4.

So vergingen die Tage im Kerker.

Julia gewöhnte sich allmählich an ihre furchtbare Umgebung, an die verpestete Luft, an das steinharte Brot und an das faulende Wasser. Sie gewöhnte sich selbst an Dinge, an die sie früher ohne die äußerste Scham nicht einmal denken konnte. Schweigend nahm sie des Kerkermeisters Liebkosungen täglich hin, sowie auch zuweilen seine Schläge. Sie entschloß sich, wie alle Gefangenen es taten, vor aller Augen das zu tun, was die Leute gewöhnlich verbergen.

Die Gefangenen waren in solchen Abständen angekettet, daß der eine sich nur mit Mühe bis zum andern strecken

konnte. Die Länge der Kette erlaubte ihnen zu sitzen, doch schon zu stehen war unmöglich. Doch ungeachtet dessen erdachten die Gefangenen sich eine ganze Reihe von Zerstreuungen. Lorenzo und Cosimo stellten sich Würfel her und würfelten ganze Tage — um Brot und Wasser; zuweilen mußte der Verlierende ganze fünf Tage hungern. Sehr oft nahm auch die Vanozza an ihrem Spiele teil. Cosimo belustigte sich außerdem damit, auf die anderen Gefangenen mit Steinen und Erde zu werfen. Dadurch brachte er dann den Filippo so in Wut, daß der wie ein Stier zu brüllen begann und an den Ketten riß, daß die Wände nur so zitterten. Sonst war Filippo eifrig damit beschäftigt, eine Kreuzigung Christi in die Wand neben sich zu meißeln. Zuweilen auch erhoben sich unter den Gefangenen lange Gespräche, die immer in ein wüstes Geschimpfe übergingen. Zuweilen aber gingen ganze Tage vorbei, an denen keiner sprechen wollte: alle lagen in ihren Winkeln, voll Wut und Verzweiflung.

Inmitten der Gefangenen blieb Julia einsam. Sie antwortete auf keine Frage, und es war, als hörte sie die Schmähungen nicht, mit denen sie überschüttet wurde. Sie sagte keinem, wer sie sei, und dies blieb ein Geheimnis für alle Insassen des Kerkers. Sie verbrachte die Tage in schweigsamem Nachsinnen, ohne zu weinen, ohne zu klagen.

Nur mit ihrer Nachbarin, der alten Vanozza, tauschte sie zuweilen einige Worte aus. Vanozza, die im Kerker schon viele Jahre saß, gab Julien mehrere wichtige Ratschläge. Unterwies sie, von Zeit zu Zeit auf den Zehenspitzen zu sitzen, damit die Füße nicht steif würden. Zeigte ihr, wie man es anstellen müsse, damit der eiserne Gürtel nicht allzu sehr den Körper presse. Riet ihr, jeden Morgen den im Kruge gebliebenen Wasserrest auszusprengen, damit das Wasser nicht verfaule. Julia mußte die Nützlichkeit dieser Ratschläge einsehen und antwortete aus Dankbarkeit auf die Stimme der Vanozza.

Einmal stieß Julia unversehens an ihren Krug und vergoß ihr Wasser. Die Gefangenen hüteten ihr Wasser sehr, denn es war Sommer und im Kerker sehr heiß. Furchtbar quälte Julia der Durst, aber sie zeigte es nicht.

Der neben ihr angekettete Marco rückte ihr seinen Krug heran.

— Du willst trinken, sagte er, — und ich bitte dich, nimm mein Wasser.

Julia sah den Marco an. Seine schwarzen Augen kamen ihr schön vor und ebenso seine bleichen Wangen.

Sie sagte:

— Ich danke dir.

An diesem Tage war das schlechte Wasser ganz besonders erfrischend.