Das Rätsel der Tulpenkanzel im Freiberger Dom und Ulrich Rülein von Calbe
Von Otto Eduard Schmidt
Im Sächsischen Altertumsverein hielt am 3. Dezember 1925 Dr. Walter Hentschel, Assistent des Altertumsmuseums, einen mit vorzüglichen Lichtbildern ausgestatteten, überaus anregenden Vortrag über den »Meister H. W.« (siehe den Bericht von Dr. Naumann im Dresdner Anzeiger vom 8. Dezember 1925). So nennt die Kunstgeschichte einen besonders zwischen 1500 und 1525 in Sachsen wirkenden Meister der spätgotischen Plastik, der zwei seiner Werke, das Altarwerk zu Borna vom Jahre 1511 und die »schöne Tür« im ehemaligen Franziskanerkloster zu Annaberg – jetzt in der St. Annenkirche dieser Stadt – mit den Buchstaben H. W. gezeichnet hat, die wir trotz langwieriger und sorgfältiger Forschungen auch heute noch nicht zu seinem vollen Namen zu ergänzen vermögen. Zu seinen leider nicht bezeichneten, aber durch ihre stilistische Eigenart ihm mit ziemlicher Sicherheit zuzuweisenden Schöpfungen zählen die beiden Pulthalter in der Stiftskirche zu Ebersdorf, die große Holzskulptur der Geißelung Christi in der Schloßkirche (ehemalige Klosterkirche) zu Chemnitz und vor allem die berühmte »Tulpenkanzel« im Freiberger Dom. Sie ist eine der auffallendsten und merkwürdigsten Erscheinungen in der bildenden Kunst überhaupt. Mitten hineingestellt zwischen die himmelanstrebenden schlanken Steinpfeiler des Doms, der in seinem ganzen Bau mit der starken Betonung des Schiffes und der fast durchgeführten Losschnürung des Chors vom Schiff als »Gemeindekirche« selbst eine Revolution gegen die althergebrachten Grundsätze der Gotik darstellt, ist die »Tulpenkanzel« der Gipfel und die Bekrönung dieser Revolution, entstanden in Jahren, wo der Sturmwind des neuen Geistes vom Munde des Wittenberger Augustiners zu wehen begann. Das ist keine Kanzel alten Stils, sondern eine steingewordene Riesenpflanze, die mit elementarer Gewalt in drei sich übereinandertürmenden Gestaltungen aus dem dürren Felsboden drängt, keine sanfte holländische Tulpe, sondern die saftstrotzende, kraftvolle, stacheltragende deutsche Distel, die oben in einem verhältnismäßig breitausladenden Blätter- und Blütenknauf ausgeht, dessen Inneres sich dem Prediger als Sprechort darbietet, wie wenn ein aus den Tiefen der Erde aufgestiegener Geist den Gläubigen die emporquellenden Geheimnisse verkünden wollte. ([Abb. 1.]) Allerhand Phantasiegestalten durchschweben den Raum: unten Putten in halber Bergmannstracht, oben die vier Kirchenfürsten Hieronymus, Erzbischof Ambrosius mit Mitra und Krummstab, der greise Papst Gregor und St. Augustin. ([Abb. 2.]) Blätter und Zweige schlingen sich um sie, schlingen sich ineinander und durcheinander, und so stark ist das Sausen des Sturmes, daß in zwei verschiedenen Höhen steinerne Seile die Ranken umschnüren und zusammenhalten und ein junger, zugleich die kühne Treppe tragender Berggesell diese Seile an das kahle, starke, die Treppe stützende Astwerk zweier entlaubter, ineinanderverwachsener Bäume verknotet. Was ist hier noch gotisch? Höchstens erinnern gewisse Linien der Distelblätter an gotische Säulenkapitelle, aber der Geist, der im Kunstwerke