Bodentreue
Von A. Eichhorn, Glashütte
Und hat die Heimat karges Brot
und Nebellast das ganze Jahr,
sie ist trotz aller, aller Not
so wunderselig licht und klar.
Mit tausend Ketten bindet sie,
mit tausend Armen hält sie fest,
wie eine arme Mutter, die
ihr sterbend Kind noch an sich preßt.
(Gustav Schüler.)
Kämpfer und Dulder waren und sind die Menschen droben im Kammland unseres Erzgebirges. Festgedrückt an den Boden erscheinen die niedrigen, schindelbedachten Berghütten. So geschaut, wandeln sie sich zum Ausdruck der Seelenstimmung ihrer Bewohner: Festhalten, einkrampfen in den Boden, den der Vorfahr in langer Geschlechterfolge durch kraftverzehrende Arbeit der Wildnis entriß und damit die Wetterkräfte in ihrer urgewaltigen Wirkung minderte. Bleiben, kämpfen oder dulden, aber nicht weichen, wenn fremder Zunge Bodengier nach der »Hamit« leckt.
»Silva liminaris«, Grenzwald, nennt eine Urkunde des Klosters Ossegg vom Jahre 1203 das wilde Waldgebirge zwischen Sachsen und Böhmen. Eine lebendige Schutzmauer war der dickichtstrotzende, moorbergende, tagereisenbreite Urwald für Böhmen. Nur wenige Saumpfade liefen durch die Wildnis, martervolle Wegfahrten für die Reisenden. Einzelne »Landestore«, porta terrae, öffneten die Waldmauer um dieses Jahrhundert: So bei Kulm, Graupen, an der Riesenburg, bei Preßnitz und Graslitz. Den Grenzwaldklöstern ward der Grenzschutz geboten. Leute deutscher Abstammung betreuten die Landestore und besserten auf Geheiß der Klostermänner in friedvollen Zeiten die steinigten und wurzelüberflochtenen Pfade zu gangbaren Handelswegen. Deutsches Blut heimatete zuerst im wilden Waldland.
Abb. 1. Das Kammdorf Göhren. Im Hintergrunde der Wieselstein
Auf steilem Einzelfelsen oder schroff absinkender Talwand bauten im elften und zwölften Jahrhundert thüringische und fränkische Ritter ihre Wohnstätten, anfangs wohl nur aus einem Turm bestehend und erst im Zeitenlauf sich zur trotzenden Schutzfeste wandelnd. Die Wahrzeichen deutscher Besiedelung sind die Burgen unseres Erzgebirges, Wächter, die sich einhorsteten in die Wildnis, zu fördern deutsche Kulturarbeit und wo nötig, zu trotzen slawischem Wesen. Nach ihrer alten Heimat sandten die Ritter ihre Unternehmer, um »Kolonisten« zu werben fürs neue Land. Mancher Einwanderer erschrak, als ihm sein Stück Land zur Rodung zugewiesen ward, schlich verzweifelnd am Abend zur Blockhütte, wenn das Ringen mit Baum, Stein und Tier schier übermenschlich werden wollte in der maßlosen Wildnis. Heute künden die langen, strauchbestandenen Steinrücken von harten Tagen vergangener Geschlechter und säumen in mittlerer Höhenlage schenkenden Boden. Wie von gewaltigen Recken gebaut, lagern die Steinwälle droben bei Gebirgsneudorf. So urhafte Mauern, kaum sind sie wieder zu finden im ganzen Gebirge, konnte nur ein Wille türmen, der den bezwungenen Boden ewig haben wollte.
