10.
Nach ihrer endgültigen Wiederherstellung reiste Julia nach Neapel und wohnte dort bei einem ihrer Onkel. Der heute bereits entschlafene König Fernando gab ihr im Angedenken des Märtyrertodes ihres pflichtgetreuen Vaters eine jährliche Rente von tausend Dukaten. Außerdem gingen als ihr Erbe alle Schlösser und Länder ihres Vaters in vollem Bestande an sie über. Die Schönheit Juliens erblühte in solcher Pracht wie nie zuvor. Auf den Hoffesten setzte sie alle in Verwunderung, und, da sie reich war, so fehlte es ihr nicht an jungen, artigen und hochgeborenen Männern, die sich um ihre Hand bewarben.
Einstmals ging Julia am Hafen, wo die neuen bemerkenswerten Gebäude errichtet waren, mit ihren Dienerinnen spazieren. Plötzlich bemerkte sie in einem kleinen Haufen von Fischern, die an einem Boote standen, den Marco. Er war ganz wie ein Seemann angezogen, trug eine Jacke mit Posamenten und eine rote phrygische Mütze.
Als hätte ein böser Zauberer ihr mit seinem Magierstabe gedroht, wurde es Julien plötzlich traurig und qualvoll zumute. Sie wollte so tun, als hätte sie den Marco nicht bemerkt, doch offenbar hatte er sie bereits gesehen und erkannt. Da schickte Julia eine ihrer Dienerinnen zu dem Marco, und hieß ihn, am Abend desselben Tages bei ihr zu erscheinen. Sie bemerkte noch, wie Marco lächelte und zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopfe nickte.
Den ganzen Tag über kannte Julia keine Ruhe. Am Abend erschien Marco, jung, frisch, kräftig, kühn. Julia empfing ihn in ihrem Zimmer. Mit ihr waren ihre Freundin Monna Lucrezia und zwei vertraute Dienerinnen. Julia trug ein goldverbrämtes Samtgewand, mit durchbrochenen Ärmeln, ein Perlengeschmeide zierte ihren Hals, und auf die Stirne
fiel ihr ein Diamantschmuck herab. Sie saß in einem hohen Sessel bester florentinischer Arbeit.
Ehrfürchtig verbeugte sich Marco vor ihr, wie es ein einfacher Fischer vor einer edlen Signora gewiß tun mußte.
Einige Zeit hindurch wußte Julia nicht, was zu sprechen; dann fragte sie ihn:
— Sage mir, mein Freund, womit beschäftigst du dich jetzt?
Marco sah sie mit seinen schwarzen Augen an, lächelte ebenso wie am Morgen und entgegnete:
— Signora, ich bin ein Fischer, handle mit Fischen und führe zuweilen Waren aus Otranto nach Neapel.
— Und du bist mit deiner Lage zufrieden? fragte Julia.
— Mehr habe ich nicht nötig, als leben und die goldene Sonne und blauen Wellen sehen können, antwortete Marco, und seine Stimme tönte so zart, wie in den Stunden ihrer langen Gespräche im Kerker.
Doch Julia bezwang ihr Herz und sagte nur:
— Ich werde dir auf meine Kosten eine Barke ausrüsten lassen, damit du einen selbständigen Handel beginnen kannst.
Marco senkte den Kopf.
— Ich danke Ihnen, Signora, und will Sie nicht durch eine Weigerung kränken. Erlauben Sie mir nur, die Barke zum Gedächtnis an Sie mit Ihrem Namen zu benennen.
Nach diesen Worten verbeugte sich Marco abermals aufs höflichste und bat um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Nachdem er hinausgegangen war, sagte Julia zu der Monna Lucrezia:
— Ich weiß, daß dieser Mensch an einer Verschwörung gegen meinen Vater teilgenommen hat. Doch da er gleich mir die Einnahme unserer Stadt überlebte, kann ich ihm nicht zürnen. Ich werde tatsächlich für ihn eine Barke ausrüsten lassen, werde aber bitten, daß man ihm verbiete, sich in Neapel zu zeigen. Mag er seine Geschäfte irgendwo um Tarent weiterführen.