11.
Asta Thöny war ein wenig eingenickt nach dem bescheidenen Mittagsmahl, das Frau Wehe ihr aufgetischt. Nun fuhr sie empor, flog ans Fenster, steckte den glühenden Kopf hinaus und klatschte jubelnd in die Hände, als sie die ersten Schneeflocken durch das mürrische Grau der Sophienstraße wirbeln sah ...
Köstlich! köstlich! Würde das ein fröhliches Streifen werden mit dem geliebten Jungen durch dies wattige Weiß hindurch an der graulich gurgelnden Pleiße entlang! Sie wußte, wie gut ihr die prachtvolle Sealskingarnitur stand, das splendide Andenken ihres Rittmeisters in Gera ... Und nun schmückte sie sich nach Herzenslust für den Leipziger Freund. Ob er wohl schon daheim war? Sie klopfte an die Wand — keine Antwort. Na, er würde schon nicht auf sich warten lassen, um vier Uhr hatte er ja versprochen sie zum Spaziergang abzuholen. — Aber es wurde vier — und kein Hans Thumser! Na, vielleicht war er schon längst zu Hause und lag drüben auf seinem Kanapee in den geliebten Nachmittagsschlaf versunken. Sie hatte eine Tüte Pralinees für ihn gekauft, sie kannte seine schwache Stelle. Die steckte sie in die Jackettasche, hüpfte zur Tür hinaus und pochte an die seine; da keine Antwort kam, klinkte sie auf — und richtig — da lag er auf dem Sofa, lang hingestreckt, in Hemdsärmeln, das blinkende Korpsband über der Weste. Auf Zehen schlich sie heran und hielt ihm die duftende Tüte unter die Nase. Da schlug er blinzelnd die Augen auf, lachte sie fröhlich an und breitete die Arme aus — mit einem leisen Jauchzen warf sie sich hinein.
Nachdem sie sich satt geküßt, richtete sie sich stramm auf und befahl:
»So, nun antreten zum Spaziergang!« (Die militärischen Allüren ihrer jüngsten Vergangenheit saßen ihr noch in den Gliedern.)
Aber statt des erwarteten Entzückens trat in Hans Thumsers Züge plötzlich eine peinliche Befangenheit, und ein Erröten stieg ihm langsam in die Augen.
»Nun, was ist Dir?«
»Liebes Kind, ich bin trostlos ... Spaziergang ist nicht.«
»Was ist das? Was fällt Dir ein!«
»Ja ... ich ... ja ... ich ... es tut mir entsetzlich leid ... aber ... wir haben heute nachmittag C. C. ...«
»Das ist abscheulich, Hans! Wie kommt denn das, was ist denn los?! Und ich hatte mich doch so gefreut, habe mich so hübsch für Dich gemacht, das hast Du Ungeheuer überhaupt noch gar nicht bemerkt!«
»Ob ich das bemerkt habe! ... aber — es tut mir riesig leid, Du weißt, das Korps spaßt nicht.«
Asta sah, daß er ihren Blick vermied — lügen hatte er noch nicht gelernt.
»Du, das mit dem C. C. das ist geschwindelt, da steckt was andres dahinter! Beichte!«
»Aber nein ... ganz wahrhaftig, Kind, wir haben C. C., Du kannst Dich drauf verlassen.«
»Sieh mich an, Hans —! Siehst Du, Du kannst es nicht —«
»Aber ja ... ich kann's.«
Nein wahrhaftig, er konnte es nicht.
»Also heraus damit! Was ist los?«
Sie stampfte mit den zierlichen Füßen auf, die in mächtigen pelzbesetzten Boots steckten.
Hans kämpfte einen Augenblick, dann sah er ihr gerade ins Gesicht mit dem Ausdruck eines trotzigen Buben, der sich auf einer Schandtat ertappt sieht:
»Die Buchner hat mich zum Tee geladen.«
»Das ist nicht wahr! Das darf nicht wahr sein!«
»Aber warum soll ich denn nicht auch mal zur Buchner zum Tee gehen?«
»Weil Du mir gehörst. Das gibt's nicht. Da wird nichts draus.«
»Ich hab's versprochen.«
»Dann bleibst Du eben einfach weg. Die Buchner weiß ganz genau, daß Du mein bist. Es ist eine Niedertracht von ihr — ich laß mir's nicht von Dir gefallen!«
»Und ich laß mir's nicht von Dir gefallen, daß Du über mich verfügst, wie über ein Spielzeug.«
»Hans, so darfst Du nicht zu mir sprechen, das weißt Du auch, daß Du das nicht darfst! Du hast auch ein böses Gewissen dabei!«
Hans Thumser ging mit drei raschen Schritten ans Fenster und trommelte an die Scheiben. Wahrhaftig, sie hatte recht — es war ihm hundeelend zumute — nichts als Liebes hatte sie ihm getan, weit über Hoffen und Träumen hinaus hatte sie ihn glücklich gemacht ... und er — er hatte immer über sie hinweg geträumt von der andern.