Was aber lockte die Menschen einst bis hinauf ins Kammland, wo schwankender Grund keinen Fuß tragen will und ungebändigte Wildnis ehedem eine rauhere Luft aushauchte als in unseren Tagen? Der Berge erzene Adern wollten sie ritzen, ausschmelzen den erzschwangeren Fels. »Montes metalliferi«, Erzgebirge, wurde das Gebirge benannt. Reicher Bergsegen ward gehoben. So gab es auch im kalten Kammland Brot, und den Erzgräbern fiel das Bleiben nicht schwer. Deutsche Bergleute waren es, die von Freiberg aus allmählich den sanftansteigenden Nordabhang hinaufsiedelten, des Hochlands Erzgänge »fündig« machten und auch seinen böhmischen Teil mit manchem Bergstädtlein betupften. Da kamen friedlose Zeiten auch zum Bergmann in der hohen Einsamkeit. Als der Krieg begann, in dem katholische und lutherische Heere dreißig Jahre lang miteinander stritten, kam nach der Schlacht am Weißen Berge bei Prag der Jesuit ins Erzgebirge. Duldung war ihm ein unbekannt Wort. Mit roher Gewalt hieß er die »Bekehrungsdragoner« ihres Amtes walten. Bürgerrecht, Amt und Handwerk verlor die Glaubenstreue. Hinaus aus dem Land, wenn du nicht unsere Messe hörst! Mancher traurige Zug von vertriebenen, doch innerlich starken Menschen, bewegte sich über die Grenze nach Sachsen. Oft nur wenige Minuten von der alten Heimat entfernt gründeten die Exulanten das neue Heim. Johanngeorgenstadt, Neuschönberg, Rothenthal, Zinnwald, Neugeorgenfeld, Gottgetreu und noch manch anderer Ort im Grenzgebiet wurde von ihnen gegründet. Das Jahrhundert jesuitischer Gewalt beraubte das böhmische Kammland seiner besten Siedler, nur gut, daß sie nicht fortgegangen, sondern nur Schritte gewichen, denn mancher Notruf kam von »drüben«, den ihre helfende Hand zu leiserem Klingen brachte, wenn sie nicht selbst ärgste Not bedrückte. Der Krieg suchte ja alle Winkel im Gebirge auf. Oft hallten Marterschreie im Bergwald wieder. Verängstet schlichen die Flüchtlinge wieder aus dem Moor. Ein Häuflein Asche lag auf dem Eigengrund. Lange standen sie ratlos auf den Trümmern ihrer Heimstätten.
Die Häuslein erstanden wieder.
Da klang es erst hier und dort, dann vielerorts und bald im ganzen Gebirge von einem Gespenst, das zwingen würde, fortzugehen. Bald ward das heimlich Gefürchtete schlimme Wirklichkeit: Der Berge erzene Adern hatten sich vertrieft. Jahre kamen, da mußten die Erzsucher um längst verdienten Lohn bitten, waren zufrieden, wenn ihnen »Brot und Geleucht« gewährt ward. Bleiche, vermühte Männer wandelten zum Stollen. Kamen sie aus ihrer sonnenlosen Werkstatt, dann war nur zu oft auch draußen das Tageslicht von schleichendem Nebel gedüstert. Schwermütig gingen sie zwischen den geisternden Stämmen ihrer Hütte zu. Aber treu blieben sie ihrer Arbeit, treu ihrem Häusel. Es war zu schwer fortzugehen, weil des Schichtglöckleins Ruf zu bindend geworden, zumal denen, die seiner Stimme ein Leben lang gefolgt. Und als das grausame Wort erklang: Sucht anderswo nach Brot, der Tag der Ablohnung ist nicht mehr fern, da vertrauten sie noch immer der Wünschelrute, daß neue Gänge fündig würden und hofften auf bergtechnischen Fortschritt, der die noch ruhenden Schätze lohnender zu heben vermöchte.
Als der Bergmann sein Gezähe aus der Hand legte, da feierten auch die Zimmerleute, die den Stollen stützten, des Hammerschmieds Wasserrad schufen und besserten, die Hammerstiele schnitzten. Seltner rauchte ein Meiler. Runde, schwarze Flächen auf dem Waldgrund sagten noch eine kurze Zeit, daß hier die rußigen Kohlenbrenner geschafft. Heute weckt nur noch des Flurnamens Klang die Erinnerung an des Köhlers Arbeitsplatz.
