1.
Du weißt, daß ich, wie viele, dem Ausbruche der Revolution völlig unvorbereitet gegenüberstand. Allerdings gingen
dunkle Gerüchte, es wäre zum Neujahrstage ein allgemeiner Aufstand angekündigt, aber die letzten unruhvollen Jahre lehrten uns, solchen Warnungen nicht besonders zu trauen. Die nächtlichen Ereignisse kamen für mich völlig unerwartet. Ich hatte beschlossen, das neue Jahr nicht zu feiern, und arbeitete ruhig in meinem Zimmer. Plötzlich versagte die elektrische Leitung. Bevor ich noch eine Kerze anzünden konnte, hörte ich hinterm Fenster das hölzerne Knattern von Schüssen. Man hatte sich schon an diese Töne gewöhnt, und ich zweifelte nicht.
Ich zog mich an und ging auf die Straße hinaus.
Im völligen Dunkel der Winternacht konnte ich eine große Volksmenge, die auf der Straße auf- und abwogte, mehr erraten als sehen. Die Luft war ein Getöse von Schritten und Stimmen. Das Schießen verstummte nicht und mir kam es vor, als bohrten sich die Kugeln in die Wand dicht über meinem Kopfe. Nach jeder Salve freute ich mich, daß der Tod noch vorübergegangen.
Doch die Neugier des Zuschauers überwog die Furcht. Ich zögerte an der Haustür in einem Haufen ebenso unschlüssiger Beobachter, wie ich es war. Wir tauschten kurze Fragen aus. Plötzlich, wie ein durchs Wehr gebrochener Strom, stürzte auf uns eine Menge von Menschen zu, die schreiend in panischer Angst liefen. Wir mußten entweder mit ihnen laufen oder zertreten werden.
Auf dem Ruhmesplatz sah ich mich wieder. Das Rathaus brannte und des Feuerschadens Schein beleuchtete die Umgebung. Ich erinnerte mich an einen Vers Vergils: dant clara incendia lucem. Du kennst den Umfang dieses Platzes. Und sieh, er war so voll, daß es schwer wurde, sich zu bewegen. Ich glaube, dort waren mehrere hunderttausend Menschen. Die vom flüchtigen roten Feuer beschienenen Gesichter waren seltsam und unkenntlich.
Ich fragte viele, was geschehen sei. Es war amüsant, eine Reihe sich widersprechender und unglaublicher Antworten zu hören. Einer sagte, daß die Arbeiter alle wohlhabenden Leute totschlügen. Ein anderer, daß die Regierung
alle Nichtvermögenden ausrotte, um der revolutionären Bewegung ein Ende zu machen. Ein dritter, daß alle Häuser unterminiert wären, und eine Explosion der anderen folge. Ein vierter wollte mich davon überzeugen, daß dieses gar keine Revolution sei, sondern ein furchtbares Erdbeben.
Und um diese Zeit, als auf dem Platz vor dem Feuerschein fast ein Viertel der Stadteinwohner plaudernd, verwundert, erregt sich drängte, geschah eben jenes furchtbare Ereignis, von dem du durch die Zeitungen hörtest. Der dumpfe Donner von Geschützsalven tönte, ein feuriger Strich zerschnitt das Dunkel und ein Explosivkörper fiel mitten in die dichteste Ansammlung der Leute. Neues Kreischen übertönte den Lärm und betäubte, fast wie ein körperlicher Schlag. Doch im selben Augenblicke explodierte eine zweite Granate. Dann wieder, wieder und wieder . . .
Das ratlose Ministerium hatte dem Kommandanten der Zentralfestung befohlen, auf alle Volksansammlungen zu schießen.