»Nun, hast Du Dich besonnen — kommst Du mit mir?«
»Ich kann's nicht ... ich hab's versprochen.«
»Und mir? — Wem hast Du's zuerst versprochen, mir oder ihr?«
»Aber Kindchen, das mußt Du doch einsehen ... daß das für mich — wie soll ich sagen — daß das für mich eine große Sache ist ... schließlich ist sie doch ... die Buchner.«
»Ach so — und ich, ich bin nur die Thöny, die kleine Thöny, und sie die große Jucunda! Hansel, das wird Dir noch mal leid tun!«
Laut aufweinend stürzte sie hinaus ... die Schleppe ihres Pelzjacketts fegte die Pralineetüte vom Tisch, und alles kollerte in die Stube. Hans Thumser mußte aufsammeln. Dabei glühten seine Backen vor Scham. Es war wirklich hundsgemein von ihm, das herzliebe Mädel so ruppig zu versetzen — er fühlte, er hatte sie bis ins Tiefste gekränkt. Mit hundert Gewalten zog's ihn hinüber, die Tränen von den schönen Augen wegzuküssen, die ihm so manche Stunde durchsonnt hatten ... und dann fiel sein Blick auf Jucundas Bild, auf das bronzene Heroinenprofil, das unterm Helm der Jungfrau so sieghaft leuchtete. — Und er wußte, daß zehn Astas diese Stunde nicht aufwiegen würden, die ihm bevorstand.
Er lauschte — wieder wie in jener ersten Nacht klang da drüben jenseits der Doppeltür und der beiden Kleiderschränke, die sie verbarrikadierten, das herzerschütternde Weinen ... aber diesmal nicht verhalten wie damals — nein — in wilder leidenschaftlicher Empörung. — Und diese, diese Tränen hatte er auf dem Gewissen ...
Und das war so niederträchtig, so infam: daß man im tiefsten Grunde seiner Seele sogar noch etwas wie eine Genugtuung empfand über diese Tränen, die man selbst verschuldet hatte. War es nicht eigentlich ein verdammt stolzes Gefühl, daß man ein Kerl war, um den so heiße Mädchentränen fließen konnten?
Hans Thumser warf einen Blick in den Spiegel: also so sieht so ein verfluchter Gesell aus, um den ein Mädchen wie Asta Thöny — Tausende würden ihn beneiden um so einen süßen Kameraden! — um den so ein himmelsüßes Geschöpf sich quält?
Und mit einem verwegenen Ruck stülpte er die grüne Franken-Mütze auf den braunen Schädel und ging zu Jucunda Buchner.
War's nicht eigentlich toll? Hans Thumser war in einer ganz niederträchtig vergnügten Stimmung, als er durch das wirbelnde Flockengestiebe den Peterssteinweg, die Petersstraße hinanschlenderte. Jedem Mädel guckte er verwegen, wie er's nie getan, unters Pelzbarett: Ja, wenn ihr wüßtet, ihr Leipziger Gänschen —! Eben hab' ich die Asta Thöny geküßt ... die von den Meiningern, ihr wißt doch! Und nun — nun gehe ich zur Buchner ... und wer weiß — wer weiß! So ein Kerl bin ich, verflucht nich noch mal!
Als er den schneebepuderten Marktplatz überquerte und in die Katharinenstraße einbog, fiel ihm plötzlich ein, daß er ja nun endlich den Weg zu Valentin Pilgrams Wohnung gefunden habe. Der arme Junge! Ob der wohl auch schon mal von Jucunda Buchner zum Tee geladen worden war? Wohl schwerlich — und doch, was alles hatte der an dies Mädchen gesetzt ... und er —? Er hatte nichts getan, und alles fiel ihm in den Schoß. Teufel auch — man war eben ein Poet, ein Götterliebling —! nischt wie verdammte Pflicht und Schuldigkeit vom Schicksal!