weht, gehört bereits der von den Fesseln der Gotik befreiten Renaissance an, die sich hier zunächst in dem ausgesprochenen Naturalismus der Gesamterscheinung und zweitens in der Symbolik ihrer Teile offenbart. So steht die »Distelkanzel[3]« wie ich sie, ihre wirkliche Erscheinung besser bezeichnend, nennen möchte, zwischen zwei Zeitaltern als ein Werk von ganz besonderer, niemals wiederkehrender Eigenart. Die Deutung des Ganzen auf eine Grundstimmung, die Beziehung der Figuren zu der Zeit ihrer Entstehung, namentlich aber die Benennung der zu Füßen der Treppe sitzenden eindrucksvollen Mannesgestalt und des darüber, zwischen Treppe und Baumwerk eingeklemmten Jünglings war bis vor kurzen ein ungelöstes Rätsel. Die Erzählung vom Meister und dem Gesellen, der den Meister übertraf und deshalb von ihm den Tod erlitt – ein öfters vorkommendes Motiv der deutschen Sagenbildung – trägt den Stempel des Notbehelfs an sich. Der Vortragende verwarf sie mit Recht und erklärte den sitzenden Mann im Hinblick auf die um ihn kreisenden Löwen für eine Darstellung des alttestamentlichen Propheten Daniel in der Löwengrube. Daniel habe damals, allerdings nur kurze Zeit, in Sachsen als Patron des Bergbaus gegolten, und da doch die Kanzel vermutlich eine Stiftung der Freiberger Bergknappschaft sei, so habe der Meister hier den Propheten Daniel als ihren Patron dargestellt. Den Zusammenhang der Kanzel mit dem Bergbau und eine Beziehung der sitzenden Gestalt zum Propheten Daniel konnte man dem Vortragenden zugeben, wie hätte man sonst die den Mann bedrohenden brüllenden Löwen verstehen sollen? Aber unmöglich konnte ich in dem sitzenden Manne die Persönlichkeit Daniels erkennen. Wie kommt ein alttestamentlicher Prophet dazu, einen Rosenkranz in der Hand zu halten? Aber auch das Gewand (Schaube), die Schuhe und der Hut des Mannes sind durchaus zeitgenössisch, und nun vollends das Gesicht! Wer würde wohl je in diesem vollkommen realistisch geformten, vom Ohr bis zur Unterlippe ausrasierten Kopfe, der nur um das Kinn seinen starken Bartwuchs trägt, einen Propheten sehen? Wäre das eine Gestalt aus der Werkstatt der Phantasie des Meisters, so wissen wir aus seinen Pultträgern und Madonnen, und auch aus den Büsten der vier Kirchenfürsten im Blütenkelche der Distelkanzel, wie stark er und nach welchen Richtungen hin er zu idealisieren pflegt. Nein, die ganze herbe ungeschönte Erscheinung des Mannes, dazu auch seine Stellung als Hörer der Predigt zeigt uns, daß wir es hier mit einer Wirklichkeitsdarstellung, mit dem Bildnis eines Mannes von Fleisch und Blut, mit einem Porträt zu tun haben. ([Abb. 3.]) Und wie ich nun, noch während der Redner sprach, die nicht allzuvielen bekannten Freiberger der Epoche von 1500 bis 1520 an meinem inneren Auge vorüberziehen ließ, da durchzuckte es mich mit einemmal, und festumrissen stand eine Persönlichkeit vor mir, mit der ich mich in anderem Zusammenhange schon lange beschäftigt hatte, die einzige, die geeignet war, alle bisher ungelösten Rätsel der Distelkanzel zu entschleiern und uns dabei noch mit einem lange vermißten und lange gesuchten Bilde ihrerselbst zu beschenken: Ulrich Rülein von Calbe[4].
