Wermsdorf und seine Schlösser
Von Hugo Krämer, Wermsdorf
Aufnahmen des Heimatschutzes
Wermsdorf, du Perle des Oschatzer Niederlandes, nicht mit Unrecht hat dich der Volksmund so bezeichnet! Rauschende Wälder, im Sonnenschein glitzernde Seen umrahmen dich. Über dir, auf sanft ansteigendem Hügel, grüßt die majestätische Hubertusburg, und unten im Tale träumt das alte Jagdschloß, umgeben von alten, hochgiebligen Häusern und dem idyllischen Schloßpark, seinen Dornröschenschlaf. Die Linde im Schloßhofe, der melodisch plätschernde Brunnen, sie wissen mancherlei zu erzählen von vergangenen Zeiten, Zeiten des Glanzes und Zeiten der Not, von fürstlichem Jagdgepränge und rauhen Kriegswirren. Ja, du liebe, traute Linde! Wie oft habe ich sinnend unter deinen breithängenden Zweigen gesessen! Und dann sind all die Bilder vergangener Tage an meinem geistigen Auge vorübergezogen.
Abb. 1. Schloß Wermsdorf. Nordflügel. (Vorderansicht.) Rechts unten König-Albert-Denkmal
Vierhundert Jahre zurück! 1523 war es, als die beiden Brüder Dietrich und Ernst von Starschedel neben Mutzschen auch mit Wermsdorf belehnt wurden. Da, wo heute die Pferdeställe des Jagdschlosses stehen, erstand ein Herrenhaus mit Getreidehaus, Scheunen und Stallungen, umgeben von einem Wallgraben und blühenden Gärten. Ein ansehnlicher Bau, der so manchen Edelsitz seiner Zeit in den Schatten stellte. Jedoch nicht lange erfreuten sich die von Starschedel ihres Besitzes. Kurfürst August I., gewöhnlich »Vater August« genannt, war von seinem Regierungsantritt an bemüht, die Staatseinkünfte durch Errichtung von Kammergütern und Erwerbung von Wäldern zu vermehren. So kaufte er auch 1565 das Rittergut Wermsdorf samt dem zugehörigen Wald, der damals einen Flächenraum von etwa dreitausend Ackern einnahm. Später wurde der Waldbesitz mehr und mehr vergrößert, und diesem Walde verdankt Wermsdorf dann auch die Rolle, die es in der sächsischen Geschichte gespielt hat. Denn wie das Leben am sächsischen Hof ohne Jagd nicht denkbar war, so ist diese wiederum in Sachsen mit dem Namen Wermsdorf aufs engste verknüpft.
Abb. 2. Schloß Wermsdorf. Rechts Ostflügel, erbaut 1618. Mitte Nordflügel, erbaut 1608. Links Stallungen: Hier stand das ehemalige Starschedelsche Herrenhaus, das 1721 wegen Baufälligkeit abgetragen wurde
Schon August I. kam oft nach Wermsdorf, um dem edlen Weidwerk obzuliegen, und der rein bäuerliche Ort – es gab damals hier zehn Pferdner und vierzehn Gärtner – sah von da ab des öfteren hohe Gäste. Bald erwies sich das Starschedelsche Schloß zur Aufnahme des Kurfürsten und seines Gefolges als zu klein. Deshalb ließ er 1574 da, wo jetzt die Oberforstmeisterei steht, ein neues Jagdhaus aufführen, wahrscheinlich lediglich zur Unterbringung des Jagdgefolges und Personals. Doch genügte auch das nicht auf die Dauer. Die Nachfolger Augusts, Christian II. (1591 bis 1611) und Johann Georg I. (1611 bis 1656), die gleichfalls eifrige Jäger waren, stellten höhere Ansprüche. Der Bau eines größeren Schlosses war geplant und wurde auch schon 1608 begonnen. Dabei mußten die Bauern des Ortes und der Umgebung Frondienste leisten. Sie fuhren Ziegel von Trebsen und Püchau an und erhielten nur während der Ernte vierzehn Tage Urlaub. Im Dezember 1610 wurde das neue Jagdschloß durch den Bauleiter Steger (den Bauplan hatte Baumeister Simon entworfen) übergeben. Noch stand nur der heutige Nordflügel. Er enthielt im Erdgeschoß, außer Flur und Küche, des Kurfürsten Stube als Versammlungsort des Gefolges mit zwei Kammern, die Stube des Jägermeisters v. Ziegesar mit drei Kammern und Vorgemach, im Obergeschoß, das von Holzwerk mit Ziegeln durchsetzt war, Stuben und Kammern. Die Einrichtung war äußerst bescheiden; denn als Inventar werden angeführt Decken mit eingeschobenen Tafeln, an den Wänden hinlaufende Bänke, Kleiderrechen, wenig Tische, ein Himmelbett des Kurfürsten und Spannbetten für das Gefolge. Bald wurde auf Befehl des Kurfürsten das Obergeschoß massiv aufgeführt und zwei neue Flügel angebaut. 1626 war das Schloß in seiner jetzigen Gestalt fertig. Mitten in dem furchtbaren Dreißigjährigen Kriege. Noch bis 1628 kam der Kurfürst nach Wermsdorf, um zu jagen; dann mußte er, gezwungen durch die widrigen Verhältnisse des Krieges, die Jagd aufgeben. Wiederholt zog die sengende und mordende Soldateska auch durch Wermsdorf, wiederholt war das Schloß der Plünderung preisgegeben. 1639 kamen die Schweden und legten Feuer im Schloß an. Rasches, tatkräftiges Eingreifen der Bewohner verhinderte ein weiteres Umsichgreifen des Brandes, und notdürftig wurden die entstandenen Schäden repariert. Als 1681 Mutzschen völlig abgebrannt war, mangelte es an Gelegenheit, das Amtshaus unterzubringen. Durch kurfürstlichen Befehl wurde der Nordflügel des Schlosses als Amtsexpedition und Wohnung für den Amtsschösser eingerichtet. Erst 1685 kam Johann Georg III. mit seinen Ministern und mit General Flemming wieder zur Jagd hier an.
