Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .

Memoiren eines Psychopathen

Natürlich hielt man mich schon in meiner Kindheit für entartet. Natürlich wollte man mich davon überzeugen, daß niemand meine Gefühle teile. Und ich gewöhnte mich daran, vor den Menschen zu lügen. Gewöhnte mich daran, platte Worte zu sprechen von Mitleid und von der Liebe, vom Glücke, andere Menschen zu lieben. Doch im Innern meiner Seele war ich überzeugt und bin auch jetzt noch davon überzeugt, daß der Mensch seiner Natur nach Verbrecher ist. Ich glaube, daß inmitten aller Empfindungen, die man gewöhnlich Rausch nennt, nur eine ist, die diesen Namen verdient, jene, die den Menschen beim Anblick von fremden Leiden ergreift. Ich glaube, daß der Mensch in seinem Urzustand nur nach einem Verlangen trägt, die ihm Gleichenden zu quälen. Die Kultur legte ihre Fessel auf diese natürliche Regung. Die Jahrhunderte des Sklaventums führten die menschliche Seele zu dem Glauben, daß fremde Leiden ihr schmerzlich wären. Und heute weinen die Leute völlig aufrichtig über andere und leiden mit ihnen. Doch dies ist nur eine Einbildung und eine Täuschung des Gefühles.

Man kann aus Wasser und Spiritus eine Mischung herstellen, in welcher das Provenceröl in jeder Lage im Gleichgewicht bleibt, nicht aufsteigt und nicht hinuntersinkt. Anders gesprochen: die Anziehung der Erde verliert ihre Wirkung auf das Öl. In den physikalischen Lehrbüchern heißt es, daß zufolge des Bestrebens seiner Atome das Öl dann die Form einer Kugel annimmt. Diesem ähneln die Augenblicke, in denen die menschliche Seele sich von aller Macht der Anziehung befreit, von allen Ketten, die Abstammung und Erziehung ihr auferlegten, sowie von allen äußeren Einflüssen, die gewöhnlich unseren Willen bedingen: von der Furcht vor dem letzten Gericht, von dem Bangen vor der öffentlichen Meinung usw. Das sind nicht Stunden des gewöhnlichen Schlafes, in welchen das tägliche Bewußtsein, wenn auch dämmernd, doch immer noch unser schlafendes Ich leitet; das sind auch nicht Tage des Irrsinns und der Geisteszerrüttung: die gewöhnlichen Einflüsse werden von

anderen, von noch mehr selbstherrlichen abgewechselt. Das sind Augenblicke jenes seltsamen Zustandes, in dem der Körper im Schlafe ruht, und der Gedanke dies plötzlich begreift und zu seinem in der Welt der Träume irrenden Schatten spricht: du bist frei! Begreife, daß deine Handlungen nur für dich selbst existieren und du wirst dich freiwillig deinen eigenen, aus der dunklen Tiefe deines Willens aufsteigenden Trieben hingeben. In solchen Augenblicken hatte ich niemals das Verlangen, irgend eine gute Tat auszuführen. Im Gegenteil, wissend, daß ich bis zu den letzten Grenzen völlig unbestraft bleiben würde, beeilte ich mich, irgend etwas Wildes, Böses und Sündiges zu tun.

Immer schon liebte ich den Traum. Niemals hielt ich die Zeit, die ich im Traume verbrachte, für verloren. Völlig gleich der Wirklichkeit erfüllt auch der Traum die Seele, erregt, freut und schmerzt sie ebenso und muß überhaupt unserem äußeren Leben ganz an die Seite gestellt werden. Streng gesprochen, ist der Traum nur eine andere Wirklichkeit, — welche von diesen man vorzieht, hängt von den persönlichen Neigungen ab. Ich zog schon seit meiner Kindheit den Traum vor. Schon als Knabe zählte ich die Nächte, in denen ich keine Träume sah, zu den schweren Entbehrungen. Wenn ich erwachte, ohne daß ich mich an meinen Traum erinnern konnte, so fühlte ich mich unglücklich. Den ganzen Tag, zu Hause oder in der Schule, quälte ich mein Gedächtnis, um dann plötzlich in einem seiner dunklen Winkel einen Splitter der vergessenen Bilder zu finden und bei einer neuen Anstrengung plötzlich die ganze Herrlichkeit des kürzlich vergangenen Traumlebens vor mir zu haben! Heißhungrig vertiefte ich mich dann in diese auferstandene Welt und stellte alle ihre kleinsten Einzelheiten wieder her. Bei solcher Schulung meines Gedächtnisses erreichte ich, daß ich meine Träume niemals mehr vergaß. Wie Stunden ersehnter Zusammenkunft, so erwartete ich nachts den Traum.

