Der Hacksilberfund von Poppitz bei Riesa

Von Alfred Mirtschin, Riesa

Dem Poppitzer Nachtwächter hatte einst ein Zigeunerweib prophezeit, unter Poppitz lägen Millionen vergraben, und er …!

Er ist der Glückliche, der am 17. März 1926 einen »Topf voll Geld« findet.

Er ist in Tagesschicht beschäftigt, den kaum merklichen Straßengraben einer Straße mitten im Dorf um einen Spatenstich zu vertiefen. Ganz dicht neben einer Mauer stößt plötzlich seine Schaufel auf etwas Hartes. Ein Stein. Einige wuchtige Stöße. Die Schaufel gräbt sich weiter. Hoch! Da rollen ihm Silbermünzen wie ausgeschüttete Erbsen entgegen. Ein paar Hundert. Noch ehe er sich von seinem Erstaunen erholt, ist schon jung und alt aus der Nachbarschaft um ihn versammelt und drängt und rafft, Silbermünzen zu erhaschen, reich zu werden. Aber o weh! Wie dünn sie sind! Und wie zerbröcklich! Mancher wirft sie wieder weg. Andere treten drauf und raffen sie wieder von neuem. Ein Gewoge und Geschiebe und Geplauder an der Fundstelle. Der arme Nachtwächter weiß sich gar nicht zu helfen. Er ist nur froh, ein viertelhundert Münzen für sich gerettet zu haben. Die übrigen sind unter der Einwohnerschaft verstreut wie Flugblätter vom Flugzeug herabgeworfen. Und das Harte, das der Schaufel Widerstand geleistet? Es ist ein Topf, der nun von den Leuten kurz und klein getreten worden ist.

Ein Bild sinnloser Zerstörung. Aufregung, Tagesgespräch im Dorfe, das sich bis zu einsichtigen Menschen fortpflanzt. Sie erkennen, daß es sich bei diesem Fund nicht um den geringen Silberwert, sondern um wichtigere Dinge handelt. Sie kennen mich von meinen Ausgrabungen in Poppitz her und holen mich. Am Fundplatz kann ich nur noch Nachlese halten. Schneidersleute übergeben mir die von ihnen sorgfältig gesammelten Topfreste und den von niemand beachteten »Bleideckel«. Aber wie die Münzen wiederbekommen? Zwang und Belohnung haben eher entgegengesetzte Wirkung. Also Aufklärung und gütliches Zureden. Die Besinnung kehrt bei allen wieder. Niemand verweigert die Herausgabe. Manchem fällt es schwer. Doch die bessere Einsicht siegt. Die Dorfjugend hilft. Ich gehe von Haus zu Haus. Tagelang spüre ich nach, wie kein gewissenhafter Kriminalbeamter gründlicher tun kann. Und so habe ich nun wohl fast alle Münzen wieder beisammen. Nur einige wenige Stücke werden noch verborgen sein.

Abb. 1. Der vom Verfasser aus sechsundsiebzig Scherben wieder zusammengesetzte Topf des Poppitzer Hacksilberfundes. Ungefähr einhalb natürliche Größe

Was ist das nun für ein Fund und welcher Zeit entstammt er? Diese Fragen drängen sich nun ohne weiteres auf. Zur Beantwortung der ersten kommen nur Vermutungen in Frage. Die geschichtlichen Ereignisse der Heimat geben nur geringen Aufschluß. Wer kann es wissen, ob es ein Schatz des zwei Kilometer entfernten 1111 bis 1119 gegründeten Klosters Rezowe, ob es ein Privatgut war, das aus Furcht vor den Feinden – der Meißner Markgraf Heinrich der Erlauchte – 1221 bis 1288 – lag seit 1240 in mehrjähriger unglücklicher Fehde mit den beiden Brandenburger Markgrafen Otto und Johann – versteckt worden war, ob es ein unehrlich oder verbrecherisch erworbenes Gut war. Niemand kann es mit Bestimmtheit sagen, sicher ist aber, daß der Fund in jenes unruhige dreizehnte Jahrhundert gehört. Darauf weisen Topf und Münzen. Solche Gefäße (siehe [Abbildung 1]) waren bei den Deutschen im dreizehnten Jahrhundert im Gebrauch. Es ist eine Bombe mit gewölbtem Boden. Der Hals ist wenig umgelegt und hat innen eine Hohlkehlleiste. Das Material besteht aus schwarzgrauem, klingend hart gebranntem Ton, die Wandstärke nimmt vom Hals nach dem Boden zu immer mehr ab, ein Topfdeckel fehlt.

