Im Spiegel
Aus dem Archiv eines Psychiaters
Ich liebte die Spiegel schon seit meinen frühesten Jahren. Als Kind weinte und zitterte ich oft, wenn ich in ihre durchsichtig-wahrhaftige Tiefe blickte. In der Kindheit war es mein Lieblingsspiel, durch die Zimmer und den Garten zu gehen, einen Spiegel vor mir herzutragen und in seinen Abgrund blickend, mit jedem Schritte den Rand zu überschreiten und vor Schrecken und Schwindlichkeit fast zu ersticken. Schon als Mädchen begann ich, mein ganzes Zimmer mit großen und kleinen, getreuen und ein wenig verzerrenden, klaren und etwas trüben Spiegeln zu füllen. Ich hatte mich gewöhnt, ganze Stunden, ganze Tage inmitten dieser sich kreuzenden, in einander übergehenden, taumelnden, verschwindenden und aufs neue erstehenden Welten zu verbringen. Meine einzige Leidenschaft wurde es, mich diesen lautlosen Fernen hinzugeben, diesen Perspektiven ohne Echo, diesen abgesonderten Welten, welche die unsere durchschneiden und, im Widerspruch zu der Erkenntnis, mit ihr gleichzeitig und am gleichen Platze existieren. Diese umgedrehte Wirklichkeit, die von uns durch die glatte Spiegelfläche getrennt und dem Tastvermögen irgendwie unerreichbar ist, zog mich immer an und lockte mich wie ein Abgrund oder ein Geheimnis.
Mich lockte auch jene Erscheinung, die immer, wenn ich an den Spiegel herantrat, vor mir erschien und mein Wesen seltsam verdoppelte. Ich bemühte mich, zu erraten, wodurch jene (die andere Frau) sich von mir unterscheide, und, wie es sein könne, daß ihre rechte Hand meine linke sei und daß alle Finger dieser Hand umgestellt wären, obgleich auf einem von ihnen sich eben mein Verlobungsring befand. Meine Gedanken begannen sich zu verwirren, kaum daß ich in dieses Rätsel eindringen wollte, um es zu lösen. In dieser Welt, wo man sich an alles herantasten kann und wo Stimmen und Töne sind, da lebte ich, die Wirkliche; aber in jener Spiegelwelt, die man nur sehen kann, lebte sie, die Erscheinung. Sie war fast wie ich und doch nicht völlig ich; sie wiederholte alle meine Bewegungen, und doch fiel nicht
eine dieser Bewegungen mit dem zusammen, was ich tat. Jene (die andere) wußte, was ich nicht erraten konnte, verfügte über jenes Geheimnis, das auf ewig meinem Verstande verborgen war.
Doch ich bemerkte, daß jeder Spiegel seine eigene Welt hätte, seine ihm eigentümliche. Man stelle auf ein und denselben Ort nacheinander zwei Spiegel, und es werden zwei verschiedene Welten entstehen. Und in verschiedenen Spiegeln erstanden verschiedene Erscheinungen vor mir, die alle mir ähnlich sahen und doch niemals miteinander identisch waren. In meinem kleinen Handspiegel lebte ein naives Mädchen, dessen klare Augen mich an meine früheste Jugend erinnerten. Im runden Boudoirspiegel verbarg sich ein schamloses, freies, schönes, kühnes Weib, das alle die verschiedenen Süßigkeiten der Liebkosungen erfahren hatte. In der viereckigen Spiegeltüre des Schrankes wuchs immer eine strenge, machtvolle, kalte Figur auf mit unerbittlichen Blicken. Ich kannte noch andere Doppelgänger von mir, in meinem Trumeau, in dem zusammenlegbaren, vergoldeten Triptychon, im Hängespiegel mit dem eichenen Rahmen, in dem Halsspiegelchen und in vielen und vielen, die ich bewahrte. All den Wesen, die sich in ihnen verbargen, gab ich Grund und Möglichkeit, zu erscheinen. Nach den seltsamen Gesetzen ihrer Welten mußten sie immer das Bildnis dessen annehmen, der sich vor das Glas stellte. Doch sie bewahrten in dieser angenommenen Äußerlichkeit ihre nur ihnen eigentümlichen Züge.