Was tun im unwirtlichen Hochland? Fortgehen, das Häusel verlassen? Nein, von den Bergen steigen wir nicht. Bleiben wir treu dem Kammland, dann wird auch uns der Boden treu bleiben mit seiner schlummernden Kraft!
Nun begann ein zäher Kampf mit den schwamm- und flechtenüberwucherten Holzriesen, die sich mit ihrem unterirdischen Wurzelreiche zu einem einzigen Wesen verschlangen. Die Siedler gingen sie an mit Feuer, Säge, Axt und Keil, daß die urhaften Holzleiber krachend stürzten; sie rangen mit Wurzeln und Felsen, legten Pfade durch moorigen Boden, entwässerten und wandelten so in schweren Wochen jungfräulichen Grund zur viehnährenden Wiese.
Mit festem Willen ermunterten die Starken die Verzweifelnden, sprachen von besserer Ernte, wenn das Neuland erst an ein Fruchttragen gewöhnt, zeigten, wie ein schützender Zaun zu bauen sei, damit der Hirsch die mühsam gezogene Saat nicht wieder zertrample, wußten das stolze Bewußtsein in den Mitringenden zu stärken: Wir haben einen Boden zum Geben gebracht, der noch keine Bauernarbeit lohnte. Die Erkenntnis ward starker Wille: Den geben wir nimmermehr her.
So geht das Mühen um kargen Ernteertrag noch heute droben im Gebirge von etwa achthundert Metern an. Wohl milderte jahrhundertlange Kulturarbeit die zerstörende Macht der Wetterkräfte, doch allzukurz ist die Reifezeit zwischen Schneeschmelze im Frühjahr und Neuschnee im Herbst. Die Hälfte der Jahrestage lasten und hasten Nebel über dem Kammland, kürzen selbst in Sommermonden die kostbaren Sonnentage. Hat künstliche Düngung den Boden auch gezwungen, die brotfruchttragende Ähre zu gebären, so bleibt diese Ernte doch gering. Es gilt auch zu eilen, daß der Hafer nicht versilbert oder die Kartoffeln auf dem Ernteschlitten heimfahren. Darum ist die Wiese mit dem Milchvieh des Häuslers Haupterwerb.
Milch und Butter trägt er in die Industrieorte am Südfuße des Gebirges. Am frühesten Morgen steigt er hinab, und er klettert schon wieder zur Hochfläche, wenn der Fremde seine Tageswanderung beginnt.
Für sein Vieh heißt es: Karge Nahrung, kurze Herbstweide hocken in ärmlichem Stalle.
Zwergwirtschaften vermag das Kammland nur zu tragen, und kommt der Winter einmal allzufrüh (1919!), dann geht ein Jammern durch die Siedlerhütten und darbende Menschen suchen nach Brot.
Beispielswirtschaften sind seit einigen Jahren auch im Hochland unseres Erzgebirges eingerichtet. Sachkundige Berater suchen mit strebsamen Landwirten Wirtschaftsverbesserungen einzuführen. Der Kleinbauer findet beim Beispielswirt manche Maßnahmen für Fütterung, Pflege und Zucht des Viehes, gute Raumnutzung und Reinigung des Saatgutes. Bei gemeinsamen Begehungen der dazugehörigen Felder wird er vertraut gemacht mit zweckmäßiger Flureinteilung, Bodenbearbeitung und Feldbestellung, Fruchtfolge und Düngung. Grundsatz ist: Nur solche betriebsverbessernde Maßnahmen einzuführen, die wenig Geld verlangen und sicheren Erfolg bringen. Der kleinste Bauer soll sie nachahmen können. Dank den Beispielswirten im herben Kammland! Sie machen ihre Nachbarn bodenfest.
Der Wald gibt Brot. Mutter und Kinder sammeln Wurzeln und Kräuter. Der Vater trägt die Heilung in die Stadt. Beeren und Pilze schafft er »wägeleweis’« hinab. Mit bescheidenem Erlös kehrt er müde heim.