Besonders liebte ich Alpdrücken wegen der erschütternden Kraft der Wirkungen. Ich entwickelte in mir die

Fähigkeit, es künstlich hervorzurufen. Ich brauchte nur einzuschlafen, indem mein Kopf tiefer als der Körper lag, und sofort schon preßte mich ein Alpdrücken mit süßquälenden Krallen. Fast erstickend erwachte ich in einer unnennbaren Zerschlagenheit, doch kaum hatte ich etwas frische Luft eingeatmet, beschloß ich, wieder hineinzustürzen in jenen schwarzen Grund, in Entsetzen und Erbeben. Doch noch mehr liebte ich schon in meinen frühen Jahren jene Traumzustände, wenn man es weiß, daß man schläft. Schon damals begriff ich, welche große Geistesfreiheit sie geben könnten. Übrigens verstand ich es nicht, sie willkürlich hervorzurufen. Im Traume war es mir, als wenn ich plötzlich einen elektrischen Schlag bekäme, und dann begriff ich mit einem Male, daß die Welt in meiner Gewalt sei. Ich schritt auf den Wegen des Traumes durch seine Paläste und Täler, wohin ich wollte. Bei hartnäckiger Anstrengung des Verlangens konnte ich mich sogar in jeder Umgebung sehen, die mir gefiel, konnte in meinen Traum jede Person einführen, nach der ich Verlangen trug. In meiner ersten Kindheit benutzte ich diese Augenblicke, um mich über die Leute lustig zu machen und alle möglichen Streiche auszuführen. Doch mit den Jahren ging ich zu anderen mehr erlesenen Freuden über: ich vergewaltigte Frauen, ich mordete und wurde zum Henker. Und da erst begriff ich, daß Jubel und Rausch nicht nur leere Worte seien.

Die Jahre vergingen. Es vergingen auch die Tage der Schule und der Unterwürfigkeit. Ich war allein, ich hatte keine Familie, ich mußte niemals um das Recht zu leben kämpfen. Ich hatte die Möglichkeit, mich meinem Glücke ungeteilt hingeben zu können. Im Traum und Halbschlaf verbrachte ich den größten Teil der Tage. Ich gebrauchte verschiedene narkotische Mittel: nicht wegen der von ihnen ausgehenden Entzückungen, sondern um meinen Traum zu verlängern und zu vertiefen. Erfahrung und Gewöhnung gaben mir die Möglichkeit, mich immer öfter und öfter an der grenzenlosesten aller Freiheiten, die ein Mensch nur erträumen kann, zu berauschen. Allmählich begann sich mein

nächtliches Bewußtsein in diesen Träumen an Stärke und Helligkeit dem des Tages nicht nur zu nähern, sondern vielleicht es auch zu übertreffen. Ich verstand es, in meinen Träumen zu leben, wie auch dieses Leben von der Seite her zu beobachten. Es war, als würde ich meinen Schatten, der im Traume dieses oder jenes tat, beobachten und leiten und zu gleicher Zeit doch alle seine Empfindungen mit ganzer Leidenschaftlichkeit durchleben.

Ich erschuf mir für meine Traumgesichte eine passende Umgebung. Das war irgendwo tief unter der Erde ein geräumiger Saal. Er wurde vom roten Feuer zweier riesiger Öfen beleuchtet. Die Wände waren augenscheinlich eisern. Der Boden aus Stein. Dort befanden sich alle üblichen Marterapparate: Schrauben, Pfähle, Sitze mit spitzen Nägeln, Geräte zum Strecken der Muskeln und zum Aufwickeln der Gedärme, Messer, Zangen, Peitschen, Sägen, glühende Stangen und Rechen. Wenn ein glückseliges Geschick mir wieder die Freiheit gab, trat ich überzeugungsvoll in meinen geheimnisvollen Schlupfwinkel. Mit riesiger Willensanstrengung gelang es mir, wen ich wollte, in diese unterirdische Halle zu führen, zuweilen meine Bekannten, öfters aber solche, die nur in meiner Einbildung lebten; meistens waren es Mädchen und Jünglinge, schwangere Frauen und Kinder. Unter ihnen befanden sich auch einige, die ich zu meinen Lieblingsopfern erwählte. Ich kannte ihre Namen. An einigen lockte mich die Schönheit ihres Körpers, an anderen ihr tapferes Ertragen der größten Qualen, ihre Verachtung aller meiner Listen, während ich bei den dritten im Gegenteil ihre Schwäche, Willenslosigkeit, ihr Stöhnen und unnützes Beten liebte. Zuweilen und nicht einmal selten ließ ich auch die von mir bereits zu Tode gequälten wieder auferstehen, um mich noch einmal an ihrem Märtyrertode zu erfreuen. Anfangs war ich ganz allein, sowohl Henker als auch Zuschauer. Dann aber erschuf ich mir eine Schar unförmlicher Zwerge zu Gehilfen. Ihre Zahl wuchs nach meinem Belieben. Sie reichten mir die Marterinstrumente und lachend und mit Verrenkungen führten sie alle meine