Aufnahme des Sächsischen Landesamts für Denkmalpflege
Abb. 1. Gesamtansicht der »Tulpenkanzel« im Freiberger Dom
Ich kann hier nicht auf die Einzelheiten seines noch gar nicht erforschten Lebens eingehen, aber in kurzen Worten sei die Bedeutung, die er für Freiberg im allgemeinen und für den Bergbau im besonderen gehabt hat, zusammengefaßt. Rülein von Calbe war im Übergang vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert auf geistigem, wie auf technischem Gebiete der Führer der aufstrebenden Freiberger Bürgerschaft und Bergknappschaft. Er war Ratsherr, Bürgermeister, Stadtarzt, Bergbauverständiger, Astrologe, Vermessungsingenieur und Organisator eines neuen Bildungswesens in einer Person. Im Jahre 1496 entwarf er den Plan, nach dem die Bergstadt Annaberg erbaut wurde, 1497 erscheint er als Stadtarzt, 1505 hat er das erste bergwissenschaftliche Buch der Welt verfaßt: »Ein wohlgeordnet und nützlich büchlein, wie man Bergwerk suchen und finden soll«, 1509 wird er Ratsherr, von 1514 bis 1519 war er Bürgermeister und als solcher bewog er die beiden tüchtigsten Humanisten der Leipziger Universität Johann Rhagius, einen Meister der lateinischen Beredsamkeit, und den begeisterten Apostel des Griechischen Peter Mosellanus nach Freiberg überzusiedeln. So wurde 1515 in Freiberg das erste humanistische Gymnasium der meißnisch-sächsischen Lande eröffnet. Gleichzeitig bekämpfte Rülein erfolgreich die in Freiberg besonders heftig auftretende Pest und schrieb 1521 ein längeres und ein kürzeres Büchlein über die Eindämmung und Heilung dieser Krankheit, auch entwarf er den Plan für den Bau der Stadt Marienberg, schmückte das Freiberger Rathaus mit »Gemälden der himmlichen Zeichen« und starb 1523 in Leipzig. Man wird zugeben, daß ein solches Universalgenie auch für den Meister H. W., dessen überaus reger und selbständig pulsierender Geist aus seinen Werken spricht, der wichtigste Mann in Freiberg war und daß es für den Meister eine der lockendsten Aufgaben sein mußte, dieses Mannes Bild festzuhalten und statt irgendeiner Idealgestalt diesen bedeutendsten Bürger der Stadt in Zusammenhang mit seinem großartigen Kanzelwerk zu bringen. Der augenscheinliche Beweis dafür, daß dies geschehen ist, findet sich in dem oben erwähnten Bergwerksbüchlein. Der erste Druck desselben aus Augsburg vom Jahre 1505 ist, wenn er überhaupt vorhanden ist, eine große Seltenheit, ich konnte ihn in keiner sächsischen Bibliothek auftreiben. Dagegen fand ich in der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden wenigstens die zweite Ausgabe aus Worms 1518 ([Abb. 4]) und die vierte von Augsburg 1534[5]. Und gleich auf der zweiten Seite des Wormser Druckes leuchtete mir die Überschrift in die Augen: »Daniel der bergverstendig zum jungen Knappio.« Also bezeichnete sich Rülein selbst hier als den bergverständigen Daniel. Wie kam er darauf? Der Prophet Daniel galt, wie der Joachimsthaler Pfarrer Johann Mathesius in seiner »Bergpostilla« (Nürnberg 1578) Seite 40 bezeugt, den Bergleuten für einen Bergmann, »weil er (im Kapitel 10) die vier Keiserthumb in vier metallen abmalet und des Sons Gottes arm und füsse in einem gluwen (glühenden) ertz oder kupffer oder glantzendem kiß oder marckasit gesehen und gehört habe.« Die Stelle im zehnten Kapitel Daniel lautet: »Sein Leib war wie ein Türkis, sein Antlitz sahe wie ein Blitz, seine Augen wie eine feurige Fackel, seine Arme und Füße wie ein glühend Erz und seine Rede war wie ein große Getöne«.
Aufnahme des Landesamts für Denkmalpflege
Abb. 2. Der obere Knauf der Kanzel mit den Büsten der vier Kirchenfürsten
Rülein hat schon als Stadtarzt von Freiberg, ferner als Bürgermeister, vor allem aber als Verfasser des Bergwerkbüchleins, viele Beziehungen zur Freiberger Bergknappschaft und auch zu den Bergherren gehabt, die, wie er, der Ansicht waren, daß die Erze nicht im Inneren der Erde festliegen, sondern von Fall zu Fall unter besonderen, von Gott bestimmten Verhältnissen im Berge wachsen und sich dem frommen, geschickten und ernstlich strebenden Bergmanne »höflich zeigen«, d. h. sich von ihm erbeuten lassen, während Gottlosigkeit und Ungeschick der Bergleute es den finsteren Geistern der Tiefe ermöglichen, das Erz wieder in Quarz und dergleichen wertloses Gestein zu verwandeln oder dem Bergmanne zu entziehen. Rüleins Bergwerkbüchlein lehrte die Kunst, den wachsenden Erzen richtig zu begegnen, kein Wunder also, daß er auch deshalb wie ein Patron des Bergbaus erschien und an der von den Bergleuten gestifteten Kanzel sein wunderbares Denkmal erhielt.