Eine lange Pause von siebenundfünfzig Jahren lag zwischen diesem und dem letzten Jagdaufenthalt eines sächsischen Kurfürsten. Beengter denn je waren die Jagdgäste. Gefolge und Dienerschaft wurde im Dorfe einquartiert, der Pfarrer allein mußte drei Kammern und Stallung für fünf Pferde hergeben. In der Folgezeit kamen die Landesherren wieder fast regelmäßig zur Jagd hierher, um so mehr, als seit 1698 der Statthalter Fürst Egon von Fürstenberg die Parforcejagd hier einrichtete. Mit Fürstenberg beginnt für die Geschichte der Jagd in Sachsen ein neuer Zeitabschnitt: die endgültige Einführung der Parforcejagd nach französischem Vorbild. Der Fürst, ein Liebhaber der Jagd, hatte jedenfalls während seines mehrjährigen Aufenthaltes in Frankreich Geschmack an dieser Art zu jagen gefunden und hegte den Wunsch, das bei Wermsdorf sehr günstige Gelände dazu einzurichten. Der Wald wurde durch Alleen und Schneisen in Quadrate geteilt, das Terrain durch Wege und Brücken zugänglich gemacht, Kähne angeschafft zum Transport der Jäger und Hunde über die Teiche und endlich eine Mauer zum Schutze der anliegenden Felder vor Wildschaden aufgeführt. Nachdem die zum Jagen erforderlichen Pferde und Hunde aus Frankreich und England und französische »Piqueurs« in Wermsdorf angelangt und in dem von August dem Starken dem Schlosse gegenüber erbauten Jägerhofe untergebracht waren, konnte 1699, obwohl die Geländearbeiten noch keineswegs beendet waren, die erste Parforcejagd abgehalten werden. Dauernd wurden aber noch Verbesserungen und Vergrößerungen am Gelände und an der Jagdequipage vorgenommen; in Collm wurde ein Forsthaus und ein neues Sauhaus, auf dem Collm von Karcher ein Jagdpavillon erbaut.
Der öftere längere Aufenthalt des Statthalters in Wermsdorf hatte auch eine erhöhte Geselligkeit im Schlosse zur Folge. Viele bekannte hohe Personen, auch der König, fanden sich immer wieder in Wermsdorf ein. Die Glanzzeit für Wermsdorf war angebrochen und sollte sich noch immer steigern.
Als Fürstenberg 1717 durch einen Schlaganfall dahingerafft worden war, kaufte der König die gesamte Jagdeinrichtung für seinen jagdliebenden Sohn, den Kurprinzen Friedrich August und machte alle möglichen Anstalten zur Errichtung einer stattlichen Hofhaltung für diesen. Die gesamte Equipage bestand damals aus zweiunddreißig Jagdbediensteten, siebenundvierzig Pferden und zweihundert Hunden. Als der Kurprinz nach längerer Abwesenheit 1719 aus dem Auslande zurückkehrte, übergab ihm der König die Jagderlaubnis für den Wermsdorfer Forst und die gesamte Einrichtung samt Benutzung des Schlosses. Graf Gall erhielt vom Prinzen die Leitung des gesamten Jagdwesens übertragen.
Bereits im Oktober und November desselben Jahres weilte der junge Kurprinz mit seiner Gemahlin, der Erzherzogin Maria Josepha von Österreich, abermals in Wermsdorf. In diesem Jahre begann die sich mit der Zeit zu einem Volksfest steigernde Feier des Hubertustages durch eine mit größtem Luxus ausgeführte Parforcejagd am 3. November.
Über das Hubertusfest von 1721, das der König besuchte, liegen spezielle Nachrichten vor. Nach der Ankunft des Königs am 2. November früh ging man zur Messe, speiste und brachte den Rest des Tages beim Spiel zu. Am 3. November stellte sich die Jagdparade früh neun Uhr am Forsthause auf. Die Pferde von vierundzwanzig Kavalieren, der kurprinzliche und königliche Reitstall gingen der Gesellschaft voraus, die sich zum Jagen begab. Nur dreiviertel Stunden dauerte dieses, aber es wird als eine »glückliche, lustige, kurze Parforcejagd« bezeichnet. Am nächsten Tage besuchte man Mutzschen und erlegte des Nachmittags beim Streifjagen ein großes Schwein. Das Fest ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil der König seinen Entschluß bekanntgab, »zu besserer Bequemlichkeit Unseres Kgl. Printzen Lbd. einen Bau aufführen zu lassen, der glanzvolleren Anforderungen entsprechen sollte«. Und noch im selben Jahre war es, als auf dem Hügel südlich von Wermsdorf in Gegenwart Friedrich August II., seines Sohnes, des Kurprinzen Friedrich August und zahlreicher hoher Gäste der Grundstein zum Hauptgebäude des neuen Jagdschlosses gelegt wurde. Hubertusburg ward es genannt, dem Schutzpatron der Jagd, Hubertus, zu Ehren. Einen stolzen Plan hatte der Ingenieur und Oberstleutnant Naumann entworfen, dem die Ausführung dieses Baues übertragen wurde. Das größte und schönste moderne Schloß auf Sachsens Boden, ein Prachtbau, wie er damals vielleicht in ganz Europa nicht herrlicher zu schauen war, ging unter Naumanns Leitung seiner Vollendung entgegen. Vier Kompagnien Infanterie schaufelten den Grund, etwa siebenhundert Künstler, Maurer, Zimmerer und Handwerker arbeiteten mit solcher Rüstigkeit, daß schon 1724 der Prinz mit seinem Hofstaat das Schloß zum erstenmal bewohnen konnte.
