Die sächsische Schule und der Heimatschutzgedanke

Von Rudolf Schumann

Schon vor dem Kriege begann die Schule, den Begriff der Heimat immer mehr in ihre Arbeit hereinzunehmen, und vor allem in den letzten Jahren hat die Heimat eine höhere Beachtung gewonnen. Ist doch der Heimatkundeunterricht von einem Jahr auf zwei Jahre ausgedehnt worden, und ist doch in allen späteren Schuljahren dauernd zurück auf die Heimat zu greifen. Der »Lehrplan für die einfachen Volksschulen des Königreichs Sachsen« von Kockel führt in seiner 11. Auflage 1911 als Ziel der eigentlichen Heimatkunde an: »a) Das heimatliche Gebiet nach geographischen Gesichtspunkten erhellen ..., anleiten, damit die Kinder ihre Heimat genau kennenlernen, geographische Grundbegriffe sich aneignen ...; b) das Kartenverständnis vermitteln ...; c) Liebe zur Heimat einpflanzen, die ihnen einen sittlichen Halt für das ganze Leben bietet und sich leicht zur Vaterlandsliebe weiter aufschließt« (nach Grüllich). Die Heimat bietet danach also reiche Anschauungen und Apperzeptionshilfen. Sie ist aber auch die Grundlage zu bilden imstande nicht nur für den späteren geographischen Unterricht, sondern auch für eine sittliche und ästhetische Entwicklung, vermag doch die Heimat Schönheitsbegriffe zu vermitteln und ist dauernd jedem zugänglich, was vor allem für ein verarmtes Volk von großer Bedeutung ist. »Die Heimat wird für den ideal veranlagten Menschen zum Paradies der höheren Freuden, wenn durch Erziehung und Bildung die Fähigkeit gegeben wurde, in der Natur die Leiden des Daseins zu vergessen.« (Blätter für Naturschutz 1920, 11/12 S. 6.) Der Lehrplan von Kockel weist ferner 1911 schon auf die Bestrebungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz hin, und im Jahre 1908 hat das Kultusministerium laut Gesetz-Verordnung vom 12. August 1908 deren Unterstützung empfohlen.

Ehe auf die Heimatschutzarbeit der Schule eingegangen werden kann, erscheint es notwendig, einen Blick auf Grundlage und Notwendigkeit von bewußtem Heimatschutz zu werfen. Daß der Natur- und Heimatschutz von eigens dafür geschaffenen Organisationen in die Hand genommen wird, ist eine Erscheinung der Neuzeit. Noch bis in das vorige Jahrhundert hinein kann man von einem natürlichen Heimatschutz reden. Der große Teil der Bevölkerung war in irgendeiner Weise bodenständig, entweder als Handwerker oder als Landwirt, und unter der noch nicht ins Ungemessene gewachsenen Zahl der Beamten und Arbeiter gab es viele, die eigenen Grund und Boden, ein eigenes Haus besaßen. Einer bodenständigen Bevölkerung ist aber der Schutz der Heimat etwas Gegebenes, nicht nur aus praktischen Gründen, sondern auch aus dem Gefühl der Zugehörigkeit zu ihrer Scholle heraus. Ferner konnten bei wenig dichter Bevölkerung Maßnahmen einzelner, die gegen Natur und Heimat verstießen, nicht allzu schwer schädigende Folgen haben, wie bei einer dichten Bevölkerung. Die bewußte Durchführung des Heimatschutzes ist also zu betrachten als eine Reaktion gegen irgendeine Aktion, ein Ereignis des letzten Jahrhunderts. Als dieses Ereignis kann ganz allgemein genannt werden das plötzliche und rasche Vorwärtsschreiten der Zivilisation: die Ausnutzung der Dampfmaschinen und Eisenbahnen, das Entstehen der Fabriken und die Vermehrung der Verwaltungsarbeit. Damit Hand in Hand ging eine rasche Bevölkerungszunahme, vor allem in der Industriearbeiter- und Beamtenschaft. Dadurch entstanden die Hemmungen gegen die Durchführung des natürlichen Heimatschutzes, und zwar direkter und indirekter Art. Aus einem natürlichen war das Leben der Menschen mehr und mehr in einen Zwangsverlauf gedrängt worden.

