12.
Vor ihrem Bett war Asta Thöny in die Knie gesunken und hatte geweint, wie nie zuvor in ihrem Leben — und doch, wieviel Tränen waren schon über ihre vergangenen Tage geflossen ... Wie teuer hatte sie die flüchtigen Augenblicke des Glücks erkaufen müssen, zwischen denen nichts gewesen war als Kampf — Kampf mit zusammengebissenen Zähnen — Hunger und Verzicht — Abschied und Sehnsucht ... Und nun war's wieder einmal tief, tief dunkel geworden um sie her ...
Sie sprang in die Höhe. Die eingeschlossene Luft in dem engen Stübchen preßte ihr die Brust zusammen — sie riß das Fenster auf: da draußen auf der Sophienstraße noch immer das Flockentreiben und all die Fenstersimse der schwarzen Häuserzeilen schon weiß überlagert, die Straßen drunten wie versunken unter der weißen Last — die aufgespannten Regenschirme bestäubt, die Hutkrempen, die Mäntel schneebepudert. Da hinein, in dies wehmütig tolle Treiben hatte sie mit dem Liebsten schwärmen wollen — da hinein zog's sie nun, die glühenden Augen zu kühlen, die schneidende Luft in tiefen Atemzügen in die schmerzende Brust zu saugen.
Einen kurzen Blick warf sie in den Spiegel und sah ihre Lider, ihr ganzes Gesicht fieberisch gerötet. Sie suchte den dichtesten Schleier, den sie hatte, und knüpfte ihn fest ums Gesicht. Dabei fiel ihr Auge auf die schönen neuen pelzgefütterten Glacéhandschuhe. Sie waren ganz verdorben vom Strom ihrer Tränen ... ach, wie gleichgültig das war.
Nun war sie drunten auf der Straße — wie dunkel es schon war um diese frühe Nachmittagsstunde — wie sie emporblickte, lag's über den Dächern wie eine graue Decke, aus der es unablässig niederrieselte. Im Nu trug auch sie die Livree des Winters.
Den wirbelnden Flockenschauern entgegen stapfte sie gen Westen, kreuzte die Zeitzer Straße und überschritt auf schmalem Brückchen den Mühlgraben ... In den Wald hinaus, nur fort von den Menschen, fort aus der Stadt — in die Einsamkeit, dahin, wo sie hatte einsam sein wollen mit ihm. Nun dehnte sich zur Rechten die endlose Schneefläche der Rennbahn, und vor ihr stand der Wald, ein schwarzer Saum, weiß überzackt. Unter der Schleußiger Brücke gurgelten gelb und angeschwollen die trägen Pleißefluten — ohn' Unterlaß sanken die leuchtenden Flocken in die schmutzigen Gewässer und wurden eingeschluckt — wie der Schwall des Lebens Wesen um Wesen verschluckt. Den schmalen Pfad schlug sie ein, der hart am Ufer drüben aufwärts führte zu den graulich aufragenden Eichenschäften, dem Gewirr des Ufergestrüpps, dran jedes Zweiglein schon seine feuchte weiße Last trug ... Und wirr durcheinander, wie die stäubenden Flocken, jagten ihre Gedanken. Gott, wie grenzenlos allein sie doch war auf der Welt: Tochter eines kleinen Gerichtsbeamten in München, war sie von der strengen katholischen Rechtgläubigkeit und engen Spießbürgersittsamkeit ihrer Eltern um jener ersten Liebschaft willen, die sie einem schmucken Leutnant von den Chevauxlegers in die Arme geweht hatte, aus Haus und Heimat verstoßen worden. Das Gräflein hatte brav an ihr gehandelt. Ihre berufliche Ausbildung, ihren ersten Schatz an Kostümen verdankte sie seiner Freigebigkeit. Und dennoch hatten am Ende der Abschied, die Tränen, die Verlassenheit gestanden ...
Und nun: die kleinen Engagements in Nürnberg, in Regensburg, in Augsburg. Immer umringt von einer Verehrerrotte, die nichts von ihr wollte als immer das gleiche — das eine — für die sie niemals eine Seele, ein Mensch, eine Künstlerin gewesen war, sondern immer nur eine hübsche Schale, ein Spielzeug, ein Zeitvertreib, eine Sklavin ... Und endlich das große Glück: ein einziges Mal ein Mensch, der sie ernsthaft nahm, Franz Burg, der Meininger Oberregisseur, der sie entdeckte ganz hinten im Ensemble eines Mittelstadtbühnchens. Und nun: Engagement, kleine Rollen, mittlere Rollen, Erfolg — Karriere. Karriere? Ach, du lieber Gott! Bis zu den Sternen war man nicht gekommen — immerhin, man war geborgen, man konnte sich ausruhen, konnte arbeiten — stand inmitten eines großen, künstlerischen Treibens, brauchte sich nicht mehr wegzuwerfen, zu verkaufen.