Es gab Spiegelwelten, die ich liebte; es gab aber auch solche, die ich haßte. Ich liebte es, mich in einige von ihnen auf ganze Stunden zu vertiefen und mich in ihren lockenden Räumen zu verlieren. Andere wiederum vermied ich. Heimlich liebte ich nicht alle meine Doppelgänger. Ich wußte, daß alle mir feindlich gesinnt wären, schon weil sie mein von ihnen gehaßtes Bildnis annehmen mußten. Doch einige der Spiegelfrauen bemitleidete ich, verzieh ihnen ihren Haß und verhielt mich zu ihnen fast freundschaftlich. Es gab aber auch solche, die ich verachtete, deren kraftlose Wut ich zu
verlachen liebte, die ich mit meiner Selbständigkeit neckte, und mit der Macht, die mir über sie zustand, quälte. Dagegen gab es auch solche, die stärker als ich waren und sich erkühnten, ihrerseits über mich zu lachen und mir Befehle zu erteilen. Ich beeilte mich, von den Spiegeln, in denen diese Frauen lebten, freizukommen, sah sie nicht an, versteckte, verschenkte und zerschlug sie sogar bisweilen. Doch nach jedem Zerschlagen eines Spiegels mußte ich tagelang weinen, weil ich erkannte, daß ich ein Weltall vernichtet hatte. Und die vorwurfsvollen Gesichter einer vernichteten Welt sahen mich aus den Splittern drohend an.
Den für mich schicksalsvoll gewordenen Spiegel kaufte ich im Herbst auf irgend einem Ausverkaufe. Es war ein großes Trumeau, das sich in Scharnieren bewegte. Es überraschte mich durch die ungemeine Klarheit der Wiedergabe. Seine gespenstische Wirklichkeit veränderte sich bei der geringsten Verschiebung des Spiegels, aber sie war immer selbstständig und schrankenlos lebendig. Als ich während des Ausverkaufs das Trumeau besah, schaute die Frau, die mich in ihm vorstellte, mir mit einer hochmütigen Herausforderung in die Augen. Ich wollte ihr nicht nachgeben, ihr nicht zeigen, daß sie mich erschreckt hätte, kaufte darum das Trumeau und ließ es in mein Boudoir stellen. Als ich in meinem Zimmer allein war, trat ich sofort an den neuen Spiegel heran und heftete meine Augen in die meiner Gegnerin. Doch sie tat dasselbe und so voreinander stehend, begannen wir, wie Schlangen einander mit den Blicken zu durchbohren. In ihrer Iris spiegelte ich mich und sie sich in der meinen. Mein Herz erstarrte und mein Kopf begann sich vor diesem starren Blicke zu drehen. Durch eine Willensanstrengung riß ich endlich meine Augen von den fremden Augen, stieß mit dem Fuß an den Spiegel, so daß er zu schaukeln begann und sich das Bildnis meiner Gegnerin kläglich verzerrte, und verließ das Zimmer.
Seit jener Stunde begann unser Kampf. Am Abend des ersten Tages dieser Begegnung wagte ich nicht, mich dem neuen Trumeau zu nähern; ich war mit meinem Manne im
Theater, ich lachte übermäßig, und man hielt mich für sehr lustig. Am andern Tage, im klaren Lichte eines Septembermorgens, betrat ich kühn mein Boudoir und setzte mich absichtlich gerade vor den Spiegel. Im selben Augenblick trat auch jene, die andere, in die Türe, kam mir entgegen, durchschritt das Zimmer und setzte sich mir gegenüber hin. Unsere Augen begegneten sich. Ich las in ihren Augen den Haß auf mich, sie in den meinen den auf sie. Unser zweiter Zweikampf begann, ein Zweikampf der Augen, zweier unerbittlicher Blicke, die befehlend waren, drohend, hypnotisierend. Jede von uns bemühte sich, den Willen ihrer Gegnerin zu besiegen, ihren Widerstand zu zerbrechen und sie ihrem Verlangen Untertan zu machen. Und es müßte furchtbar sein, so von der Seite zwei Frauen zu sehen, die einander regungslos gegenübersitzen, vom magischen Einfluß der Blicke gefesselt sind, und vor psychischer Anspannung das Bewußtsein verlieren . . . Plötzlich rief man mich. Der Zauber schwand. Ich stand auf und ging hinaus.
Nun wiederholten sich unsere Zweikämpfe jeden Tag. Ich begriff, daß diese Abenteurerin absichtlich in mein Haus eingedrungen war, um mich zu verderben, und um in unserer Welt meinen Platz einzunehmen. Doch schon war ich zu schwach, um diesem Kampfe zu entsagen. In dieser Rivalität lag für mich eine geheime Trunkenheit. Und schon in der Möglichkeit einer Niederlage versteckte sich eine süße Versuchung. Zuweilen zwang ich mich ganze Tage hindurch, nicht an das Trumeau heranzugehen, beschäftigte mich mit anderen Dingen, zerstreute mich, doch in der Tiefe meiner Seele blieb immer das Bild meiner Gegnerin, die meine Rückkehr zu ihr geduldig und siegessicher erwartete. Und ich kehrte zurück, und sie trat vor mich hin, noch triumphierender als früher, durchbohrte mich mit dem siegessicheren Blicke und nagelte mich vor sich an meinen Platz. Mein Herz blieb stehen, und in kraftloser Wut fühlte ich mich in der Gewalt dieses Blickes. Zuweilen, wenn ich nicht mit ihr war, kams mir in den Kopf, mein Haus zu fliehen, in eine andere Stadt zu fahren, um mich vor meinem Feinde
zu verbergen, doch sogleich begriff ich dann, daß dies unmöglich wäre, daß ich dennoch, gehorsam der lockenden Kraft des feindlichen Blickes, hierher zurückkehren müßte, in dieses Zimmer, zu meinem Spiegel. Zuweilen wollte ich sein Glas zerschlagen, es in Splitter zertrümmern, diese unbekannte und mir drohende Welt vernichten, und zuweilen stürzte ich sogar mit irgend einem schweren Gegenstand in der Hand in Ekstase auf den Spiegel zu, aber das verächtliche Lächeln meiner Gegnerin hielt mich zurück. Ein so erkaufter Sieg wäre das Geständnis ihrer Macht und meiner Niederlage gewesen. Und so dauerte der Kampf, dauerte, um mit dem Siege einer von uns zu enden.
Allein bald schon fühlte ich, daß meine Gegnerin stärker war als ich. Mit jeder neuen Begegnung konzentrierte sich in ihrem Blicke eine immer größer und größer werdende Gewalt über mich. Allmählich verlor ich denn auch die Möglichkeit, sie einen Tag hindurch ganz zu fliehen. Sie befahl mir täglich, mehrere Stunden vor ihr zu verbringen. Sie beherrschte meinen Willen, wie der Magnetiseur den Willen der Somnambule. Sie teilte mein Leben ein, wie die Herrin das Leben der Sklavin. Alles, was sie verlangte, mußte ich ausführen, und ich wurde zum Automaten ihrer schweigenden Befehle. Ich wußte, daß sie bedacht und vorsichtig, aber auf sicherem Wege mich zum Verderben führe, doch ich wehrte mich nicht mehr. Ich erriet ihren geheimen Plan: mich in die Welt der Spiegel zu bannen und selbst in unsere Welt hinauszutreten, doch schon hatte ich keine Kraft mehr, sie zu hindern. Mein Mann, meine Verwandten sahen, daß ich ganze Stunden, ganze Tage, ganze Nächte vor dem Spiegel verbrachte; sie hielten mich für verrückt und wollten mich heilen. Ich aber wagte es nicht, ihnen die Wahrheit zu enthüllen, es war mir verboten, ihnen die ganze furchtbare Wahrheit zu sagen, das ganze Entsetzen, dem ich entgegenging.