Ob er den armen Burschen wohl mal aufsuchte? Eigentlich hätte sich's gehört ... daß er gekränkt war, lag ja auf der Hand nach seinem Benehmen von heut morgen ... aber freilich ... erst zu Pilgram gehen und dann sich von ihm verabschieden mit der Erklärung, man sei zu Jucunda Buchner zum Tee geladen — das war doch wahrhaftig mehr eine Kränkung, wie die Dinge nun einmal lagen, als die Erfüllung der längst geschuldeten Freundschaftspflicht. Also lassen wir's doch lieber ...
Glücklicherweise, im letzten Augenblick, fiel's ihm ein, daß er ja noch ohne Blumen war. Er fand eine Gärtnerei, wählte die herrlichsten Rosen, die es gab, und erschrak nicht im mindesten, als die Verkäuferin ihm fünf Mark abverlangte. Denn diesmal war's ja in der ersten Hälfte des Monats und nicht Ultimo, wie damals, als er mit dem gepumpten Markstück ein Dahliensträußchen für Asta erstand ... Und so bewaffnet bis an die Zähne kletterte er die wohlbekannten Stufen im dunklen Treppenhause empor und zog die gellende Klingel an der Korridortür des Kanzleirats Buchner.
Eine stattliche Frau öffnete ihm. Er erkannte in ihr sofort Jucundas Begleiterin von jenem ersten Triumphzuge wieder. Alle Wetter ja, seine Idee von damals hatte Schule gemacht ... das blitzte ihm so durch den Kopf, als er seiner Führerin durch den dunklen Korridor folgte, bis sie haltmachte und anklopfte.
»Bist Du es, Mutter?« tönte von drinnen die wohlbekannte Stimme ... die Stimme, die durch sein Wachen und seine Träume klang. So hatte sein junges Herz noch niemals an die Rippen gehämmert ... auch nicht bei Beginn des Abiturienten-Examens ... auch nicht vor der ersten Mensur.
»Hier ist der Herr, wo Du zum Tee hast eingeladen!«
»Herein — nur herein!«
Die Tür sprang auf, und als dunkle Silhouette gegen die schimmernd weißen Vorhänge abgehoben, stand Jucunda. Mit ausgestreckten Händen kam sie ihm entgegen:
»Wie freue ich mich! — Die Poesie bei mir zu Gast ... das ist das erstemal. Laß uns allein, Mutter.«
Hans warf einen Blick in der Stube umher. Tausend ja, hier sah's anders aus als damals bei Asta. Jucunda, das sah er sofort, hatte nicht vergessen, daß sie sein Kommen gewünscht — alles war sorgfältig für seinen Empfang vorbereitet, der Tisch zierlich gedeckt und mit Rosen bestreut, die Teemaschine dampfte, Zigaretten, Zigarren standen bereit, eine gehäufte Schüssel Gebäcks. Und ringsum herrschte Ordnung, Sauberkeit, noch mehr: Schönheit ... oder doch wenigstens die deutliche Absicht sie hervorzuzaubern ... überall Blumenarrangements und Körbe lebender Pflanzen, an den Wänden die welkenden Lorbeerkränze mit riesigen langflutenden goldbedruckten, goldbefransten Atlasschleifen. Uebers Bett aber war ein hermelinbesetzter Mantel von Purpursamt königlich hingebreitet, und ein frischer Strauß tiefdunkelroter Rosen lag oben drauf. Alles war abgetönt mit einem naiven Sinn für Eleganz und Repräsentation.
Hans Thumser sah nicht, daß die Möbel abgeschabt, die Bezüge verschlissen waren, fühlte nicht, daß der Stuhl wackelte, auf den er sich setzte, der Tisch, auf dem das Teegeschirr brannte ... auch nicht, daß die Tassen gesprungen waren, und hier und da gar ein Henkel fehlte ... ihm war zumut, als sei er in einem Königsschloß, in einem Märchenpalast. Und wie eine Königin erschien ihm auch Jucunda. Sie trug ein lang hinschleppendes Spitzenkleid, das ihm vorkam wie eine märchenhafte Kostbarkeit — er konnte ja nicht beurteilen, daß es maschinengewebte Spitzen waren, nur bestimmt auf die Entfernung zu wirken — er war im Bann, im Traum. Und nur die eine Empfindung durchdrang ihn mit wohligen Schauern: hier war er erwartet, hier hatte man Staat für ihn gemacht, hier wollte man ihn ehren, ihn entzücken.
