Ein Traum
Heut Nacht hatt ich ’nen tollen Traum,
Der hat mich zum Kamel gemacht,
Im Maule fühlt ich scharfen Zaum
Und auf dem Buckel schwere Fracht.
Und Wüste hier und Wüste dort,
Rückwärts und vorwärts, links und rechts,
Und durch die Glut ging’s langsam fort,
Im Sand tief watend mit Geächz.
Zum Knuspern fand sich da kein Strauch,
Kein Wind zur Kühlung fern und nah,
Zum Saufen war gefüllt kein Schlauch,
Kein Platz zum Niederstrecken da.
Da plötzlich – fern am Himmelssaum
Sieh! Palmen nicken, Quellenglanz!
Dorthin! – Da schwindet’s wie ein Traum,
Es war ein leerer Dünstetanz.
Und immerfort sich aufgerafft,
Und immer fort mit Ach und Uff!
Der Treiber braucht die letzte Kraft,
Mich anzufeuern durch ’nen Knuff.
Geäfft, gebrochen im Genick,
Schon war ich dem Verschmachten nah,
Als ich ganz nah der Quelle Blick
Durch grüne Schatten prachten sah.
Da hat das Glück mich so erschreckt,
Daß ich mit eins zusammenfuhr,
Da hat der Schreck mich aufgeweckt,
Und ach! ein Traum war alles nur.
O hätt’ ich ewig fortgeträumt!
Dann läg’ ich an der Quelle jetzt,
Weich hingestreckt und abgezäumt,
Vom frischen Schattentrunk geletzt.
So aber zieh ich fort und fort,
Auch wachend, als Kamel einher.
Dicht vor mir winkt der kühle Ort,
Doch ich erreich ihn nimmermehr.
Friedrich von Sallet