Einer jener Dezembertage vor den Feiertagen war der Tag meines Verderbens. Ich erinnere mich noch an alles, völlig klar, völlig genau bis in die Einzelheiten: in meiner Erinnerung hat sich nichts verwischt. Wie gewöhnlich betrat
ich schon früh mein Boudoir, noch bevor es düster wurde. Vor den Spiegel stellte ich einen weichen Sessel ohne Rücklehne, setzte mich, und gab mich ihr hin. Ohne zu zögern, erschien sie auf meinen Ruf, rückte gleichfalls einen Sessel heran, setzte sich und begann mich anzusehen. Dunkle Vorahnungen quälten meine Seele, aber ich hatte nicht die Macht, mein Gesicht zu senken und mußte den frechen Blick meiner Gegnerin in mir aufnehmen. Die Stunden vergingen, und es wurde finster. Keine von uns beiden zündete Licht an. Leise nur glänzte in der Dunkelheit das Glas. Und schon war kaum mehr etwas zu sehen, nur die siegessicheren Augen sahen mich mit der alten Kraft an. Ich fühlte weder Zorn noch Entsetzen, wie an anderen Tagen, nur eine unstillbare Trauer und die bittere Erkenntnis, daß ich ganz in der Gewalt der anderen wäre. Die Zeit floß hin, und ich schwamm mit ihr in die Unendlichkeit, in den schwarzen Raum der Schwäche und Willenslosigkeit.
Plötzlich stand sie, die Wiedergespiegelte, von ihrem Sessel auf. Vor dieser Beleidigung erbebte ich. Doch etwas Unbesiegbares, etwas von außen her mich Zwingendes hieß auch mich aufstehen. Und die Frau im Spiegel trat einen Schritt vor. Ich gleichfalls. Und die Frau im Spiegel streckte ihre Hände aus. Ich gleichfalls. Mit ihren hypnotisierenden und befehlenden Augen sah sie mir gerade ins Gesicht und bewegte sich vorwärts, und ich schritt ihr entgegen. Und merkwürdig: trotz all des Entsetzens meiner Lage, trotz all meines Hasses auf meine Gegnerin zitterte irgendwo in den Tiefen meiner Seele der seltsame Trost und die versteckte Freude, daß ich nun endlich in jene geheimnisvolle Welt, zu der ich seit der Kindheit mich hingezogen fühlte, und die mir bis heute verschlossen blieb, hineintreten würde. In einigen Augenblicken wußte ich nicht einmal, wer eigentlich den anderen zu sich zöge: sie mich oder ich sie; verlangte sie nach meinem Platz, oder hatte ich diesen Kampf mir nur erdacht, um sie zu verdrängen.
Doch als meine Hände beim Vorwärtsbewegen am Spiegel ihre Hände berührten, erstarb ich förmlich vor Abscheu.
Aber sie faßte mich gewaltig an den Händen und zog mich krampfhaft zu sich. Meine Hände versanken im Glase, als wie in feurigkühlem Wasser. Die Kälte des Glases drang unter furchtbaren Schmerzen in meinen Körper, als ob alle Atome meines Wesens ihr gegenseitiges Verhältnis veränderten. Und schon nach einem Augenblicke berührte mein Gesicht das Gesicht meiner Gegnerin, sahen meine Augen die ihren ganz vor sich, verschmolz ich mit ihr in einem ungeheuerlichen Kusse. Alles verschwand vor diesem quälenden Leiden, dem nichts vergleichbar ist, und aus dieser Ohnmacht erwachend, sah ich vor mir mein Boudoir, auf das ich aus dem Spiegel hinabschaute. Meine Nebenbuhlerin stand vor mir und lachte. Und ich, — o Grausamkeit! — ich, die vor Qual und Erniedrigung erstarb, ich mußte gleichfalls lachen, alle ihre Grimassen wiederholen, ihr triumphierendes und helles Lachen. Und, ehe ich noch meinen Zustand ganz erfassen konnte, drehte sich meine Nebenbuhlerin plötzlich um, schritt zur Türe, verschwand vor meinen Augen und dann befiehl mich die Erstarrung des Nichtseins.