Abb. 2. Frauen beim Buschgrasholen in der Nähe der Moorbodengrube bei Zinnwald
Leichter Rauch über den Wipfeln kündet den Holzschlag. Ein Feuer kocht das einfache Mahl für die Holzer, das sie verzehren, wenn die Sonne über den Hochpunkt geht. In mittäglicher Stille zittert die Luft über dem Baumkirchhofe.
Abb. 3. Herstellung von Köpfen auf Lauffiguren. Die weiche Papiermasse wird in gut ausgeölte Formen gepreßt. (Katharinaberg)
Dann nagt wieder die Säge, kerbt die Axt, drängt der Keil zu rauschendem Fall und dumpfem Aufschlag. Mit Ernst und Liebe sind die Waldmänner bei ihrer Baumarbeit. Wenn die Sonne hinter den schwarzgezackten Waldrand hinabrollt, dann schreiten sie heimwärts, erst stückweise gemeinsam, dann jeder einzeln den verstreutliegenden Hütten zu. Im Abenddämmern sitzt die Holzerfamilie um das dampfende Erdäpfelmahl oder löffelt die Milchbrotsuppe.
Abb. 4. Abputzen des Preßrandes von Figuren. Auf dem Gestell an der Decke Wackelfiguren. (Katharinaberg)
Im Frühtau geht es wieder in den Wald, um mit dem »Baumhackel« (Specht) um die Wette zu spalten. Die Waldlaute sind ein Stück Holzerglück.
Ist es um die Mittsommerzeit, ehe das Heuen auf den Hochwiesen anhebt, dann schreitet auch sein Weib mit zum Walde, um auf dorfferner Lichtung das borstige Buschgras für die Ziege zu holen. Es ist ein mühsam Sicheln um die alten sich abschälenden Stöcke. Gar behutsam gilt es, jeden Schritt zu tun, denn versteckt im hohen Grase sproßt in zartesten Anfängen der junge Tann.
Abb. 5. Bastflechterin und Bastweberin in Zinnwald
Auf holprigen Wald- und Feldsteiglein wandeln gebückte Gestalten unter getürmter Last dem Hochdorf zu.
Aus Fichtenholz formt der Vater Schaufel, Mulde und Rechen, Nudelholz, Klopfer, Quirl und ander Küchengerät.
Die Drechsler von Kallich, Göttersdorf, Katharinaberg, Seiffen, Olbernhau, Rothenthal drehen zierliche Dosen, Teller, Krüge, Kannen und Becher.
Künstler ihrer Art sind die Spaltringdreher. Unter feinfühliger Führung des Stahles entsteht in kreisender Scheibe Menschlein und Tierlein in Grundform.
Sie wandern von Hand zu Hand, bis des Pinsels buntende Kraft die rohen Gestalten gar unterschiedlich beseelt. Kinderhand hilft mit beim Schaffen von wundersamem Spielrat und hölzernem Nutzgerät.
Seit Jahresfrist steht der Bastwebstuhl im Hause. Mit sicherem Griff hängt die Linke den Basthalm an den Zugstab, den die Rechte in ruhiger Bewegung durch gespannte Halme zieht und Breite um Breite mit gleichmäßigem Zug zur Decke fügt. Nimmerrastende Hand fordert der Webstuhl von früh bis spät abends, ehe er neun Kronen (eine Mark) zum Taglohn gibt. Die runzeligen Hände der Alten flechten zitternd Streifen um Streifen zum »Elfhalm« und »Siebenhalm«, das Meter um Bruchteile eines Pfennigs.
Hart ergreift die Kinder das Ringen ums Brot, deren Drang nach Bewegung durch vielstündig Sitzen arg gefesselt wird. Oh, heute bleiben wir noch ein Weilchen auf der Wiese hinterm Schulhause und spielen! Kommen wir später zum Basthalm, dann kann die Mutter nicht böse sein: Der Lehrer war ja mit dabei, heute dauerte die Schule »halt« länger.
Bei spärlichem Ölflammenschein gleiten die weißen Halme durch Kinderfinger. Die Stadtkinder im Lande drinnen schlafen schon.