Aufnahme der Sächsischen Kommission für Geschichte
Abb. 3. Die unteren Teile der Kanzel mit der Treppe und der sitzenden Gestalt des Ulrich Rülein von Calbe
Aber die Löwen, die ihn umkreisen, werden hierdurch noch nicht erklärt. Denn sie können kaum, wie Dr. Hentschel will, als Symbole der Gefahren des bergmännischen Berufs aufgefaßt werden. Erstens waren die Gefahren in jener alten Zeit, wo die Gruben noch nicht so tief »geteuft« waren, weit geringer als später und zweitens war doch Rülein kein aktiver Bergmann und deshalb nicht so sehr von ihnen bedroht. Und doch war er, der sich selbst als den bergverständigen Daniel bezeichnete, ein »Daniel in der Löwengrube«, d. h. ein Mann, der fortwährend schwerer Lebensgefahr ausgesetzt war. Denn er hat als Stadtphysikus nicht nur durch seine Schriften, sondern auch als praktischer Arzt die furchtbaren Pestepidemien bekämpft, die in den ersten Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts Freiberg heimsuchten. Gerade im Jahre 1521 wütete die Seuche in Freiberg so furchtbar, daß Herzog Heinrich und seine Hofleute auf die an der oberen Zschopau gelegene Feste Wolkenstein entflohen und daß in Freiberg zum ersten Male, offenbar auf Rüleins Antrag, zur Befreiung der Stadt von den furchtbaren Verwesungsstoffen ein Friedhof außerhalb der Mauern, der noch heute bestehende Donats-Friedhof, angelegt wurde. In seinen »Freiberger Annalen« schreibt der Chronist Andreas Möller zum Jahre 1521: »Sonst hat dieses Jahr die Pest gewaltig zu Freybergk regieret, also daß von Bartholomaei bis Trium Regum (Dreikönigstag) über zweitausend Personen gestorben, daher Hertzog Heinrich zu Sachsen nicht allein eine gewisse Pestordnung publicieren lassen, sondern auch dem Rath befohlen, für die Toten den Donatskirchhof für (vor) der Stadt zum Gottesacker und -gemeinen Begräbnüs zuzurichten … Die Pestordnung ist Sonntags post Ascensionis Mariae, war der 19. Augusti, der Gemeine fürgehalten worden … deßwegen auch die Hofhaltung eine Zeitlang von hier auff Wolckenstein geleget worden.« Daß bei der Aufstellung und Durchführung der Pestordnung Dr. Rülein in seiner Doppeleigenschaft als Stadtarzt und Bürgermeister die wichtigste Rolle spielte, ist selbstverständlich.
Abb. 4. Titelblatt des Bergwerksbüchleins von Ulrich Rülein von Calbe, Worms 1518
Der Meister H. W. hat den Ulrich Rülein von Calbe, als er seine Distelkanzel für den Dom entwarf, zunächst wohl als den Repräsentanten des Freiberger Stadtgeistes und als geistigen Patron des Bergbaus ins Auge gefaßt, darüber hinaus aber gab ihm dessen selbstgewählter Name Daniel die Veranlassung, als Symbol der furchtbaren Gefahren, die ihn und die Bürgerschaft während der Pest umtobt hatten, die gräßlichen Löwen an der Kanzel anzubringen und damit zu sagen: wie der Prophet Daniel durch Gottvertrauen und Mut die Ungeheuer der Löwengrube überwand, so hat Rülein, durch unerschrockene Hilfeleistung als Arzt die Stadt von der Pest befreit. Demnach ist die Gestalt Rüleins, wie er zu Füßen der Kanzel demütig der Dankpredigt lauscht, die seine und der Bürgerschaft Errettung feiert, durch die ihn umkreisenden Löwen zugleich ein Denkmal für das Heldentum, das er als Arzt bewiesen hat. ([Abb. 5.])
Aufnahme der Sächsischen Kommission für Geschichte
Abb. 5. Die Löwen an der Kanzeltreppe
Von diesem Gedanken aus verstehen wir erst den ganzen Sinn der Stiftung: sie ist ein Denkmal der Errettung der Stadt von der furchtbaren Seuche, dargebracht von der Bergknappschaft und ausgeschmückt mit dem Bild ihres geistigen Führers und heldenmütigen Arztes. Deshalb meine ich, daß die Distelkanzel nicht schon 1520 im Dom aufgestellt sein kann, sondern erst 1521, und zwar erst gegen das Jahresende. Erst unter dem Drucke der furchtbarsten Pestepidemie, die Freiberg heimgesucht hatte, gewinnen die Löwen ihre prägnanteste Bedeutung.