Das Palais bestand aus einem Mittelgebäude, auf dessen achteckigem Mittelteil ein origineller Turm mit einem riesigen vergoldeten Hirsch als Wetterfahne thronte, und zwei Seitenflügeln. Dadurch war ein Hof gebildet, der nur nach Osten offen war. Die Front des Palais war dem Horstsee zugekehrt, und man überschaute von ihr aus den vom Kgl. Kunst- und Lustgärtner Perisch sehr kunstvoll terrassenförmig eingerichteten, mit vielen Bassins, Springbrunnen und Bildsäulen gezierten Garten, der als einer der schönsten Sachsens bezeichnet wird. Links im Mittelbau war eine katholische Kapelle eingebaut. Sie war dem Hubertus geweiht und durch die über dem Altar von Balthasar Permoser in Stuckmarmor dargestellte Bekehrungslegende geziert. Rechts befand sich im ersten Stockwerk der durch zwei Etagen hindurchgehende, herrliche Hubertussaal mit hohen Bogenfenstern. Breite Sandsteintreppen führten zu beiden Seiten bis unter das gebrochene, mit Kupfer gedeckte Dach, von dem die Götter des Olymp in zahlreichen Statuen herabblickten. Überall war Glanz und Pracht. Dem Hauptschloß entsprechend waren die umfangreichen Seitengebäude, die beiderseits am Hauptpalais beginnend, den großen äußeren Schloßhof umgrenzten. Da waren die beiden H-förmigen langen Gebäudereihen parallel zum Hauptflügel des Schlosses, deren Querverbindungen den Schmiedehof mit dem Wermsdorfer Tor im Norden und im Süden den deutschen Jägerhof mit dem Reckwitzer Tor vom großen Hof trennten. Als Gebäudeabschluß stand je ein schöner Pavillon, deren einer später durch Graf Brühl bemerkenswert wurde und seinen Namen »Brühlscher Pavillon« noch heute hat. Im Osten war die Haupteinfahrt, das Oschatzer Tor mit der Zugbrücke, links und rechts weitere Gebäude und Pavillons. In letzteren wohnten zumeist Offiziere, in den langen Gebäuden waren unten Pferdeställe, Hundeställe und Wagenschuppen, oben Räume für die Bediensteten. Links vom deutschen Jägerhof befand sich der französische mit zwei einander parallel laufenden Reihen von Wohn- und Stallgebäuden, und links vom großen Hof, hinter dem Schmiedehof, lag der große Geschirrhof mit einem Waschhaus, einer Bauscheune, Pagenställen, Wohnungen und dem Wasserhaus. Durch eine doppelte Rohrleitung wurde das Wasser aus einer Entfernung von mehr als einer halben Stunde in den Behälter des Wasserhauses geführt, und von hier aus in die Bassins des Schlosses und des Gartens verteilt.
Bereits 1724 wurde also, wie oben erwähnt, das Hubertusfest im neuen Schlosse prächtig gefeiert, und viele Verwandte des Prinzen, sowie polnische Prälaten und Woywoden, deren Gunst der Kurprinz zur dereinstigen Nachfolge in Polen erlangen sollte, hatten sich dazu eingefunden. Infolge des größeren Umfanges der Räumlichkeiten konnte auch die Jagdeinrichtung noch mehr vergrößert werden. Es wurde bestimmt, daß ihr bis zu vierzig Personen, fünfundsechzig Pferden und zweihundertfünfzig Hunden anzugehören hätten. An Galls Stelle trat in der Leitung der Jagdequipage der später so berühmt gewordene Graf Sulkowsky.
Abb. 3. Im Schloßpark zu Wermsdorf
Seit dem Bestehen einer Hofhaltung in Wermsdorf war die Bewachung des Schlosses durch eine Invalidenkompagnie versehen worden. 1729 wurde an deren Stelle eine eigene Truppe zur Bewachung der Hubertusburg eingerichtet. Keiner der einhundertvierzig, später zweihundertvierzig Grenadiere und ihrer Vorgesetzten durfte unter fünfundsiebzigeinhalb Zoll (= etwa ein Meter 80 Zentimeter) groß sein. Sie unterstand völlig dem Kurprinzen und hatte ihren Sitz zunächst in Oschatz. Die ablösende Wache mußte also einen fast dreistündigen Weg zurücklegen. Die Uniformen dieser Leibgarde waren erst rot und gelb, später rot und grün. 1744 wurde sie aufgelöst.
