Das Köpfchen aus Marmor

Erzählung eines Landstreichers

Man verurteilte ihn wegen Diebstahls zu einem Jahr Gefängnishaft. Mich intrigierten das Benehmen des Alten vor dem Gerichte, wie auch die eigenen Umstände des Verbrechens. Ich erreichte eine Zusammenkunft mit dem Verurteilten. Anfangs hatte er eine gewisse Scheu vor mir, schwieg, dann aber erzählte er mir doch sein Leben.

— Sie haben Recht, begann er, ich sah einst bessere Tage, war nicht immer ein Herumtreiber, schlief nicht immer in den Nachtasylen. Ich genoß eine ganz gute Erziehung, ich wurde ein Techniker. Als ich jung war, da hatte ich schon Geld, lebte geräuschvoll: jeden Tag irgend eine Abendgesellschaft, ein Ball, und alles endete immer mit einem Saufgelage. An diese Zeit erinnere ich mich gut, selbst an Kleinigkeiten. Aber in meinen Erinnerungen ist eine Lücke und um sie auszufüllen, würde ich den ganzen Rest meiner lumpigen Tage hingeben: nämlich alles, was in Bezug zu Nina steht.

Sie hieß Nina, gnädiger Herr, ich bin davon überzeugt, daß sie Nina hieß. Sie war mit einem armen Eisenbahnbeamten verheiratet. Sie waren arm. Aber wie verstand sie es, in dieser kläglichen Atmosphäre vornehm zu sein und so besonders fein! Sie kochte selbst, aber ihre Hände waren wie gemeißelt. Aus ihren billigen Fetzen nähte sie sich wundervolle Träume. Ja und auch alles alltägliche, das mit ihr in Berührung kam, wurde so ungewöhnlich, so phantastisch. Ich selbst wurde unter ihrem Einfluß ein anderer, besserer, schüttelte von mir wie Regentropfen alle Gemeinheit des Lebens ab.

Gott verzeih ihr die Sünde, daß sie mich liebte. Rings war alles so ungeschliffen, daß sie mich lieben mußte, mich, den jungen, hübschen, der so viel Verse auswendig konnte. Doch wo ich mit ihr bekannt wurde und wie, dessen kann ich mich schon nicht mehr entsinnen. Aus dem Dunkel reißen sich einige Bilder. Wir sind im Theater. Sie ist glücklich und lustig (o, wie selten das bei ihr vorkam!), trinkt sozusagen jedes Wort des Schauspieles, lächelt mir zu . . . O, dies Lächeln kenn ich noch. Dann sind wir irgend

wo zu zweien. Sie neigt den Kopf und sagt mir: „Ich weiß, du, mein Glück, wirst nicht lange bei mir verweilen; sei es immerhin, ich habe doch gelebt.“ O diese Worte kenn ich noch. Doch was gleich danach war, — und ist dies mit Nina überhaupt wahr? Ich weiß nicht.

Natürlich verließ ich sie. Mir erschien das so selbstverständlich. Vor mir lag eine glänzende Zukunft und ich konnte mich durch irgend eine romantische Liebe nicht binden lassen. Es war mir schmerzlich, sehr schmerzlich, aber ich bekämpfte das und sah darin sogar eine Tat, daß ich dieses Weh überstand. Ich hörte, daß Nina rasch darauf mit ihrem Mann nach dem Süden gereist sei und bald gestorben. Doch Erinnerungen und Gespräche von ihr peinigten mich damals so sehr, daß ich alle Nachrichten vermied. Ich bemühte mich, nicht an Nina zu denken. Weder ihr Porträt noch ihre Briefe hatte ich mehr und nichts erinnerte mich an sie. Und natürlich vergaß ich dann auch ihr Gesicht, ihren Namen, unsere ganze Liebe, begreifen Sie bitte, vergaß alles. Sie verschwand aus meinem Leben, als wäre sie nie darin gewesen. Und es ist etwas Schmähliches für einen Menschen, so zu vergessen.

Nun, die Jahre vergingen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erzählen, wie ich Karriere machte. Von Nina getrennt, dachte ich natürlich nur an äußeren Erfolg, an Geld. Eine Zeit hindurch erreichte ich fast mein Ziel, lebte im Auslande, heiratete, hatte Kinder. Dann kamen die Verluste: die Frau starb; mit den Kindern vertrug ich mich nicht, gab sie zu Verwandten und, Gott verzeih mir, weiß jetzt nicht mal, ob meine Jungen noch leben. Natürlich trank ich. Dann eröffnete ich ein Geschäft, es kam nichts dabei heraus, ich verlor nur mein letztes Geld und meine letzten Kräfte. Zum Schluß sank ich bis zu dem, als den Sie mich heute hier sehen. In den letzten Jahren beschäftigte ich mich einige Monate, als ich nicht trank, als Arbeiter in den Fabriken. Doch wenn ich trank, kam ich auf den Trödelmarkt und in die Nachtasyle. Auf die Menschen war ich furchtbar wütend und träumte immer, das Schicksal würde sich ändern, ich würde

wieder reich werden. Meine neuen Kameraden verachtete ich deshalb, weil sie diese Hoffnung nicht hatten.

So trieb ich mich denn einmal frierend und hungrig auf irgend einem Hofe herum, weiß der Teufel warum, ich glaube, der Zufall führte mich. Plötzlich ruft mich ein Koch an: „Lieber, bist du nicht am Ende ein Schlosser?“ „Das bin ich,“ antwortete ich. Man hieß mich ein Schreibtischschloß zurecht machen. Ich wurde in ein prachtvolles Kabinett geführt; überall Vergoldung und Bilder. Ich arbeitete, reparierte, was nötig war, und die Gnädige gab mir einen Rubel. Das Geld nehmend, erblickte ich plötzlich ein auf einer Säule stehendes Köpfchen aus Marmor. Ich ersterbe, schaue es an und will meinen Augen nicht trauen: es war Nina!