Aber ach, verdorben war man nun doch einmal, konnte nicht mehr leben ohne Küsse, ohne Rosen, ohne Liebesbriefe, ohne Zärtlichkeiten ... Und so flog man doch auch jetzt immer noch aus einem Arm in den andern, blieb ein Spielzeug — blieb der rasch vergessene Kamerad flüchtiger Taumelstunden ...
Da war der eine gekommen, dies grasgrüne Studentlein, das so ganz, ganz anders war als alle die frühern ... Was war's eigentlich gewesen, was ihn von ihnen unterschied? Er hatte sie genommen, sie hatte sich ihm gegeben, genau wie's immer gewesen war — nur eines war anders gewesen — ach, sie wußte es wohl, der Klang seiner Rede war's, die schäumende Flut von klingenden, schwingenden Worten, in denen seine Zärtlichkeit, sein Rausch sich ausströmte über sie hin — ach nein — auch noch ein andres. All die andern, die sie gekannt hatte, waren erfahrene, abgebrühte, blasierte Burschen gewesen — diesem einen, sie wußte es, hatte sie das erste Glück des Lebens gebracht. Sie hatte träumen dürfen, ihm etwas zu sein, etwas, das nicht verfliegen könnte mit dem Rausch der flüchtigen Erfüllungsstunden ... Und nun, nun war auch das ein Trug, ein Wahn gewesen ...
Tief gesenkten Hauptes schritt das einsame Mädchen fürbaß. Und wie ein fernes Brausen klang weit, weit hinten das Treiben der großen Stadt, gedämpft durch die rastlos niedersinkenden Flockenmassen. Und in der Nähe schien jeder Schall des Lebens erstorben — nur der eigne Schritt knirschte leise im lockren Teppich, der die Welt überzog. Und zur Linken glucksten die gelben Wasser. Unter der nassen Last lösten sich die letzten gelben Blätter von den Wipfeln und sanken schwer und matt wie dunkle Schattengebilde inmitten des weißen Geriesels nieder, lagen ein paar Sekunden als schwarze Flecken auf dem leuchtenden Grund und wurden dann schnell verschüttet und begraben ... Und Asta sann in die Zukunft — was hatte sie noch zu hoffen? Zu den höchsten Höhen der Kunst, dorthin, wo die strahlende Rivalin stand, ach, dorthin würde sie sich niemals emporschwingen. Nur die Niederungen waren ihr bestimmt, die wenigen Jahre, bis Jugend und Anmut verweht sein würden — und was dann? — Und was inzwischen? — Immer nur Neid und Enttäuschungen ... Ab und an, wenn einmal eine neue Rolle neue Hoffnung brachte, ein verzweifeltes Emporraffen, ein neues zähneknirschendes Einsetzen der ganzen Kraft — dem, ach, doch immer wieder das Versagen, das Ermatten, die Erkenntnis der Begrenztheit des eigenen Wesens und Könnens folgen müßten, wie noch stets bisher.
Und wo war dann Trost als in neuen Umarmungen, in neuen Tändeleien, ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne Sinn?
Nein, wenn sie nicht einmal diesen einen dauernd hatte fesseln können, wenn selbst dieser eine, in dessen Leben sie am Anfang der Liebe gestanden, wenn sie nicht einmal ihn länger hatte binden können denn auf ein paar Wochen, dann war sie doch wohl gar nichts wert. Nicht einmal als Liebchen, nicht einmal als Weibchen! Und das nun immer und immer wieder erleben müssen, hatte das einen Zweck? — Ließ sich das ertragen?
Und doch, etwas in ihr bäumte sich auf gegen diese Verneinung ihres ganzen Daseins. War sie denn wirklich so ein Nichts, so ein Püppchen ohne Existenzberechtigung, ohne Lebenswert? Ach nein ... nur den falschen Weg war sie gegangen — nein — nicht gegangen: gestoßen war sie worden von dem aberwitzigen Schicksal. Damals, als sie sich von dem blinkenden Rock, der gleißenden Grafenkrone ihres ersten Galans hatte blenden lassen, als sie ihren einzigen Besitz, ihr Mädchentum, einem eitlen, egoistischen Jungen hingeworfen hatte, ohne zu denken, ohne zu fragen wohin, wozu — damals war sie aus dem Gleise geworfen worden ... Irgendwo in der Welt lebte doch gewiß ein braver, schlichter Mensch ihres eigenen Standes, des Standes, in dem alle ihre Instinkte wurzelten, dem hätte sie in Bescheidenheit und Treue Gesellin und Helferin werden müssen. Das wäre dann ein Leben gewesen, für das ihre Kräfte gereicht hätten, in das sie Sonne, Glücksgenügen hätte zaubern können für ein ganzes Erdendasein. — Nun hieß sie eine Künstlerin, ohne ein Künstlermensch zu sein ... Nun sollte sie gestalten, ohne in sich die Fülle der Gesichte zu tragen ... Sollte die Schöpfungen von Dichtern verkörpern, ohne selbst ein Stück Dichterin zu sein ...