Abb. 4. Hubertusburg. Ostflügel, erbaut 1739
Die seit 1727 oft leidende Gesundheit August des Starken erlaubte ihm nur noch selten das ermüdende Vergnügen der Parforcejagd. Desto eifriger pflegte sie der Kurprinz. Und wenn er auch immer zwischen Hubertusburg, Dresden und Moritzburg wechselte, Hubertusburg blieb der Hauptplatz der Jagden und sah alljährlich das glänzendste Hubertusfest. Beim längeren Aufenthalte war die gleichfalls jagdfreudige Kurprinzessin seine getreue Begleiterin, die der Parforcejagd im Amazonenkleide zu Wagen zu folgen pflegte. Vom Jahre 1736 ist uns eine sehr interessante Aufstellung des gesamten Jagdzuges erhalten, die ich folgen lassen möchte. Zwei Förster und ein Oberförster ritten voran. Ihnen folgten die Handpferde der Jagdpagen, Minister und Kavaliere; der Jagdinspektor Seyffert; die Parforcepferde der Besuchsjäger sowie des Barons von Feullner und des Grafen Sulkowsky; der Sattelknecht, Roßarzt und Bereiter von der Jagdequipage; zwölf königliche Handpferde, von Reitknechten zu Pferde geführt; der Sattelknecht, Roßarzt und Bereiter vom königlichen Stall; ein Kosake; der Hoftaschenspieler Fröhlich und Baron Schmiedel; die Piqueure; die Besuchsjäger mit den Hunden; der Jagdpage von Nostitz; der Jagdjunker von Wehlen; Feullner, Sulkowsky, der König, der Herzog von Sachsen-Weißenfels, Graf Moritz von Sachsen und die Gesandten. An diesen pomphaften Zug schlossen sich noch an die polnischen Herren, die Minister, Oberchargen, Generäle, Kammerherren, Obersten, Kammerjunker; Oberforstmeister und andere Kavaliere von Zivil und Militär, sämtlich zu Pferde. Im Wagen folgten die Königin mit den zwei ältesten jungen Prinzen, die Hofdamen, die Kavaliere der Königin und der Prinzen. Den Schluß machte der Schirrmeister mit zwei Wurstwagen.
Abb. 5. Hubertusburg. Gartenfigur. (Der Herbst)
Obgleich das Schloß für vollendet gelten konnte, wurden in ihm doch immerfort Verschönerungen vorgenommen. Oberlandbaumeister Knöffel war zumeist in Hubertusburg anwesend und richtete z. B. 1738 zwei Zimmer mit kostbaren Spiegeln, wertvollen Bildhauer- und Vergoldungsarbeiten ein. Aber der Nachfolger August des Starken, König Friedrich August II., wollte die Hubertusburg noch großartiger gestalten, und Graf Brühl schaffte unbedenklich die Mittel zur Vollendung des Baues aus dem ohnehin schon arg verschuldeten Sachsenlande herbei. Da wurde denn mit der Ausführung der neuen Pläne auch nicht lange gezögert. 1739 riß man plötzlich fast das gesamte Hauptschloß wieder ab und führte einen neuen Hauptteil mit Turm auf der bisher unbebauten Seite des inneren Hofes auf. Die beiden Seitenflügel führte man an dieses heran und verband sie gegenüber dem neuen Hauptflügel wiederum. Der innere Hof war somit allseitig von hohen Gebäuden umschlossen, ein gewaltiger quadratischer Komplex erhob sich an Stelle des zierlicheren Schlosses, das Naumann gebaut hatte. Entsprechend dem ovalen Risalit des Hauptflügels, das der Turm krönte, schloß man den äußeren Hof nach Osten zu durch zwei Rundflügel ab und baute entlang der Anfahrt Kasernen für die Leibgarde. Hunderte von Arbeitern förderten das Werk mit solchem Fleiße, daß bereits 1742 die neue Front mit dem zierlichen, luftigen Turm fertig stand, auf dessen höchster Spitze wieder der stark vergoldete Hirsch als Wetterfahne glänzt. Ein prachtvoller runder Saal, der kleine Hubertussaal, mit glänzender Marmorwand und kunstreichen Gemälden, lag in der Mitte über dem großen runden Portale, durch zwei Etagen sich erhebend. Bis auf den marmornen Fußboden herab reichen die großen Bogenfenster, die als Türen auf einen Altan führen, der eine weite Aussicht nach der Oschatzer Gegend bietet. Weithin tönten die harmonisch eingestimmten Glocken durch die großen bogenförmigen Öffnungen des Turmes, dessen Seitenwände wie vier starke Säulen dastehen und sich erst oben wieder vereinigen, um das Dach zu tragen. Die große Uhr zu Füßen des Turmes wurde von vielen als großes Kunstwerk gepriesen. Die ganze linke Hälfte des Hauptflügels war der katholischen Kapelle gewidmet, welche Silvester, Torelli und Grone mit Kunstwerken schmückten und die noch heute im gleichen Zustand erhalten ist. Zwei hohe Säulengänge im Innern tragen die Emporen, alle Wände sind von glänzendem Gipsmarmor. Der Hochaltar ist eins der besten Werke des Lorenzo Mattielli, und die Kanzel bezeichnet Gurlitt als eines der schönsten Stücke sächsischen Rokokos. Ein schwebender Engel scheint sie zu tragen, zierliche Putten beleben das ganze Meisterwerk. Neben dem Hochaltar, dessen Stufen von sächsischem (Crottendorfer) Marmor sind, stehen noch zwei Seitenaltäre, deren einer das Bild des Hubertus und des ihm mit dem Kreuz des Erlösers im Geweih erscheinenden weißen Hirsches, deren anderer das Bild der Ida von Toggenburg mit dem ihr leuchtenden Hirsche trägt. Beide Gemälde sind von Sylvester. Aus der früheren Schloßkapelle wurden vier weitere treffliche Bilder des Torelli übernommen. Das vielbewunderte Deckengemälde von Baptist Grone stellt auf einer Fläche von vierhundert Quadratmetern die Hubertussage dar.
