2.
Julia lag in den ersten Stunden ihrer Gefangenschaft wie eine Tote. Sie war von all dem mit ihr Geschehenen erschüttert und glaubte in der dumpfen und übelriechenden Kerkerluft ersticken zu müssen. Von Minute zu Minute erwartete sie ihr Hinscheiden.
Die andern Gefangenen, die noch nichts von der Einnahme der Stadt wußten, besprachen unterdes, was sie gesehen. Anfangs stritten sie lange über den Grund des Erscheinens der Türken in ihrem Loche. Dann sprach man von Julia, kritisierte ihr Äußeres, ihr Gesicht, ihre Kleidung und warf die Frage auf, wer sie sei und was sie wohl in diese Höhle gebracht hätte.
— Ein schönes Mädchen, sagte Lorenzo, der alte Räuber,
der an dem der Julia entgegengesetzten Ende des Kerkers angekettet war, — schade nur, daß ich so weit von ihr bin. Du aber, Marco, säume nicht!
— Das ist ein wichtiger Vogel, ist nicht für uns, sagte die alte Vanozza, — und was trägt sie für ein Kleid! Einen ganzen Dukaten ist die Elle wert.
— Daß ich den Kopf ihr zerschlüge, wär sie mir nur näher, sagte Cosimo aus seiner dunklen Ecke heraus, — sie ist von jenen, die in Seide gehen, während wir hungern.
Die leidende Maria, die schon längst fast zum Skelett geworden, und die der frühere Kerkermeister jeden Tag fragte, ob sie nicht bald stürbe, bemitleidete Julien:
— O, schwer wird es ihr werden, so vom weichem Pfühle auf die nackte Erde zu kommen, vom fürstlichen Mahle zu Wasser und Brot!
Aber der Prophet Filippo, der entsprungene Mönch, der im Kerker schon über zwanzig Jahre saß, und ganz mit Haaren bewachsen war, drohte mit schrecklicher Stimme:
— Nah ist die Zeit, sie ist nah. Die Welt ist den Ungläubigen übergeben, zur Züchtigung der Stolzen und Schlemmenden, damit später die Kleinen und Armen sich freuen können. Freut euch.
Und nur Marco schwieg. Übrigens betrachteten ihn die Gefangenen noch nicht völlig als den ihrigen, da er ein Neuhinzugekommener war.