Die erste Folge genannter Ursache war direkter Art. Es wurden Fabriken gebaut, Eisenbahnlinien gezogen, es mußten neue Wohnstätten geschaffen werden, als deren einer Typ jetzt auch die Mietkaserne auftrat. Die harte Lebensnotwendigkeit verlangte die leichtere Zugänglichmachung entlegener Ackerbaugebiete, überhaupt einen regeren Austausch zwischen Stadt und Land, die Bebauung schöner Landstrecken, die Regulierung von Wasserläufen, und als Folge der Konkurrenz trat die Reklame auf. Es mußten ferner Fabrikabwässer beseitigt werden, wodurch ganze Flüsse vergiftet wurden, Rauch, Ruß und Benzingeruch nahmen der Luft ihre ursprüngliche Frische. Das engere Zusammenwohnen von Menschen verlangte die Anlage von Schuttablagerungsplätzen. In stillen Tälern erscholl jetzt das Pfeifen der Lokomotive, das Rattern von Maschinen, die Sprengschüsse von Steinbrüchen, die den Anblick ehemals reizender Landschaftsbilder auf ewig verdarben. Die Anforderungen des Lebens rechtfertigten diese Maßnahmen. Jedoch wurde oft darauf losgewirtschaftet, ohne Rücksicht auf die Natur und heimatliche Schönheit zu nehmen. So brachte die Bauweise der Gründerzeit Formen, zu denen unser Volk keine inneren Beziehungen fand, sowohl bei Villen als auch bei Mietkasernen. Fabriken wurden in erster Zeit nur unter dem Gesichtspunkte des Praktischen gebaut, was besonders dann häßlich und aufdringlich wirkte, wenn sie an Stelle ehemaliger idyllischer Mühlen gesetzt wurden. Bei der Anlage von Steinbrüchen versagte man die Schonung oft den reizendsten Gegenden. Da man die Folgen einer so raschen Entwicklung noch nie kennengelernt hatte, fehlten auch die Erfahrungen, wie man ihre üblen Folgen vermeiden könnte, ja diese wurden überhaupt erst als solche erkannt, als schon viel verloren war. Im einzelnen Fall und dem einzelnen war die Gefährdung heimatlicher Schönheit kaum ins Auge gefallen. Erst bei einem Rückblick nach einem längeren Zeitabschnitt trat sie als vollendete Tatsache auf.

Neben diese immerhin noch natürliche Entwicklung trat aber auch immer mehr eine unnatürliche. Die Gier nach Luxus und die Ausnützung der Natur zu Geldzwecken versetzten der Heimat an ihren schönsten Punkten die schwersten Schläge. Wo früher der einsame Wanderer nach beschwerlichem Wege von einer Hochwarte aus die Augen ins weite Land schweifen ließ, dahin baute man Luxushotels, erreichbar auf breiten, staubigen Automobilstraßen oder durch Gebirgsbahnen. Um die Schönheit dieser Punkte heute noch zu genießen, genügt nicht mehr gemütvolles Auffassen. Wer nicht über geldliche Mittel verfügt, ist an solchen Stellen meist ein wenig gern gesehener Gast, er ist heimatlos geworden in seiner Heimat. Dieses Spekulantentum ohne Ideale macht sich auch in anderer Weise breit. Weit ins Land schauende Berge wurden eingeschätzt nach dem Werte der Steine, die sich aus ihnen gewinnen ließen, und es bedurfte erst des Eingreifens der Behörden, ehe sie geschützt wurden. Aus rauschenden Bächen errechnete man lediglich Kilowattstunden, und romantische Gebirgslandschaften regten zu gewinnbringenden Filmaufnahmen an. Unter all diesen Erscheinungen litt die Natur direkt mehr oder weniger.

