IV. »Wie dr Schnawl stieht – Deitsch is mei Liedl«
Es ist doch wundersam: Gar mancher mit und nach ihm hat Volks- und Heimatlieder gesungen und ersonnen, aber nur wenigen sind sie gelungen. Wer Anton Günthers Lieder hörte, vergißt sie nicht gleich wieder. Sie kommen aus dem Herzen und gehen zu Herzen. Das könnte vielleicht als billige Redensart angesehen werden, aber man fühlt: diese Worte in der Mundart des Erzgebirgsvolks, die er vorerst gar nicht aufs Papier zu bringen und in die Welt zu schicken sich traute, sind echt, wahr und klar, schlicht und einfach, treffsicher, ohne Schnörkel und Künstelei, und zu ihnen paßt die Melodie. Sie erscheint, wie bei jeder guten Vertonung, als die Fortsetzung, die Ergänzung und Verinnerlichung. Sang und Klang sind eins geworden. Mit ein paar einfachen Akkorden drückt er aus, was vielen in umständlicher Rede kaum zu sagen gelingt. Hier ist erfüllt, was einst ein großer Dichter über den echten Volkssänger sagt: »Er wecket der dunklen Gefühle Gewalt, die im Herzen wunderbar schliefen.« Wie in dem Meistererzähler des österreichischen Volksstammes Peter Rosegger lebt in ihm die aufgespeicherte, unverbrauchte Gemütskraft der Bergkinder. Ein stilles Flämmlein wird zum Lichtschein, der vielen leuchtet. Schlichte Lieder nur wollen seine Sänge sein, aber sie tragen die Merkmale echter Dichtung: sie sind aus einem Erlebnis erwachsen, sind eine Eingebung und ein Stück Bekenntnis. Mit feinem natürlichem Empfinden ist auf den meisten seiner Karten zu lesen: Dies Lied entstand 1907 usw. Er kann keine auf Bestellung machen, wie etwa die Reklamedichter der modernen Zeit. In seinen Liedern leben die Düfte des Heidelands und der Morgenwind, der darüber weht, das Echo der Bergwälder und das Rauschen der Bäume, jenes unsagbar heimliche und tiefe Rauschen des erzgebirgischen Waldes, dem kein anderes vergleichbar ist. Aus ihnen steigt der herbe Duft der Erzgebirgsscholle, der gesunde Anhauch des Fichtengrünes; das Murmeln des kiesigen Waldbächleins flüstert in ihnen und der Liebeszwiegesang der gefiederten Sänger, die in den Zweigen wohnen. Frage den Wald, warum er rauscht, frage den Wind, warum er weht und wohin er geht, frage den Toler-Hans-Tonl, warum und wie er singt:
»Weils Vöchela singt wie sei Schnawela stieht,
Nooch seiner Art a jed’s Blümela blüht,
Will ich aa singa, weils en bestn a su gieht,
Wie mr dr Schnawl halt stieht.«
So sind bis heute über hundert herzinnige Lieder entstanden, davon sind vierundsiebzig zu singen und mit Bildern geschmückt, und klingen in den Bergen und in gar manchem Menschenherzen.
Es ist nur eine engbegrenzte Welt, die sein Lied besingt, aber im Leben und Weben der ewigen Natur und im armen Menschendasein dort oben erscheint ihm nichts zu gering und unbedeutend, daß es nicht eines Liedertones wert sei, ob er nun das Aufblühen des Vergißmeinnichts im Wiesengrunde sieht, oder das Finkenpaar im Nachbarbaum belauscht oder dem kleinen »Grünents« und »Hanftlich« nachblickt, die über den düsteren Moorgrund fliegen, oder das Sommergesumm am würzduftenden Waldrand vernimmt, ob der Glockenschall der kleinen Waldkapelle an sein Ohr dringt oder ob er zur »Harwistzeit« das Aufbrausen des Höhensturmes und das Weihnachtsahnen im Winterwalde erlebt. Wie schlicht und innig ist das Zum-Gleichnis-werden alles Vergänglichen in dem kleinen Liede: »Blüh, Schwarzbeer, blüh« zum Ausdruck gebracht! Alles Süße und Liebe der armen Heimaterde ist eingefangen in seine anspruchslosen Verse. Sie ist ihm, gleich dem Leben, ein heiliges Buch, das auf allen Seiten großen Inhalt zeigt und zeigen soll, und über dieser Erde leuchtet ihm ein schöner, unbeweglicher Stern: das ist die Liebe zur Berg- und Waldheimat. Ihr gilt sein erstes und sein letztes Lied. In der Lebensbeschreibung, die er dem ersten Bande seiner Lieder vorausschickt, bekennt er es: »Aus ärmlichen Verhältnissen sind meine Lieder entsprungen zum Wohle einer ganzen Familie und nicht minder zum Wohle unseres Gebirges.