Ich sage Ihnen, lieber Herr, ich hatte Nina völlig vergessen und dort begriff ich es erst, daß ich sie vergessen. Ich schaue, zittere fast und frage: „Gnädige Frau, gestatten Sie zu fragen, was das für ein Köpfchen ist?“ „Das,“ antwortet sie, „ist eine sehr teuere Sache, die vor fünfhundert Jahren gemacht ist, im XV. Jahrhundert.“ Nannte mir auch den Namen des Künstlers, den ich aber nicht behielt, sagte, daß ihr Mann dies Köpfchen aus Italien mitgebracht hätte und hieraus wäre eine ganze diplomatische Affäre zwischen dem italienischen und dem russischen Kabinett entstanden. „Sagen Sie mal,“ fragte mich die Gnädige, „gefällt Ihnen das Köpfchen? Was haben Sie für einen unmodernen Geschmack! Die Ohren,“ sagt sie, „sind nicht am Platze, die Nase ist unregelmäßig . . .“ und schwatzt! und schwatzt!

Wie verhext lief ich aus dem Hause. Das war nicht nur Ähnlichkeit, das war ein Porträt, sogar noch mehr, das war wirkliches Leben im Marmor. Sagen Sie mir bitte, durch welch ein Wunder konnte ein Künstler des XV. Jahrhunderts diese selben mir so bekannten kleinen, ein wenig tief angesetzten Ohren schaffen, diese selben kaum mandelförmigen Augen, die unregelmäßige Nase und die lange zurückgelehnte Stirn, aus denen sich ganz unerwartet das schönste, das reizendste Frauengesicht zusammensetzte? Welch ein Wunder ließ zwei völlig gleiche Frauen leben, die eine im XV. Jahrhundert,

die andere — in unseren Tagen? Denn daß jene, nach welcher der Marmorkopf gemacht wurde, nicht nur im Gesicht, sondern auch dem Charakter, der Seele nach völlig gleichartig, ja identisch mit Nina war, kann ich nicht bezweifeln.

Dieser Tag gestaltete mein ganzes Leben um. Ich begriff sowohl die ganze Niedrigkeit meiner Aufführung im Vergangenen, als auch die Tiefe meines Sturzes. Ich begriff, daß Nina der Engel war, den mir das Schicksal sandte und den ich zu erkennen hatte. Es ist unmöglich, das Vergangene ungeschehen zu machen. Doch gierig begann ich, alle Erinnerungen an Nina zu sammeln, so wie man zuweilen die Scherben einer zerbrochenen kostbaren Vase aufliest. O, wenig war es! Trotz aller Mühe konnte ich nichts Ganzes zusammenstellen. Es waren nur Splitter, Trümmer. Doch wie jubelte ich, wenn es mir gelang, in meiner Seele irgend etwas Neues zu finden. Nachdenkend und mich erinnernd verbrachte ich ganze Stunden; man lachte über mich und doch war ich glücklich. Ich bin alt, es ist für mich zu spät, mein Leben von neuem zu beginnen. Aber noch kann ich meine Seele von schlechten Gedanken befreien, von Menschenhaß und vom Murren auf den Schöpfer. Und in der Erinnerung an Nina fand ich diese Reinigung und Befreiung.

Ich hatte ein leidenschaftliches Verlangen, die Statue noch einmal zu sehen. Ich strich ganze Abende in der Nähe des Hauses, in welchem sie stand, herum und bemühte mich, das Köpfchen aus Marmor zu erblicken, doch es stand zu weit von den Fenstern. Ganze Nächte verbrachte ich vor dem Hause. Ich sah alle in ihm Lebenden, merkte mir die Verteilung der Zimmer, knüpfte mit der Bedienung Bekanntschaften an. Im Sommer fuhren die Besitzer aufs Land. Und länger konnte ich mein Verlangen auch nicht bekämpfen. Ich glaubte, daß, wenn ich noch einmal die marmorne Nina ansehen könnte, ich mich an alles erinnern würde, an alles bis zum Ende. Das wäre mein letztes Glück gewesen. Und ich entschloß mich zu dem, wofür man mich verurteilt hat. Sie wissen, daß es mir nicht gelang, man ergriff mich schon

im Vorzimmer. Auf dem Gericht stellte sich heraus, daß ich in den Zimmern schon einmal als Schlosser war, und daß man mich nicht selten in der Nähe des Hauses hatte herumlungern gesehen . . . Ich bin ein Bettler, da hab ich dann eben die Schlösser erbrochen . . . Übrigens ist die Geschichte aus, gnädiger Herr!

— Aber wir wollen appellieren, sagte ich, man wird Sie freisprechen.

— Wozu? entgegnete der Alte. Weder betrübt, noch schändet meine Verurteilung jemanden, und ist es nicht imgrunde gleich, wo ich an Nina denke, im Nachtasyl oder im Gefängnis?

Ich fand nichts zu erwidern, doch, indem mich der Alte mit seinen seltsamen verblichenen Augen ansah, sagte er plötzlich noch:

— Eines beunruhigt mich. Wie, wenn Nina niemals existiert hätte? Wenn nur mein armer, durch Alkohol geschwächter Verstand sich die ganze Geschichte dieser Liebe erdacht hätte, während ich das Köpfchen aus Marmor ansah?

[Anmerkungen zur Transkription]

Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: