11.

O trauter Camerado! O endlich du und ich, und nichts als wir.

O nun ein Wort zum Weiterschreiten, zwecklos klar!

O Überschwengliches – beweislos, wild, Musik!

O sieghaft oben bin ich – so auch du;

O Hand in Hand – o heilsame Lust – o Neuer, der Liebe und Sehnsucht gewonnen!

O fest verbunden zu eilen – zu eilen, vorwärts zu eilen mit mir.

DER GRUNDSTEIN ALLER METAPHYSIK

Und nun, meine Herrn,

Geb ich Ihnen ein Wort zur Erinnerung und zur Besinnung,

Als Grundstein und als Finale für jegliche Metaphysik.

(So zu den Studenten der alte Professor

Am Schluß seines überfüllten Kollegs.)

Hab nun die neuen und die antiken, Systeme der Griechen und Deutschen erforscht,

Hab Kant erforscht und gedeutet, Fichte und Schelling und Hegel,

Gedeutet die Lehre Platons, und Sokrates größer als Platon,

Und habe den, der größer, als Sokrates suchte und deutete, Christus den Göttlichen lange erforscht,

Und nun blicke ich heute zurück auf all diese griechischen und deutschen Systeme,

Sehe alle die Philosophen, christliche Kirchen und Richtungen seh ich,

Unterirdisch aber und hell sehe ich Sokrates, und unterirdisch Christus den Göttlichen seh ich,

Die Liebe des Menschen zum Kameraden, das Band zwischen Freund und Freund,

Des wohlgeborgenen Gatten und Weibs, von Kindern und Eltern,

Von Stadt zu Stadt und Land zu Land.

ICH SAH IN LOUISIANA EINE EICHE WACHSEN –

Ich sah in Louisiana eine Eiche wachsen,

Ganz allein stand sie und das Moos hing von ihren Ästen,

Ohne Genossen wuchs sie und äußerte immergrün dunkel und froh ihre Blätter,

Und ihr Anblick, rauh, stark, unbiegsam, rüstig, gemahnte mich an mich selbst,

Nur daß ich staunte, wie sie ihr Laub froh äußern konnte, da sie allein stand, ohne den nahen Freund, denn ich wußte, ich könnte es nicht,

Und ich brach einen Zweig, der etliche Blätter trug, und spann etwas Moos darum,

Und nahm ihn mit, und in meinem Zimmer hab' ich ihn aufgehängt,

Nicht daß ich Erinnerung an meine lieben Freunde brauchte,

(Denn ich glaube, schließlich denk ich kaum an andres als an sie,)

Aber er bleibt mir ein seltsames Zeichen, er mahnt mich an mannhafte Liebe,

Trotz allem und obwohl der Eichbaum dort in Louisiana grünt einsam für sich in weitem Flachland,

Und seiner Lebtag froh sein Laub herausstrahlt ohne Freund und Liebenden bei sich,

Weiß ich sehr wohl, ich könnte es nicht.

SALUT AU MONDE!

Du, wer du auch bist!

Du Tochter oder Sohn Englands!

Du aus den gewaltigen slawischen Stämmen und Reichen! Du Russe in Rußland!

Du Dunkelsproß, schwarzer Afrikaner mit göttlicher Seele, Breiter, Schmalköpfiger, edel Gebauter, stolzer Bestimmung, auf gleichem Fuß mit mir!

Du Norweger! Schwede! Däne! Isländer! Preuße Du!

Du Spanier aus Spanien! Du Portugiese!

Du französisches Weib und Franzose aus Frankreich!

Du Belgier! Du Freiheitsfreund in den Niederlanden! (Stamm, dem ich selber entsprossen;)

Du handfester Österreicher! Lombarde! Ungar! Du Böhme! Steirischer Bauer!

Du Nachbar der Donau!

Du Arbeitsmann vom Rhein, von der Elbe oder der Weser! Du Arbeitsfrau auch!

Du Sardinier! Du Bayer! Schwabe! Sachse! Wallache! Bulgare!

Du Römer! Neapolitaner! Du Grieche!

Du geschmeidiger Matador in der Arena von Sevilla!

Du Bergbewohner, der gesetzlos auf dem Taurus oder Kaukasus haust!

Du Hirt Bokharas, der seine Stuten weidet und Hengste züchtet!

Du schöner Perser, der im vollen Galopp im Sattel Pfeile nach dem Ziele schießt!

Du Chinese und Chinesin aus China! Tartar der Tartarei!

Ihr Frauen der Erde im Dienst eures Amtes!

Du Jude, der im hohen Alter durch alle Gefahren durch pilgert, um einst auf Palästinas Boden zu stehen!

Ihr andern Juden, die in allen Ländern auf ihren Messias warten!

Du sinnender Armenier, der an einem Euphratstrom brütet! Du Starrer unter den Ruinen von Ninive! Du Araratbesteiger!

Du müder Pilger, der sich fortschleppt, um das ferne Funkeln der Minarete von Mekka zu grüßen!

Ihr Scheiks auf der Stecke von Suez nach Bab-el-Mandeb, Gebieter eurer Familien und Stämme!

Ihr Ölbaumpflanzer, die ihre Früchte hegen auf den Feldern von Nazareth, Damaskus oder am See Tiberias!

Du tibetanischer Kaufmann im weiten Innern, oder in den Läden von Lassa feilschend!

Du japanischer Mann oder Frau! Bewohner Madagaskars, Ceylons, Sumatras, Borneos!

All ihr Festlandbewohner in Asien, Afrika, Europa, Australien, wo eure Stätte sei!

Alle ihr auf den zahllosen Eiländern der Inselmeere!

Und ihr in den fernen Jahrhunderten, wo ihr mich hört!

Und du jeglicher und allenthalben, den ich nicht bezeichne, doch den ich mit einschließe!

Heil euch! Willkommen euch allen, von mir und Amerika dargebracht!

Jeder von uns unvermeidlich,

Jeder von uns grenzenlos – jeder mit seinem oder ihrem Recht auf die Erde,

Jeder von uns mit dem Anspruch auf das ewige Erbe der Erde,

Jeder hienieden so göttlich wie irgendeiner hienieden.

LIED DER LANDSTRASSE