5.

Die Türe bewegte sich zum dritten Male.

„Jetzt werde ich Mara sehen“, dachte Nikolai.

Mara kam herein.

Ihre Lippen waren aufeinandergepreßt. Ihre Augen schauten konzentriert. Sie sagte:

— Ich kam, um dich zu holen.

Und schon fehlten ihm Kraft und Willensstärke, um zu kämpfen. Mit einem Zeichen hieß sie ihn aufstehen und gehen. Wie ein Mondsüchtiger folgte er ihr durch die dunklen Zimmer und dachte daran, wie der Fieberwahn das Aussehen aller Gegenstände verändere.

Im Gastzimmer brannten die Kerzen hell in ihren Kandelabern.

— Sieh hin, sagte Mara.

Auf dem Divan lagen zwei Körper. Es waren Lydia und Kett. Beide waren tot. Auf dem Boden lag in dunkelroten Flecken das Blut, und färbte in ungeheueren Kreisen den Stoff des Divans. Blutgeruch erfüllte das ganze Zimmer.

Im Kopf Nikolais verwirrten sich die Bilder und Gedanken. Sein ganzer Körper zitterte. Um nicht zu fallen, stützte er sich auf die Lehne eines Sessels. Zuweilen glaubte er an die Realität all dessen, was er sah, zuweilen erkannte er, daß es nur ein Fieberwahn sei. Bald wollte er erwachen, bald seinen Wahnsinn fortsetzen.

Mara sagte ihm etwas, und es war gewaltig und voller Befehle. So wird man vielleicht auf dem Letzten Gerichte sprechen. Langsam begann Nikolai zu hören und den Sinn ihrer Worte zu verstehen.

— Darum tötete ich sie, sagte Mara, weil du sie liebtest. Diese Stunde war ihre letzte Stunde und ich konnte sie schon

nicht mehr vorübergehen lassen. Sie würde sich nicht wiederholt haben. Ich willigte ein, das Schicksal zu spielen. Das Schicksal muß wohl schön sein. Und nur jene Liebe ist wirklich schön, die vom Tode gekrönt wird. Unser Zweikampf ist der ewige Zweikampf des Mannes und der Frau. Du hättest wohl gewünscht, daß alle Frauen der ganzen Welt dir gehören sollen; ich aber wäre bereit, die ganze Welt zu verwüsten, um mit dir allein zu sein. Lange warst du der Sieger, doch der letzte Kranz ist mein! Vielleicht wurde mein Sieg nur durch Untreue erkämpft, aber die Liebe rechtfertigt alles und auch die Untreue! Unsere Welt ist verwüstet, da wir nur noch einige Stunden zu leben haben und in diesen Stunden werden wir allein sein!

Noch immer konnte Nikolai kein Wort sprechen. Manchmal glaubte er, den Verstand zu verlieren. Mara dachte, daß er schwankend geworden wäre und sprach ihm mit weißem und verzerrtem Gesichte von etwas anderem. Daß sie alles vorhergesehen hätte. Daß es nutzlos wäre, jemand zu rufen. Daß man ihn in jedem Falle der Mitschuld am Verbrechen bezichtigen würde, ihn richten, verurteilen . . .

Die letzten Worte machten Nikolai fast lächeln. So lächerlich erschien ihm der Gedanke, daß der nächste Tag in irgend einer Verbindung mit dieser wahnsinnigen Nacht sein könnte.

Seltsam kam es Nikolai vor, daß er nicht bemerkt hatte, wann Mara die Kleider auszog. Und in dem Zimmer des Todes stand sie vor ihm so sehr nackt, wie sie es liebte, sich ihm hinzugeben. Durch den erstickenden Blutgeruch drang der bekannte und so einzige Duft ihres Körpers bis zu ihm.

Und Mara rief ihn, zärtlich und liebkosend.

— Liebster, komm her, komm. Ich will, daß du mich liebkosen sollst. Ich will dich. Will, daß wir im selben Augenblicke dasselbe fühlen sollen. Und dann wollen wir beide sterben und auch im selben Augenblick. Und der Tod wird uns sein, wie eine Zärtlichkeit.

Doch erst, als Mara ihm schon ganz nah war und sich an ihn schmiegte und ihm in die Augen schaute, konnte Nikolai erwidern:

— Ich weiß, daß du ein Schatten bist, ein Traumgesicht, nur eine Erscheinung Maras. Doch der Erscheinung kann und will ich alles sagen, was ich ihr nicht gesagt. Ich glaube, daß aus all den Gefühlen, die mich peinigten und betörten, nur jenes heilig war, das ich ihr entgegenbrachte, deinem Urbilde! Weil unsere Liebe der Ruf des Körpers zum Körper war, und ganz ein sinnliches Verlangen, das noch nicht von Freundschaft oder Mütterlichkeit befleckt war. Unsere Liebe war das auf allen Welten gleiche elementare Geheimnis, das den Menschen ähnlich macht den Dämonen und Engeln.

Nikolai konnte selbst nicht begreifen, warum er von seiner Liebe als von etwas Vergangenem sprach.

Dann ließen sich die zwei langsam auf einen Teppich sinken und preßten sich in Umarmungen aneinander. Die Wirklichkeit begann zu schmelzen und zu verschwinden und zur Unendlichkeit wurde jener kleine Raum, in dem sich die beiden Körper befanden. Der Augenblick jenes Rausches trat ein, wo der Mensch sich als einen Vogel fühlt, der über dem Abgrund hängt, und wo er immer grade vor sich die anderen Augen sieht, die beschattet sind von der Qual entrückter Sinnlichkeit, und wo er kreist und kreist und plötzlich loslassend wie ein Pfeil hinunterschießt in die Gischt der Abgründe.

Als er erwachte, sah Nikolai die beiden toten Körper, die noch immer so unbeweglich auf dem Divan ausgestreckt lagen. Lydias Gesicht war milde und ihre klagenden geöffneten Lippen fragten: schon? — aber das stolze und ruhige Gesicht Ketts antwortete: mag sein! Als Nikolai sich den Körpern nähern wollte, hielt Mara ihn zurück:

— Nicht nötig, nicht nötig.

Es war Wein da. Sie tranken ihn. Sie sogen den Duft aus Blut, Wein und Leidenschaft ein. Sie bemühten sich, nur einander in die Augen zu schauen. Ihre Gesichter brannten, und in ihren Augensternen spiegelten sich die brennenden Kerzen wie Funken.

Die Stunden vergingen. Und es waren Ekstasen der Leidenschaft und Ekstasen der Ermattung. Und es war die

Seligkeit der Bekenntnisse und die Seligkeit des Schweigens. Ihre Körper waren von Umarmungen geschwächt und konnten dennoch nicht den Liebkosungen entsagen. Ihre Seelen, die sich einstmals dem Leben wie blühende Blumen geöffnet hatten, errieten hinter jedem gesagten Worte die ganze Unendlichkeit seiner Bedeutung. Dann aber verschmolz sie das schon nicht mehr zu befriedigende Verlangen wieder und wieder in eines und sie taumelten auf dem harten Fußboden, der kaum vom Teppich bedeckt war, inmitten der Flecken von Blut.

Draußen begann es, trotz des wütenden Sturmes allmählich heller zu werden. Bleiche Lichtflächen legten sich auf die Wände, die Möbel, die Teppiche. Langsam veränderte sich die Welt.