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Sultan Mahomed II., der Eroberer, welcher zwei Kaiserreiche sich unterworfen hatte, vierzehn Königreiche und zweihundert Städte, schwor, daß er sein Roß mit Hafer vom Altar des heiligen Petrus in Rom füttern wollte. Achmed Pascha, der Großvezier des Sultans, durchschiffte mit einem ungeheuren Heere die Bucht, umlagerte Otranto zu Wasser und zu Lande und nahm es im Sturmangriff vom 26. Juni im Jahre des Heils 1480. Die Sieger kannten ihren Greueln keinen Einhalt: Messer Francesko Largo, den Befehlshaber des Heeres, zerschnitten sie mit einer Säge, viele der noch kampffähigen Einwohner wurden umgebracht, der Erzbischof, die Priester und die Mönche wurden in ihren Kirchen auf alle mögliche Weise beleidigt, die wohledlen Damen und Jungfrauen durch Vergewaltigung geschändet.
Des Francesko Largo Tochter, die schöne Julia, begehrte der Großvezier selbst in seinen Harem. Doch die stolze Neapolitanerin willigte nicht ein, Maitresse des Ungläubigen zu werden. Sie empfing den Türken bei seinem Besuche mit solchen Schmähungen, daß ihn ein furchtbarer Zorn gegen sie befiel. Natürlich hätte Achmed Pascha den Widerstand des schwachen Mädchens mit roher Gewalt besiegen können, doch er beschloß, sich grausamer zu rächen und ließ sie in den städtischen unterirdischen Kerker werfen. In diesen Kerker warfen die neapolitanischen Herrscher nur unverbesserliche Mörder und schwärzeste Bösewichte, deren Strafe schlimmer sein sollte als der Tod.
Julia, die man an Händen und Füßen durch dicke Stricke gefesselt hatte, wurde in einer verhüllten Sänfte zum Kerker getragen, da selbst die Türken ihr eine gewisse Ehrerbietung die ihr nach Geburt und Stellung zukam, nicht verweigern konnten. Auf enger und schmutziger Treppe wurde sie in die Kerkertiefe hinabgezerrt und mit einer eisernen Kette an die Wand geschmiedet. Julia hatte nur ihr prächtiges Gewand aus Lyoner Seide an, alle ihre Schmucksachen hatte
man ihr fortgenommen: goldene Ringe und Armbänder, ihr Perlendiadem und die diamantenen Ohrringe. Jemand zog ihr sogar die Safianstiefelchen, die aus dem Orient stammten, ab, so daß Julia barfuß blieb.
Der Kerker war eine Erdhöhle unter dem Turme der Stadtmauer. Zwei mit dicken Eisenstäben fest vergitterte und dicht an der Decke belegene winzige Fenster reichten nur mit ihren oberen Teilen ans Tageslicht. Sie ließen nur ein wenig Helligkeit durch, damit im Kerker kein ewiges Dunkel wäre, und damit die an das Halbdunkel gewöhnten Augen die Mitgefangenen unterscheiden könnten. In den Steinmauern waren starke Haken mit Ketten und Eisengürteln angebracht. Diese Gürtel wurden fest um die Eingesperrten geschlungen und dann verschlossen.
Sechs Gefangene waren im Kerker. Die Türken wollten keinen von ihnen befreien, da sie die Gebräuche der Länder, die sie erobert, fortzuführen liebten. Und Julia ward angekettet neben der alten Vanozza, die wegen Zauberei und Verkehr mit dem Teufel verurteilt worden war, und neben dem bleichen Jüngling Marco, der schon während der Belagerung hier eingesperrt wurde, da er an einer Verschwörung gegen den Befehlshaber der Stadt teilgenommen hatte.