Das Christusbild

Im Walde oben auf dem Berge, im Gerank von wilden blühenden Rosen, hängt Christus am Kreuze an der weißgetünchten alten Kapelle.

Sein Mund ist im Schmerz halb geöffnet, rote, schwere Blutstropfen quellen unter dem Dornenkranze hervor und rieseln aus der Seitenwunde über den grauen Schurz, der seine Blößen deckt.

So hat er dort gehangen, Jahrhunderte hindurch, Mitleid und Schrecken allen Betern.

Aus dem Dorf unten im Tal klingen die Glocken der Frühmette herauf …

Ein Vogel beginnt mit leisem Gesange … und nun geht die Sonne groß hinter dem Walde auf …

Sie sendet ihre hellen Strahlen durch Birkengrün und Tannendunkel … feines Klingen läuft vor ihnen her.

Und weiter fliegen die Strahlen bis an die alte Kapelle … Die weiße Wand entlang … und treffen das Heilandsbild mit ihrem vollen warmen Glanze …

Ein heimliches Flüstern wacht auf in den Bäumen, die wilden Rosen neigen sich im Morgenwind, und über das traurige schmerzerfüllte Antlitz des Gekreuzigten geht ein mildes, sonniges Lächeln …

Albert Sergel