Die Münzen stammen ebenfalls aus dem dreizehnten Jahrhundert, und zwar aus der ersten Hälfte. Es sind einseitig geprägte Brakteaten aus dünnstem Silberblech. Sie sind durchschnittlich vier Zentimeter groß und wiegen ein reichliches halbes Gramm. Das Bild wurde mit einem Stempel aus Hartholz oder Metall eingeschlagen, so, daß es reliefartig hervortritt. Jegliche Angaben über Wert, Hersteller und Prägungsjahr fehlen. Sie wurden nach dem Gewicht gewertet. Darum zerschnitt man sie ohne Bedenken in Halbe und Viertel, wie sich solche Teile bei dem Fund in gleicher Anzahl wie die ganzen Stücke fanden. Sie dienten nur zum Ausgleich und dem Kleinverkehr. Das Hauptzahlungsmittel war der Silberbarren. In einen Schmelztiegel wurde soviel Silber gegossen, als die Zahlung erforderte. Daher die Kugelkappenform des Gußkuchens. War das notwendige Gewicht nicht ganz erreicht, so glich man den Rest mit Brakteaten aus. Nach der karolingischen Münzordnung galt damals noch die Silberwährung. Goldmünzen gab es in Deutschland noch nicht. Die Fürsten hatten Münzhoheit. Eine Menge neuer Münzprägestellen kam dadurch auf. Bedrängte Fürsten haben da oft dasselbe getan, was Deutschland heute tut: viel unedles Metall in das Silber gemengt und minderwertiges Geld geschaffen.

Abb. 2. Die verschiedenen Typen der Brakteaten und der Gußkuchen aus dem Poppitzer Hacksilberfund. Ungefähr einhalb natürliche Größe

Das Bild auf den Poppitzer Brakteaten gibt nun Aufschluß, wo deren Prägestelle zu suchen ist. Nicht allzuweit vom Fundplatz weg. Im zwanzig Kilometer entfernten Meißen. Dort sind sie in den Jahren 1208 bis 1258 von den Bischöfen Bruno II. (III.) 1208 bis 1230, Heinrich 1230 bis 1240 oder Konrad 1240 bis 1258 geprägt worden. Sie gehören mithin zu den älteren Brakteaten, die sich vor den späteren durch ihre Größe, ihre Schönheit (namentlich die selteneren bischöflichen) und durch ihre bessere Prägung auszeichnen. Die hundertsechsundachtzig Münzen, ganze und geteilte, des Poppitzer Fundes zeigen mit nur einer Ausnahme eine auf einem oder zwei Bogen sitzende Figur, den Meißner Bischof, der in den Händen je ein kirchliches Symbol hält, z. B. einen Krummstab ([Abb. 2] Nr. 4, 15 und 20), eine Hostienschachtel (?) (Nr. 5, 10 und 28), ein Patriarchalkreuz (Nr. 1, 19 und 34), ein Malteserkreuz (Nr. 1, 19 und 29), einen Stern (Nr. 11 und 14), ein Kugelkreuzszepter (Nr. 6, 24 und 25), ein Lilienszepter (Nr. 3, 5, 6, 7, 8, 12, 13, 14, 22, 26, 27, 33 und 35), ein Lilienszepter mit Doppelkelch (Nr. 9 und 23), ein Lilienszepter mit Kreuz (Nr. 3, 4, 8 und 21) und eine Fahne (Nr. 2, 30 und 31). So ergeben sich fünfzehn verschiedene Sorten ganzer Brakteaten, denen die zerteilten entsprechen. ([Abb. 2.])

Eine Sonderstellung nehmen die Brakteaten Nr. 16 und 17 ([Abbildung 2]) ein. Sie tragen Schriftzeichen. Die auf Nr. 16 ließen sich entziffern als DId ——D (?) GIIII. Es ist fraglich, ob sich diese Schrift auf den Markgrafen Dietrich den Bedrängten (1195 bis 1221) oder auf den Bischof Dietrich II. von Meißen (1190 bis 1208) bezieht.

Sicher nicht bischöflichen Ursprungs ist der Brakteat Nr. 17. Die Kronen und die Löwenköpfe in den Winkeln des Kreuzes und die Schrift MONETA DOMINI IMPERATORIS weisen auf den Kaiser Otto IV. (1209 bis 1215) hin.

Der Gußkuchen, der erst für einen gewöhnlichen Bleideckel gehalten wurde, wiegt vierhunderteinundvierzig Gramm und besteht, wie die chemische Untersuchung ergab, aus fast reinem Silber, dem nur eine winzige Menge Kupfer und Eisen beigemengt sind. Seine Höhe beträgt 9,5 Millimeter, sein größerer Durchmesser 8 und sein kleinerer 7,2 Zentimeter.

Bedenkt man, daß nach der sich in den Städten allmählich durchsetzenden Kölner Gewichtsordnung das Pfund vierhundertsechsundsechzig Gramm wog und die Hälfte, zweihundertdreiunddreißig Gramm, eine Mark betrug, daß der Poppitzer Fund ein Metallgewicht von fünfhundertsechsundfünfzig Gramm besitzt, also knapp 2,50 Mark Wert darstellt, und bedenkt man, daß man schon Funde bis zu fünftausend Stück Brakteaten gemacht hat, so ist der Poppitzer als ein kleiner zu betrachten. Doch er ist für unsere Riesaer Heimat und auch für unsere sächsische Heimat von um so größerer Bedeutung. Zum ersten Male gelang ein solcher Fund in unserer Gegend, der aus unserer heimischen Diözese Meißen stammt. Er kann geschlossen, Topf, Silberbarren und Brakteaten in unserer Heimat von der Allgemeinheit betrachtet werden. Das ist der Einsicht und dem Opfersinn der Gemeinde Poppitz zu verdanken, die den Fund in anerkennenswerter Weise dem Riesaer Heimatmuseum spendete.