Die Dämmerung kam. Immer schauriger ängstete die Stille um sie her, und lichtlos wie die nebelverhangene Waldeinsamkeit ringsum lagen Zukunft und Leben. Eine grenzenlose Müdigkeit kam über das verlassene Kind — eine Sehnsucht nach Schlaf ohn' Erwachen. Und in der lastenden Stille, in die sie sich hineingesogen fühlte, war nun ein Laut nur noch: das einlullende Rieseln und Rauschen der gelben Gewässer neben ihrem Pfad, die so erbarmungslos die weißen Flocken einschluckten in ihren gurgelnden Schwall. Ach! wer auch so eine weiße Flocke wäre, so rasch und völlig versinken, zergehen könnte ...
Aber schreckhafte Gesichte drängen sich vor — wie schauervoll müßte das Ende sein, wären diese Flocken nicht fühllos, wären sie nicht der Flut wesensgleich, die sie verschlang? Du aber, Asta, du bist ein junges, heißes Menschenkind, du wirst nicht leicht und sanft dich auflösen und verschmelzen mit den Gewässern, die meerwärts rollen da unten. Du wirst dich quälen müssen, alles in dir wird im letzten verzweifelten Ansturm noch einmal nach dem Leben in Glanz und Licht verlangen, dem du verwandt bist, in dem du dich umgetrieben, zwar oft in Tränen und Verzweiflung, doch bisweilen auch in Schauern von Seligkeit ...
Und dennoch, eine Stille wird kommen nach der kurzen Qual — eine lange, tiefe, wunschlose Stille.
Und noch ein Gedanke kam, der Furcht und Grauen schuf: Asta war in römischer Frömmigkeit erzogen, der Kinderglaube war nie ganz versiegt in ihrer unbewehrten Seele. Wenn's nun wahr wäre, was man sie gelehrt hatte von ewiger Verdammnis, von einem Wiedererwachen zu unnennbarer, unendlicher Qual? Ach nein, das war doch wohl nur Märchen und Kinderschreck — ach nein — wenn erst die Glut hier drinnen verloschen war, wenn die Glieder, die so heiß gefiebert hatten im Ueberschwang der Daseinswonne — wenn sie erst so kalt und leblos geworden waren wie drunten die strömende Flut, dann war's aus und vorbei, dann kam nichts mehr — kein Glück mehr und kein Schrecknis.
Da stieg aus den falben Nebeln, die mählich den Fluß überlagerten, ein niedres Gebäude empor, eine hölzerne Wirtschaftsbaracke, grau gestrichen, hart bis an die Strömung des Flüßchens herangeschoben, mit einer Galerie, die über das Ufer vorsprang. »Zum Wassergott« lautete die Inschrift auf dem getünchten Wirtshausschild. Im Sommer mochte hier zur Abendstunde muntres Treiben herrschen, friedliche Philisterbehaglichkeit — nun lag das kleine Anwesen kläglich verödet, ganz versunken in trostloses Schweigen.
Asta trat ans Geländer und sah, wie die gelbe Flut in quirlenden Strudeln um die schneeverwehte Treppe rauschte, an der sonst das Fährboot anlegen mochte. Und nun zu denken, daß man morgen so gefunden würde, weit, weit unten irgendwo, entstellt, zerzaust, aufgedunsen — — Aber ... das ging einen ja dann nichts mehr an, das fühlte man ja doch nimmer. Dann mochte die Welt laufen, wie sie wollte. Dann mochte der kleine Hans Thumser vor Jucunda Buchner auf den Knien rutschen und um die Gunst betteln, die Asta ihm, ach, allzu wohlfeil, allzu willfährig gewährt. Dann mochten sie Komödie spielen, solange es ihnen noch Spaß machte, sich abzuquälen für die undankbare Bande im dunkeln Parkett — ach! und wie dankbar war man doch gewesen, wenn die mal ein bißchen mitgegangen waren, wenn man ab und an sich hatte vorlügen dürfen, man sei auch wer, man habe auch die Kraft in sich, die da hinten zu packen und durch und durch zu rütteln, wie die paar es konnten, die paar Echten, die paar Großen ... Ja, spielt nur, spielt nur Komödie — auf den Brettern und im Leben. Lügt Euch Gefühle vor und laßt Euch welche vorlügen, glaubt daran oder tut doch wenigstens so, als glaubtet Ihr. Denn auch Du hast ja gelogen, kleiner Hans Thumser, als Du unter Küssen und Tränen mir schwurst, ich habe Dir das Glück geschenkt. Ich weiß es ja nun, Du hast in meinen Armen immer nur an die andre gedacht. Ob Du's bei ihr finden wirst, das Glück, das sogenannte Glück? Ob Du es überhaupt jemals finden wirst im Leben? Ich will Dir's gönnen, kleiner Hans, denn ich habe Dich sehr lieb gehabt — ich will Dir's gönnen, kleiner Hans — ich aber — ich tu nicht mehr mit, ich habe genug ...
