Aus unserem Landesmuseum für Sächsische Volkskunst
Von O. Seyffert
Wir bringen heute drei Abbildungen aus unserem Museum zur Weihnachtszeit. Tausende von Besuchern erlebten hier glückliche Stunden. Viele hilfsbereite Hände hatten dieses Weihnachtsglück geschaffen. In der vorhergehenden Nummer unserer Mitteilungen hat Richard Bürkner über Weihnachten im Landesmuseum geplaudert. Ich kann dieser anschaulichen Schilderung wenig hinzufügen. Es war dieses Jahr wie alle Jahre: es war alles so vertraut und bekannt und doch war alles neu. Die Christbäume erzählten lustige Kindermärchen, lange Papierketten schwebten von ihnen herab, dunkelblaue und goldne Blumen blühten, zarte Schnittarbeiten, Englein und seltsame Vögel, Sterne und allerhand Pfefferkuchen – nein, wie die verführerisch dufteten! – schmückten die Fichten, die wie immer aus Pfaffroda im Erzgebirge gekommen waren. Und von einem feierlichen Adventsleuchter fielen buntfarbige Herzen herab auf die Erde, die so etwas gebrauchen kann – zu alledem sangen frohe Menschen:
»Wenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist,
Da kommt zu uns der heilige Christ.«
Sicher hat gar mancher, der daheim das Fest aller Feste (so wurde auch das Gauklerfest in Dresden benannt) nicht feiern konnte, es im Landesmuseum in seiner Herrlichkeit erlebt.
Und beim Nachhausegehen klangen alte Lieder den Kindern in der Seele:
»Nun wünschen wir auch allen eine schöne gute Nacht,
Von Samt und Seide ein Bettchen gemacht,
Von Zucker und Rosinen eine Tür,
Von Pfefferkuchen ein Schlößchen dafür
Und von Muskaten eine Schwell
Und einen Engel zum Schlafgesell.[5]«
Unsere [erste Abbildung] zeigt einen geschmückten Baum in der kleinbürgerlichen Stube im Erdgeschoß des Museums. Dies Zimmer ist dem Gedenken eines im Weltkriege Gefallenen geweiht. Aus dem Fichtengrün glühen dunkelrote Herzen und leuchten goldne Nüsse. Leider sind auf unserem Bilde die Herzen, bedingt durch die photographische Aufnahme, schwer erkenntlich. In Wirklichkeit aber war ihr Rot gar wundersam, und der Dreifarbenklang Gold, Rot, Grün übte einen eigenen Zauber aus. Junge Mädchen der höheren Töchterschule in Dresden-Neustadt hatten diesen Baum geschaffen, der von Liebe und goldenen Träumen erzählte.
Abb. 1. Landesmuseum für Sächsische Volkskunst: Kleinbürgerliche Stube
Nun will ich aber noch von wichtigen Neuerwerbungen unserer Sammlung berichten.
Zu unseren zwei Krippen sind zwei weitere gekommen. Das ist ein Reichtum, auf den ich stolz bin.
Abb. 2. Landesmuseum für Sächsische Volkskunst: Krippe von K. Feuerriegel-Frohburg
Erstens: Die [keramische Krippe von Kurt Feuerriegel], dem bekannten Töpfermeister in Frohburg, der schon mit vielen Werken im Museum vertreten ist. Die Sächsische Landesstelle für Kunstgewerbe hat die Krippe uns überwiesen.
In einer Grotte erblicken wir Joseph und Maria, sich zu dem Kinde neigend. Ein Esel und ein Öchslein gucken vergnüglich links und rechts hervor. Engelsköpfe schauen aus den Wolken auf die Gruppe herab. Und die heiligen drei Könige bringen ihre Geschenke. Sie sind über alles Lob reich gekleidet, und viele bunte Glanzlichter glitzern auf ihren Gewändern. Ein Kamel lagert sich in ihrer Nähe. Sein schwarzer Führer hat sich demütig niedergeworfen, um das heilige Kind anzubeten. Aber auch weitere Gäste sind aus dem Orient gekommen. Auf einem Elefant reiten zwei Mohrenjungen, die kostbare Gaben mit sich führen. Der eine ist leider im Begriff, von seinem Reittier herunterzurutschen und befindet sich in etwas besorgniserregender Verfassung. Das Lustigste, Volkskundlichste ist aber ein dritter kleiner Mohr, der keck auf einem Ziegenbock sitzt. Hier ist Feuerriegel etwas ganz Köstliches gelungen. Hirten mit ihrer Herde und ihren Schäferhunden haben sich der vornehmen, ausländischen Gesellschaft angeschlossen und vervollkommnen das Ganze.