Darnach begann mein Leben als Spiegelbild. Ein seltsames halbbewußtes, wenn auch heimlich süßes Leben. Wir waren viele in diesem Spiegel, dunkle Seelen voll träumender Erkenntnisse. Wir konnten miteinander nicht sprechen, fühlten aber unsere Nähe und liebten einander. Wir sahen nichts, wir hörten nur unklar, und unser Sein war wie eine Ermattung in der Unmöglichkeit, zu atmen. Und nur wenn ein Wesen aus der Menschenwelt an den Spiegel herantrat, konnten wir, die wir plötzlich sein Bildnis annehmen mußten, in die Welt sehen, die Stimmen unterscheiden, mit voller Brust atmen. Ich denke, daß das Leben der Toten ähnlich sein müßte, ein unklares Bewußtsein des eigenen Ich, dunkle Erinnerung an das Frühere und das peinigende Verlangen, wenn auch nur auf einen Augenblick, wieder Gestalt zu gewinnen, zu sehen, zu hören, zu sprechen . . . Und jeder von uns hegte und pflegte den verheißenen Traum, sich zu befreien, einen neuen Körper zu finden und wieder der Welt der Beständigkeit und Unerregtheit anzugehören.
Die ersten Tage fühlte ich mich in meiner neuen Lage sehr unglücklich. Ich wußte und verstand noch nichts. Gehorsam und sinnlos nahm ich das Bildnis meiner Gegnerin an, wenn sie sich dem Spiegel näherte um mich zu verhöhnen. Und sie tat das ziemlich oft. Es bereitete ihr ein großes Vergnügen, vor mir mit ihrer Lebendigkeit und ihrer Realität zu kokettieren. Sie setzte sich und auch ich mußte mich setzen, sie stand auf und triumphierte, da sie sah, daß auch ich aufstand, breitete die Arme aus, tanzte, zwang mich, ihre Bewegungen zu verdoppeln und lachte, lachte, damit auch ich lachen müßte. Sie schrie mir Beleidigungen ins Gesicht, und ich konnte ihr nicht antworten. Sie drohte mir mit der Faust und verspottete meine unbedingte Wiederholungsgeste. Und mit einem Stoße drehte sie dann plötzlich den Spiegel um seine Achse und mit einem Schwunge stürzte sie mich in das Nichtsein.
Allein die Beleidigungen und Erniedrigungen erweckten in mir allmählich die Erkenntnis. Ich begriff, daß meine Gegnerin jetzt mein Leben lebe, meine Toiletten gebrauche, die Frau meines Mannes sei und in der Welt meinen Platz einnehme. Das Gefühl des Hasses und das Verlangen nach Rache wuchsen in meiner Seele wie zwei feurige Blumen auf. Ich begann, mich bitter zu schmähen, weil ich aus Schwäche oder aus verbrecherischer Neugierde ihr die Möglichkeit gab, mich zu besiegen. Ich war überzeugt, daß diese Abenteurerin niemals über mich hätte triumphieren können, wenn ich ihr nicht selbst in ihren Listen geholfen hätte. Und nachdem ich mich ein wenig mit den Bedingungen meines neuen Seins bekannt gemacht hatte, entschloß ich mich, mit ihr in denselben Kampf zu treten, den sie mit mir geführt hatte. Wenn sie, der Schatten, es verstanden hatte, meinen Platz als wirkliche Frau einzunehmen, war denn ich, der Mensch, der nur zeitweilig zum Schatten wurde, nicht stärker als diese Erscheinung?
Ich begann mit einem Umwege. Anfangs stellte ich mich, als quälte mich der Hohn meiner Gegnerin immer unerträglicher. Ich ließ sie absichtlich alle Süßigkeit des
Sieges spüren. Und da ich das vergehende Opfer spielte, reizte ich in ihr alle geheimen Henkerinstinkte. Sie fiel auf dieses Lockmittel herein. Das Spiel mit mir lockte sie. Indem sie immer neue Martern für mich ersann, verschwendete sie ihre Phantasie. Sie erfand tausend Listen, um mir immer und immer noch einmal zu beweisen, daß ich nur eine Erscheinung wäre, und daß ich kein eigenes Leben mehr hätte. Bald spielte sie vor mir auf dem Klavier und quälte mich mit der Tonlosigkeit meiner Welt. Bald saß sie vor meinem Spiegel, trank langsam meine geliebten Liköre und zwang mich, so zu tun, als würde auch ich trinken. Bald endlich führte sie in mein Boudoir Menschen, die ich verachtete, erlaubte ihnen vor meinen Augen ihren Körper zu küssen, und überließ es dabei ihnen, zu denken, daß sie mich küßten. Und wenn sie dann mit mir allein war, lachte sie mit bösem und triumphierenden Lachen. Doch dieses Lachen verletzte mich nicht mehr; seine Schärfe trug eine Süßigkeit: meine kommende Rache!