Einen spähenden Blick noch warf Asta in die Runde. Es war nun fast ganz dunkel geworden und nichts ringsum, als das sachte Sinken der weißen Kristalle, hinter denen die schwarzen Stämme ragten, finster und stumm. — Ob es wohl lange dauern würde? Ob es sie noch einmal emportragen würde an die Oberfläche? Hoffentlich würden die nassen Kleider sie rasch in die Tiefe ziehen. Es war nicht schade drum, sie hatte sich für einen Fußmarsch im Schnee zurecht gemacht. Das bissel Flitter, was daheim herumlag, dafür würde sich schon irgendeine Verwendung finden: nur das schöne Sealskinjackett und das Barett und der Muff dazu, das war doch zu schade für die Pleiße! Irgendein Armes mochte das hier finden und es verkaufen und sich einen guten Tag dafür machen ... Sie zog die kostbaren Hüllen ab und legte sie sorgfältig zusammengefaltet unter das weitvorspringende Holzdach der Wirtschaftsveranda, wo sie einigermaßen vor dem Schnee geschützt waren. Nun schauerte sie fröstelnd zusammen im Nebelhauch der Waldtiefe. Gott — und daß nun niemand, niemand morgen weinen wird, wenn sie's hören, wenn's in der Zeitung steht, wenn zum letzten Mal von Asta Thöny was in der Zeitung steht — ach, allzu viel Schönes hat nie dringestanden über Asta Thöny — und keiner wird weinen, nicht ein einziger von all den vielen, vielen, die mich geküßt und mir von Liebe geschwatzt haben, nicht einer. Auch Du nicht, Hans Thumser, ach, auch Du nicht ...
Und sachte wie die weißen Flocken in die träge ziehenden Fluten niederglitten, so sachte ließ Asta Thöny sich niedergleiten von der schneeverwehten Treppe an der Holzveranda des Restaurants »Zum Wassergott« ...
Valentin Pilgram war nachmittags gegen halb vier von dem Repetitor nach Hause gekommen, um sich in das gewohnte, besinnungslose Arbeiten hineinzustürzen, mit dem er nun schon seit Wochen sich zu betäuben gewohnt war.
Als er durch den dunklen Korridor schritt, kam die Frau Kanzleirätin aus der Küche mit einem Brett voll Teegeschirr und ging zu Jucundas Stube hinüber. Verlegen erwiderte sie seinen Gruß; wie die Tochter, so wich auch die Mutter dem Zimmerherrn aus, wo irgend möglich, seit jenem verhängnisvollen Morgen ...
Als sich die Tür zu der Stube der Schauspielerin öffnete, sah Valentin Pilgram mit einem Blick, daß dort Vorbereitungen für den Empfang eines Besuches getroffen wurden: festlich gedeckt glänzte der Tisch, sorgfältig waren die Blumenspenden der letzten Abende arrangiert, kurz, alles verriet ein nahes Fest.
Wer mochte erwartet werden? Ein paar Kolleginnen oder Kollegen ... oder? — Valentin wußte, daß der Erbprinz keine Vorstellung versäumte, in der Jucunda auftrat, er hatte bei jeder Premiere unter den Riesenschleifen der Lorbeerkränze die Farben von Nassau-Dillingen erkannt. Also zum mindesten war Seine Durchlaucht nicht mehr in der Ungnade ...
Merkwürdig: der gewohnte Arbeitsfriede wollte heute nicht kommen. Immer lauschte der Kandidat auf Stimmen da drüben, in der ingrimmigen, quälenden Hoffnung, sie möchten recht behalten, jene ekelhaften Vermutungen, die sich immer deutlicher in ihm emporreckten: der Erwartete möchte der Erbprinz sein ...
Und endlich schlug die Glocke im Hausflur an. Valentin Pilgram fuhr in die Höhe, schlich zur Tür und lauschte. Dabei überkam ihn brennende Scham: was war aus ihm geworden, daß er das Tun und Treiben anderer Menschen zu beschnüffeln und zu bespitzeln gelernt hatte? Das war doch früher nie gewesen ...
Und horch — die Stimme eines jungen Mannes ... aber das näselnde, gequetschte Organ des Prinzen war's nicht, es war eine frische, klangvolle Stimme ... es war ... Hans Thumsers Stimme ... Ach — also der!
