4.

Lange saß Nikolai so, seinen Kopf in seine Hände gepreßt. Um seine Erregung zu bekämpfen, bemühte er sich, etwas Nebensächliches, Unwichtiges zu denken. „Dann, dann,“ sprach er zu sich, „dann will ich alle Fragen entscheiden, aber jetzt muß ich mich beruhigen, sonst werde ich verrückt.“ Doch es waren immer dieselben Gedanken, immer dieselben Bilder, die zu ihm kamen, wie Wellen in der Stunde der Flut zu dem ausgehöhlten Stein kommen.

Es ist sehr schwer, so allein zu sein mit den Gedanken, wenn sie plötzlich ein unabhängiges Leben gewinnen, unerbittlich einen bestürmen und die geschwächte Erkenntnis mit langen Speeren besiegen! Könnte man weggehen aus diesem einsamen Zimmer, das allen Traumgesichtern offen steht, — zum Licht, zum Menschenwort, zu den Menschen! Ist denn wirklich der schweigende Ruf der Seele zu schwach, um jemand hereinzurufen, der mitleidig wäre und trösten könnte? Er hat keine Kraft mehr, er bittet um Erbarmen.

Und leise und kaum hörbar öffnete sich die Türe. Mit den zärtlichen Schritten des liebenden Weibes kam Lydia herein, trat an ihn heran, legte ihre Hände auf seine Schultern:

— Du bist müde, Nikolai, bist krank, leg dich zu Bett.

Fieberhaft grub er sich in ihre Hände. Er wandte ihr sein erhitztes Gesicht zu. In der Welt quälender Halluzinationen, wie war es freudig, ein schlichtes und mildes Gesicht

zu sehen! Und war nicht ein leichtes Scheinen um diesen Kopf wie bei den Heiligen der raphaelitischen Bilder?

Er lehnte seine Wange an Lydias Hand und gehorsam sagte er:

— Ja Lydia, ich bin krank, bin müde, sehr müde. Doch nicht vom heutigen Tage, aber vom ganzen Leben. Ja, nimm mich, ja, führe mich fort. Doch nicht nur aus diesem Zimmer, aber aus den Qualen meines Lebens. Ich ziehe mich zurück. Ich erkläre mich für besiegt. Rette mich, da du allein mich retten kannst.

Ihre Augen füllten sich leise mit Tränen. Kraftlos sank sie zu seinen Füßen nieder, bettete ihren Kopf auf seine Knie, flüsterte ihm zu:

— Jetzt bittest du mich um Hilfe. Aber dachtest du an mich in jenen Monaten, wo ich tags und nachts mit dem Kopf an die Wände schlug, wo ich stundenlang auf dem Fußboden lag, im Verlangen, tiefer zu fallen, noch tiefer. Wenn es dir in den Kopf kam, mich zu liebkosen, dachtest du daran, daß ich vor Trauer fast verrückt wurde? Aber du verlangtest, daß ich lächeln sollte; du fragtest, ob ich nicht glücklich wäre und warum ich mich nicht freue, daß ich mit dir sei? Gehorchend wurde ich fast zu einem Automaten. Ich lernte lachen, wenn du mein Lachen wolltest, lernte Worte sprechen, die du mir vorsagtest. Alles, was in mir mein war, mein Eigenstes, rissest du heraus. Du hast meine Seele verwüstet, was erwartest du jetzt noch von mir?

Wie in einem Anfall plötzlichen Schmerzes preßte Nikolai ihre Hände. Antwortete voller Trauer:

— Ich werde nicht lügen. Ich habe dir nichts zu geben und will dir alles nehmen. Ich bitte dich um ein Opfer, eine Tat. Ich werde niemals aufhören, jene, die anderen, zu lieben. Und zuweilen werde ich dich darum hassen, weil du nicht sie bist und nicht ihre Worte und Liebkosungen kennst. Doch du zeige mir die ganze Grenzenlosigkeit der Liebe. Sei mein Schicksal, meine Gnade, mein Segen. Sei mir eine Mutter. Sei mir eine ältere Schwester. Wiege mich ein mit

zärtlichen Händen. Streichle mit ihnen mein Herz, — es hat so nötig die Berührung zarter Finger.

Ihr Atem ging unmerklich in Schluchzen über. Sie zitterte auf seinen Knien, die Kleine, die Hilflose.