Abb. 6. Hubertusburg. Blick auf den Schloßhof mit Oschatzer Tor
Im rechten Rundflügel der Friedenssaal
Rings um das ganze Schloß wurden in Höhe des Dachgeschosses Reliefs und Standbilder angebracht. Vorn lagern links und rechts vom Turm Mars und Minerva, in der Mitte prangt das Reichsvikariatswappen. (König August war um diese Zeit Reichsvikar.) Im Hofe stehen inmitten prächtiger Anlagen noch heute zwei schöne Steinvasen und Darstellungen der vier Jahreszeiten (nach Gurlitt dem Permoser sehr nahestehende Arbeiten, wahrscheinlich aber von Joh. Christ. Kirchner etwa 1720).
Abb. 7. Hubertusburg. Der Brühlsche Pavillon
Auch während des Neubaues wurden sowohl die tageweisen Besuche des Königs als auch die glanzvollen Frühjahrs- und Herbstfeste des Hofes in Hubertusburg nicht unterbrochen. Nicht allein die Minister mit ihren Gemahlinnen, der Hofstaat der Majestäten, die Prinzen und Prinzessinnen, die Damen und Kavaliere, sondern auch das diplomatische Korps, zahlreiche Eingeladene aus den ersten Kreisen der Gesellschaft waren wochenlang anwesend, sämtlich in den Schloßräumen untergebracht, festlich bewirtet und durch Jagd, Konzert und Theater unterhalten. In einem Teil des Gartens hatte man den Opernsaal erbaut, der ein schöner, sehr interessanter Holzbau gewesen sein soll. Leider ist heute kaum noch bekannt, wo er gestanden hat. Dort klangen Kapellmeister Hasses Töne von der Bühne, und seine Frau, die »göttliche« Faustina, entzückte durch ihren himmlischen Gesang. An anderen Tagen wieder stellten die comici italiani ihre Burlesken dar. Bis auf das Hassesche Ehepaar, das im Schlosse wohnen durfte, hatte die Künstlerwelt ihren Wohnsitz in Wermsdorf, wo ihr Haus und das Kaffee, in dem sie verkehrten, noch heute leicht als aus dieser Zeit stammend zu erkennen sind.
Abb. 8. Inneres der katholischen Kirche Hubertusburg
Nach Sulkowskys Sturz 1738 hatte Baron von Feullner die erledigte Kommandantenstelle übernommen, und Graf Brühl war im Staate an des Ministers Stelle getreten. In Hubertusburg bewohnte Brühl den nach ihm benannten Pavillon rechts vom Schloß, der durch einen verdeckten Gang mit den Gemächern des Königs im Nordflügel verbunden war. Brühl bemühte sich stetig, Verbesserungen der Jagdeinrichtung und am Gelände einzuführen. Oberst Fürstenhoff mußte 1740 neue Jagdalleen anlegen, »um uns des Parforcejagd-Plaisirs führohin mit mehrerer Bequemlichkeit bedienen zu können«, und diese sollten 1741 bereits fertig sein. Die schwierige Aufgabe wurde gelöst, und der Kurfürst konnte sich überzeugen, daß auf den neuen Alleen »sicher zu reiten und zu fahren fest und tüchtig« war. Ferner war beabsichtigt, den Horstsee in das Gebiet des Schloßgartens einzufügen und Wasserspiele, Feuerwerke und ähnliches auf ihm zu veranstalten. Jedoch der ausbrechende Siebenjährige Krieg machte allen Erweiterungsplänen und Jagdbelustigungen ein Ende. Im Jahre 1755 fand das letzte Hubertusfest zu Hubertusburg statt. Als der König und die Königin 1756 von der Leipziger Messe nach Dresden zurückreisten, übernachteten sie im Schlosse, ahnungslos der traurigen Jahre, die da kommen sollten. Nicht der König, nicht die Königin sahen ihr geliebtes Jagdschloß jemals wieder, auch Graf Brühl hat es nie wieder betreten.