Er hörte ganz genau, wie Mutter Kanzleirätin den Besuch zur Stube der Tochter führte, wie sie anklopfte, wie des Mädchens volltöniger Alt das Herein ertönen ließ, wie sie lebhaft und freudig den Besucher begrüßte, wie jener verbindlich und bewegt erwiderte.
Das Blut stieg dem Lauscher ins Hirn, in die Augen — die Gedanken quirlten einander überstürzend empor und machten ihn schwindeln. Also er —! Wundervoll! wundervoll! Wie das alles sich zusammenfand, wie die vagen Vermutungen, die greulichen Phantasien der letzten Wochen sich nun zu festen, zweifelsbaren Schlüssen zusammenfügten! Nun freilich — nun war's ja klar, wie der Frankenzirkel und Hans Thumsers Initialen auf jenen Bogen geraten waren, der Jucundas Absagebrief trug! Man hatte es verstanden, ihn beiseite zu schieben — hatte seine schnelle Ritterschaft lächerlich zu machen gewußt, um seine eigenen Chancen zu verbessern! Freilich, daß man mit einer solchen Gemeinheit auf dem Gewissen den Mut nicht gefunden hatte, den Hintergangenen, den an die Wand Gedrückten in seiner Einsamkeit zu besuchen — kein Wunder schließlich! Und auch heute hatte man den Weg zur Tür des einstigen Korpsbruders nicht gefunden, obwohl man unter einem Dache mit ihm war! Also so etwas gab's — so viel Infamie barg sich hinter der zur Schau getragenen Besonderheit, der phantastischen Eigenart des Reimedrechslers! — — Na warte, Bursche!
Valentin Pilgram hatte kein Talent zum Lauscher an der Wand. Er schlich an seinen Schreibtisch zurück, vergrub den Kopf in den Händen und wühlte sich in das krause System des römischen Erbrechts hinein. Aber die Buchstaben hüpften vor seinen Augen, die Sätze verwirrten sich, führten sinnlose Tänze auf, und etwas Unwiderstehliches zog ihm immer wieder die geballten Fäuste von den Ohren ... Da drüben klapperten die Tassen, plätscherte munteres Gespräch ... kein Satz zu verstehen, höchstens einmal ein einzelnes Wort. Nun ein erregtes Lachen, nun Schritte durchs Zimmer, nun in raschem Wechsel Geplauder, ein Hinüber und Herüber von Scherz und Neckerei jetzt und nun von Rede, deren Sinn man nicht verstand, deren Klang aber deutlich genug von wachsender Vertraulichkeit, von innigem Austausch redete ... Ja freilich, der wußte besser, wie man mit Frauen, mit Künstlerinnen reden muß, um Eindruck zu machen!
Valentins Gedanken verwirrten sich. Es war ihm nun, als müsse Hans Thumser das alles mit diabolischem Raffinement ausgeheckt haben, was sich vollzogen hatte. Gewiß war er schon längst hinter Jucunda her — war er's nicht gewesen, der die Idee mit dem Pferdeausspannen ausgeheckt — und war er nicht an jenem Abend als des Erbprinzen Gast an seiner Seite im Theater gewesen? Gewiß hatte er auch in Erfahrung gebracht, mit welch geschmackloser Zudringlichkeit der Erbprinz und der Major sich bei Jucunda einführen wollten, und hatte schon damals sein Plänchen geschmiedet ... Alle Wut und Qual der letzten Wochen knäuelte sich zusammen zu einem einzigen, alles verdrängenden Gefühle der Empörung, des Ingrimms, der Rachelust ... ihn, diesen glatten Lächler, diesen geschmeidigen Buben, stellen ... züchtigen!
Aber nein — das war nicht länger zu ertragen, dieser Zusammenklang der zwei Stimmen da drüben, der gehaßten und der ach ... in tausend Schmerzen geliebten! War er denn verdammt, all jenes Glückes Ohrenzeuge zu sein, das er für sich selbst nur in fernen Träumen zu ersehnen gewagt hatte? Und das dem Buben da drüben in den Schoß fiel. Nein, das nicht, das doch nicht! Fort, hinaus, in das Schneegetriebe da draußen, weg aus diesem dumpfen Zimmer, dessen Luft bis zum Ersticken angefüllt war mit vergangener und gegenwärtiger Gedankenqual!
Valentin Pilgram stand auf. Er warf seinen Winterpaletot um, stülpte den weichen, zerknüllten Filzhut auf den unfrisierten Kopf, nicht achtend, daß beide Kleidungsstücke seit Tagen nicht gebürstet, von dickem Staub umlagert waren. Er, der sonst so peinlich gestriegelte Korpsstudent, hatte seit Wochen sein Aeußeres schlimmer vernachlässigt als der armseligste Prolet unter den Kommilitonen ... Er griff nach dem wüsten Knotenstock, den er sich für fünfzig Pfennig in irgend einem Kram gekauft, seit er das silberbeschlagene spanische Rohr mit der Dedikation seines Leibburschen nicht mehr führen durfte ... und nun hinaus — nur hinaus!