Er saß ganz still, als Jucundas große, schlanke Hände den Tee bereiteten, und sah nichts als das anmutige Spiel der elfenbeinfarbenen Arme, die aus den Spitzenärmeln hervorlugten:
»Erinnern Sie sich noch, daß wir schon einmal beim Tee zusammengesessen haben?«
»Wie können Sie fragen, gnädigstes Fräulein! Ich habe seitdem von nichts geträumt, als daß dies einmal kommen könnte ... dies, was jetzt ist.«
Jucunda stellte den dampfenden Tee vor ihn hin, sah ihn von oben her mit ironischem Lächeln an und fragte:
»Und Asta?! Haben Sie die Courage gehabt, ihr zu verraten, daß Sie heute bei mir sind?«
»Warum sollte ich nicht? Das ist doch nicht verboten!«
»Nun, und was sagte sie?«
Hans wurde rot. Ob Asta geschwatzt hatte? Ob Jucunda wußte, wie er mit ihr stand?
»Sehen Sie wohl,« lachte das Mädchen, »Sie können nicht antworten — Sie haben Schelte bekommen —! Dacht' ich mir's doch.«
»Ich wüßte nicht, daß irgend jemand das Recht hätte mich zu schelten,« sagte der Student etwas kleinlaut und trotzig.
»Sagen Sie das nicht!« sagte Jucunda. »Wohltun verpflichtet — oder ist die ... Episode schon zu Ende?«
»Welche Episode?«
»Fragen Sie nicht so dumm!«
Hans Thumser sah sich durchschaut. Aber wenn Jucunda doch wußte, daß Asta immerhin doch gewisse ... Ansprüche geltend machen konnte ... warum hatte sie ihn geladen, was wollte sie von ihm? Er richtete sich auf:
»Gnädiges Fräulein, ich glaube nicht, daß Sie mich zu sich gebeten haben, um mir klar zu machen, daß ich eigentlich wo anders hingehörte.«
»Da haben Sie recht,« lachte die Schauspielerin, »Sie sind nun einmal hier, nun seien Sie's auch ganz. Asta ist tot, es lebe Jucunda, nicht wahr?«
Sie streckte ihm die Fingerspitzen hin, er neigte sich darüber.
»Nun, blaue Flecke von heute morgen?«
»An allen Gliedern!« gestand Hans. »Na, irgend etwas muß der Mensch doch schließlich tun, um eine solche Stunde zu verdienen.«
»O, seien Sie nur ruhig, man wird von Ihnen vielleicht noch mehr verlangen!«
»Verlangen Sie.«
»Was macht Ihr Korpsbruder Pilgram?«
»Mein ... früherer Korpsbruder, wollten Sie sagen.«
»Hm ... er tut mir so leid, aber ich habe ihm nicht helfen können, er hatte es gar zu eilig, sich in die Bredouille zu stürzen — also, was treibt er? Erzählen Sie!«
»Ja, haben Sie ihn denn heute morgen nicht bemerkt?«
»Wo? doch nicht etwa auch unter den Kürassieren?«
»Gewiß! der Längste und Schönste unter den Pappenheimern.«
»Nein wahrhaftig — er ist mir nicht aufgefallen! Er hat sich ja auch nicht so bemerkbar gemacht wie Sie!«
»Ja, es hat eben nicht jeder den Dusel, über fünfundzwanzig Treppenstufen Ihnen geradewegs vor die Füße zu kollern.«
»Wie denkt er denn über mich und — über die ganze Affäre?«
»Das weiß ich nicht. Ich schäme mich es zu gestehen, aber ich sah ihn seitdem nicht mehr — meine Schuld — doch was will ich machen? Wenn ich nicht Franke bin, so bin ich Meininger, in jeder Stunde, Tag und Nacht. Ach, gnädigstes Fräulein, ich habe nie gedacht, daß es so etwas gäbe, daß man sich so ganz verlieren, so ganz vergessen kann! Ich lebe wie im Fieber — mir ist, als hätte ich Flügel — ich möchte tausend Augen, tausendfache Sinne haben, um all das festzuhalten, was in mir strudelt und braust. Was für Hexenmeister seid Ihr: alles, was ich ahnte, wenn ich in meinem Knabenstübchen die großen Dichter las, ist Leben geworden, Wirklichkeit, Erfüllung ... Und damit nicht genug, ich selber, ich schaue nicht nur, ich selber stehe mitten drin, in all dem Schwall — ein Strom von Glück und Sehnsucht braust unter mir und wirbelt mich auf und nieder. Wo soll ich hin mit all dem Drang — wo soll ich hin?!«
Lächelnd hob Jucunda die Hand und streichelte die glühenden Wangen des Jünglings, wie sie es heut morgen im Theater getan.