Wieder begann ein sinnloses Fliehen. Inmitten der springenden Granatensplitter, im drohenden Donner der Geschütze, in welchen die durchdringenden Schreie der Verwundeten drangen, taumelten die Leute zwischen Steinwänden hin, traten auf Gefallene, schlugen die Imwegstehenden mit Fäusten, kletterten auf Fensterbretter, auf Laternen, fielen aufs neue hinab und verbissen sich vor Wut mit den Zähnen in den Füßen der Nebenanstehenden. Dies war Schrecken und Chaos, war Hölle, in der man verrückt werden konnte. Auf welche Weise ich auf den Nordischen Boulevard hinausgestoßen wurde, weiß ich nicht.
Hier begegnete mir eine Abteilung der Revolutionären.
Es waren nicht viele, etwa dreihundert Menschen, nicht mehr, doch es waren organisierte Truppen vor der bestürzten Menge. Um einander zu erkennen, trugen sie ihr Abzeichen: eine rote Binde auf dem Arm. Ihre gemessene Bewegung hielt den Menschenstrom auf. Das sinnlose Fliehen hielt ein, die Menge beruhigte sich.
Beim Lichte der Pechfackeln, das alles umgebende ungewöhnlich
und unzeitgemäß erscheinen ließ, erhob sich irgend ein Mensch auf den Sockel der Statue des Nordens und machte ein Zeichen, daß er sprechen wolle. Ich stand ziemlich weit, eng an einem Baum gedrückt, und konnte daher nur den allgemeinen Sinn der Rede hören. Die einzelnen Worte erstarben, ohne bis zu mir zu fliegen.
Der Redner rief zur Ruhe. Erklärte, daß der friedliche Lauf des Lebens nicht gestört würde und daß keinem der Bürger eine Gefahr drohe. Daß im ganzen Lande um diese Stunde dasselbe vor sich ginge wie in der Hauptstadt: überall ginge die Regierung zeitweilig in die Hände der Milizstäbe über. Daß nur eine geringe Zahl von Leuten gerichtet würde, — alle die der gestürzten „uns allen gleich verächtlichen“ Regierung anhingen. Daß über diese Leute das Urteil des Geheimen Gerichtes schon ausgesprochen sei.
Zum Schluß sagte der Redner noch einiges von dem Tage, den man Jahrtausende hindurch erwartet hätte, von der endlich erkämpften Freiheit des Volkes.
Im allgemeinen war die Rede eine der allergewöhnlichsten. Ich dachte, die Menge würde den Schwätzer herunterreißen, ihn verjagen wie einen Narren, der in den Minuten der Gefahr lächerlichen Blödsinn treibt. Doch von allen Seiten hörte ich ungestüme Schreie der Zustimmung. Die noch vor einem Augenblick schwankenden, fassungslosen, verzagten Leute verwandelten sich plötzlich in eine ganze Armee sinnloser und sich aufopfernder Aufrührer. Den Redner trug man auf den Händen, dabei die Revolutionshymne anstimmend.
Da fühlte ich plötzlich die Notwendigkeit, zu sein nicht in der Menge, aber mit Menschen, die gleich mir denken, mit Freunden. In meiner Seele erstand das Bildnis des Domes, und ich begriff, daß in dieser Nacht der Platz eines jeden Gläubigen neben jenen Symbolen sei, die unsere Anbetung schon zum Heiligtume gemacht hatte.
Ich lief auf dem Boulevard so rasch, als ich es nur inmitten der allgemeinen Bewegung konnte. Und schon waren überall die Milizen, welche, da sie die elektrische Leitung
noch nicht herzustellen wünschten, eine Beleuchtung aus Fackeln inszenierten. Patrouillen schritten vorüber, die sich um die Ruhe bekümmerten. Hier und dort bemerkte ich kleine Meetings in der Art von jenem, dem ich beiwohnte.
Irgendwo ferne dröhnten zuweilen noch Salven.
Ich bog in den dunklen Gerichts-Prospekt ab, und, mich allmählich an den Weg inmitten des Labyrinthes alter Gäßchen erinnernd, tastete ich mich bis zum Eingang unseres Domes durch.
Die Türen waren geschlossen. Ringsum war es menschenleer.
Ich klopfte an die Türe auf die gewohnte Art und man ließ mich ein.