Befehle aus. Und mit ihnen feierte ich meine Orgien des Blutes und Feuers, der Schreie und Flüche.

Wahrscheinlich wäre ich so wahnsinnig, einsam und glücklich, wie ich es war, geblieben. Doch die wenigen Freunde, die ich noch hatte, hielten mich für krank und nahe dem Irrsinn, und wollten mich retten. Fast mit Gewalt zwangen sie mich, auszufahren, in Theater und Gesellschaften zu gehen. Ich hege auch den Verdacht, daß sie jenes Mädchen, das nachher meine Frau wurde, mir absichtlich in dem allerreizvollsten Lichte zeigten. Übrigens würde sich wohl kaum ein Mensch gefunden haben, der sie nicht der Anbetung würdig erklärt hätte. Alle Reize der Frau und des Menschen vereinten sich in ihr, die ich lieb gewann, die ich so oft mein nannte, und die ich in allen Tagen meines Lebens, die mir übrig geblieben sind, nicht aufhören werde, zu beweinen. Ihr aber zeigte man mich als einen Leidenden, als einen Unglücklichen, den man retten müsse. Sie begann mit Neugierde und ging dann zu der vollen, selbstvergessenden Leidenschaft über.

Lange Zeit hindurch wagte ich nicht, an eine Heirat zu denken. Wie stark das Gefühl auch war, das meine Seele unterjochte, mich erschreckte der Gedanke, meine Einsamkeit zu verlieren, die mir solche Weiten, in denen ich in Freiheit mich an meinen Traumgesichten berauschen konnte, erschloß. Doch das regelmäßige Leben, zu dem man mich zwang, trübte allmählich meine Erkenntnis. Aufrichtig begann ich, daran zu glauben, daß mit meiner Seele eine Umgestaltung geschehen könne, daß sie ihrer von den Leuten nicht anerkannten Wahrheit entsagen würde. Am Tage meiner Hochzeit gratulierten mir meine Freunde wie einem aus dem Grabe zur Sonne Erstandenen. Nach der Hochzeitsreise bezogen meine Frau und ich ein neues helles und heiteres Heim. Ich begann mir vorzureden, daß mich die Weltereignisse und Stadtneuigkeiten interessierten; ich las Zeitungen und unterhielt einen regen Verkehr. Und wieder lernte ich, am Tage munter zu sein. Nachts, inmitten der entrückten Liebkosungen zweier Liebender überfiel mich gewöhnlich

ein toter, flacher Schlaf, der ohne Weiten war, ohne Bilder. In der kurzen Zeit meiner Blindheit war ich bereit, mich meiner Genesung zu freuen, meines Erwachens aus Wahnsinn zur Alltäglichkeit.

Doch natürlich niemals, o niemals! erstarb in mir das Verlangen nach anderen Trunkenheiten. Es wurde nur von der allzu faßbaren Wirklichkeit betäubt. Und selbst in den Flitterwochen des ersten Monats nach der Hochzeit fühlte ich irgendwo in den Tiefen meiner Seele den unersättlichen Hunger nach blendenderen und mehr erregenden Empfindungen. Mit jeder neuen Woche quälte mich dieses Verlangen immer unbesiegbarer. Und gleichzeitig mit ihm entstand in mir ein anderes unbezwingliches Verlangen, daß ich mir anfangs gar nicht einmal eingestehen wollte: das Verlangen, sie, meine Frau, die ich liebte, zu meiner nächtlichen Feier zu bringen, und ihr Gesicht bei den Qualen ihres Leibes verzerrt zu sehen. Ich kämpfte, kämpfte sehr lange und bemühte mich, meine Nüchternheit zu bewahren. Ich war bestrebt, mich mit allen Vernunftsgründen zu überzeugen, doch ich konnte ihnen nicht glauben. Und umsonst suchte ich Zerstreuung und floh das Alleinsein mit mir, die Versuchung wuchs in mir, und ich konnte ihr nicht entfliehen.