Abb. 6. Bergwerkslandschaft aus dem Bergwerksbüchlein von 1518
Aber es gibt noch mehr Beziehungen zwischen dem Bergwerksbüchlein und der Distelkanzel. Das Baumwerk, an dem die Kanzel verankert ist, findet sein Gegenstück in dem Baumwerk, das Rülein in einigen Zeichnungen seines Bergbüchleins verwendet hat, um der Bergwerkslandschaft ihr Gepräge zu geben. ([Abb. 6.]) Auch ähnelt die schuppenartige Gesteinschichtung des Rüleinschen Goldwerkbildes auf dem Bogen CV in dem Augsburger Druck von 1534 ([Abb. 7]) sehr der Felsschichtung, aus der sich die Distelkanzel des Freiberger Doms erhebt. Wer kann sagen, ob diese Übereinstimmung, wenn sie nicht eine rein zufällige ist, darauf hindeutet, daß der Meister H. W. den Rülein beeinflußt hat, oder ob Rüleins technisch und künstlerisch gebildeter Geist den Meister H. W. dahin beeinflußte, daß er seiner kühn naturalistischen Kanzel durch Anlehnung und Verknüpfung an die entlaubten, ineinanderverwachsenen Baumstämme Halt verlieh? Auch das Baumwerk am Portal der Chemnitzer Schloßkirche, in das der Meister H. W. später seine Gestalten hineingestellt hat, ist eine Weiterbildung des bei der Distelkanzel und noch früher schon im »Bergwerksbüchlein« verwendeten naturalistischen Motivs. Jedenfalls bestanden zwischen diesen beiden hochstrebenden Geistern, dem Meister H. W. und dem Bürgermeister Rülein, tiefwurzelnde Beziehungen und Wechselwirkungen. Diese Beziehungen wurden auch nach der Vollendung der Distelkanzel weitergesponnen. Denn der Meister H. W. hat noch ein zweites Werk geschaffen, in dem Ulrich Rülein von Calbe leibhaftig dargestellt ist: das ist ein allerdings stark verwittertes, aber in den Hauptzügen noch wohlerkennbares kreisrundes Hochrelief, das ursprünglich als Schlußstein des Gewölbes über dem Bergaltar der St. Annenkirche diente, später aber an der Ecke eines Vorhäuschens zur Kirche angebracht war (s. Ernst Oswald Schmidt, Die St. Annenkirche zu Annaberg S. 34) und sich jetzt im Innern befindet. In diesem Relief ist nicht der geschichtliche Vorgang der Fündigwerdung Annabergs vom 27. Oktober 1492 dargestellt, sondern die sich darum rankende Sage, in der der schürfende Bergmann Caspar Nietzel aus Frohnau, offenbar unter dem Einfluß von Rüleins Bergwerkbüchlein, ersetzt ist durch den »armen Bergmann Daniel Knappe«. Wir besinnen uns darauf, daß in Rüleins Büchlein der Bergverständige Daniel zu dem jungen Knappius spricht. Wir sehen auf dem Relief ([Abb. 8]) die Tanne, in deren Zweigen Daniel Knappe, einem Traume folgend, vergebens nach den silbernen Eiern gesucht hat. Darüber schwebt noch der Engel Gottes, der ihm den Gedanken eingab, daß auch die Wurzeln zu den Zweigen gehörten. Auf der rechten Seite sehen wir, wie ein Bergmann nunmehr mit Erfolg an den Wurzeln des Baumes geschürft hat, in der Mitte steht Daniel Knappius, der den Fund in der Hand hält und ihn dem wieder in seiner Schaube und dem eigenartigen Hut erschienenen Bergverständigen Rülein zeigt, der den Fund begutachtet. Er ist unterdessen älter geworden, das Gesicht ist faltig, aber die Ähnlichkeit mit der sitzenden Gestalt am Fuße der Distelkanzel unverkennbar. Auch die an der Freiberger Figur verstümmelte und (1862) schlecht ergänzte Nase ist hier als eine echte Adlernase erhalten. Das ganze ehrwürdige Antlitz zeugt von Geistesschärfe und Willenskraft. In dieser aus der vollen Realität des Lebens gegriffenen, durchaus individuellen Gestalt die Darstellung des alttestamentlichen Propheten Daniel zu finden, ist mir schlechterdings unmöglich, zumal da hier auch nicht das geringste Symbol vorhanden ist, das sich auf den Propheten beziehen ließe. Ebensowenig aber läßt sich an der Identität des Annaberger Porträts mit dem an der Distelkanzel zweifeln.
