3.

Etwas später rief man mich in den Rat der Ausführenden. Beim Schein der Kerzen versammelten wir uns im gewöhnlichen Zimmer des Rates. Kaum erkennbar waren die göttlichen Fresken an den Wänden. Theodosius war Vorsitzender.

Er sammelte alle Daten über den Lauf des Aufstandes. Die Lage war hoffnungslos. Die ganze Armee ging zu den Revolutionären über. Alle Generäle und höheren Offiziere waren arretiert und größtenteils schon verurteilt. Die Zentralfestung erlag dem Sturmangriff. Sämtliche Regierungsgebäude — das Palais, das Parlament, die Polizeipräfektur — nahm die Miliz ein. Die aus der Provinz kommenden Nachrichten meldeten betreffs der anderen Städte einen ähnlichen Erfolg des Aufstandes.

Die Frage wurde aufgeworfen, was zu tun sei. Die Mehrzahl schlug vor, sich zu ergeben und der Gewalt zu unterwerfen.

Theodosius schwieg zu all diesem. Dann nahm er aus einem Täschchen ein Papier und legte es uns zur Durchsicht vor. Das war eine der Proskriptionslisten des Zentralstabes. In ihr waren all jene aufgezählt, die in unserem Ausführenden Rate saßen, darunter auch ich. Uns alle hatte das Geheime Gericht zum Tode verurteilt.

Ein bedrücktes Schweigen begann. Theodosius sagte:

— Brüder! Lasset uns die Schwächeren nicht in Versuchung führen. Zeigen wir diese Liste allen Gläubigen, so werden viele schwankend werden. Werden hoffen durch Verrat und Abtrünnigkeit sich das Leben zu kaufen. Aber die Liste verheimlichend, lassen wir sie an der großen Ehre teilnehmen, durch die Tat des Todes die Reinheit ihres Glaubens zu besiegeln. Erlauben wir ihnen denn mit uns zu teilen unser dreifach beneidetes Schicksal.

Jemand wollte erwidern, doch zaghaft. Theodosius näherte ruhig das Papier mit den Namen dem Licht und verbrannte es. Wir sahen, wie die kleine Rolle sich langsam in Asche verwandelte.

Plötzlich klopfte eine Diakonissin. Ein Vertreter des Stabes begehrte uns zu sprechen.

Ein junger, entschlossener, zuversichtlicher Mensch trat ein. Im Namen der zeitweiligen Regierung verlangte er, daß ein jeder von uns sich in seine Wohnung verfüge. Ein besonderes Komitee würde, dies waren seine Worte, das Statut eures religiösen Bundes durchsehen und feststellen, ob er dem gesellschaftlichen Leben unschädlich sei.

Wir wußten, daß diese Worte nur Betrug seien, da wir schon verurteilt waren. Einige Augenblicke schwiegen alle. Die alsdann gesprochenen zwei Reden — die des Theodosius und jene des Abgesandten — kann ich auswendig. In kurzen Worten sprachen sich in ihnen zwei Weltanschauungen aus.

Dieses sprach Theodosius:

— Die neue Regierung spricht umsonst mit uns diese lügnerische Sprache. Uns ist es schon bekannt, daß wir alle vom Geheimen Gericht zur Hinrichtung verurteilt sind. Wir wissen, daß unser heiliger Glauben von euch schon von vornherein als unsittliche Sekte gebrandmarkt ist. Aber wir erkennen eure Gewalt und euer Gericht nicht an. Wir stehen auf jenen Höhen der Erkenntnis, die ihr niemals erreichtet, und darum ist es nicht an euch, uns zu richten. Wenn ihr nur ein wenig bekannt seid mit dem Kulturleben eurer Heimat, so seht die hier Versammelten an. Wer sind diese? Die Blüte unserer Zeit: eure Poeten, Künstler, Denker. Wir sind der Ausdruck, wir, die Stimme jenes Lautlosen, Ewigstummen, das sich aus Einsen gleich euch zusammensetzt. Ihr seid die Finsternis; wir, das aus ihr sich gebärende Licht. Ihr, die Möglichkeit des Lebens; wir — das Leben. Ihr seid der Boden, der not und nützlich ist nur dazu, daß aus ihm wachsen könnten Stengel und Blüten — also wir. Ihr verlangt, wir sollen uns in unsere Häuser begeben und dort eure Dekrete erwarten. Wir verlangen, daß ihr auf den Händen uns zum Palais trüget und auf den Knien liegend unseren Willen entgegennähmet.