« Und wer sollte nicht lieb haben diese schlichten, geraden und selbstgenügsamen Menschen, die vom Sonnenaufgang bis -niedergang eingespannt sind in den Tageslauf! Viele von ihnen haben noch etwas vom knorrigen Geschlecht der Vorzeit in sich, sind Leute vom »alten Schlag«, gesund am Mark und in ihrer Lebensweisheit, voll Hingebung an die Arbeit und voll Ehrfurcht vor dem Alter. In ihrer Bedürfnislosigkeit können sie dem neuen Weltmenschen ein Vorbild sein. An einem Stück Brot, ein paar Kartoffeln, einem geringen Kaffee, mit der Schwammabrüh im Topf und einer Pfeife Tabak finden viele ihr Genügen. Sie sind die Nachfahren der rauhen, aber wackeren Hammerschmiede und Bergwurzeln des erzgebirgischen Volkes, in denen der Erdsegen und die Lichtsehnsucht der alten Zeit fortleben. Der in der Weltverlassenheit schaffende Holzknecht, der arme »Großhaaner«, selbst der alte »Bettelmah«, der im Kampf um die Heimatscholle unterlag, stehen unserem Toler-Hans-Tonl höher, als die, die in »Grustu an Olmerichkeit« draußen in der Welt verdarben und die Heimat vergaßen. Unter dem Sammelruf: »Vergaß die Hamit net!« sendet er auch diesen Verlorenen und Wankenden seine Lieder. Hört ihr es? … »Ach wie schü wars daham of der Uf’nbank« … wenn Heimatfriede in Hütten und Herzen einkehrte und in die Spinnstuben zum »Hutznomd« die heilige, heimliche Weihnachtsstimmung sich ausbreitete.
In dieser langen, dunklen Winterzeit rücken sie alle näher aneinander; ihre Herzen tun sich auf, und ihr Mund singt es heraus, was an Leid und Freud tief innen wohnt. Ihr Volksdichter ist immer mitten unter ihnen, wenn auch nicht in Person, so doch in seinen Liedern. Wie der Bergmann, der mit seiner Blende den dunklen Schacht der Erde ableuchtet, so findet er im Herzen des Volkes manchen Schatz, den die neue Zeit verschüttet hat, die alte Treue und gebirgische Art, die Rechtschaffenheit, Biederkeit und Zufriedenheit, »das beste Kraitl«, das in der Welt gedeiht. Ist es nicht schlichteste, aber unzerstörbare Lebensweisheit, wenn er das Leben als Büchel besingt, in dem nur Gutes stehen soll, wenn er sagt:
»Drem war a Herz gefondn hat,
Dar sell net meh begarn,
A Harz, wos schleecht vull Lieb on Trei,
Werd of dr Walt wuhls Beste sei –
Doch ’s muß verstandn warn.«
Aber immer klingt in seinen Liedern jene wunderbare Mischung zwischen tiefem Lebensernst und Scherz auf, der allen Großmeistern der Freude eigen ist.
»Jeder Baam hot sei Astl, jeder Barch hot sa Spitz,
Jed’s Vöchla sei Nastl, jed’s Flamml sei Hitz,
’s hot alles sei Ordnung, ’s hot alles sei Zeit,
Jeder Mensch macht wos andersch,
’s hot halt jeder sei Freid.«
Und der Gottesgaber Sänger ist der letzte, der gegen diese echte – Gottesgabe predigen will. Wie die Sonne durch dunkles Gewölk lächelt, so blitzt hier und da ein Strahl echten, goldenen Humors in seinen Liedern auf, bricht der Schalk durch, lacht das lustige oesterreichische Gemüt, das ein unvergängliches Erbteil dieses schwergeprüften deutschen Volksstammes ist. Nimm und sing nur seine heiteren Lieder: Da Ufnbank, ’s fallische Nannel, Da Pfeif, Da zwaa Finken, ’s Annl mit’n Kannl, Dr Grenzschutz, Allerhand ve dr Gutsgoh!