Abb. 7. Bergwerkslandschaft aus dem Bergwerksbüchlein von 1534
Das Annaberger Relief des Meisters H. W. ist spätestens im Jahre 1525 gefertigt, in welchem der Tradition nach die Annenkirche vollendet wurde, vielleicht auch schon einige Jahre früher, jedenfalls kurz vor oder kurz nach Rüleins Tode (1523). Aber er verdiente es wohl, auch hier im Bilde verewigt zu werden, denn abgesehen von seinen allgemeinen Verdiensten um den Bergbau, hatte er auch schon 1496 (siehe oben) den Plan entworfen, nach dem die Stadt Annaberg erbaut wurde. Alles schließt sich zwanglos zu einem in sich gefestigten und gerundeten Beweise zusammen, so daß ich glauben kann, die von Walter Hentschel umsichtig eingeleitete und bis zu einem gewissen Punkte geführte Untersuchung über das größte und wichtigste Werk des Meisters H. W. in einem neuen Geleise weitergeleitet und zu einem für die Geistesgeschichte Freibergs wie für die sächsische Kunstgeschichte gleich wichtigen Ergebnis glücklich durchgeführt zu haben.
Aufnahme von Hofphotograph Meiche in Annaberg
Abb. 8. Hochrelief des Meisters H. W. in der St. Annenkirche zu Annaberg
Zum Schlusse möchte ich noch eine Vermutung über die Herkunft und den wesentlichen Wohnort des Meisters H. W. wenigstens aussprechen, wenn ich auch ihre Richtigkeit nicht beweisen kann. Der Meister H. W., unstreitig der bedeutendste sächsische bildende Künstler, der im Zeitalter des Übergangs von der Spätgotik zur Renaissance gelebt und gewirkt hat, ist so tief in dem Wesen des Bergbaus und seiner Technik verankert, daß ich ihn für ein Freiberger Kind halten möchte. Und wenn er das nicht sein sollte, so hat ihn vermutlich Ulrich Rülein, wie er den Rhagius und den Mosellanus herbeiholte, aus einer Bergstadt, etwa aus dem Mansfeldischen, nach Freiberg gezogen, wo er in seiner besten Zeit in enger Gemeinschaft mit Rülein den Mittelpunkt seines Schaffens fand. Will man Genaueres über sein Leben und Wesen und vielleicht auch seinen vollständigen Namen feststellen, so muß man zunächst die städtischen und bergbaulichen Akten des Freiberger Ratsarchivs und des Freiberger Bergamtes nach den Spuren dieser großen Persönlichkeit durchforschen.
Fußnoten:
[3] Man vergleiche mit unserem Kunstwerk z. B. das Bild der gemeinen Eselsdistel bei Leunis, Botanik II, S. 77.
[4] Die Quellen über sein Leben fließen sehr spärlich. Vergebens hat Prof. Dr. Knauth in Freiberg auf meine Bitte in den Akten, die das Bergamt aus den Jahren 1514 und 1518 über die Bergknappschaft besitzt, Rüleins Namen gesucht. Dagegen findet er sich im Ratsarchiv an drei Stellen im »Roten Stadtbuch« von 1488–1518 fol. 172v: der burgkmeister udalrich rulin … (a. 1514), S. 206 zweimal: udalrich rulin Burgkmeister (a. 1517) und ebenda ist auch von seinem Hause (jetzt Fischergasse 6b) die Rede (vgl. Täschner, Freib. Alt. Vereins-Mitt. 50, S. 71). – Außerdem erwähnt Weller in seinen Analecta II, S. 30 und 31, das vergebliche Auftreten Rüleins im Rate für eine bessere Besoldung der in Freiberg wirkenden Humanisten Rhagius und Mosellanus (dazu vgl. O. Clemen N. A. S. XLI, S. 135 f., und meine Kurf. Streifz. V, S. 79).
[5] Man darf allerdings im Katalog nicht unter dem Namen Rülein suchen, sondern unter dem Wort Büchlein; denn das Werkchen ist anonym erschienen und wir wissen nur durch zwei Zitate des Chemnitzers Georgius Agricola, De re metallica libri XII (Vom Bergwesen zwölf Bücher), in der Einleitung fol. 2v und pag. 54, daß Rülein von Calbe (Calbus Fribergius) der Verfasser des Bergwerkbüchleins ist. Am Schluß des älteren Dresdner Exemplars des »Bergwerksbüchleins« liest man: Getruckt zu Wormbs bei Peter Schöfern und volendet am fünfften tag April. M. D. XVIII.