In den Stunden, wenn sie mich kränkte, zwang ich meine Gegnerin unmerklich, mir in die Augen zu sehen, begann ich allmählich, ihren Blick zu beherrschen. Bald lag es schon in meiner Gewalt, ihre Lider zu heben oder zu senken, diese oder jene Bewegung ihres Gesichtes hervorzurufen. Und schon begann ich, zu triumphieren, wenn ich auch dieses unter der Maske des Leides verbarg. Meine seelischen Kräfte wuchsen, und ich erkühnte mich, meinem Feinde zu befehlen: heute wirst du dieses tun, heute wirst du dorthin fahren, morgen wirst du zu mir um diese Zeit kommen. Und sie führte es aus! Ich verwickelte ihre Seele in das Netz meiner Wünsche, spann einen festen Faden, mit dem ich ihren Willen hielt und wenn ich meine Erfolge bemerkte, triumphierte ich insgeheim. Als sie dann einmal in den Stunden ihres Lachens auf meinen Lippen plötzlich das siegessichere Lächeln bemerkte, war es schon zu spät. Sie lief damals in heller Wut aus dem Zimmer, doch während ich wieder in den Schlaf meines Nichtseins zurückfiel, wußte ich doch, daß sie morgen wiederkehren würde, wußte, daß sie
mir gehorchen würde! Und der Jubel des Sieges schwebte über meiner willenlosen Schwäche, zerschnitt das Dunkel meines Halbtodes als regenbogenfarbener Fächer.
Sie kehrte zurück! In Zorn und Furcht kehrte sie zu mir zurück, schrie mich an und drohte mir. Ich aber erteilte ihr Befehle. Und sie mußte mir gehorchen. Es war wie das Spiel der Katze mit der Maus. Zu beliebiger Stunde konnte ich sie wieder in die Spiegeltiefe stürzen, selbst aber hinaustreten in die tönende und feste Wirklichkeit. Sie wußte, daß dieses von meinem Willen abhinge, und dieses Bewußtsein quälte sie zweifach. Doch ich zauderte. Es war mir angenehm, zu Zeiten im Nichtsein zu sein. Es war mir angenehm, mich mit der Möglichkeit zu berauschen. Endlich (und dieses ist gewiß merkwürdig) erwachte in mir das Mitleid mit meiner Gegnerin; die mein Feind war, mein Henker. Allein es war in ihr etwas von mir und es war mir furchtbar, sie so aus der Klarheit des Lebens hinauszureißen und sie in einen Schatten zu verwandeln. Ich schwankte und wagte es nicht, verlängerte die Frist von Tag zu Tag und wußte eigentlich selbst nicht, was ich wollte und was mich erschreckte.
Und plötzlich, an einem hellen Frühlingstage, traten in das Boudoir Menschen mit Brettern und Beilen. Ich war unlebendig, ich lag in einer süßen Erstarrung, aber wenn ich auch nichts sah, so begriff ich doch, daß sie hier wären. Die Leute begannen in der Nähe des Spiegels, der mir zum Weltall geworden war, sich zu beschäftigen. Und eine nach der anderen erwachten die Seelen, die mit mir den Spiegel bewohnten, und nahmen den Körper der Erscheinung, die Form des Spiegelbildes an. Furchtbare Unruhe erregte meine träumende Seele. Im Vorgefühle des Entsetzens, im Vorgefühle des schon nicht mehr gutzumachenden Verderbens sammelte ich all die Macht meines Willens. Welche Anstrengung kostete es mich, mit der Entrücktheit eines halben Seins zu kämpfen. So kämpfen lebendige Leute manchmal mit einem Alpdrücken, wenn sie sich aus seinen quälenden Ketten zur Wirklichkeit befreien wollen.