Abb. 9. Hubertusburg. Ehemaliges Arbeitshaus für Frauen, später Landeshospital
Friedrich der Große hatte 1759 Berlin aufgeben müssen, Kroaten und Kosaken wüteten in den Straßen. Noch ärger trieben es leider aber die Sachsen in Charlottenburg. Sie raubten dieses aus und schlugen in Trümmer, was sie nicht mitnehmen konnten. Durch seinen Sieg bei Torgau bekam Friedrich II. ganz Sachsen, außer Dresden, in seine Hand. Sein Hauptquartier war in Dahlen. Es ist nicht zu verwundern, daß er sich für die Zerstörung seines Lustschlosses zu rächen suchte und noch im selben Jahre, 1760, den Befehl gab, das in der Nähe gelegene Jagdschloß Hubertusburg zu plündern. Ein Freibataillon unter dem Oberbefehl des Quintus Icilius (eigentlich Guichard aus Magdeburg, ein französischer Offizier, der in Friedrichs des Großen Dienste getreten war) vollzog diesen Befehl. Wagen auf Wagen rollte beutebeladen der preußischen Grenze zu. Von den Kellern bis unter das Dach wurden sämtliche Vorräte und Prunkgegenstände geraubt. Die herrlichen Gemälde, kostbaren Spiegel und glänzenden Tapeten verschwanden von den Wänden. Die Habgier der beiden Berliner Juden Ephraim und Itzig, an die Quintus Icilius das geplünderte Schloß für zweiundsiebzigtausend Taler verkaufte, vollendete die Zerstörung des Schlosses und des Gartens. Die großen Glocken, die kunstvolle Uhr, das kupferne Dach, die mannigfachen Statuen, alles wurde der Juden Beute. Aus dem gewonnenen Metall ließ Ephraim einen Teil des nach ihm benannten schlechten Geldes prägen, mit dem Sachsen damals überschwemmt wurde. Auch aus den Seitengebäuden, namentlich aus dem prachtvoll eingerichteten Brühlschen Pavillon, wurde alles Wertvolle weggenommen. Die stark vergoldeten Schlösser und Bänder, Riegel und Beschläge der Türen und Fenster wurden abgerissen und die schweren Vergoldungen an Türen und Verkleidungen der Wände durch Berliner Arbeiter abgekratzt und chemisch zersetzt. Die Zerstörungswut griff auch auf die von den Soldaten verschonte Kapelle über. In der königlichen Loge hatte man begonnen, Schlösser, Draperien und Goldleisten abzureißen. Da eilte der damalige Hofkaplan Norbert Schubert nach Dahlen ins Hauptquartier und erreichte nach langem Bitten die Erhaltung des Heiligtums. – Das kostbare Mobiliar des Schlosses ward verkauft. Aus den Händen der Juden gingen die Schätze der Hubertusburg in den Besitz der Meistbietenden über. In dem Schlosse Carnin in Pommern wird ein Zimmer das »Hubertusburger« genannt, weil dessen gesamtes Mobiliar aus Hubertusburg stammt.
Die Parforcejagdequipage war natürlich durch den Krieg ebenfalls in die traurigste Lage geraten. Die Pferdeställe standen leer, der Bestand des Hundezwingers ging immer mehr zurück, das Wild schossen feindliche Soldaten und die Bauern schonungslos nieder, die Forstbedienung wurde nach Warschau befohlen. Am Ende des Krieges war der Hundebestand bis auf neun Hirsch- und drei Leithunde zurückgegangen, sodaß die Equipage schließlich völlig aufgehoben wurde. – Als endlich 1762 Friedensverhandlungen angebahnt wurden, wählte man zur Abhaltung des Friedenskongresses das Jagdschloß Hubertusburg, das nebst seinem Gebiete durch eine öffentliche Verfügung für neutral erklärt wurde. Im Dezember kamen die bevollmächtigten Minister von Preußen, Sachsen und Österreich hier an; aber im ganzen Hauptpalais war kein Raum, der sie hätte aufnehmen können. In der Mitte des dem Schlosse gegenüberliegenden rechten Rundflügels fanden sie noch neben der Amtswohnung des katholischen Geistlichen einen Saal, in dem sie ihre Verhandlungen abhalten konnten. Bald nach der Unterzeichnung des Friedens starb der König und sein Sohn und Nachfolger Friedrich Christian auch zu bald nach ihm, als daß er bei der allgemeinen Erschöpfung an die Wiederherstellung des zerstörten Friedensschlosses hätte denken können.
Zunächst stand das Hauptgebäude nun lange Zeit leer; zu Jagdzwecken wurde es nie wieder und die Nebengebäude erst nach 1815, aber selten und nur kurze Zeit verwendet. Die zahllosen Räume des verwüsteten Palais wurden ab 1791 als Militärmagazin eingerichtet. Mächtige Getreidehaufen drückten die Fußböden, auf denen die Großen des Landes so prächtig einhergeschritten, füllten die Räume, die nur Feste zu sehen gewöhnt waren. Bis 1873 blieb Hubertusburg in diesem Zustand, mit Ausnahme der Jahre 1813 bis 1815, während derer es als Lazarett diente. Viel Elend hat es da sehen müssen. Freund und Feind lagen beieinander, und nur wenige kamen wieder heraus, Tausende starben hier infolge der oberflächlichen Behandlung an ihren Wunden oder Krankheiten. Man scharrte sie ein, alle zusammen, im Lindigt unweit des Horstsees. Etwa zehntausend sollen dort liegen, wohl meist Franzosen, wie der Platz, der 1913 mit einem schlichten Denkstein geziert wurde, auch heute noch den Namen »Franzosengrab« führt. Der Einrichtung Hubertusburgs als Lazarett haben wir es sicherlich zu danken, daß es von weiteren Verwüstungen verschont blieb. Denn die Tatsache, daß es Kranke barg, genügte, vorüberziehende Truppen von seinen Toren abzuhalten. Auch gelang es, wie schon 1760, glücklicherweise auch diesmal, die Kapelle zu retten. Diese sollte mit Kranken belegt werden. Der Kapellendiener Venus führte die maßgebenden Offiziere in den heiligen Raum, der in hellem Kerzenglanze strahlte. Die Offiziere waren von dem Eindruck so überwältigt, daß sie ohne weiteres die Schonung zusagten und den Bau weiterer Holzbaracken auf dem Schloßhof befahlen.