Dadurch, daß diese Entwicklung auch andere Menschen schuf, trat noch eine indirekte, aber nicht minder große Bedrohung und Gefährdung der Heimat ein. Durch die starke Bevölkerungszunahme und die immer häufiger werdende Beschäftigung als Beamter oder Arbeiter trat eine Entwurzlung weiter Schichten ein. Das innere Verhältnis zwischen Arbeit und Arbeiter – besonders wenn die Arbeit eintönig war –, zwischen Scholle und Bewohner – wenn dieser nicht selbst Besitzer war – schwand. Der einzelne war auch nicht mehr an den Ort in dem Maße gebunden wie vorher, zudem machten ihm die Verkehrsmittel einen Ortswechsel sehr leicht. Von dem, was eigentlich Heimat ist, lernten viele ihre ganze Kindheit hindurch in den Mauern der Stadt fast nichts kennen. Die Folgen dieser Entwurzlung waren verschiedener Art: Gemütsverflachung, völlige Gleichgültigkeit, Gemütsverderbnis, aber auch der Trieb nach oben, nach einem eigenen, vielleicht neuen Boden.

Die Gemütsverflachung tritt uns entgegen in der Oberflächlichkeit weiter Kreise. Der Sinn nach Tand, kleinlichem Luxus, Vergnügen, steter Abwechslung ist ihr Kennzeichen, ferner der Drang nach unsolider Lebensweise. Daneben kann nicht mehr der Sinn für die stille Schönheit der Natur wohnen, ja deren Verachtung tritt ein. Solche Menschen zerstören dann aber auch ohne das Bewußtsein, daß sie unrecht tun. Mancher Käfer oder Schmetterling, manch seltene Pflanze fällt ihrem Spielen und Tändeln zum Opfer, ohne daß sich Gewissensbisse regen. Die Gleichgültigkeit hat ihren Grund vor allem darin zu suchen, daß der nicht mehr Bodenständige gewisser Pflichten enthoben ist. Dem Grundbesitzer ist es selbstverständliche Pflicht, z. B. den Wald zu schonen, der ihm Wasser speichert und sein Tal vor Stürmen schützt. So sorgte und sorgt noch in jedem Gebiet mit dünner, aber bodenständiger Besiedlung jeder für die Erhaltung der Heimatscholle; denn jeder hat teil daran, jeder weiß, daß seine Vorfahren hier saßen, seine Kinder hier sitzen werden. Die Enthebung von solchen ungeschriebenen – weil natürlichen – Gesetzen muß zu einer laxen staatsbürgerlichen Auffassung führen, was sich darin kund gibt, daß der Gemeinsinn mehr oder weniger verschwindet. Die Folge davon ist die Rücksichtslosigkeit im allgemeinen, angewandt auf die Heimat, das Sichgehenlassen in der Natur, das gedankenlose Zerstören, ohne daß damit gesagt sein soll, daß solchen der Sinn für das Unrechte fehle. Aufmerksam gemacht, erkennen sie unter Umständen, daß ihr Verhalten falsch ist. Schlimmer als Gemütsverflachung und Gleichgültigkeit ist die Gemütsverderbnis. Sie gibt sich kund in einem brutalen Sichdurchsetzen. Sie sucht ihre Stärke in rohem Auftreten. Ein Zeichen verdorbenen Gemüts ist das mutwillige Zerstören, der böse Wille in der freien Natur. Solche Menschen können zufriedengestellt werden durch das Zerstören der Freude anderer Menschen. Gegen sie kann, wenn es Erwachsene sind, nur mit der strengsten Durchführung von Gesetzen eingeschritten werden. Schließlich muß sich als eine Folge der Entwurzlung bei vielen auch der Trieb zeigen, wieder Wurzeln zu schlagen, ein Trieb nach oben, entweder in geistiger oder materieller Beziehung. Dem entsprechend können sich ihm auch zwei Hemmungen entgegenstellen. Vielen fehlt das eigene geistige Gebiet. Wollen sie nun geistig etwas leisten, so werden sie die Hohlredner, die Lauten, die sich gern reden hören. Vermißt ein anderer mehr die materielle Grundlage, so führt das zur Unzufriedenheit. Unzufriedene können Nörgler werden, vor allem, wenn sie auch nach einem geistigen Gebiete streben, ohne es zu finden. Aus ihnen rekrutieren sich aber auch die Resignierten, die sich stets für betrogen ansehen, die in nichts mehr eine Freude erblicken zu können glauben. Sie werden darum auch wieder die Gleichgültigen. Schließlich gibt es die konsequenten Unzufriedenen, die Verbrecher. Alle die, denen in irgendeiner Weise der Trieb nach oben innewohnt, können für den Gedanken des Heimatschutzes gewonnen werden.