In der kurzen Stunde, seit der Jungschnee sich eingestellt, waren Bürgersteig und Straße mit fußhohen Schneemassen überschüttet. Mühsam bahnten sich die Fußgänger ihren Weg, trübselig stapften die Droschkengäule daher, wie schwarze Silhouetten schoben Menschen, Tiere, Gefährte einander vorüber, die ersten Laternen äugelten mit trübem Blinzeln durch den Flockennebel, der ohn' Unterlaß herniederwogte. Von weißen Kanten eingesäumt, reckten sich die finstern Fronten der alten Barockpaläste zu beiden Seiten der engen Straße. Jedes Geräusch war eingesogen von den weichen Polstern des Grundes, den stiebenden Flockenmassen, welche die Luft verhängten.
Der junge Gesell, der mit aufgeschlagenem Rockkragen, die Hände in den Manteltaschen vergraben, verloren und ziellos durch die Straßen pendelte, hielt es nicht aus inmitten des lautlosen Lebens, das sich schattenhaft an ihm vorbeidrängte. An der Thomaskirche vorüber, deren schwarzer Giebel sich droben in dem weißen Dunst verlor, pendelte er auf den Ring hinaus, wo die Zweige der Baumreihen, des Gebüschs unter der Wucht ihrer weißen Last sich bogen und knackten. Zur Linken stieg das finster dräuende Massiv der Pleißenburg in die silbernen Schwaden, das Rund des Turmes hob sich als riesiger Schattenriß von den Lichtfluten um den Roßplatz und Königsplatz ab. Und nun der winterstille, menschenleere Johannispark! Hier ließ sich aufatmen, hier wurde die Brust freier. Hier klärte sich das Gedankenchaos ...
Ja, es mußte gehandelt werden. Die ganze Fülle der verhängnisvollen Ereignisse, die Valentin Pilgram aus seines Lebens sicher vorgezeichneter Bahn so jählings hinausgeschleudert in ein uferloses Nichts, das alles drängte zu einer entladenden, entlastenden Tat. Und diesmal würde seinem Vorsatz Erfüllung werden — diesmal würde er nicht wie Don Quichotte gegen die Windmühlenflügel anrennen, um alsbald entsattelt an der Erde zu zappeln, ein Spott der Welt ... Diesmal würde er den waffengeübten Arm zum sicher treffenden Schlag zu brauchen wissen, mitten in des Feindes Fratze!
Des Feindes! — es gab ja nur den einen! In ihm schien dies aberwitzige Schicksal der letzten Wochen Gestalt angenommen zu haben — in jenem jungen Burschen, der sich jetzt gewiß von Jucundas Lippen den Dank holte für eine ganze Kette von Niederträchtigkeiten und Bübereien. Ihn züchtigen — ja das war's! Das forderte die Stunde!
Und dann? Was kam dann?! Dann würde man sich gegenüberstehen, Aug' in Auge, den Lauf der Waffe auf des Feindes Herz gerichtet ... das war dann das Gottesgericht ... Dann würde sich's zeigen, wer von ihnen beiden weichen müsse von dieser Welt, die nicht Raum mehr hatte für sie beide ...
Und ... dann?!
Hans Thumser sollte fallen. Er wollte es. All die eiserne Willenskraft, die bis zu dieser Stunde sein junges Leben vorwärts getrieben, er würde sie in das kleine Stückchen Blei hineinlegen, das des Feindes Herz finden sollte. Das war dann die Sühne, das war die Wiederherstellung der heiligen Weltordnung, welche von den Gesetzen der Ehre regiert wird, der Ehre, deren Ritter er gewesen war, und die jener andere mit Füßen getreten hatte ... jener andere, der heut noch das dreifarbene Band um die Brust trug, das er, der Getreue, eingebüßt hatte dank jenem sinnlosen Schicksal, dem er unterlegen war bis heut. Aber dies stumpfsinnige, brutale Schicksal, es sollte nicht Meister bleiben in der Welt, solange er noch Kraft hatte, den Hahn einer Pistole abzudrücken ...
Und dann?! Er wußte den Gesetzesparagraphen zu nennen, dem er dann verfallen war; die Höhe der Strafe, welche seiner wartete. Das war ja wiederum der groteske Unsinn dieser Zeit, daß die Gesetze des Staates das Recht der Selbsthilfe dem Manne versagten, der am Heiligsten seines Lebens gekränkt war: an seiner Ehre ... Dieselben Gesetze, die den Beleidiger der Ehre mit Strafen von kindischer Winzigkeit bedrohten ...
