Gräberfelder der Lausitzer Kultur

Von Dr. Walter Frenzel, Bautzen

Abbildungen aus dem Bildarchiv der Gesellschaft für Vorgeschichte und Geschichte der Oberlausitz zu Bautzen

Im zweiten vorchristlichen Jahrtausend wohnte in Ostdeutschland ein Volksstamm, dessen eigentlichen Namen die Wissenschaft mangels schriftlicher Überlieferung noch nicht kennt. Da seine auffallendsten Kulturüberreste, die Gräberfelder mit den Buckelurnen, doppelkonischen und gehenkelten Näpfen zuerst in der Ober- und Niederlausitz gefunden wurden, sprach man von der Lausitzer Kultur und dem Volke der Lausitzer auch noch dann, als man mit dem Fortschritt der Forschung gefunden hatte, daß diese Kultur bis an die Küste der Ostsee reicht, bis weit nach Polen hinein sich erstreckt, über Elbe und Saale hinaus westwärts vorgedrungen ist und im Süden einst die böhmischen und ungarischen Gefilde als Wohnstätte sich auserkoren hatte. Wenn daher eigentlich der Name »Lausitzer« zu eng gefaßt ist für die geographische Verbreitung der Kultur, so wird er doch von der Wissenschaft weiterhin fortgeführt, da man erkannt hat, daß diese Kultur in den beiden Lausitzen Brennpunkte höchster künstlerischer Entwicklung zeitigten. Nur einen kleinen Ausschnitt aus den ungeheueren Stoffmassen, die für die Lausitzer Kultur bereits vorliegen, will ich hier aufzeigen und einen Gegenstand behandeln, der selten breiterer Öffentlichkeit zugänglich ist: Grabformen. Auch dieses Teilgebiet kann hier nicht erschöpft werden, da im Laufe der einzelnen Jahrhunderte, während der die Lausitzer Kultur blühte, sich zahlreiche Wandlungen auch in den Grabbräuchen und nicht nur in den Gefäßformen entwickelten. Überdies vermag heute die Wissenschaft noch nicht anzugeben, ob in den verschiedenen Grabformen auch soziale, rechtliche und besondere religiöse Anschauungen sich widerspiegeln.

Abb. 1. Bautzen. Kriegersiedlung. Grab 2

Aus der mittleren Bronzezeit (1500 bis 1200 v. Chr.) ist in [Abbildung 1] ein Grab von dem weitgedehnten Gräberfelde Bautzen-Kriegersiedlung dargestellt. In jener Zeit war man voll und ganz zur Totenverbrennung übergegangen. Wir finden daher in diesen Gräbern keine Skelette, wohl aber die verbrannten und nachträglich noch zerkleinerten Knochenreste der Toten. Aus einigen Merkmalen (Abnutzung der Zahnkronen, Größenverhältnisse einzelner Skeletteile) kann man noch Rückschlüsse auf Alter und Geschlecht des Toten ziehen.

Abb. 2. Wessel bei Milkel. Grab 10. Hinter der Buckelurne mit abgebrochenem Ösenhenkel auf dem Erdkegel der Spinnwirtel, durch den das Grab als einer Frau gehörig bezeichnet wird. Rechts bei der Grabsetzung (absichtlich aus kultischen Anschauungen?) zerbrochene Gefäße

In [Abbildung 1] sehen wir in der Mitte eine zerbrochene Deckschale, welche auf die Knochenurne gestülpt war, diese steht aufrecht darunter. Verschiedene Beigefäße stehen um diese her, sie sind umgestülpt und stellen wohl Topfgerät dar, welches der Tote im Leben benutzte und das ihm ins Jenseits mitgegeben wurde. Andere Gefäße wiederum stehen aufrecht, sie enthielten zur Zeit der Grabsetzung die Totennahrung, von der wir hin und wieder verkrustete Reste im Innern der aufrechtstehenden Krüge und Kannen vorfanden. Das Grab selbst ist stark beschädigt, es war einst mit Steinplatten bedeckt. Als man aber während der Kriegs- und Inflationszeit hier Kleingärten anlegte, rodeten die fleißigen Leute all die unbequemen Steine, die in zwanzig bis dreißig Zentimeter Tiefe den Wurzeln die nötige Nahrung versagten, aus, und zerstörten dabei die Gräber. Nur wenige kleinere Gefäße sind uns erhalten geblieben – [Abbildung 1]: die bauchige Henkeltasse links und die Tasse darüber. Die anderen Gefäße sind mehr oder weniger zerdrückt und müssen erst in mühevoller Kleinarbeit zusammengefügt werden.