Und endlich gab ich ihr nach. Ich tat so, als hätte ich eine große religionsgeschichtliche Arbeit vor. In meine Bibliothek stellte ich breite Divans und verbrachte dort ganze Nächte. Etwas später verbrachte ich dort auch ganze Tage. Auf alle nur mögliche Weise verhüllte ich mein Geheimnis vor meiner Frau; ich zitterte bei dem Gedanken, daß sie in das eindringen würde, was ich so eifersüchtig hütete. Sie war mir noch ebenso teuer, wie zuvor. Ihre Liebkosungen waren mir nicht minder süß, wie in den ersten Tagen unseres Zusammenlebens. Doch eine größere Wollust trieb mich jetzt. Ich konnte ihr mein Benehmen nicht erklären. Ich zog es sogar vor, sie bei dem Gedanken zu lassen, daß ich sie nicht mehr liebe und ein Zusammensein mit ihr vermiede. Und tatsächlich glaubte sie das, quälte sich und wurde müde. Ich sah, wie sie bleicher wurde und hinschwand, sah, daß der Gram

sie zum Grabe führen würde. Doch wenn ich, dem Triebe mich hingebend, ihr die früheren Liebesworte sprach, erblühte sie nur auf Augenblicke: sie glaubte mir nicht mehr, weil, wie es ihr schien, alle meine Taten meinen Worten widersprachen.

Doch wenn ich auch, wie früher, ganze Tage im Traume zubrachte und mich meinen Erscheinungen noch ungeteilter als vor der Hochzeit hingab, irgendwie hatte ich meine frühere Fähigkeit, völlige Freiheit zu gewinnen, verloren. Ganze Wochen verbrachte ich auf meinen Divans, erwachte nur, um mich mit ein wenig Wein oder Bouillon zu stärken und um eine neue Dosis des Schlafmittels einzunehmen, allein der erwünschte Augenblick kam nicht. Ich durchlebte die süßen Qualen des Alpdrückens, seine Pracht und Unerbittlichkeit, ich konnte mich an die Reihe der vielgestaltigen Träume erinnern, und sie vor mir aufrollen lassen, die Träume, die so konsequent und furchtbar in dieser triumphierenden Folgerichtigkeit waren, so wild und unlogisch, so entzückend und prachtvoll in dem Wahnsinn ihrer Verbindung, aber meine Erkenntnis blieb, wie von einem Wölkchen umhüllt. Mir fehlte die alte Macht, über den Traum zu verfügen, ich konnte nur jenes, was mir von außen herkam, belauschen und beschauen. Ich griff zu allen mir bekannten Mitteln und Rezepten, zu allen existierenden Giften: störte künstlich die Blutzirkulation, hypnotisierte mich selbst, gebrauchte Opium, Haschisch und alle anderen betäubenden Gifte, doch sie gaben mir nur ihre eigenen Zauber. Erwachend gedachte ich mit sinnloser Wut der anreizenden Erscheinungen, in denen ich kraftlos, wie ein Spielzeug eines fremden Willens, begraben war, und über die ich nicht zu herrschen vermochte. Ich verging vor Wut und Verlangen, aber, wie gesagt, ich war kraftlos.

Seit jener Zeit, in der ich zu dem unterbrochenen Rausch der Träume zurückkehrte, vergingen sechs Monate bis zu dem Tage, da mein verheißenes Glück wiederum mir zurückgegeben wurde. Im Traume fühlte ich plötzlich den mir so gut bekannten elekrischen Schlag und begriff, daß ich frei sei, daß ich schliefe, doch stark genug sei, über den Traum zu verfügen, daß ich alles ausführen könne, wonach ich verlangte

und daß es doch nur ein Traum bleiben würde! Eine Welle unsagbaren Jubels überströmte meine Seele. Und da konnte ich auch schon nicht mehr der alten Versuchung widerstehen. Allerdings verlangte ich nicht mehr nach meiner unterirdischen Halle. Ich zog es vor, mich in jene Umgebung zu versetzen, an die sie gewöhnt war, die sie sich selbst hergestellt hatte. Dies war ein noch mehr verfeinerter Genuß. Und gleichzeitig mit meinem zweiten Traumbewußtsein sah ich mich selbst in der Tür meiner Bibliothek stehen.