Ich konzentrierte alle Kräfte der Suggestion in den Ruf, den ich ihr, meiner Gegnerin, zurief: „komm her!“ Ich hypnotiserte und magnetisierte sie mit der ganzen Anstrengung meines träumenden Willens. Und ich hatte so wenig Zeit. Schon bewegte sich der Spiegel. Schon hatte man vor, ihn in das Brettergrab zu legen, um ihn fortzuführen: wohin, das war mir unbekannt. Und so in letztem tödlichem Triebe rief ich wieder und wieder: „komm! . . .“ Und plötzlich fühlte ich, daß ich lebendig wurde. Sie, mein Feind, öffnete die Thüre; und bleich und halbtot kam sie mir entgegen, gehorchte sie meinem Rufe, wenn auch mit Schritten, die sich sträubten, als würde sie zum Richtplatz gehen. Mit meinen Augen umschloß ich ihre Augen, fesselte ihren Blick mit meinem Blicke und dann wußte ich, daß ich siegen würde.
Ich zwang sie, die Leute aus dem Zimmer hinauszuschicken. Sie gehorchte und machte nicht einmal den Versuch, sich zu widersetzen. Und wieder waren wir allein. Ich durfte nicht länger zögern. Außerdem konnte ich ihr ihre Tücke nicht verzeihen. Mitleidlos befahl ich ihr, mir entgegenzugehen. Ein Stöhnen der Qual entrang sich ihren Lippen, ihre Augen erweiterten sich wie vor einem Gespenste, doch sie kam, taumelte, fiel, — sie kam. Und auch ich ging ihr entgegen, mit Lippen, welche der Triumph verzog, mit Augen, welche die Freude weit geöffnet hatte, und mit Schritten, die vor trunkenem Jubel taumelten. Und wieder berührten sich unsere Hände, wieder näherten sich unsere Lippen und wir stürzten eine in die andere, verbrannt vom unnennbaren Schmerze der neuen Verkörperung. Und schon nach einem Augenblick stand ich vor dem Spiegel, meine Brust füllte sich mit Luft und ich schrie laut und sieghaft auf und fiel hin, fiel vor dem Trumeau nieder vor Ermattung.
Mein Gatte, die Menschen liefen in das Zimmer. Ich konnte nur sagen, daß man meinen früheren Befehl ausführen möge, diesen Spiegel ganz und für immer aus dem Hause fortzutragen. Dann verlor ich das Bewußtsein.
Man legte mich ins Bett. Man berief einen Arzt. Ich bekam nach all dem Erlebten ein Nervenfieber. Meine
Verwandten hielten mich schon lange für krank und unnormal. Im ersten Jubel war ich so unvorsichtig, ihnen alles, was mit mir geschehen war, zu erzählen. Meine Erzählung bestärkte nur ihren Verdacht. Man führte mich in ein psychiatrisches Krankenhaus über, in dem ich mich auch jetzt noch befinde. Ich bin davon überzeugt, daß mein ganzes Wesen noch immer tief erschüttert ist. Doch ich darf nicht lange hier bleiben. Mir blieb noch eine Sache, eine Aufgabe, die ich bald schon ausführen muß.
Ich zweifle nicht an meinem Siege, nein, nein! Ich weiß, daß ich Ich bin. Doch sobald ich an jene denke, die jetzt in meinem Spiegel eingeschlossen ist, so erfüllt mich eine seltsame Ungewißheit: wie, wenn mein wirkliches Ich dort wäre? Dann würde ich selbst, ich, die dieses hier denkt, ich, die dieses hier schreibt, ein Schatten sein, eine Erscheinung, ein Spiegelbild. In mich strömten nur die Erinnerungen, Gedanken und Gefühle jener über, die mein anderes Ich ist, mein wirkliches. Und tatsächlich wäre ich noch immer im Nichtsein der Spiegeltiefe, würde mich quälen, würde ermatten, sterben. Ich weiß, o, ich weiß es fast genau, daß dieses nicht wahr ist. Doch um die letzten Wolken des Zweifels zu zerstreuen, muß ich wieder, nur noch einmal, das letztemal in jenen Spiegel schauen. Noch einmal muß ich in ihn sehen, um mich zu überzeugen, daß dort die Usurpatorin ist, mein Feind, der meine Rolle während einiger Monate spielte. Ich werde dies sehen, und alle Bedrücktheit meiner Seele wird weichen, und ich werde wieder sorgenlos klar und glücklich sein. Wo ist dieser Spiegel, wo werde ich ihn finden? Ich muß, o, ich muß noch einmal hineinschauen, schauen in seine Tiefe! . . .