»Sie Dichter!« sagte sie, »Sie Dichter —! Lassen Sie es doch brodeln und gären, lassen Sie's doch! Machen Sie Gedichte daraus, schön wie das, welches Sie mir damals sprachen ... so schön und schöner noch!«
»Ja,« sagte er, »das will ich tun ... später einmal, später, wenn alles das vorüber ist ... denn ich weiß ja, es währt nicht ewig ... acht Tage noch, dann zieht Ihr fort ... und ich bin wieder, was ich war — ein armes Studentlein, Franconiae Fuchsmajor, einer von Tausenden — und um mich ist wieder nichts als Bier und klirrende Speere und Drogenwelt und die Dutzendgesichter meiner Kommilitonen — o Gott! wie soll ich das ertragen! Ich weiß, ich werde irgendeine Dummheit machen — ich laufe fort, in die weite Welt, dahin, wo Ihr seid — wo Sie sind, Sie wunderbarer Mensch — Sie Zauberin!«
»Das werden Sie nicht tun!« sagte Jucunda. »Ich weiß, daß Sie das nicht tun werden — ich weiß, Sie werden dann stille Stunden der Besinnung haben ... es wird Ihnen werden, wie es denen gewesen ist, deren Verse, deren Szenen wir abends sagen und gestalten. Sie werden dichten — glauben Sie's mir.«
»Ach, wenn das wahr wäre — wenn das möglich sein könnte!«
»Es wird so sein,« sagte Jucunda. Ihre Stimme war weich, ihre blauen Augen hingen an den braunen des Knaben. Soviel lebendige Dichter hatte sie nun schon gesehen in ihrem Leben: was waren das alles für reservierte, verbrauchte, zermürbte, grauköpfige Herren gewesen — wie hatten sie gezittert hinter den Kulissen, wenn ihre Stücke vom Stapel gingen, da draußen — wie hatten sie ängstlich auf den Applaus gelauert, wenn der Vorhang sank, wie hilflos sich hinausziehen lassen ins blendende Rampenlicht, um sich linkisch und schweratmend nach dem schwarz gähnenden Zuschauerraum hin zu verneigen, wo das Publikum über das Schicksal ihrer Schöpfungen entschied! — Dieser hier war noch ganz Poet, er wußte noch nichts von all dem Gräßlichen, das auf ihn wartete hinter den grauen Schleiern, die seine Zukunft verhüllten, ihn trennten von diesem schauderhaften Leben des angstvollen Ringens um Erfolg, um Gold und Lorbeer, in das sie selbst, die Achtzehnjährige, schon so tiefe Blicke hineingetan. In ihm sprudelten noch ganz ungetrübt die heiligen Quellen der Phantasie, darinnen Sonn' und alle Sterne sich spiegelten ...
Einen Augenblick war's ganz still im Zimmer — der Tee wurde kalt in den Tassen, und sein Duft mengte sich mit dem Rosenhauch, mit den blauen Wölkchen der Zigaretten, die durch die Stube kräuselten. Von der Straße her fiel der erste Laternenschein in die umdunkelte Stube und ließ die goldigen Schriften der Kranzschleifen matt aufglimmern. — Mit langsamen Bewegungen stand Jucunda auf, um Licht zu machen.
»Nicht doch,« wehrte Hans — »nicht Licht machen ... es ist so schön so.«
»Aber anders ist es besser!« sagte Jucunda mit leisem Lächeln und entzündete die Lampe. Und wieder ließ sie sich in das Sofa fallen und neigte den flechtenbeschwerten Kopf auf die Lehne zurück.