„Gehen wir, sagte ich zu meiner Erscheinung, gehen wir, sie schläft jetzt und nimm einen schmalen Dolch mit dir, dessen Griff von Elfenbein sei.“

Ich gehorchte und ging den gewöhnlichen Weg durch die dunklen Zimmer. Es kam mir so vor, als würde ich nicht gehen, und nicht meine Füße bewegen, sondern fliegen, wie das ja immer im Traume so ist. Als ich durch den Saal ging, sah ich durchs Fenster die Dächer der Stadt und dachte: „dies alles ist in meiner Gewalt.“ Die Nacht war ohne Mondschein, aber am Himmel funkelten die Sterne. Unter den Sesseln krochen meine Zwerge hervor, doch ich ließ sie verschwinden. Lautlos öffnete ich die Türe zum Schlafzimmer. Das Zimmer wurde von einem Lämpchen genügend erhellt. Ich trat an das Bett heran, in dem mein Weib schlief. Da lag sie, so schwach, so klein, so mager; ihre Haare, die sie des Nachts in zwei Zöpfe flocht, hingen vom Bett herunter. Neben dem Kopfkissen lag ein Tuch: sie hatte wohl geweint, da sie sich niederlegte, darüber geweint, daß sie mich wieder nicht erwarten konnte. Ein bitteres Gefühl schnürte mein Herz zusammen. In diesem Augenblick war ich bereit, an Mitleid zu glauben. Ich hatte sogar das Verlangen, vor ihrem Bette niederzuknien und ihre frierenden Füße zu küssen. Doch sofort erinnerte ich mich, daß dieses alles im Traume wäre.

Ein merkwürdig seltsames Gefühl quälte mich. Ich konnte mein geheimes Verlangen befriedigen, mit dieser Frau alles tun, was ich nur wollte. Und doch würde alles das nur mir bekannt bleiben. Und am Tage konnte ich sie wiederum mit allem Rausche der Zärtlichkeit umgeben, sie trösten,

lieben und liebkosen . . . Indem ich mich über den Körper meiner Frau bückte, preßte ich mit fester Hand ihre Gurgel zusammen, so daß sie nicht schreien konnte. Jählings erwachte sie, öffnete die Augen und erbebte unter meiner Hand. Doch ich nagelte sie förmlich an das Bett, und in dem Bestreben, mich fortzustoßen, krümmte sie sich, war bemüht, mir etwas zu sagen und sah mich mit verstörten Augen an. Einige Sekunden lang sah ich sie voll unsagbarer Erregung an, dann aber stieß ich unter der Decke mit einem Schlage meinen Dolch in ihre Seite. Ich sah, wie sie erzitterte, sich streckte, noch immer nicht zu schreien vermochte, aber ihre Augen füllten sich mit Entsetzen und Tränen entströmten ihnen. Über meine Hand, die den Dolch hielt, floß das klebrige und warme Blut. Dann stieß ich langsam den Dolch mehrere Male in ihren Körper, riß die Decke von ihr und verwundete sie immer mehr, sie, die Nackte, die sich bedecken wollte, aufspringen, fortkriechen. Dann erfaßte ich sie am Kopfe und stieß den Dolch durch ihren Hals, dort, wo die Halsarterie ist, nahm alle meine Kraft zusammen und schnitt ihre Kehle durch. Gurgelnd strömte das Blut hervor, da sie sich noch im Todeskampfe zu atmen bemühte, ihre Hände wollten krampfhaft etwas greifen und fortwischen. Ein wenig später war sie schon unbeweglich.

Da ergriff eine so furchtbare Verzweiflung meine Seele, daß ich mich sofort zu erwachen bemühte, aber ich konnte es nicht. Ich machte alle Willensanstrengungen, ich erwartete, daß die Wände ihres Schlafzimmers plötzlich zerfallen würden, verschwinden, zerschmelzen, daß ich mich auf meinem Divan in der Bibliothek wieder sehen würde. Doch das Alpdrücken ging nicht vorüber. Der blutige und unförmliche Körper meines Weibes lag vor mir auf dem vom Blute überströmten Bette. Und in der Türe drängten sich mit Lichtern schon die Menschen, die hierherstürzten, als sie den Lärm des Kampfes hörten, und ihre Gesichter verzerrte das Entsetzen. Sie sprachen kein Wort, doch alle blickten mich an und ich sah sie.

Da begriff ich plötzlich, daß dieses Mal alles, was geschehen war, nicht im Traume geschah.