Immerhin — lieber zwei Jahre lang als Gefangener auf dem Königstein, lieber das, was liberale Zeitungsschmierer einen Duellmord nannten, lieber das alles, als dieses zermürbende Gefühl der Ohnmacht, der Wehrlosigkeit gegen menschliche Infamie und den Aberwitz des Fatums!
Schon war des einsamen Wanderers Hutkrempe von einem dichten Schneekranz umlagert. Nasse Schauer sprühten ihm um die glühenden Wangen, eisige Tropfen rieselten ihm über Hals und Nacken. Er achtete es nicht. Den Kopf tief in den Schultern vergraben, stolperte er fürbaß. Schon lag der Park hinter ihm, mechanisch verfolgte er den nächsten Pfad, der hart am Saume des rechten Pleißeufers zwischen den reckenhaften Schäften der hochstämmigen Eichen und dem dürren Gestrüpp der Erlen entlang führte. Als sein Blick zufällig die gelben Fluten der gurgelnden Pleiße streifte, stieg mitten in sein finsteres Brüten hinein ein lachendes Bild heiterer Jugendlust:
Die S. C.-Kahnfahrt nach Connewitz, welche die Leipziger Korps in jedem Sommersemester gemeinsam unternommen hatten ...
Wann war doch das gewesen? Vor einer Ewigkeit ... in einem andern, versunkenen Leben ... Damals hatte die Welt in tausend Farben geleuchtet, hatten bunte Mützen und grellfarbige Bänder geblinkt, heiter abgehoben vom dunklen Grün der Ufersäume, vom Blau des klaren Himmels, das sich in den freundlichen Wellen des Flusses spiegelte ... Flüchtig, wie es herangeweht, zerstob das Bild, und wieder war nichts als der schneestarrende Wald und drunten die blaugraue Flut und ringsum Dämmerung und lastende Einsamkeit. Nur drüben, am jenseitigen Ufer, wohl zwanzig Schritte vor Pilgram, ging noch ein anderer einsamer Mensch, ein schwarzer, formloser Schatten, vorüberhuschend vor dem silbernen Reif, der den ganzen Wald, der alle Welt überflitterte.
Und wieder tauchte Valentin Pilgram tief in den schaurigen Abgrund seiner Grübeleien.
Wie, wenn es nun anders kam? Wenn das Gottesgericht gegen ihn entschied? Nun dann war eben alles aus — und er brauchte doch wenigstens nicht mehr zu leben auf einer Welt ohne Sinn ...
Aber — die daheim —?! Die Eltern, deren Stolz er war, er wußte das ... Der eifrige Vater, der in rastloser Arbeit zu einer der obersten Stellungen in der Königlich sächsischen Rechtspflege emporgestiegen war und in den zwanzig Jahren rüstiger Arbeit, die noch vor ihm liegen sollten, noch höher zu steigen hoffte? Er, in seiner starren Rechtlichkeit, seiner tadellosen Korrektheit der Art des Sohnes so innig verwandt? Nie hatten Vater und Sohn voreinander Worte zu machen gebraucht von dem, was sie beide längst wußten: daß sie Menschen einer Rasse, eines Wesens waren, würdige Glieder einer uralten Familie hochangesehener Gelehrten, Geistlichen, Beamten, die stets eine Zierde der Stadt, des Staates gewesen waren ... und die gute Mutter, ein Mensch, so recht zur Ergänzung dieses Schlages geschaffen, ohne starke Persönlichkeit, voll tiefsten Respekts gegenüber dem Gatten und dem Sohne, denen sie sich allzeit als freudige und nützliche Dienerin untergeordnet hatte, entsprechend den Traditionen der ehrbaren Geschlechter, aus denen auch sie entsprossen war, und die allzeit aufrechte Säulen der Ordnung und Tüchtigkeit gewesen waren. Die Schwestern, von der Mutter nach ihrem Vorbilde erzogen zu braven Gattinnen für diese ehrenfeste Art Männer, wie das Vaterland sie immer gebraucht hatte und, will's Gott, immer brauchen würde ... und nun — ein Sohn im Duell gefallen ... in einem Duell, in dem eine Rolle, eine wenn auch noch so entfernte Rolle immerhin ... eine Schauspielerin ... gespielt hatte? War das nicht wider den Stil der Familie? wider alle Gewohnheit ihrer Daseinsführung?
Nein, das war es nicht. Untadelig war, was immer er getan, seit Jucunda Buchners Bild emporgetaucht war in seinem jungen Leben, das nichts als Ehre gewesen war. Untadelig ... Und so würde er's vor jenem ernsten Gange für die Lieben daheim aufzeichnen, würde für jeden seiner Schritte die Motive, die Handlungen angeben, die Zeugen benennen. Und so würden die Seinen des Gefallenen mit tiefer und reiner Trauer ohne Groll und ohne Scham gedenken können, ja mit Stolz als eines Menschen, der auch diesem absurden Spiel dämonischer Mächte gegenüber geblieben, was er stets gewesen: ein Mensch ihrer Art ...
