Die Wohnräume, ausgestellt vom Landesverein Sächsischer Heimatschutz auf der »Jahresschau 1925«

Von O. Seyffert

Die Jahresschau »Wohnung und Siedelung« hat ihre Pforten schon längst geschlossen. Der Grundsatz, daß die Aussteller ihre eigenen Juroren sein mußten, da die Ausstellungsleitung wohl die Herstellung der Hallen übernahm, sich aber einer Aufnahmekritik enthielt, war auch bei ihr wie bei ihren Vorgängerinnen befolgt worden. Unsere Zeit diktierte diesen Grundsatz, und es läßt sich nicht leugnen, daß er vieles Gute zum Leben erweckte. Aber jedes Ding hat zwei Seiten.

Es mußte sich von selbst zeigen, daß die Dresdner Ausstellungen nicht die geschmackliche und künstlerische Höhe erreichen konnten, die andere Veranstaltungen mit strenger Aufnahme-Jury haben mußten. Es liegt uns fern, nachträglich eingehend Kritik üben zu wollen. Das Suchen und die Unklarheit unserer Zeit kamen wie überall zutage. Das Kunstgewerbe – das Wort fängt an, einen Beigeschmack zu bekommen – zeigte sich reichlich in den Wohnräumen und konnte, wenn es sich nur auf dekorative Äußerlichkeiten stützte, nicht befriedigen. Da, wo der Schmuck sich dem Ganzen unterordnete und wo er nicht wie eine tropische Schlingpflanze überwucherte, empfand man ihn als eine Bereicherung. Aber dieser Genuß wurde dem Beschauer nicht immer zuteil.

Wir wollen heute in Anschluß an diese Betrachtungen nur ein kurzes Wort über die Wohnräume der Ausstellung sprechen. Mir kam es vor, als ob der Geschmack Ludwig II. von Bayern noch lebendig sei und sich hier und da in die Zimmer der sogenannten besseren bürgerlichen Stände geflüchtet hätte.

Entwurf: Heinrich Tessenow
Ausführung: Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau

Die Architektur, die Mutter aller Künste, wurde oft vom Beiwerk erstickt. Und das Schlimmste war, was den Volkskundler bedenklich machte, daß das Publikum staunend diese falsche Herrlichkeit bewunderte und sich innig danach sehnte, aus der »öden« Wirklichkeit in den berauschenden Prunk zu gelangen. Und das tat nicht nur die Unschuld vom Lande, sondern auch der Großstädter in seinen vielseitigen Schattierungen. Immer verständlicher wird der neuzeitliche Ruf, sich von überflüssigem Äußerlichen fernzuhalten und eine Sachlichkeit anzustreben, die aber durchaus nicht bar von jeder Schmuckform zu sein braucht. Denn wir teilen nicht die Ansicht derer, denen höchste Schmucklosigkeit höchstes Gebot ist. Wir wollen nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Wir wollen nicht arm von allen Gefühlswerten sein. Wir wissen nicht nur den ästhetischen, sondern auch den wirtschaftlichen Wert guten Kunstgewerbes einzuschätzen. Wir wollen aber auch nicht an Gefühlsduselei ersticken.

Entwurf: Heinrich Tessenow
Ausführung: Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau

Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz hatte nun, um diese wichtigen Fragen klären zu helfen, eine Anzahl Zimmer ausgestellt, die in seinem Auftrage Professor Dr. h. c. Heinrich Tessenow entworfen hatte, und die in den Deutschen Werkstätten, Dresden-Hellerau, ausgeführt worden waren. Es erscheint hier überflüssig, auf die Eigenart Tessenows einzugehen. Er ist Architekt und nicht Kunstgewerbler. Er ist Architekt, der im Handwerklichen wurzelt.

Entwurf: Heinrich Tessenow
Ausführung: Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau

Unsere Ausstellung zeigte einen Weg. Tessenow hatte absichtlich in seinen Räumen die kleinen Gebrauchsgegenstände, die hineingehören, weggelassen: Er gab uns einen Totaleinblick. Eine vornehme Harmonie in Form und Farbe, etwas Selbstverständliches war erreicht. Die Abwägung der Verhältnisse war höchstes Gesetz. Und so einfach das Ganze auch war, so machte es doch nicht den Eindruck des Armen, das »von der pauvreté kommt.« Es war der Ausdruck geläuterter Kultur. Freilich, in diese Räume gehörten auch Menschen, die sich schlicht und vornehm kleiden, gute Bücher lesen usw. und sich nicht putzen wie ein Pfingstmaienbaum. Die Familie Raffke mit ihrer Verwandtschaft fühlte sich, wenn sie zu Besuch war, höchst unwohl.

Deutsches Hygiene-Museum. Stube, zusammengestellt von O. Seyffert

Ferne sei es, die Tessenowschen Zimmer als die einzige Lösung hinzustellen. Ich bekenne von neuem, sie zeigten uns aber einen Weg zur Gesundung. Sicher kann man auch reichlichere Ausdrucksmittel als Tessenow wählen, wenn nur die Gesinnung eine ehrlich künstlerische ist.

Wie war nun der Eindruck auf das große Publikum? Vernichtend.

Das heißt, für das liebe Publikum.

»Das soll Heimatschutzstil sein? Hahaha! Hihihi!«

Ich weiß nicht, was Heimatschutzstil ist – gibt es überhaupt einen solchen? Ist nicht der gute Geschmack auch Heimatschutzstil? Denken sich die Leute noch immer Butzenscheibenromantik in moderner Aufmachung? Die Fensterläden mit einem Herzchen versehen?

Wir sehen, die Schnörkel, Tapeziererunkünste und die Süßigkeiten der Nippes haben die Leute allzusehr beeinflußt. Aber gerade unsere Zeit mit ihren Nöten muß uns doch ganz von selbst zur Schlichtheit führen.

Ich war strebend bemüht, solche Gedanken zu verbreiten, denn oberflächliche Urteile wurden vernichtend und schnell geführt.

Das letzte Bild bringt einen weiteren Beitrag zu unserem Thema. Für das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden hatte ich eine Stube zusammengestellt, wie sie nicht sein soll. Große Buchstaben verkündeten dies. Das war nötig, sonst hätte es wahrhaftig Menschen gegeben, die bei diesem Schreckensraum »ach, wie nett!« ausgerufen hätten. Waren hier in erster Linie auch hygienische, nicht ästhetische Gründe maßgebend, so vereinigte sich doch alles zu einem echten Bilde unserer Unkultur. Die drei Tage, an denen ich all die Sachen zusammengekauft habe, bleiben dunkle Punkte in meinem Leben. Ich habe mich geschämt, das Zeug zu erwerben und guckte beim Einkauf verstohlen nach links und rechts, ob meine Missetat von jemandem beobachtet würde.

Nun – es ist alles überwunden, und dieses abschreckende Beispiel hat seinen Zweck erfüllt. Es hat manchem die Augen geöffnet. Es wirkte erzieherisch. Und immer und immer wieder wollen wir uns den Satz ins Gedächtnis rufen:

Geschmack bilden, heißt den Charakter bilden.