Aber wir habens auch so fein. Um unser Häusel ist alles so frei und der Wald gleich dabei. Schickt uns die Mutter nach Schwämmen, da dauerts nicht lange, ist’s Mittagessen gesucht. Wie gut es immer in der Stube nach Pilzen riecht, wenn die Schwammdörre anfängt. Dann fädeln wir um die Wette die Pilzscheiben auf und hängen die Schnure an die Sonne oder übern Herd. Und das Schwarzbeerholen ist auch so fein.
Im Winter knallts Stockholz so tüchtig, das der Vater im Sommer gezerrt hat. Unsere Heutür am Giebel ist dann die Haustür. Vom Dache fährt der Schlitten fein hinab. Und in die Schule brauchen wir auch nicht jeden Tag. Der viele Schnee und tüchtiger Sturm sagts schon früh dem Lehrer, daß wir nicht kommen. Die Stadtkinder bekommen den Schnee gleich weggenommen, sagt der Vater. Da haben wirs besser.
O Kinderauge, du Märchenauge!
Ein lieblich Bild: Auf der Gasse vorm Hause Mutter und Kinder am Klöppelstock. Geschickte Finger werfen die klappernden Klöppel hinüber, herüber und schließen die freien Fäden zu kunstvollem Muster.
Und doch steckt hinter diesem wohltuenden Anblick, wie hinter jeder erzgebirgischen Heimarbeit, tiefe Not. Aus versonnenem Schauen wird der Fremde aufgeschreckt durch des Heimschaffers Wort: Bleibe hier und verdiene dein Brot! Bleibe bei uns Spankorbmachern und arbeite mit vom Morgendämmern bis in späte Nacht! Darfst aber auch deine Kinder nicht rasten lassen, mußt sie einen halben Tageslauf gebückt sitzen sehen, mußt es verwinden können, daß sie ermüdet zur Schule gehen, bleich wieder zur Tür hereinschleichen, wenn zwölf Mark dein Wochenlohn sein soll. Dann halte Haus! Erwirb dafür Kleidung, Nahrung, Licht und Feuer, begleiche Miete und Steuer!
Werkstatt und Heim sind beisammen. Kultur- und Lebensgemeinschaft könnte die Familie sein. Doch unter solcher Not spinnen sich nicht die feinen Fäden häuslicher Erziehung. Körper und Geist erschlaffen.
Trübe ist deine Zukunft, o Kammland, denn deine Jugend verkümmert.
Verweile bei uns Handschuhmachern, und wirst du ein Höchstleister, daß du bei vierzehnstündigem Nähen sechs Paar Handschuhe abliefern kannst, dann mußt du mit fünfundachtzig Pfennigen deine Tagesbedürfnisse bestreiten.
Es klagen die Gorlnäher und Strumpfbesticker, die Knüpfer und Klangholzmacher.
Es geht nicht mehr an, Kegelhölzer für die Drechsler zu schneiden. Fünf Kronen gibts für ein Schock. Das Holzgeld kommt dem Lohne gleich.
Nur Abfälle können die Nagelschmiede kaufen. Kaum ein Kleidungsstück läßt sich bei zehn Mark Wochenlohn erschaffen. Ein wenig besser Sein ist dem beschieden, der ein Rad ans Wasser bauen konnte und die Schneidmaschine drehen läßt. Der Fuhrlohn macht das Eisen teuer. Die Schienenstraße windet noch länger den Südhang herauf. Schon mancher Blasebalg hat zum letztenmal gefaucht. Das Gebirge will die Nagelschmiede nicht mehr tragen und gab ihnen doch Brot hundert um hundert Jahre. Ja, käme elektrische Kraft ins Dorf, dann könnten sie gleich bestehen mit denen unten im Lande. So meinen die Nagelerzeuger von Natschung und Heinrichsgrün.