Wie seltsam das doch war —! Sie kannte so viel Männer von Geist und Rang ... wie kam's, daß ihr heut zumut war wie nie zuvor —? War's die Kraft, die ungebrochene, die ihrer selbst noch unbewußte, die sie ahnte in den Tiefen dieser empor sich ringenden Seele? War's die edlere Rasse, die sie witterte, sie, das Kind einer enggebundenen Welt, einer Welt ohne Schwung und Größe? Sie war Künstlerin genug, dies alles zu ahnen, was in dem jungen Menschen da vor ihr wirkte und wallte ...
Und Hans fragte sich immer wieder im stillen, ob das denn wahr, ob das denn möglich sei ... ob das Leben wirklich so schön sein könne, so maßlos reiche Gaben spende ...
Still war's. Von der Katharinenstraße heraus klapperten behäbig trottende Pferdehufe, der Schritt der Fußgänger, die von ihrer Arbeit heimwärts steuerten.
»Wie gut,« sagte Jucunda, »daß ich heut abend mal ausnahmsweise nicht spiele, so gehört uns diese Stunde wenigstens ganz!«
»Und wehe dem, der kommen wollte sie uns zu stören — Sie wissen das alles ja gar nicht — Sie wissen nicht, was das alles mir bedeutet, was Sie mir bedeuten — ich weiß es selber erst seit wenig Augenblicken. Ich denke zurück an zwei Abende meiner Jugend, die der Wendepunkt waren, ich fühle es nun. Ihr spieltet daheim, in dem alten engen Stadttheater an der Rathausbrücke — Sie waren eben entdeckt worden, ein märchenhaft aufleuchtender Stern — und ich, ein sehnsüchtiger Primaner droben auf dem zweiten Rang im »Wallenstein« — Sie drunten als Thekla mit der Laute in den rotsamtnen Vorhang geschmiegt, weißleuchtend abgehoben von dem riesigen Glasfenster, durch das die sternlose Nacht hineingähnte. Sie sangen Ihr Lied, Sie wissen's ja — Sie singen's übermorgen wieder — Und wissen Sie, wie ich Sie empfand? Sie waren die leuchtende Seele des gigantischen Gedichts, Sie waren die Schönheit, die versinken muß unterm erbarmungslosen Schritte des Schicksals — Sie waren die Tugend, die zermalmt wird von den geifernden Kinnbacken des Verbrechens, Sie waren ... das Ideal, das waren Sie ... ach! und Sie sind's mir geblieben. Jetzt fühl' ich's, daß Sie immer mit mir gegangen sind in den zwei Jahren — und nun, ist's möglich! Nun sitze ich Ihnen gegenüber, könnte Ihre Hand erreichen, wenn ich's wagte, darf in Ihre Augen sehen und fühlen: das Geschick meines Lebens ist über meinem Haupt.«
Seine Stimme zitterte — die braunen Augen leuchteten, der Atem flog.
»Und dennoch —« sagte Jucunda langsam, großäugig — »und dennoch haben Sie Asta Thöny geküßt.«
»Ja, Jucunda, ich habe Asta Thöny geküßt. — — Wie soll ich Ihnen das erklären — sie war die erste, die kam, damit ist alles gesagt. Sie hat mich genommen, weil alles in mir nach der Erfüllung lechzte, die nur Jucunda heißen durfte. Ach! so ist's wohl stets im Leben, daß man sich bescheiden muß und dankbar sein, wenn man Kupfer bekommt für Gold. Das andere, das ganz große Glück, das gibt's ja nicht, das darf's ja gar nicht geben — denn gäb' es das, wir wären Götter und nicht Menschen ... und Götterschicksal erträgt sie ja wohl nicht, diese arme, irdische Seele, dieser schwache, tönerne Leib. — Und doch, ich fühl's: daß ich das habe tun können, daß ich, Ihr Bild im Herzen, die andere umarmt habe, das hat mich Ihrer unwert gemacht und unwert auch all dessen, was ich mir an eigenem Wert und Werden erträumt habe. Ja, Jucunda, ich habe Asta Thöny geküßt — und nun muß ich ja wohl auch gehen, nicht wahr?«
Er war aufgestanden, gesenkten Auges stand er neben ihr. Da griff sie nach seiner Hand:
»Du lieber, süßer, dummer Junge, Du ... Hans Thumser, kleiner dummer Bub, komm, sei vernünftig, setz' Dich mal her zu mir aufs Sofa. Ja, es ist schade, lieber Freund, daß Sie so zu mir kommen — aus den Armen der andern. Aber vielleicht bin ich selber dran schuld ... warum habe ich Sie nicht erkannt beim erstenmal, da wir uns sahen? Ich, ich bin in Ihrer Schuld, ich war in Wirklichkeit die Dumme ... die Blinde ... Doch was tut's, das alles? Ich will, daß es nicht gewesen sein soll — und es ist fort — ich wisch' es aus, ich streiche den Namen Asta Thöny von der Tafel Deines Lebens ... Und nun ist nichts mehr da als ich, nicht, mein Hans?!«
»O nichts, nichts als Du —!« stammelte er und sank neben dem Sofa in die Knie. Seine glühende Stirn sank in ihren Schoß, ihre weißen Hände glitten über seine braunen Locken. — Da richtete er sich auf, irren Auges, die Wangen feucht, und sah sie an, so ganz Inbrunst, Ergebung und Verlangen, daß es sie niederzog zu ihm. Sie umschlang seinen Nacken, ihre Lippen hingen über den seinen.
