III. Vornamen als Gattungsnamen im Reiche der leblosen Dinge.
Die Figuren des Kasperletheaters, Nachbildungen häufiger menschlicher Typen, lassen den Vorgang des Bedeutungswandels deutlich erkennen. Den Zuschauern werden die Puppen ebenso lebendig, wie ein Kind mit seinem Püppchen umgeht, als wäre es lebendig. Die alte Bezeichnung für die Gestalten des Puppentheaters war Kunz, Kunzchen, Künzel, Heinz oder Jäckel; nach ihnen hieß der Puppenspieler Kunzmann (noch jetzt Familienname) und Kunzenjager oder Kunzenspieler. Vom französischen Marion, der Koseform von Marie, ist die noch jetzt herkömmliche Bezeichnung Marionetten abgeleitet. Eine andere Kurzform desselben Vornamens Marotte, noch heute in der Normandie ein junges, halbwüchsiges Mädchen bezeichnend, ist nicht bloß der Puppenkopf am Narrenstab, sondern auch die Narrheit, der närrische Einfall.
Mit dem Namen Heinz werden eine ganze Reihe technischer Werkzeuge und Geräte belegt, ursprünglich wohl im Bergbau eine Wasserhebemaschine nach dem geschäftigen Kobold, dann auch die Schnitzbank des Böttchers. Schmeller führt als bayrisch an Stiefelhänsel oder Stiefelhainzel = Stiefelknecht und Heuhainz = im Allgäu ein Gestell zum Trocknen des Heus (hainzen = diese Art des Trocknens). Französisch Saint-Jean ist nicht bloß alles, was der Setzer braucht, in der Druckersprache, sondern auch allgemein das Handwerkzeug: prendre son S.-Jean = die Werkstatt verlassen. Dietrich, wie Friedrich und Johann häufig für Diener, wird zum Namen des Diebs- oder Nachschlüssels. Die Rute erscheint den Kindern euphemistisch als Birkenhänsel oder Birkengottfriedel, wie auch im Französischen der Eseltreiberstock martin genannt wird.
Von jeher hat der Soldat in seiner Waffe ein ihm vertrautes lebendiges Wesen erblickt. Aus der gleichen Gesinnung heraus, die Körner dazu antrieb, das Schwert an seiner Linken als sein Liebchen, als Eisenbraut zu besingen, entstanden im Mittelalter die Beinamen der Geschütze und Waffen. Hans v. Schweinichen erzählt in seiner Lebensbeschreibung, daß der junge Herzog von Liegnitz sein Rapier »allezeit meine Jungfer Käthe geheißen« habe, mit der er oft ein Tänzlein getan habe. Ein Geschütz aus dem 14. Jahrhundert, das sich in der Arsenalsammlung zu Dresden befindet, hieß »Faule Magd«; noch berühmter war die »Faule Grete«, beide ihrer Schwerfälligkeit wegen so benannt, wie ja auch die deutschen Riesenmörser des Krieges allgemein »Dicke Bertha« hießen. Der Soldat gibt dem Gewehr die zärtlichsten Namen: meine Karline, Laura, Pauline, Bertha. Auf ein zärtliches Liebesverhältnis deutet auch, wenn der Schnapsbruder von der Flasche als von der Karline oder Pauline spricht. Die Kaffeekanne heißt manchmal Kaffeekarline.
Eine andere Art von Bedeutungsübertragung liegt vor, wenn Speisen und Getränke nach einem menschlichen Vornamen heißen: Ein geringes Bier, wie es die Knechte tranken, nannten die Schöppenstädter »armer Heinke«; im Erzgebirge ist der »Großpeter« ein dicker mit Milch übergossener Brei, als Sommerspeise beliebt, in Süddeutschland der »Biernickel« eine Kaltschale; der Reisbrei lebt in der Soldatensprache als »stolzer Heinrich«. Im südlichen Deutschland gibt es Pfannkuchen unter der Bezeichnung »Pauternickel«; in Westfalen entstand der berühmte Pumpernickel, über dessen schwierige Etymologie viel geschrieben worden ist; der zweite Teil ist auf jeden Fall der Vorname Nickel. Warum heißt in Sachsen ein Käse »alter Theodor«? Die Pflaumentoffel, die hie und da auf den Christmärkten verkauft werden, sind aus Dörrpflaumen zusammengesetzte Männlein in Essenkehrergewandung; auch der Name Pflaumenrüpel kommt vor. Der Ziegenpeter oder Bauerwetzel ist eine Krankheit der Halsdrüsen, vielleicht bei Hütejungen als Folge von Erkältungen häufig vorkommend. Seltsame Laune des Sprachgeistes, das Fensterkreuz als Fensterpeter, die große Klingel am Pferdekumt im Winter als Lore (Erzgeb.), den Abort als Lotte (Leipzig) zu bezeichnen! Das beliebte Gesellschaftsspiel »Schwarzer Peter« soll seinen Namen von einem berüchtigten Räuberhauptmann in Mecklenburg, Peter Nikoll, genannt der schwarze Peter, empfangen haben; dann wäre es über hundert Jahre alt; denn 1817 ist er in Glückstadt enthauptet worden. Die vier Wenzel sind die Unter, die Baste (Koseform von Sebastian wie Bastel) ist der Grünober im Schafkopfspiel. Auch Schar- oder Scherwenzel soll ursprünglich den Unter des Kartenspiels bezeichnet haben; Jean Paul, Freytag und andere nennen einen schlechten Tabak Lausewenzel. Manche Dresdner verstehen unter »großem Friedrich« die große Zehe, die Leipziger sprechen von der »grünen Anna« und meinen damit den Polizeiwagen. Bei Dähnhardt, Naturgeschichtliche Volksmärchen 1, 102 heißt der Regenschirm beispielsweise »die baumwollene Minna«.