Abb. 6. Klöpplerinnen in Sebastiansberg
Mit schwerem Herzen stiegen viele Gebirgler in die qualmüberwallte Ebene, als nach Mißernte in Kriegs- und Nachkriegszeit Frau Sorge droben keine Feierstunde mehr kannte. Sie gingen ins Eisenwerk oder ließen sich in finstere Schächte sinken. Übermüde wankten sie nach der Schicht aus der dröhnenden Werkstatt zum Bahnhof, wurden erst froh, wenn die ersten Bäume vorbeihuschten und der Wald bei der bergwindenden Fahrt immer tiefer hinabsank.
Abb. 7. Nagelschmied in Heinrichsgrün
Die im Kohlenbergwerk schafften, wurden gar bald inne, daß sie zu solchem Tun nicht taugten. Sie wichen dem tschechischen Grubenmann und ertrugen die harte und ungerechte Anklage, Mitschuldige zu sein an der Hingabe der Kohlenschätze in slawische Hand. Konnten sie, die von Jugend an nur »karges Brot« gegessen, Gleiches schaffen mit denen, die ein reicher Boden genährt? Die vom ersten Atemzug an reine Bergluft gesogen, konnten nicht atmen in erstickenmachender Tiefe. Und die der Arbeitsart gefolgt, weil sie einst schon in der Heimat die Gruben lange getragen oder verjüngtes Bergmannsblut in ihren Adern rann, hatten nicht bedacht, daß Kohlen- oder Erzgräber zu sein zwei Welten bedeutet. Sehnsucht nach Wald, Wiese und Moor ward drängende Macht. Aus staubschwangerer Stollenfinsternis stiegen sie wieder hinauf in die Bergnacht, standen ehrfurchtsvoll versunken beim kindheitsgewohnten Schauen, wenn der Nebel sich lockerte und das Funkelgewölbe entschleiert Hochland überdachte. Reich schuf sie das tiefe Naturerleben in ihrer Armut. Fester wurde nach dem kurzen Fernsein die Liebe zur Bergheimat, fester der Glauben an den Boden: Trägst du die Tanne, trägst du auch mich. Vuglbärbaam, iech gieh nett mi fort!
In der Kohlenstadt hatte er das Schreinerhandwerk erlernt. Seine Freude bekundete der Meister oft über die Geschicklichkeit des Bergkindes. Als die Lehrjahre vergangen, mahnte der Meister: »Versuch hier unten dein Glück, die Einsamkeit dort droben hat kein Begehren für deine Kunst!« Doch immer ging der Blick zum Hochland und mit dem Schauen wuchs auch die Sehnsucht nach ihm. Als Geselle schuf er fleißig bei seinem Lehrmeister. Doch wenn Wochenschluß nahte, dann flog der Hobel hastiger über die Bretter. Wenn am Samstagabend sich die Täler verschatteten, des Hochdorfs Fenster im letzten Sonnenfeuer brannten, stand er oben und lauschte aufs Abendglöcklein. Manchmal sah ihn der Meister erst am zweiten Werktage wieder. Als jene Zeit kam, da zwei liebgewordene Augen nach dem Heimkehrer schauten, da klomm er in nebelschwerer Herbstnacht zum Kammland, fürchtete nicht den schneeverschütteten Bergwald und seine todbringenden Stürme. Bald kam ein Tag, da spielte der Bergwind mit Myrte und Schleier. Nun schafft der Bodentreue schlichten und kunstvollen Hausrat fürs Hochland, daheim im Heim.
Abb. 8. Nagelschmied an der Zuschneidemaschine Heinrichsgrün
Vierzig Jahre hindurch hackt der Alte in der »Moorbodengrube«. Er schürfte immer nur die oberste Schicht vom Urland zum heilenden Moorbad für den Kurgast in Eichwald. Auf den wieder unberührt gelassenen Flächen siedelt von neuem die Birke, Trunkel- und Moosbeere. Im Winde baumeln die Wollgrasschöpfe. Vier Jahrzehnte einen Arbeitsplatz! Wieviel sonnenlose Tage mag er gegraben haben hier in der Nebelheimat. Der Boden hielt ihn fest wie ein Magnet.