Abb. 3. Niederkaina bei Bautzen. Grab 1. Links Urne mit Resten eines Kindes, in der Mitte Scherben von Beigefäßen, rechts Urne mit Resten eines Erwachsenen, rechts davor eine verschobene Wandplatte und darauf die nach rechts entführte Deckplatte der Steinkiste

Eine andere Art, das Geschlecht des Toten zu bestimmen, besteht in der Beobachtung der Beigaben. In [Abbildung 2] ist ein Frauengrab dargestellt, das als solches durch die Beigabe eines Spinnwirtels (auf dem Erdkegel hinter der Bildmitte) dargestellt ist. Die Knochenurne steht am weitesten links, Hausgerätschaften sind in östlicher Richtung davor aufgereiht. Die Bestimmung des Alters der Toten durch Beobachtung der Größenverhältnisse der einzelnen Knochenreste führte bei dem Grabe auf [Bild 3] und [4] dazu, das wir folgende Feststellung machen konnten: In dem schräg liegenden kleinen Gefäß auf der linken Bildseite (angebrochene Deckschale), lagen die Reste eines Kindes, dessen ungefähres Alter durch die Beigabe eines kleinen Fingerringes, der den Umfang der Fingerweichteile widerspiegelt, festgelegt ist. In der großen Knochenurne auf der rechten Bildhälfte war eine erwachsene Person beigesetzt.

Abb. 4. Niederkaina bei Bautzen. Grab 1. Links Urne mit Resten eines Kindes, schräg darüber die Deckschale. Rechts Urne mit Resten eines Erwachsenen auf der Grundplatte einer sonst weggeräumten Steinkiste

Die bezeichnendste Grabform der Lausitzer Zeit ist die Steinkiste: Um eine wagerecht liegende viereckige Grundplatte stellte man aufrecht vier Wandplatten, setzte die Knochenurne und etwaige Beigefäße in die so entstehende Steinkiste hinein und deckte das Ganze durch eine Deckplatte zum Würfel ab. Auf [Abbildung 3] sehen wir die durch den Pflug zerstörten Reste der Steinkiste auf der rechten Bildfläche bei der Urne mit den Überresten des Erwachsenen. In [Abbildung 4] sind die Wandplatten beiseite geräumt, die zerdrückte Urne ist freigelegt und steht auf der granitenen Grundplatte. An ihrer rechten Seite gewahrt man ein kleines Schälchen, das unter dem eingezogenen Leibe der Urne gerade noch Platz gefunden hatte. Nur in Gebieten, wo der schalig klüftende Granit ansteht, konnten regelmäßige Steinkisten errichtet werden. Aber die Steinkiste ist nicht die Regel. Vom selben Gräberfelde stammt das [Bild 5], welches eine Steinpackung darstellt, die allerdings durch Pflug und Rodung aus ihrer sonst völlig pflastermäßigen Ordnung gebracht ist.

Abb. 5. Niederkaina bei Bautzen. Grab 3. Vom Pfluge und durch frühere Waldrodung gestörte Steinsetzung

Eine andere Grabanordnung mit reicheren Beigaben an Tonware bildet sich beim Übergang zur jüngeren Bronzezeit in den nächsten Jahrhunderten aus. Das Grab, welches in [Abbildung 6] dargestellt ist, enthält nicht weniger als neunzehn Gefäße der verschiedensten Art. Auch dieses Grab ist durch den Pflug arg zerstört. Im Vordergrunde sieht man den Bodenteil der Knochenurne, deren gehenkelter Oberteil nach der Bildmitte zu verdrückt ist. Zwischen beiden liegen in einem wirren Haufen die Reste des Toten.

Abb. 6. Wessel bei Milkel. Grab 18. Vom Pfluge zerstört nach Abräumung der Steinsetzung darüber. 19 Gefäße sind beigesetzt

Aber nicht immer bettete man den Toten zur letzten Ruhe in einer Urne. In Diehmen bei Gaußig fand ich in einer flachen Mulde die Knochen zu unterst frei in der Erde liegend, darüber war die Holzkohleschicht, die von der Totenverbrennung herstammte, geschüttet. Nicht ein einziger Schorb war auf dieser Grabstelle des bronzezeitlichen Gräberfeldes Diehmen zu finden. Das Vorkommen derartiger Brandschüttungsgräber erklärt uns aber auch die merkwürdige Tatsache, daß umfangreiche Gefäßstellungen aufgedeckt werden, in denen nicht ein einziger Knochenrest gefunden wurde. Ein solches Schein- oder Ehrengrab ist in den [Abbildungen 7] und [8] dargestellt. In der Mitte stehen übereinander drei Gefäße, die zwei unteren aufrecht, das obere, welches stark zerdrückt war und von dem sich der Boden und ein Henkel in der Mündung des größeren Gefäßes zeigen, verkehrt. Ringsum aber waren sieben Krüge, Tassen und Kannen verkehrt aufgestellt. Gefühlsmäßig möchte man eine solche Grabstellung als Äußerung der Trauer ausdeuten.