Nachdem nun die Hemmungen bekannt sind, die sich dem Natur- und Heimatschutz entgegenstellen, können die Wege gesucht werden, sie zu umgehen. Sie werden bestehen müssen in einem Führen, Erziehen des Volkes. Zeit und Ort dafür kann in wirksamster Weise die Schule sein; denn diese wird von allen durchlaufen. Ihr Einfluß trifft alle, während der Aufklärungsdienst – wie Presseaufsätze, Zeitschriften usw. – oft diejenigen nicht erreicht, die seiner am bedürftigsten sind. Zudem ist es eine schwere, oft kaum lösbare Aufgabe, den schon in festen Bahnen sich bewegenden Geist Erwachsener in für sie völlig neue Bahnen zu leiten, zumal sich da auch fast stets Voreingenommenheit, Eigensinn, falsches Selbstbewußtsein, und vor allem die Angst vor Bevormundung einstellen. Glaubt man wirklich, nach eifriger Werbetätigkeit dem Heimatschutz einen neuen Anhänger gewonnen zu haben, so wird sich bei näherer Untersuchung oft genug zeigen, daß er schon vorher aus natürlichem Gefühl heraus durchaus nicht zu den Naturverwüstern gehörte. Wohl bildungsfähig aber ist das Kind, sind es auch noch erwachsene Schüler, und vor allem kann durch die Kinder der Schutzgedanke in die Familie hineingetragen werden, wobei dann einige der genannten Hemmungen schon hinwegfallen oder doch leichter überwunden werden können. Um die Kinder für den Gedanken des Heimatschutzes zu gewinnen, bedürfen sie natürlich erst einer gewissen Kenntnis von der Heimat, die der Heimatkundeunterricht laut Lehrplan zu vermitteln hat. Dies ist aber nicht die alleinige Voraussetzung. Wer schützen will, muß erst einmal wissen, warum und was. Er muß wissen, was überhaupt schön, was häßlich ist, was verloren, was gefährdet ist. Dem Schüler muß der Gedanke der Schönheit nahegebracht werden. Daß er nicht von vornherein in jedem Kinde wohnt, muß jeder Lehrer oft bei Klassenwanderungen erkennen, wenn die Kinder gerade an den schönsten Punkten die belanglosesten Gespräche führen und für die Erhabenheit der sie umgebenden Natur weder Auge noch Ohr zu haben scheinen. Das Schönheitsgefühl muß ihnen erst anerzogen werden. Als Vorstufe ist das Gefühl für Ordnung zu betrachten. Schon in Elementarklassen wird wohl von allen Lehrern darauf gehalten, daß die Kinder im Zimmer und auf dem Hofe Papier z. B. nicht nur deswegen nicht wegwerfen, weil es verboten ist, sondern sie müssen sehen lernen, daß es häßlich ist. Auf dasselbe ist vor allem bei Klassenausflügen zu achten. Hier kann der Lehrer noch weitergehen. Es ist von Freunden des Verfassers und auch von ihm selbst schon folgender Versuch gemacht worden: Die Klasse kommt an eine oft besuchte Raststätte. Für gewöhnlich sind solche arg verschmutzt mit Papier usw. Da darf sich nun die Klasse nicht ohne weiteres setzen. Erst hat sie einige Augenblicke diesen häßlichen Eindruck in sich aufzunehmen, diesen Gegensatz zwischen der Natur ringsum und ihrer Schändung. Dann bedarf es meist nur eines Wortes, und die Kinder säubern diese Stelle, soweit die Arbeit nicht ekelerregend ist. Der Lehrer weiß sicher, daß dieser Eindruck länger haften bleibt als das bloße Wort. Gerade auf Klassenwanderungen läßt sich in vielerlei Weise das Gefühl für Schönheit erziehen oder wenigstens der Boden bereiten, in dem es später wachsen kann. Der Lehrer, der einen Ausflug nicht nur körperlicher, sondern auch geistiger, seelischer Kraftbildung dienen läßt, wird es verstehen, seine Kinder an das Verweilen mit Fuß und Gedanke an gewissen Stellen zu gewöhnen, an das wortlose, aber innige Genießen einer erhabenen Aussicht, an das Lauschen auf das Rauschen des Waldes, an das Genießen der Stille des Tales. Leicht zu lösen ist diese Aufgabe nicht, wie jeder bezeugen kann, der Kinder in der Klassengemeinschaft auf Wanderungen beobachtet hat. Wie oft fragen die Kinder nur nach der nächsten Raststelle und wie weit sie noch zu laufen haben. Verfasser hat es bei seinen Klassenwanderungen auch immer für seine Pflicht gehalten, das schon oben erwähnte unnütze Vielreden der Kinder unterwegs auf ein gewisses Maß einzuschränken. Vielleicht erscheint dies manchem als eine Härte. Aber es ist meine Ansicht, spazierengehen können die Kinder allein oder mit den Eltern. Der Lehrer soll eine höhere Arbeit leisten, und es darf von ihm erwartet werden, daß er mehr ist als der Manager einer »Partie«, einer Vorstufe für Bierreise mit Leiterwagen, Ziehharmonika und Clown. Auf der Klassenwanderung soll das Kind lernen, wie es später allein wandern soll. Es wäre ganz gut, wenn auf der Erde weniger geredet, mehr erlebt würde. Warum sind Gebirgler und andere Naturkinder oft so wortkarg? Beobachten sollen die Kinder unterwegs auch die Folgen der Rohheit anderer: verschnitzte Bäume, zerstörte Quellen, weggeworfene Blumen, zertretene Rasenflächen. Aber auch im planmäßigen Unterricht läßt sich in dieser Richtung arbeiten. In der Heimatkunde weist der Lehrer immer und immer wieder nicht nur darauf hin, wie die Heimat ist, sondern auch, wie sie war. An alten Bildern kann er ihre ursprüngliche Schönheit zeigen, wobei er besonders darauf hinweist, wo diese durch Menschen ohne harte Notwendigkeit verlorengegangen ist. Dabei wird er auf den Unterschied zwischen schön und häßlich bei Bauweise und Reklame aufmerksam machen, um darzulegen, wie der Mensch sehr wohl imstande ist, Schönheit zu wahren. Durch diese geistige Führung muß jeder Schüler zu der Überzeugung kommen: »Ich kann noch Schönheit genießen.«