Nach 1815 bekamen pensionierte Beamte und Offiziere in Räumen des Schlosses und der Nebengebäude sogenannte Gnadenwohnungen angewiesen; aber noch viel leerer Raum war vorhanden und verlockte zur Einrichtung aller möglichen Institute. Zunächst verlegte man in die Gebäude am Reckwitzer Tor ein Landesgefängnis, das vielfach politische Gefangene barg. Unter anderen verbüßten Bebel und Liebknecht Teile ihrer Strafzeiten hier. Auch wird erzählt, daß Ernst Keil seinen Entschluß zur Herausgabe der Gartenlaube in einer Hubertusburger Zelle faßte. Von 1834 ab wurden die verschiedensten Landesanstalten in den Nebengebäuden untergebracht, z. B. ein Landeshospital, Landeskranken- und Siechenhaus, eine Irrenversorganstalt, das Arbeitshaus für Frauen, eine Erziehungsanstalt für blödsinnige Kinder, die sogenannten »Pensionär-Korrektionär-Institute« zur Besserung verwahrloster Söhne bemittelter Eltern und die Blindenvorschule. Die Strafanstalten wurden jedoch im achten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts wieder aus Hubertusburg verlegt, und heute sind nur noch Heil- und Versorganstalten vorhanden.
Ehe wir jedoch auf die Schilderung des gegenwärtigen Zustandes zukommen, müssen wir noch auf ein Unternehmen näher eingehen, das in der Geschichte von Hubertusburg eine bedeutende Rolle gespielt hat: die Steingutfabrik.
Nach dem Siebenjährigen Kriege war die Bevölkerung Sachsens so verarmt, daß sie nicht mehr imstande war, für den täglichen Gebrauch das teuere Porzellan zu verwenden. Man kaufte also, da in Sachsen nichts anderes, billigeres, fabriziert wurde, meist von auswärts eingeführte Steingutwaren, besonders die beliebte Delfter Fayence. Nun war es aber einem Maler der Meißner Porzellanfabrik namens Tönnig nach eingehenden Versuchen gelungen, ein dieser Delfter Fayence ähnliches Fabrikat zu erzeugen. Er bat am kurfürstlichen Hof um Unterstützung zu weiterem Ausbau seiner Erfindung, die ihm auch bereitwilligst gewährt wurde, da man sofort erkannte, daß es sich dabei um eine neue Erwerbsmöglichkeit für die Bevölkerung handelte. 1770 wurde ihm von Kurfürst Friedrich August III. die Erlaubnis zuteil, sich in Hubertusburg niederzulassen und einen Teil der Schloßgebäude, den Jägerhof und den daran gelegenen Hundezwinger, zu Fabrikräumen umzuwandeln. Aber der gewünschte Erfolg blieb aus. Die Geschirre bekamen zwar eine gefällige Form, aber das Material zeigte viele haarfeine Risse und die Bevölkerung klagte über zu leichte Zerbrechlichkeit der Gegenstände. Tönnig wollte das Unternehmen schon aufgeben, als sich der Oberstallmeister Graf von Lindenau seiner annahm. Der Mißerfolg lag daran, daß die hiesige Tonerde nicht den Anforderungen entsprach, die an sie gestellt wurden. Denn Lindenau entließ Tönnig und stellte einen Mann namens Förster ein, der sich nicht auf das hiesige Material verließ, sondern von Dresden Tonerde mitbrachte, und sein Werk daher mit dem schönsten Erfolg begann. 1776 übernahm der Kurfürst die Fabrik, die unter der Leitung des Grafen Marcolini mit Förster als Inspektor weitergeführt wurde. Aus der ersten Zeit haben sich nur wenige buntbemalte Stücke von gelblichem Material erhalten.
Abb. 10. Hubertusburg. Teil der ehemaligen Strafanstalt für politische Gefangene
Vorn Wohnung des Strafanstaltsinspektors
Inzwischen verdrängte das von Engländern erfundene Steingut die Fayencewaren und damit auch das Hubertusburger Fabrikat vom Markte. Förster gelang die Nachbildung der neuen Art nur unvollkommen, jedoch konnte er jetzt gefälligere Formen bilden und stellte nach Meißner Vorbildern, aber auch nach eigenen Mustern geschickter Arbeiter feine Geschirre und Vasen her. Es kam soweit, daß sogar Meißen die Konkurrenz Hubertusburgs fürchtete und beim Kurfürsten durchsetzte, daß dort nur bestimmte Formen hergestellt werden durften.
Abb. 11. Horstsee, Hubertusburg und Collm bei Oschatz
Nach Marcolinis Tode kam das Unternehmen unter die Direktion der Meißner Porzellanfabrik, und stand während der Kontinentalsperre in höchster Blüte; aber nach deren Aufhebung eroberten sich die Engländer in geschickter Weise das verlorene Absatzgebiet zurück, zumal da die kaufmännische Verwaltung der Hubertusburger Fabrik völlig versagte. Auch die Klagen der Bevölkerung über leichte Zerbrechlichkeit und unvorteilhaftes Aussehen durch die vielen Haarrisse des Steinguts waren keineswegs verstummt.