Abb. 9. Eine Nagelschmiede in Heinrichsgrün
Zu all dem Ringen um ärmliches Leben kommt in die Häusel im böhmischen Teil des Kammlandes noch eine tiefe Bitternis. Das Recht am Boden wird dem Deutschen vom Slawen bestritten.
Abb. 10. Rohrsitzflechterinnen in Göhren
Noch einmal erinnern wir uns daran: Deutsche Bauern und Handwerker kamen aus Sachsen, Franken, Schlesien und Flandern, vom Rhein und Neckar, deutsche Bergleute ins wilde Waldgebirge und verschmolzen in Leid und Arbeit zum Volk der Deutschböhmen.
Abb. 11. Beim Dorftischler in Göhren
Nun soll deutsches Blut unterwürfig darben und nur noch ein Gnadendasein führen im dürftigen Hochland. Deutsche Sprache soll verstummen, deutsche Sitte versickern in fremden Volkes Art. Im entlegensten Bergwinkel klingt schon slawischer Laut, slawisches Schriftwort hat den Vorrang auf der Tafel am ersten und letzten Haus im Kammdorf. Drunten am Bahnhof fand die deutsche Wegetafel fürs Gebirge keine Duldung mehr. Von Tag zu Tag seltener wird der deutsche Beamte am Schienenweg. Deutscher Geist soll nimmer den Bergwald betreuen, nur die tschechischen Heger herrschen im Forst. Mit scharfen Augen überwacht der slawische Gendarm das Tun der Leute im Kammdorf.
Abb. 12. Alter Steinklopfer am Weg von Göhren nach Böhmisch-Einsiedel. Nebeltag
Mit tränenfeuchten Augen steht ein Häusler im kleinen Kirchhof, überblickt versonnen die Hügel: Oh, ihr Gewesenen, wüßtet ihr, wie’s steht im Landl. Nichts mehr gilt deutsche Meinung, Haus um Haus verliert das Dorf an fremde Art. Ein grausam Wort: Froh wird der Deutsche sein, als Ochsenknecht einst hier zu frohnen, an euren Hügeln nur wird deutschen Laut er sprechen dürfen. O qualvoll Schicksal: Zu sein ein Heimatloser in der eigenen Heimat!
Abb. 13. Kapelle in Grünwald
Mancher ahnte schon das Zukunftsbild, und mahnend hieß er seine Enkel treu zu bleiben deutschem Wesen. Nur gut, daß auch im weltfernen Schulhaus ein mutiger Mann den Kindern kernig deutsche Sprüche an die Wand hing. Sie mahnen Stund um Stunde: Flieht nicht! Bleibt treu der Heimat, treu dem Boden, den des Vorfahrs Schweiß genetzt! Habt starke Herzen, wenn friedloses Sein die Treue will zermürben und rastloses Bangen um ererbten Grund zum Schollenflüchtling drängt!
Und doch könnte es einen Einklang geben zwischen dem Deutschen und Tschechen, denn mancherlei gemeinsam haben beide Völker. Gemeinsam ist die Freude an den Tönen, gemeinsam ein mystisch Neigen zur Natur. Sitte, Brauch und Sage ähneln einander.
Freilich herrschen will der Slawe, seit ihm die Macht ward, Deutsche wie Ware zu verhandeln. Nur wenn gleichberechtigt die Deutschen neben den Tschechen schaffen können, dann wird ein friedlich Wohnen auf gleichem Boden möglich sein.
Wandere hinauf zu den Heimattreuen im Kammland! Wenn die Nebel wie ein Sorgenschleier die Hütten verhüllen, dann raste darinnen! Manch schlichtes Wort wird dir kundtun, wie tief diese Menschen durch Geschichte und Kulturgeschehen mit ihrem Ahnenboden verbunden, hüben und drüben. Achtung vor ihrem Ringen um Brot und Heimatboden wird dir kommen, wirst dann nicht gleichgültig weitergehen, wenn solche Herzen entdeutscht werden sollen.
Auf deine Art hilf stärken ihre Bodentreue!