Was uns dieses Werk aber besonders lieb und wert macht, ist seine Materialechtheit. Es ist aus Ton geschaffen und will nichts anderes vorstellen. Seine bunten Farben und die glänzende Glasur geben einen eigenen, seltsamen Reiz.
Abb. 3. Landesmuseum für Sächsische Volkskunst: Krippe von Burkhard-Ebe
Zweitens: Die [Krippe vom Bildhauer Burkhard-Ebe], die er gemeinsam mit seiner Frau hergestellt hat. Sie hatten ihre Kinder damit zur Weihnachtszeit erfreut, und nun erfreut sie im Museum alle Besucher. Die Figuren sind aus einer Tonmasse. Sie tragen aber stoffliche Gewänder, wie die Gestalten der Krippe von Hilda Schlüter, die schon seit Jahren dank der Freigebigkeit eines Gönners im Besitze unseres Museums ist. Ihr gegenüber hat die Neuerwerbung nun auch Aufstellung gefunden. Die blonde Maria, die ihr Kindlein sorgsam auswickelt, ist von wunderlieber Anmut. Joseph blickt zum Himmel empor. Rechts stehen die Könige. Der Mohr ist ein prächtiger Kerl. Eine Truhe, aus der die Geschenke für das Christkind hervorlugen, fordert ganze Aufmerksamkeit für sich. Zwei Hirten nahen betend, während der dritte seinen Dudelsack mit eifriger Hingebung bläst, um das liebe Jesulein zu ergötzen. Mit dem linken Fuße tritt er den Takt zu seiner Musik, die sicherlich alle erfreut. Im Vordergrunde sind die Schafe, die mit den Hirten gekommen sind und ihre Anteilnahme dem Stroh in der Krippe entgegenbringen.
Das Werk hat eine feine, farbige Wirkung. Besonders volkstümlich sind die Wacholderbäumchen, die mit ihrem dunklen Gezweig das Ganze abschließen und an das Weihnachtsgrün der Tannen gemahnen.
Es ist eine alte Überlieferung, Krippenfiguren mit Stoffgewändern zu schmücken. Ich erinnere an die reiche Krippenausstellung im Nationalmuseum zu München. Es kommt in dieser Sitte eine volkskundliche Anschauung zum Ausdruck, die wir z. B. auch bei den Marionettenfiguren und beim Kasperle finden, die ja bekleidete Holzfiguren sind. Es ist das Loslösen vom rein Bildhauerischen der hohen Kunst.
Ein Vergleichen unserer neuen Krippe mit der ihr gegenüber aufgestellten Schlüterschen Anbetung gibt zu vielen Betrachtungen Anlaß.
Ist letztere aus katholischer Art erwachsen – die Jungfrau Maria thront als Himmelskönigin mit hoher goldener Krone, der arme Zimmermann Joseph fehlt – so ist die Neuerwerbung protestantisch. Die Maria ist keine Königin, sondern Mutter, und der Joseph ist ihr Mann und deshalb zur Stelle.
Ich wollte eigentlich noch viel erzählen. Da fällt mir eine Erinnerung ein. Du mein Gott! wenn man älter wird, hat man Erinnerungen.
Ich war auf einem Volksfest und stand neugierig vor einer Bude. Der Ausrufer rief: »Hereinspaziert, meine Herrschaften, hereinspaziert! Innen können Sie alles genau sehen, was ich Ihnen erzählt habe!«
So ist es auch mit dem Landesmuseum für Sächsische Volkskunst. Innen können Sie alles sehen, was ich zu schildern versucht habe. Und noch viel mehr.
Und ein vereidigter Rechnungsrevisor beglaubigt: Das Museum hat siebzehntausendeinhundertvierundzwanzig Nummern.
Und ein kleines dickes Mädel antwortete auf meine Frage, was ihm am besten gefallen habe, mit leuchtenden Augen: Alles hat mir am allerbesten gefallen!
Fußnote:
[5] Aus einem Christspiel aus Neufriedersdorf bei Neusalza.