Aber auch zu der Überzeugung muß er gebracht werden, daß es nicht notwendig ist, resigniert zuzuschauen, wenn uns ursprüngliche Schönheit verlorengeht. Der Lehrer kann Beispiele bringen, wie hier eine Gemeindevertretung aus vernünftigen Männern und Frauen die Errichtung eines Luxushotels auf ihrem Grund und Boden abgelehnt hat, wie da die Einwohner eines Ortes Naturdenkmäler schützen oder sich gegen Anbringung marktschreierischer Reklame wehren, wie ganze Volksteile mobil gemacht worden sind gegen eine Zerstörung oder geldgierige Ausnützung ihrer schönen Heimat. Das Kind muß aber auch schon als Kind wissen, daß es einmal mit reden und raten kann, und darum sind ihm auch schon in der Schule die Tore zu zeigen und zu öffnen, die nach oben führen, damit es später nicht nach oben hungern muß. Früh schon muß es hingewiesen werden auf Vereine mit edlen Bestrebungen, auf Büchereien und Volkshochschule. Dem kindlichen Eifer kann man gerecht werden, indem man die Kinder die Befriedigung fühlen läßt, wenn sie ihre Schul- und anderen Ausflüge ohne Blumensträuße durchführen und wenn man ihnen die Möglichkeit zeigt, daß sie durch ihr kindliches Wort schon den Schutzgedanken ins Elternhaus, zu Verwandten und Freunden tragen können. Dann wissen sie: »Ich kann beitragen, Schönheit zu erhalten.«

