Namengebung dar. Es ist darum nicht verwunderlich, daß die Zahl der Vornamen, die einen Bedeutungswandel in dem angedeuteten Sinne erfahren, die der Familiennamen bei weitem übertrifft. Innerhalb jeder dieser beiden Gruppen kann wieder darnach unterschieden werden, ob der Name auf eine andere Person, auf Tier oder Pflanze oder endlich auf einen Gegenstand übertragen wird. Die Übersicht beschränkt sich auf die deutsche Sprache; nur vergleichsweise werden Fälle aus anderen Sprachen angeführt.
Wenn Itschner[3] Typen und Gattungsnamen als Ergebnis der Bedeutungserweiterung – denn um eine solche handelt es sich immer – scheidet, so kann auch diese Trennung nur um äußerer Gründe willen gerechtfertigt werden. Auch hier liegen schließlich nur Gradunterschiede vor; denn ein Typus stellt in einer Persönlichkeit die Summe aller der Eigentümlichkeiten dar, die einer ganzen Reihe von menschlichen Individuen gemeinsam zukommen, sofern diese in irgendeiner Beziehung gleichartig sind. Eine große Zahl von biblischen, antiken, sagenhaften und geschichtlichen Personen, sowie von Gestalten aus Werken der Literatur wird zum Abbild einer ganzen Menschengattung, eines Standes, Berufes oder einer Gesellschaftsklasse: Ein Mensch von besonderer Größe und Stärke ist ein (Riese) Goliath nach 1. Sam. 17, 14; ein ausgezeichneter Jäger wird als Nimrod, ein Mann von recht hohem Alter als Methusalem bezeichnet; einen ruchlosen Menschen nennt man wohl übertreibend einen Satan; die reuige Sünderin erscheint, allerdings unter falscher Auffassung von Luk. 7, 36 und 8, 2, als büßende Magdalena. Ein Adonis ist ein bildschöner Jüngling, der Argus ein mißtrauischer Wächter; ein Krösus verfügt über ungeheure Reichtümer, Ganymed, der Mundschenk der Griechengötter, wird zum Kellner überhaupt; jeder Beschützer der Künste und Wissenschaften wird als Mäcen gefeiert; der unerfahrene Jüngling hat einen Mentor wie einst Telemachos. Es erübrigt sich, die Reihe über Xanthippe, Don Juan, Schweppermann, Byron usw. bis in die Gegenwart weiterzuführen. Der Verbreitungsbereich ist aus leicht erkennbaren Gründen auf die Gebildeten beschränkt. Nur in ganz wenigen Fällen ist der Kreis weiter gezogen; dann schreitet die Entwicklung auch fort zur Bezeichnung von leblosen Gegenständen, wie wenn im Französischen ein Judas nicht bloß der hinterlistige Verräter ist, sondern auch das »Guckloch in der Tür« (den gleichen Bedeutungswandel zeigt im Deutschen der Begriff Spion).