Abb. 7. Wessel bei Milkel. Grab 2 G. Schein- oder Ehrengrab nach Wegräumung der Steinsetzung

Abb. 8. Wessel bei Milkel. Grab 2 G. In der Mündung des aufrechtstehenden Mittelgefäßes ein halber Boden und ein Henkel einer ursprünglich verkehrt darübergestülpten Henkeltasse

Noch eine letzte Form der Totenbestattung sei hier gestreift und durch Bilder erläutert. An der Südseite des Grabes, [Abbildung 9], sind deutlich die Gefäße in aufrechter bzw. verkehrter Stellung zu erkennen. Nach Norden zu aber, in der Blickrichtung des Beschauers, erstreckt sich eine dicke Lagerung von Holzkohlen und Steinen: Die Verbrennungsstelle (Ustrine). Hier war der Tote niedergelegt und über ihm ein Scheiterhaufen aus wagerechten Bohlen, die wir noch fanden, und Hitzesteinen zum Aufspeichern der Wärme, errichtet. Diese sollten dazu dienen, den zu verbrennenden Körper auszudörren, damit bei den wenig heizkräftigen Brennmitteln jener Zeit der Körper verzehrt werde. Die Hitzesteine sind infolge der starken und wahrscheinlich wiederholten Erwärmung kantig zersprungen. Um das Grab äußerlich zu kennzeichnen, wurde aber auch ein Grabmal errichtet: Man rammte einen Pfahl senkrecht in die Erde, an dessen oberem Teile man irgendwelche Kennzeichnung des Grabes oder des Toten, vielleicht auch seiner Verdienste, seiner sozialen Stellung und wirtschaftlichen Lage anbrachte. Der Oberteil des Pfahles ist naturgemäß restlos vergangen, aber in der Tiefe ist er unter Luftabschluß verkohlt (wärme- und lichtlose Verbrennung). In [Abbildung 10], die vom gleichen Standpunkte aus hergestellt wurde, zeichnet sich auf dem hellen Sandboden deutlich der Pfahlrest ab. In [Abbildung 11] ist er aus größter Nähe aufgenommen, während [Abbildung 12] seine letzten Überreste nach Abgrabung einer Zwanzigzentimeterstufe darstellt. Noch tiefer hinab kann man den Pfahl nicht verfolgen. Die hier auftretenden Kohlereste sind durch Regenwürmer noch weiter hinabgeführt, deren mit schwarzer Erde gefüllten Bohrlöcher man auf [Abbildung 12] unter Zuhilfenahme eines Vergrößerungsglases noch erkennen kann.

Abb. 9. Wessel bei Milkel. Grab 15. Gefäßstellung und anschließende Ustrine. In Richtung des Pfeiles zeichnet sich der dunkle Fleck des Pfahles ab. Der gefiederte Pfeil zeigt auf die Holzkohleschicht der Ustrine

Abb. 10. Wessel bei Milkel. Unter dem Grabe 15 zeichnet sich im Sandboden der dunkle Kohlefleck des Grabpfahles ab

Die vorgeführten Arten bronzezeitlicher Grabformen erschöpfen jedoch bei weitem nicht die zahlreichen Bilder, die bei genauem und wissenschaftlich einwandfreiem Graben sich im Erdboden zeigen. Eine erschöpfende Darstellung war auch nicht beabsichtigt. Ich glaube aber nachgewiesen zu haben, daß trotz des ungünstigen Erhaltungszustandes – sämtliche vorgeführten Gräber waren durch Rodung oder Pflugbau zerstört – eine genaue Untersuchung noch überaus aufschlußreiche Ergebnisse zeitigen kann. Die Lehre aber, die man hieraus entnehmen wolle, ist diese: Wer vorgeschichtliche Reste in der Erde findet und seien diese noch so zertrümmert und unscheinbar, der wende sich an den nächst erreichbaren Fachmann, der mit geschulter Hand selbst noch so trostlos erscheinende Reste heimischen Altertums retten und der Wissenschaft erhalten kann. Die Meldestellen für Sachsen sind: Leipzig, Grassi-Museum, Dr. Richter; Dresden, Zwingermuseum, Dr. Bierbaum, Fernruf 18020; Bautzen, Gesellschaft für Vorgeschichte und Geschichte der Oberlausitz zu Bautzen, Stieberstraße 36, Fernruf 3773.

Abb. 11. Wessel bei Milkel. Die Pfahlreste aus größerer Nähe. Grab 15

Abb. 12. Wessel bei Milkel. Ausklingen der Pfahlreste von Grab 15