Gesteigert muß dieses Bewußtsein werden. Die Kinder werden bald erkennen, Menschen, Leute wie wir haben häßlich gebaut, haben aus Schönheit Kapital geschlagen, sind rücksichtslos gegen unsere Heimat – unser Eigentum – vorgeschritten. Aus unseren Kreisen auch stammen die Rohlinge, die Gleichgültigen, denen muß jeder einzelne ein Gegengewicht sein wollen, er muß der Naturschützer aus Grundsatz werden. Im Lehrplan von Kockel heißt es in § 6, Erl. 163: »Die Betrachtung der Natur soll den Menschen auch dahin führen, daß er einen rechten Gebrauch von den Naturkörpern macht. Er soll erkennen, daß in dem großen Haushalte der Natur ein Glied dem andern dient, daß aber nicht jedes Glied dazu da ist, dem Menschen unmittelbar zu dienen. Eben deshalb darf der Mensch nicht blind zerstörend in die Reihen der Wesen eingreifen. Eine sinnlose, mutwillige Verwendung von Naturgegenständen, eine solche, die nicht für unsere leibliche Existenz oder geistige Entwicklung vonnöten oder von Wichtigkeit ist, muß verurteilt werden« (nach Grüllich). Um nun das Gegengewicht gegen Gleichgültige und Rohe zu verstärken, muß jeder so Erzogene die Pflicht fühlen, die Schutzgemeinde zu vergrößern, vor allem zu denen zu gehen, die von Heimat- und Naturschutz noch nichts gehört haben: »Ich muß beitragen zur Erhaltung der heimatlichen Schönheit!«

Aus den drei Überzeugungen: »Ich kann noch Schönheit genießen; ich kann beitragen, sie zu erhalten; ich muß beitragen, sie zu erhalten,« ergibt sich dann auch das Ziel. Edelmotive werden solche Menschen zu ihren Taten leiten, ein festes Gesamtbewußtsein wird sie erfüllen, ihr Gemüt wird eine Vertiefung erfahren, und ein neues Pflichtbewußtsein zeigt ihnen den neuen Boden, in dem sie Wurzeln schlagen können, der ihr Boden ist, den sie bearbeiten dürfen nach ihrer Kraft.

Ich kann es mir nicht versagen, ein rührendes Beispiel dafür anzuführen, wie ein elfjähriger Knabe diese Gedanken in sich verankert hatte. Schon fünfviertel Jahr war ich von der Schule versetzt worden, an der Lehrern und Schülern ein Direktor Döring ein leuchtendes Vorbild eines begeisterten Heimatschutzarbeiters gewesen war. Da besuchte mich ein ehemaliger Schüler, der in meinen Heimatkundestunden gesessen hatte. Acht Kilometer hatte er überwunden, um mir zu sagen, er befürchte, daß der Wilisch bei Dresden von neuem abgebaut werde. Seine Mitteilung bewirkte eine Untersuchung der Angelegenheit, die die Abstellung von gewissen kleinen Unregelmäßigkeiten zur Folge hatte.