Abb. 12. Am Horstsee
Den letzten Ausschlag für das Eingehen des Hubertusburger Unternehmens gab die entstehende Konkurrenz, die ihm über den Kopf wuchs. So taten sich neue Fabriken auf in Colditz, Rochlitz, Dresden, Pirna und Stegermühle (Nossen). Die Verwaltung der Fabrik ging noch durch mehrere Privathände, bis 1848 der Betrieb völlig eingestellt werden mußte. Die Fabrik hatte über hundert Familien dauernden Unterhalt geboten, dem Staate hatte sie nichts eingebracht.
Schon 1850 wurden die Gebäude der Steingutfabrik mit Geisteskranken belegt, und noch heute ist darin und in einigen etwas später erbauten großen Gebäuden die Hauptanstalt Hubertusburgs untergebracht, das Versorghaus für geisteskranke Frauen. Vor dem Kriege wurden über eintausend Frauen hier verpflegt, und man baute zur Erweiterung 1913 außerhalb der Mauern ein neues schönes Gebäude für unruhige Frauen und ein großes, modernen Anforderungen entsprechendes Küchengebäude. Auch wurde seit 1880 schon mehr und mehr das Hauptschloß zur Unterbringung der Frauen verwendet, das seit der Aufhebung des Militärmagazins leer stand. Später, von 1893 an, gestaltete man die Anstalt im Hauptschloß in eine Männeranstalt um, die vor dem Kriege etwa fünfhundert Insassen barg. Allmählich wurden auch alle Strafanstalten nach anderen Städten verlegt und die dadurch freigewordenen Räume als Krankenhäuser und Landeshospital eingerichtet.
So hat das einst so stolze Jagdschloß ein völlig anderes Gesicht bekommen. Die Gebäude sind die gleichen geblieben, aber bewohnt von Ärzten, Beamten, Pflegern und belegt mit armen, hilfebedürftigen Menschen. Nur die Kapelle noch legt ein beredtes Zeugnis ab von der einstigen Pracht. Auch heute noch wird sie als Gotteshaus verwendet, und Sonntags kommen aus weitem Umkreis die Katholiken zum Gottesdienste herbei.
Es sei uns vergönnt, noch einen Blick auf das Schicksal des Wermsdorfer Jagdschlosses zu werfen. Seine Bedeutung sank mit der Erbauung der Hubertusburg, und es wurde fernerhin nur zur Unterbringung von Jagdpersonal benutzt. Außerdem barg es, wie bereits erwähnt, die Amtsexpedition, seit 1785 »Justizamt Mutzschen zu Wermsdorf« genannt, und Wohnung des Amtsaktuarius. Das Gerichtsamt und ein ebenfalls 1785 eingerichtetes Rentamt wurden 1873 aufgehoben. König Albert, der auf Schloß Hubertusburg verzichtete, erhielt dafür Schloß Wermsdorf und gab es seiner ursprünglichen Bestimmung als Jagdschloß zurück. 1874 bis 1875 ward es durch den Hofbaurat Bernhard Krüger dazu hergerichtet, der umgebende Garten parkähnlich angelegt. Links der Einfahrt, gegenüber der Oberforstmeisterei, stand auf ehemaligem Gemeindeland ein Haus mit Stallgebäuden, das sogenannte Kommissariatsgebäude, etwa 1755 erbaut, das wahrscheinlich landesherrlichen Kommissaren zur Wohnung gedient hat. Dieses Gebäude ging zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Privatbesitz über. König Albert kaufte es 1879 und ließ es niederreißen. Dadurch wurde der Garten abgerundet und der Blick auf das Schloß freigelegt. 1902 wurde auf den Schuppen neben dem kleinen Westflügel ein Obergeschoß gebaut und dem Schloßaufseher als Wohnung angewiesen. Die Könige Albert und Georg sind alljährlich zum Jagen nach Wermsdorf gekommen und haben wochenlang im Schlosse gewohnt, während der letzte sächsische König, Friedrich August, nur sehr selten hierher kam.
Die Revolution von 1918 machte auch der Bestimmung dieses Jagdschlosses endgültig ein Ende. Die Möbel, die Jagdtrophäen usw. wurden entfernt und im Hubertussaale der Hubertusburg untergebracht und gingen zum Teil in Besitz der ehemaligen Königsfamilie über, oder wurden versteigert. Die leeren Räume wurden zu Wohnungen eingerichtet. Heute bietet das Schloß neun Familien Unterkunft, und nur noch äußerlich erinnert es an seine einstige Bestimmung, die es nun vielleicht für immer verloren hat.
Aber wie der Wald einst die Fürsten anlockte, so zieht er auch heute, und heute in besonderem Maße, die Menschen an, wenn sie Ruhe suchen vor dem Hasten und Treiben der Großstadt. Zu Tausenden kommen sie im Sommer, teils als Touristen, teils Genesung suchend in frischer würziger Waldluft. Viele auch, um sich im schön angelegten Horstseebade zu erfrischen. Wermsdorf ist durch die Nähe der Landesanstalt zu einem stattlichen Dorfe von über zweitausend Bewohnern herangewachsen. Seine wunderschöne Umgebung bürgt für seine gedeihliche Weiterentwicklung. Sie hat es bewirkt, daß Wermsdorf heute eine mit alljährlich steigender Frequenz aufgesuchte Sommerfrische ist.