5.

Seit diesem Tage begann Julia mit dem Marco zu sprechen. Anfangs waren ihre Gespräche sehr abgerissen. Aber allmählich begannen sie mehr und mehr miteinander zu reden. Und zuletzt verbrachten sie ganze Tage in Unterhaltungen.

Julia erzählte von der Pracht und dem geselligen Leben in den Palästen: von den gewölbten Galerien und dem Fußboden aus Mosaik, von Möbeln aus kostbarem Holze und Lüstern aus venezianischen Glase, von Gärten mit künstlichen Wasserfällen und Fontänen, von Kleidern, die mit Gold und Perlen ausgenäht sind, vom Fest und vom prunkenden Mahl, von Bällen mit Tanz, Maskeraden in den von Lampions geschmückten Gärten, von Illuminationen und von den heiteren Jagden im Walde; von Theateraufführungen und vom Spiel auf dem Spinett, der Zither, Flöte und dem Klaviere; erzählte von den Werken der Kunst, von Spangen, Braceletten, Diademen, welche die besten Juweliere gearbeitet hatten, von feinen artigen Medaillen, von Statuen der alten und neuen Bildhauer, von wundervollen Bildern der großen neuen Maler, die Geschehnisse aus der heiligen Geschichte, Szenen aus den römischen Göttersagen oder Bilder des gegenwärtigen Lebens darstellten; erzählte alles, was sie in den Büchern des Filelfo, Pontano, Panoramito, Alberti und anderer zeitgenössischer Schriftsteller gelesen hatte; wiederholte die Novellen des Poggio und Boccaccio und deklamierte die Verse des Petrarca.

Marco hingegen sprach von den schönen Muscheln, die er im Meere gesammelt, von den wunderlichen und bunten Fischen, die er in seinen Netzen gefangen, von den Krabben, deren Gang seitwärts ist, und von den unförmlichen Tritonen; gedachte der nächtlichen Fischfänge, beim Schein der Pechfackeln, der Wettfahrten in Boten, der tiefblauen Grotten, der furchtbaren Stürme auf dem Meere; beschrieb das Leben in Sizilien und Afrika, in den Ländern, wo schwarzhäutige Menschen, Elefanten und Kamele leben; gab wieder die Erzählungen von den Irrfahrten Sindbads des Seefahrers, der einst den Rücken eines Meeresungeheuers für ein Eiland angesehen hätte, der in den Ländern war, wo Menschen ohne Köpfe leben, der den Vogel Rochen weit hinter den Mondbergen gejagt hatte; er träumte von den Sirenen des Meeres, die des Nachts auf Leiern mit goldenen Saiten spielen und die jungen Fischer zu sich heranlocken, um sie zu ertränken, träumte von den Salamandern, die unsichtbar in der Luft rings um uns leben, und die nur im Feuer sichtbar sind, weil sie durch dieses hindurchgehend, entflammen müssen, träumte von den schwarzen Titanen, die unter dem Vesuv liegen und deren Atem schwarzer Rauch ist, und auch von dem Leben auf der Sonne und den Sternen und von den singenden Blüten und von den Mädchen mit Flügeln, ganz wie Schmetterlinge.

Nur von einem sprachen Julia und Marco nie: von ihrem Gegenwärtigen und Zukünftigen, von dem, wie die Tage im Kerker wären, und was sie erwartete.

Die anderen Gefangenen lachten anfangs über ihre Gespräche, hörten aber bald auf, ihnen irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken.