4.

Durch die schweren Stores drang kaum ein Strahl des flimmernden Wintertages.

Unser Dom war völlig von Kerzen erleuchtet. Zum erstenmal sah ich solch eine Feier des Lichtes. Es waren vielleicht an tausend Flammen.

Theodosius befahl die Liturgie abzuhalten.

Noch nie war er so gewaltig. Noch nie erklangen die Stimmen des Chores so feierlich. Noch nie war die Schönheit der nackten Hero so flammend und so verzückend.

Der berauschende Rauch der Weihbecken liebkoste unsere Gesichter als wie mit schlanken flaumigen Fingern. Im schattenhaft bläulichen Weihrauch geschahen die großen Handlungen vor dem Symbole. Ihrer Rangstufe folgend, nahmen die nackten Jünglinge die Hüllen vom Heiligtum. Der unsichtbare Chor der Diakonissinnen lobpries das Blinde Rätsel.

Fast gar nicht berauschend, erregte ein aromatischer süßglühender Wein jedes Beben des Leibes, jedes Verlangen der Seele. Beflügelte jeden durch die Erkenntnis, daß dieser Augenblick einzig und nicht zu wiederholen sei.

Hero in den goldenen Sandalen, mit einer goldenen Schlange als Gürtel anstatt jeder anderen Gewandung, und ihre zwölf Schwestern, die gleich ihr angetan waren, — sie gingen in einem leisen wiegenden Rundtanz durch den Dom. Die magischen Orgeltöne und das harmonisch-geheime Singen zogen jeden hinter ihr her, lenkte alle Blicke auf ihr gemessenes Wiegen.

Unmerklich, unfühlbar, unwillkürlich, folgten wir alle ihrem leisen Tanz. Und dieses Kreisen berauschte mehr als Wein, und diese Bewegung war trunkener als Liebkosungen, und dieser Gottesdienst übertraf jedes Gebet. Der Rhythmus der Musik wurde schneller, und schneller wurde auch der Rhythmus des Tanzes, und mit ausgestreckten Armen strebten wir vorwärts, im Kreise, ihr nach, der einzigen, der göttlichen, — Hero. Und schon entrückte uns die Ekstase, und schon keuchten wir, durchglüht von geheimem Feuer, und schon zitterten wir, beschattet von der Gottheit.

Da ertönte die Stimme des Theodosius.

— Kommet ihr Gläubigen, das Opfer zu vollziehen.

Alle hielten ein, erstarben, wurden unregbar. Hero, die wieder nahe dem Altar stand, erstieg die Stufen. Ein Zeichen des Theodosius rief einen Jüngling herbei, den ich bis dahin noch nicht gesehen. Errötend warf er sein Gewand ab und

stellte sich neben Hero, nackt wie ein Gott, jung wie Ganymed, licht wie Balder.

Die Pforten öffneten sich und verschlangen das Paar. Der Vorhang wurde vorgezogen.

Auf den Knien liegende, stimmten wir die Hymne an.

Und Theodosius verkündete uns:

— Es ist vollbracht.

Er erhob den Kelch und segnete uns.

Es strömten die betörten Töne der Orgel und keiner hatte mehr die Kraft, seine Leidenschaft zu verbergen. Wir umschlangen einander, und im plötzlichen Düster des aufsteigenden Weihrauches suchten sich die Lippen, die Hände, die Leiber. Dies waren Näherungen, Verbindungen, Vereinigungen, waren Schreie, Stöhnen, Schmerz und Jubel. War die Trunkenheit tausendgesichtiger Leidenschaft, wenn ringsum alle Bilder, alle Formen, alle Möglichkeiten, alle Biegungen weiblicher, männlicher und kindlicher Körper und alle Verzerrtheit und Verzücktheit der verwandelten Gesichter sind.

O noch nie, noch nie, fühlte ich solche Flamme, solche Unersättlichkeit des Verlangens, das vom Leibe zum Leibe eilen hieß in zweifache, dreifache, vielfache Umarmungen. Und nutzlos waren uns die Flagellanten, die an diesem Tage gleich allen von der Ekstase der Leidenschaft ergriffen waren.

Plötzlich, ich weiß nicht auf wessen Geheiß, schoben sich die dichten Hüllen der Vorhänge von den Fenstern und das ganze Innere des Domes ward den Blicken der Außenstehenden enthüllt: das Bildnis des Symbols, die rätselhaften Fresken an den Wänden und die Menschen, die in seltsamen Umschlingungen auf den weichen Teppichen lagen. Ein wütender Schrei drang von der Straße her bis zu uns.

Und schon bohrte sich der erste Schuß mit Getöse in das Spiegelglas der Fenster. Und dem ersten folgten weitere. Die pfeifenden Kugeln durchschnitten die Wände. Die Miliztruppen konnten das Schauspiel nicht ertragen, das sich hier

ihren Blicken enthüllte, und hielten daher die angegebene Zeit nicht ein.

Doch es war, als höre keiner die Schüsse. Die von unsichtbarer Hand gespielte Orgel setzte ihr betörendes Lied fort. Des Weihrauches Aroma wogte in der erregten Luft. Und auch im klaren Tageslichte, wie früher beim Scheine der heiligen Kerzen, wurde der Kultus der Leidenschaft nicht geringer.

Hero, die in den Pforten des Altares stand, schwankte als erste und fiel, während ihre Lippen der Schmerz verzerrte. Hier und dort sanken Arme; einige Körper fielen wie in endgültiger Ermattung zusammen.

Es begann ein furchtbares Blutvergießen. Die Kugeln fielen zwischen uns wie Regen, als würde eine gigantische Hand sie schockweise auf uns streuen. Doch von den Getreuen wollte keiner fliehen oder freiwillig die Umarmung lösen.

Alle, alle, auch die Verzagten, auch die Kleingläubigen wurden Helden, wurden Märtyrer, wurden Heilige. Das Todesgrauen floh unsere Seelen, als würde es einem magischen Worte gehorchen. Mit unserem Blute besiegelten wir die Wahrheit unseres Glaubens.

Einige, die getroffen waren, stürzten. Andere, in der Nähe der Gestürzten, drückten ihre Leiber fester aneinander. Und noch die Sterbenden suchten im letzten wütenden Kusse die begonnene Liebkosung zu vollenden. Ersterbende Hände streckten sich noch mit einer sinnlichen Geste. Im Haufen verkrümmter Körper war es schon unmöglich zu erkennen, wer noch liebkoste und wer schon starb. Inmitten der Schreie konnte man unmöglich das Stöhnen der Leidenschaft von dem des Todes unterscheiden.

Irgendwelche Lippen preßten sich auf die meinen und ich fühlte den Schmerz verzückten Bisses, der vielleicht nur der letzte Krampf eines Sterbenden war. In meinen Händen hielt ich einen Körper, der entweder vor gesättigter Lust, oder in letzter Agonie erkaltete. Dann warf auch mich ein

dumpfer Schlag auf den Kopf in den Haufen der Körper, zu den Brüdern, zu den Schwestern.

Allein das letzte, was ich sah, war das Bildnis unseres Symboles. Allein das letzte, was ich hörte, war der Ausruf des Theodosius, den tausendfältiges Echo nicht unter den Gewölben des Domes, aber in den unendlichen, von Finsternis beschatteten Gängen meiner Seele wiederholte:

— In deine Hände befehle ich meinen Geist!