— Zu spät! sprach sie durch Tränen. Monate und Monate hindurch erwartete ich diese Worte. Mit letzter Anstrengung hielt ich in mir die versiegenden Quellen der Liebe und Verzeihung zurück. Ich sagte mir: er wird zu mir kommen, ein Unglücklicher, Zerquälter und ich werde alles vergessen und ihm alles sein, was er nur verlangt. Doch du kamst zu mir mit Lippen, die noch heiß waren von anderen Küssen, suchtest in mir nur ein anderes, als in den anderen, verlangtest, daß ich in deinem Leben eine Dekoration wäre. Und vergebens sprach ich noch zu mir: das wird morgen sein . . . Aber ich weiß selbst nicht, es flossen unbemerkt die letzten Tropfen aus mir, es verwehte der letzte Rausch. Ich bin eine Wüste. Ich bin nur ein Schatten. Was könnte ich dir geben?

Nikolai beugte sich zu ihrem Ohr, lehnte ihren so bekannten ihm verwandten Körper an seinen und, indem er sich bemühte, seiner Stimme all die Töne früherer Tage zu geben, flüsterte er ihr zu:

— Lydia! Im Namen unseres gestorbenen Sohnes . . . im Namen unseres künftigen Kindes.

Sie befreite sich aus seinen Händen. Ihr von Tränen gerötetes, ihr seltsam zerdrücktes Gesicht mit den auf die Stirn hinunterfallenden Haaren, war furchtbar und erbarmenswert und wieder wurden die Augen wahnsinnig und groß.

— Unseres Sohnes? fragte sie zurück. Hast du es denn noch nicht begriffen, daß ich selbst ihn getötet habe? Hast du nicht begriffen, warum ich an seinem Sarge nicht weinen konnte? Aber ich weinte, habe zuviel um ihn geweint, als er noch lebendig war. Doch ich war das Werkzeug Gottes, der mir, der Mutter, befahl, dich in deinem Sohne zu treffen. Ich nahm ihn aus seinem Bettchen, ich legte ihn auf ein Kissen und während ich weinte und seinen Körper küßte, erwürgten ihn meine Hände. Und als er aufgehört hatte zu

atmen, da ging ich, dich und deine Geliebten rufen und den Doktor und alle! Und ihr begrifft es nicht, niemand, niemand!

Sie lachte mit dem furchtbaren Jubel des hysterischen Lachens. Nikolais Gedanken verwirrten sich. Er wußte, er fühlte, daß sie die Unwahrheit sprach. Doch es fehlte ihm an Kraft, zu entdecken, worin die Unwahrheit wäre. Er fand keine Worte, und wiederholte nur stumm:

— Es ist Lüge, es ist Lüge.

Ohne Kraft zu sprechen, zeigte sie mit der Hand zur Seite. Dort, auf dem Sessel, auf dem weißen verhüllten Kissen lag mit purpurnem Gesicht und hervorgequollenen Augen der Leichnam seines Kindes.

„Wie aber hat der Doktor denn nicht begriffen, daß es erwürgt sei?“ dachte Nikolai.

Dann aber begriff er diesen Gedanken und schrie sich selbst zu:

— Welcher Irrsinn! Mein Sohn ist vor einigen Wochen gestorben und längst begraben. Dies ist wieder ein Fiebergesicht.

Er glaubte zu ersticken und versuchte angestrengt, zu erwachen. Aber das Zimmer begann sich mit kleinen nackten Körpern gestorbener Kinder zu füllen, mit diesen blutlosen, verkrümmten, abscheulichen. Das war eine ungeheuere Morgue, in welcher er der Mörder aller war, schuld an jedem Tode. Und sein Kopf drehte sich und alles begann, sich ringsum zu drehen, und ein wildes Geheul erfüllte seine Ohren, als würden Teufel um ihn kreisen.

Mit letzter Willenskraft entriß er sich diesem Alpdrücken und kehrte zur Wirklichkeit zurück.

Rings war alles wie immer still. Wie früher saß er an seinem Schreibtisch.

Er fühlte große Hitze. Er hatte Fieber. Man müßte weggehen von hier, sich ins Bett legen. Doch es fehlte an Kraft. Er fühlte, daß die Klarheit nur einen Augenblick dauern würde, daß das Fieber sofort aufs neue beginnen müsse.

Einige Zeit kämpfte Nikolai noch auf der Grenze des Realen, wehrte sich gegen den Schritt in die Welt der Gespenster und des Entsetzens. Doch irgend eine Kraft besiegte ihn und wie in eine Schlucht, so stürzte er wieder in den Abgrund seiner Gesichter.