Aber diese Stunden der Freude und des Lachens sind nur Ruhepausen im Kampfe des Lebens. Denn nicht nur die Not des eigenen Daseins, auch die Not seines ganzen Volksstammes hat bei seinen Liedern Pate gestanden. So wie sich der Geleitsspruch: »War sei Hamit liebt, liebt a sei Volk« durch alle Lieder hindurchzieht, so gewiß ist auch, daß diese Liebe nur durch harten Kampf erworben ward. »Deitsch on frei wolln mr sei!« ist Notruf und ewige Losung des deutschböhmischen Bruderstammes hier oben. Gerade das ist es, was dem Heimatvolk des Sängers so furchtbar schwer gemacht wird durch Jahrhunderte hindurch, so lange hier deutsche Herzen schlagen. Notzeiten hat es im Gebirge immer gegeben, als der Bergsegen erstarb, wenn die Ernte verdarb, wenn der Verdienst im Wechsel der Zeiten karg ward, aber nie waren die Wasser der Not so hoch gestiegen als in den letzten Kriegsjahren, da das Hungergespenst diesseits und jenseits der abgebrochenen schwarz-gelben Grenzpfähle umging und in den kleinen Hütten auf den Bergen das Licht erlosch. Ergreifend klingt dies in dem Gedicht »Kaa Licht« wieder, für das der Sänger weder Bild noch Weise fand. In stillem, zähem Behaupten und unwandelbarem Vertrauen ward der Grenzstamm zum Duldervolk, aber daß es nicht mit Seufzen und Bangen unterlag, hat es nicht zum geringsten Teile seinen treudeutschen Führern zu verdanken, zu denen auch Anton Günther zu zählen ist. Auf den Flügeln seiner Lieder geht die Klage der Väter und der Weckruf der Brüder zu uns ins Reichsland. Nichts Undeutsches ist in seinem Wesen und seinen Weisen.
»Deitsch is mei’ denk’n
On deitsch mei’ Gemüt,
Deitsch is mei Hamit,
Mei Vater sei’ Hütt’ …
Deitsch is mei’ Tracht’n,
Mei Tu on mei’ Treib’n,
Deitsch on frei bie ich
On wills immer bleib’n …«
Und die Lauen rüttelt er auf:
»Scham dich fei, scham dich fei,
Du willst aa a Deitscher sei?
Denkst wuhl, weil du deitsch tust redn,
Schüna Wärter sochst en jedn,
On drbei, als wie a Kind,
Drehst du en Mantl noch na Wind,
Denkst wuhl, weil du deitsch mich grüßt,
Doß du schu a Deitscher bist?« …
Aber nicht nur mit dem Wort – auch mit der Tat, mit Gut und Blut trat er für sein Volk ein, zog in den Krieg und trug schwere Wunden mit heim. Draußen am Isonzo richtete er die verzagten Kameraden mit seinen Liedern auf und ist bis heute nicht müde geworden, die Getrennten zu sammeln, zur Einheit zu mahnen und die »niedertrachticha, waggeschmissina, falischa Politik« in die »Feirist« zu hängen.
»Ich bin net schwarz, ich bin net weiß, ich bin net rut, ich bin net grü.
Ich halt zer Hamit, ze mein Volk, weil ich a Arzgebircher bin.«
Aber nicht nur als Volksdichter, Volkserzieher, sondern auch als praktischer Volkswirt erweist er sich, wenn er aufruft:
»Schafft Vieh in Haus, ’s werd Wuhlstand drauß,
Da Nut die huppt zen Fenster naus.
Host du a Flackl Ard,
Bebau dei Fald mit frischem Mut,
Weil dr Segn när in dr Arweit ruht.
Nort hot erst ’s Labn en Wert,
Bebau dei Flackl Ard!«
Er selbst gibt den Seinen darin ein gutes Vorbild und zeigt, auch wenn seine Lieder nicht klingen: Wer der Heimatscholle treu bleibt, dem bleibt auch die Heimat.