Du kennst ja den Theodosius. Kennst alle seine Fehler: seine Heuchelei und Kleinmütigkeit, seine kleinliche Ruhmsucht.

Doch dieses Mal, seine letzte Predigt sprechend, war er wirklich groß und schön. Er war wie ein biblischer Prophet, sprechend zu aufrührerischem Volke, oder wie ein Apostel erster Christenzeit, irgendwo in den Katakomben des Kolosseums, inmitten Scharen von Märtyrern, die gleich in die Arena hinausgeführt werden, den Raubtieren zum Zerfleischen.

Und dieses antwortete der Abgesandte dem Theodosius:

— Umso besser, wenn ihr euer Los schon kennt. Tausendjährige Versuche zeigten uns, daß morschen Seelen kein Platz im neuen Leben sei. Sie waren eine tote Kraft, die bisher all unsere Siege verhinderte. Nun, am Tage der großen Umgestaltung der Welt, entschlossen wir uns zu einem unumgänglichen Opfer. Wir wollen all die Toten, all die zur Neugeburt unfähigen von unserem Körper abhauen, wenn auch mit gleichem Schmerze, so doch auch mit gleicher Unerbittlichkeit, mit der man einen kranken Körperteil abschneidet. Und warum rühmt ihr euch, daß ihr Poeten und Denker wäret! In uns ist genug Kraft um ein ganzes Geschlecht von Weisen und Künstlern zu gebären, wie sie die Erde noch nie gesehen, wie ihr sie auch nicht einmal zu ahnen vermöget. Nur der fürchtet zu verlieren, in dem keine Kraft ist zu schaffen. Wir sind die schöpferische Kraft. Wir brauchen nichts Altes. Wir sagen uns von jedem Erbe los, weil wir uns unsere Schätze selbst schmieden wollen. Ihr seid das Vergangene, wir, das Künftige, aber das Gegenwärtige, das ist das Schwert in unseren Händen!

Lärm erhob sich. Alle sprachen gleichzeitig. Ich mußte schreien:

— Ja! Barbaren seid ihr, die keine Vorfahren haben. Ihr verachtet die Kultur der Jahrhunderte, weil ihr sie nicht begreift. Ihr rühmt eure Zukunft, weil ihr geistig arm seid. Ihr seid eine Kugel, die schamlos den Marmor des Altertums zerschlägt!

Der Abgesandte des Milizstabes sagte zuletzt in offiziellem Tone:

— Im Namen der zeitweiligen Regierung geb ich euch Zeit bis zum heutigen Mittag. In dieser Zeit habt ihr die Pforten eures Domes zu öffnen und euch in unsere Hände zu geben. Nur so werdet ihr hunderte von Leuten, die ihr durch Trug und Verführung an euch zogt, vor unnützem Tode bewahren. Das ist alles.

— Und wenn wir nicht gehorchen? fragte Lycius.

— Werden unsere Geschütze dieses Gebäude dem Erdboden gleich machen, und euch alle werden die Trümmer begraben.

Der Abgesandte entfernte sich.

— Den Dom zerstören! wiederholte Lycius, unseren Dom, die wundervollste Schöpfung Leanders! Mit Statuen und Bildern der größten Meister! Mit unserer Bibliothek, der fünftgrößten in der Welt!

— Mein Freund, entgegnete Adamant, für jene ist unsere Kunst schon Archäologie. Ob nun in ihren Museen zehn unnütze Altertümer mehr sind oder nicht, — ist ihnen unwichtig.

Jemand sprach sein Bedauern darüber aus, daß man den Abgesandten lebend hinausgelassen. Theodosius hieß ihn schweigen.

— Wir sind hier, sagte er, um unser Blut zu vergießen, nicht fremdes. Wir sind hier für eine Tat des Glaubens, nicht des Mordes. Lasset uns die purpurne Blässe unseres Martyrtumes nicht verdüstern durch die schwarzen Flügel des Zornes und der Rache.