Es ergibt sich also, daß die Schule den Gedanken des Heimatschutzes aus Erziehungsgründen in staatsbürgerlicher Hinsicht in jeder Weise fördern sollte, wenn der Gedanke nicht schon von sich aus seine Durchführung verlangte. In seinem Programm des Naturschutzes sagte Professor Guenther: »Der Naturschutz ist keine Liebhaberveranstaltung, sondern Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk. Deshalb muß er im Staate gerade so seinen Platz haben, seine Beobachtung und Unterstützung finden wie andere Teile der Volkswirtschaft und der Lehrfächer.« Aus dieser Erwägung heraus ist ja auch die oben erwähnte Ministerialverordnung vom 12. August 1908 erlassen worden. Aber auch in der Schule stößt der Schutzgedanke auf mancherlei Hemmungen. Nur ein Teil der Lehrerschaft wird vollständig im Heimatschutz aufgehen können, anderen dafür andere Interessensphären überlassend. Diese Verschiedenheit ist der Schule natürlich von großem Wert; erinnert sei nur daran, daß jede größere Schule Verwalter für Lehrmittel, für Schulgarten, einen Organisator als Schulleiter, einen Musiker als Leiter des Chorgesanges, einen Turner als Turnwart braucht. An kleineren Schulen auf dem Lande erfolgt eine gegenseitige Befruchtung und Ergänzung durch Bezirkskonferenzen. Eine Stellung, die derjenigen des Schulchorleiters parallel ist, kann nun auch ein Lehrer einnehmen, der auf dem Gebiete des Heimatschutzes zu Hause ist. Wie jene Aufgabe nur ein musikalischer Lehrer erfüllen kann, so diese nur ein heimatlich besonders veranlagter, der, vom Vertrauen des Lehrkörpers bestimmt, ihr seine Kraft widmet. Für den Heimatschutz kann kein besonderes Fach angesetzt werden. Der Gedanke ist den Kindern gelegentlich nahezubringen, bei Behandlung von Lesestücken, im Geschichts-, Naturgeschichts-, Deutsch-, Zeichen-, Gesangsunterricht außer natürlich im heimatkundlichen. Eine Durchdringung, Durchsetzung des Volksganzen soll und kann durch die Schule erfolgen. Gelegentlich heißt nicht ohne System. Dieses hineinzubringen kann Aufgabe eines Schul- oder Bezirksvertrauensmannes sein, der selbst seine Heimat gründlich kennt, der beseelt ist von einer glühenden Liebe für sie, der erkennt, was im heimatlichen Bezirk not tut, der im Heimatschutz seine Lebensaufgabe erblickt und der von den Bestrebungen der Schutzorganisationen dauernd unterrichtet ist. Überall im Lande arbeiten Lehrer in dieser Richtung. Keine amtliche Bestätigung oder Verordnung schreibt ihnen ihre Aufgabe vor. Dennoch fühlen sie die Verantwortung in sich, daß an ihrer Schule, in ihrem Bezirke, die Kinder im oben dargelegten Sinne erzogen werden. Sie stellen fest, was im Schulbezirk schätzenswert ist, sowohl baulicher, als auch geologischer, botanischer und zoologischer Art. Sie forschen nach Geschichtsquellen des Ortes, sammeln Ortssagen. Sie achten auf lokale Unsitten der Kinder, wie z. B. Blumenverkauf an Fremde. Sie arbeiten neue Heimatkundelehrpläne aus, legen Heimatstuben oder Heimatmuseen an. In Konferenzen berichten sie und bringen Anregungen. Heimatliebenden Männern und Frauen ist diese Arbeit Notwendigkeit. In einem Dorfe des östlichen Erzgebirges ist durch die Arbeit der Schule der Schutzgedanke Allgemeingut der Kinder und auch der Erwachsenen geworden. Verstöße gegen die Schönheit der Heimat kommen dort kaum vor. Die geschützten und die anderen seltenen Pflanzen sind den Schülern alle bekannt, so daß diese in der Lage sind, an Sonntagen eine Art freiwilliger Bergwacht darzustellen. Und dieser Erfolg ist nicht mit einem großen Aufwand an Zeit erkauft worden, sondern nur durch die Persönlichkeit eines heimatliebenden Schulmannes.