V. Traute Lieder hör ich wieder
Hamlich in dr Mottersproch
In der großen Stadt ist Stiftungsfest des Erzgebirgsvereins. Dort finden sich Leute zusammen, die vom Gebirge her stammen oder Freunde der Berge sind, die das Erzgebirge aufschließen helfen, Wege bauen, Wanderheime und Jugendherbergen gründen und, wenn sie zusammenkommen, erzgebirgische Art und Sitte pflegen. Da werden mundartliche Volksstücke aufgeführt, heitere, gebirgische Geschichten vorgetragen und Lieder gesungen. Wie oft heißt es da nicht hier und da: Wir wollen den Toler-Hans-Tonl bitten, daß er selbst einmal zu uns komme, und wenn er in seiner grünen Gebirgstracht leibhaftig vor ihnen steht und seine Lieder zur Laute singt, dann ist es, als wenn die grünen Fichten rauschten und die Waldharfen aufklängen im großen Lichtersaal, als wenn der Bergquell spränge, als wenn das liebe Erzgebirge in seiner biederen Frömmigkeit selbst zu ihnen gekommen wäre, und mancher Mund summt, der »Gongazeit« gedenkend, leise mit:
»Grüß dich Gott, o du mei Arzgebirch,
Grüß dich Gott, du grüner Wald.
O wie garn kehr ich zu dir zurück,
Wus su hamlich klingt on schallt.« – –
Es war zur Hauptversammlung des Erzgebirgsvereins, die 1905 zu Zwönitz stattfand. Bei der Erstaufführung des erzgebirgischen Volksstückes »Heimkehr« von Pfarrer Löscher, dem verdienten Freund und Förderer des Vereins, wirkte auch Anton Günther mit und ward zum ersten Male einem größeren Kreise bekannt. Seitdem war er gewissermaßen entdeckt, und trat in der Folgezeit auf besondere Einladung hin in Landsmannschaften, Heimatvereinen, deutschen Sprachvereinen, Vereinen für Volkskunde, Gesangvereinen, literarischen Verbänden und Erzgebirgszweigvereinen als hochwillkommener Gast auf. Nicht nur in Sachsen und Böhmerland, auch in Wien und Berlin erwarb er sich begeisterte Freunde. Erzherzöge und Könige begehrten ihn zu hören. Im Jahre 1913 sang er auf dem Fichtelberge vor dem ehemaligen König Friedrich August, der durch die Liedstelle
»Mit kan Könich mächt ich tauschen,
Weil do drubn mei Heisl stieht.«
zu Tränen gerührt ward und den Sänger durch das Ehrenkreuz mit der Krone auszeichnete. Wohl war des Toler-Hans-Tonls Freude darüber groß, aber in seiner schlichten Art sagt er später:
»Das Kreizl ehr net mich allaa on aa net när mei Lied,
Das ehrt es ganze Arzgebarch, es Volk mit sein Gemüt.«
Wie oft ist er bis zum heutigen Tage gesucht und zu Gast gebeten worden, aber er kann nicht auf allen Bergen sitzen und singen. Das Leben ist ernst und verlangt noch andere Pflichten von ihm, und wo er selbst nicht hinkommt, da sind als Boten seine Liedergrüße gegangen. Auf tausenden von Postkarten sind sie in die Welt geflattert, aus dem stillen Gottesgab, vom Fichtel- und Keilberge, von den Sommerfrischen des Gebirges, aus den Schaukästen der Großstädte. Fürstenkinder und schlichte Leute kennen und singen sie, selbst nach Amerika gingen sie – ein Strahl der Heimatsonne übers ferne Meer. Und sie werden bleiben, wenn schon mancher Sang verschollen, den heute die Welt liebt. Drum kauft seine Lieder! Sie sind ein Quell reiner Freude, ein Wegweiser ins Erzgebirge, eine ausgestreckte Bruderhand, ein Gruß aus der Heimat, denen, die sie verloren, ein Bollwerk gegen alles Undeutsche in und um uns.
Aus dem stillen Heimatglück des Vaterhauses, woher sie gekommen, kehren zurück alle seine Lieder, und in der Heimat ist auch der Toler-Hans-Tonl am liebsten. Er selbst bekennt es: … ’s werd aus ’ner Ficht kaa Birnbaam draus, dort, wu ich harstamm, halt ich hie … Seinem lieben Gottesgab, dessen Ehrenbürger er ist, hat er Treue geschworen, ihm gehören alle seine Lieder, er nimmt Anteil an seinem Geschick in guten und bösen Tagen, leitet ihre Jugend und hilft nach Kräften den Gebirgsarmen, für die er eine Toler-Hans-Tonl-Stiftung gegründet hat.
»Drham is drham!« so sagte er, als er mir zum Abschied die Hand reichte, aber wir wissen: Kein Grenzpfahl kann uns scheiden; denn sein Volk ist unser Volk, und seine Lieder leben, so lange die deutsche Treue und gebirgische Art in Hütten und Herzen leben; so lange die Berge stehen und die Wälder heimlich rauschen. Glück auf, du treuer deutscher Grenzwächter im Böhmerland!