In diesem Augenblick wurde heftig an die Tür geklopft. Die beiden jungen Menschen fuhren empor — das war nicht wahr, das durfte nicht sein ... aus solchem Traume gibt's kein Erwachen, eh er zu Ende geträumt ist. Und doch — es klopfte abermals.
»Jucunda, darf' ich 'rein kommen?« klang Frau Buchners fette Stimme.
Die beiden Kinder richteten sich auf. Die mühevoll eindressierte Haltung, sie versagte nicht in diesem trauervollsten Augenblick. Im Nu saß Hans Thumser auf seinem Stuhl, ganz Korpsstudent, ganz korrekter junger Gentleman — und sie, ihm gegenüber, auf dem Sofa, ganz Dame, ganz Komödiantin:
»Bitte, Mama ...«
Frau Buchner trat ein, mit einem Lächeln des Triumphs auf den Lippen. Ein wenig stutzig sah sie von einem zum andern, doch ihr prüfender Mutterblick fand keine Spur, die Besorgnis erregt hätte.
»Nu, Jucunda, was sagste nu?« Mit spitzen Fingern hielt sie eine Visitenkarte in den Bereich der Lampe, eine vielzackige Krone darauf und darunter die Worte:
Heribert Hans Herwig, Erbprinz von Nassau-Dillingen
»Was?« rief Jucunda, »er ist draußen?«
»Ei, herrjemerschnee! Ne so was — ne so was ... Natierlich ist er draußen — in höchsteigener Person! Soll ich 'n 'rinlassen?«
Mit einem Blick hatte auch Hans Thumser die Schrift auf der Karte entziffert, der zweite flog mit schreckhafter Spannung zu Jucunda hinüber.
Und — sie? Das Gesicht, das ihm eben geleuchtet hatte wie der Genius seines Lebens selbst, es hatte den Ausdruck völlig gewandelt: ein dünnes Lächeln befriedigter Eitelkeit spielte um die schmalen, herrischen Lippen, die Augen flackerten einen Augenblick in unstetem Sinnen, die Stirn hatte sich gekraust. Aber schon war der kurze Kampf zu Ende:
»Selbstverständlich, Mama. Sie haben ja wohl nichts dagegen, Herr Thumser, wie? Der Herr ist ja doch ein Korpsbruder von Ihnen.«
Mit einem Ruck war Hans Thumser emporgeschnellt:
»Dann verzeihen Sie wohl, wenn ich mich empfehle, mein gnädigstes Fräulein — ich wünsche nicht zu stören.«
»Aber ich bitte Sie, was heißt stören? Wir könnten ja so nett zu dreien ...«
Starr und förmlich verneigte sich der Student:
»Adieu, meine Damen.«
Er griff nach seiner grünen Mütze, die auf einem Stuhl an der Tür lag, dem spanischen Rohr mit Silberbeschlag, das daneben lehnte, und schritt hinaus.
Im engen Korridor stand der Erbprinz, in Ueberrock und spiegelnden Lackschuhen, den Zylinder in der Hand, die Scherbe im Auge. Sein Gesicht wies den Ausdruck blöder Verblüffung. Mit einer kurzen Verneigung stürmte Hans Thumser an ihm vorüber und ließ die Korridortür ins Schloß fallen.