Wenn nun auch diese Heimatschutzvertrauensmänner der Schulen oder Bezirke nicht amtlich bestätigt werden wie Chorleiter, Lehrmittelwarte und Schulgärtner, so wäre doch eine wirksamere amtliche Unterstützung des Heimatschutzgedankens in der Schule sehr zu wünschen. Schon bisher wiesen Schulämter und Ministerien von Zeit zu Zeit darauf hin, daß Fluren usw. geschont werden müssen und Obst nicht gestohlen werden darf. Dabei trat das Materielle zu sehr in den Vordergrund. Der Naturschutz gipfelte in Verboten, die oft nur wenig beachtet wurden. In der Schuljugend soll aber der eigene Wille zum Natur- und Heimatschutz geweckt werden. Aus ästhetischem und ethischem Idealismus heraus soll sich in sittlicher Freiheit ihr Handeln bestimmen, wozu ein hartes, kaltes Verbot nicht so beitragen kann, wie ein eindringliches Sehendmachen für das, was schön, was bedroht und was schon verloren ist. Vor allem sollten die amtlichen Stellen dafür sorgen, daß am Tage vor Ferienbeginn die Schüler mit einem Eindruck entlassen werden, der ihnen ein rücksichtsvolles Verhalten während der Ferienzeit erleichtert. Daß Naturschutz eine ernste Angelegenheit ist, würden sie fühlen, wenn anordnungsgemäß alle Klassen zu einem kurzen, aber eindringlichen Vortrage von einem begeisterten Heimatschützler unter der Lehrerschaft in den Schulsaal zusammengerufen würden. Vor allem aber ist zu wünschen, daß vom Ministerium einmal ein unzweideutiges Verbot jeden Blumenpflückens bei Klassenwanderungen erlassen würde. Den Lehrern würde dies eine ganz bedeutende Erleichterung sein. Vielleicht mag es vielen Eltern als eine Härte erscheinen, wenn ihr Kind von der »Partie« ohne Strauß heimkehrt. Aber wie schwer schädigend kann eine Klasse in einen reichen Blumenbestand eingreifen! Zudem ist, wie jeder Lehrer immer wieder mit Seufzen feststellt, die Schularbeit mit viel Halbheit verbunden. Wo kommt man zu einem endgültigen Ziele? Hier ist einmal Gelegenheit, die Kinder das Gefühl empfinden zu lassen, das man hat, wenn etwas restlos konsequent durchgeführt worden ist. Durch ein Kompromiß erziehen wir die Kinder nicht zum Heimatschutz. Sie müssen durch die in diesem Falle starre Haltung des Lehrers stutzig gemacht werden, damit ihnen überhaupt einmal eine Ahnung davon aufdämmert, um was für eine große Sache es sich hier überhaupt handelt. Die Freude am schönen Blumenstrauß mag auf einer Wanderung ersetzt werden durch die höhere Freude an weiten Blumenflächen, auf denen erst die Masse wirkt, und durch das stolze Gefühl innerer Kraft.

Die Schule kann eine Schutztruppe schaffen für die Heimat, die genau weiß, wofür sie eintritt. Es ist ein Dienst an Land und Volk, wenn ursprüngliche Schönheit erhalten bleibt. Das Volk aber wird mit einem Ideal durchsetzt, das von innen heraus keine Gegner finden kann. Daß die Ziele zu erreichen sind, lehrt die Erfahrung. Wenn sich nämlich einerseits zeigt, daß Kinder den Gedanken der Schonung von vornherein nicht in sich tragen, den Unterschied zwischen schön und häßlich nicht kennen, so kann man anderseits nach entsprechender Beeinflussung feststellen, daß sie mit Begeisterung den Schutzgedanken aufnehmen, daß sie froh und stolz sind, schaffen, mit wirken zu können am Schicksal der sie umgebenden Heimat. – »Das ist der Heimatschule letzter Gesichtspunkt: Aus dem einzelnen auf das Lebensgesetz zu kommen und die Heimat als das wissenschaftliche und lebendige Ethos in der Schule anzusehen.« (Bl. f. Naturschutz, 1920, 1/2, S. 6.)