In diesem Augenblick trieb ein Windstoß dem einsamen Wanderer einen heftigeren Guß prickelnden Schnees ins Gesicht und scheuchte ihn aus seiner Versunkenheit auf. Es war fast völlig finster geworden, und Valentin Pilgram entschloß sich zur Stadt zurückzukehren. Seine Entschlüsse waren gefaßt, klar vor ihm lag der Weg, den seine Pflicht ihn gehen hieß. Zu was noch länger ziellos durch die Einsamkeit streifen? Daheim waren die Bücher ... und in wenig Tagen würde das Examen beginnen ... und Ruhe würde ja nun auch geworden sein daheim. Heut abend waren wieder die »Piccolomini« — Jucunda würde schon im Theater sein ...
Schon war Valentin Pilgram im Begriff kehrtzumachen, da fiel sein Blick zum jenseitigen Ufer, und er sah im letzten Dämmerschein etwas Unbegreifliches:
Kaum noch in matten Umrissen erkennbar, lag drüben die Sommerwirtschaft »Zum Wassergott«. Dort hatte er nach manchem Spaziergange mit Korpsbrüdern die Hitze des Marsches an einer Gose gekühlt und dem munteren Treiben der sonntäglichen Kähne auf dem Flusse zugeschaut. Und seitlich, an der Treppe, wo die Fähre anzulegen pflegte, stand ein Mensch, eine Frau. Auch sie nur ein grauer Schatten vor dem Dunkel, das unter der Galerie lastete. Und dieser Mensch tat nun etwas ganz Sonderbares: dieses Weib legte seine Kopfbedeckung ab — es schien eine Pelzmütze zu sein — und zog das Jackett aus, schob beides zusammengefaltet nach hinten in das Dunkel und stieg nun die Treppe hinunter bis dicht ans Wasser. Und nun — — in jähem Schrei entlud sich Valentins Entsetzen!
Schon in der nächsten Sekunde aber reagierte ganz automatisch sein Instinkt auf das grauenhafte Schauspiel, das sich bot. Mit einem Ruck riß er die Knöpfe seines Paletots und seines Rockes auf, schleuderte beide Kleidungsstücke mit einer jähen Bewegung in den Schnee und war mit einem Satz am Ufersaum, mit einem zweiten schoß er in die gelbe Flut hinaus. — Die markerschütternde Kälte des Wassers lähmte eine Sekunde lang seine Glieder wie sein Hirn, im nächsten Augenblick aber durchschoß ihn ein siedender Feuerstrom. Jeder Nerv, jeder Muskel spannte sich an wider das eisige Grauen — Arme und Beine strafften sich, mit heftigen, ruckartigen Stößen setzte er sich zur Wehr gegen die zähe Umklammerung des kalten Elements, in dem er trieb. Er schwamm, er wußte sein Ziel. Ueber der fernen Stadt lag ein roter Schwaden, dessen Widerschein sich in den träge hingleitenden Fluten spiegelte. In diesem matten Perlmutterglast glitt eine dunkle Masse, auf die schwamm er zu. Wenig Stöße, dann war's getan. Er griff in ein nasses Bündel Kleider hinein, fühlte warme Menschenglieder, umspannte eine schlanke Gestalt. Kaum spürte der wehrlose Körper die fremde Berührung, da zuckte er in aufbäumendem Entsetzen zusammen, krümmte sich, warf sich hin und her in den Eisstrudeln, welche die hintreibenden Leiber umquirlten. Doch nicht umsonst hatte der Student seine Muskeln in der harten Zucht des Fechtbodens gestählt und ihre Kraft in mehr denn zwanzig Waffengängen erprobt. Mit eisernem Griff umschlang er das zarte Figürchen, rang die strampelnden Arme nieder und lenkte mit heftigen Beinstößen dem nahen Ufer zu. Die nassen Kleider legten sich wie stählerne Klammern um seine Beine, der Druck der Schuhe machte die Füße schwer und hilflos, doch mit wildem Ungestüm zwang der Wille jedes Hemmnis nieder, den Frost, den Verzweiflungskampf der zuckenden Glieder, die er mit seinen Armen umschloß. Nach wenigen Sekunden fühlten die Füße Grund, Schlammgrund, doch er hielt. Nun packten beide Arme mit unwiderstehlichem Griff das leichte Körperchen um Hüften und Knie — noch ein kurzes, heftiges Ringen, dann griff die Linke einen tiefniederhängenden Weidenast, die Rechte schleifte die zappelnde Last durch die gurgelnden Wellen. Nun spannten beide Arme noch einmal sich an und hoben mit hartem Ruck den gefangenen Leib in die knackenden Büsche der Uferböschung hinein. Nun klang ein wimmerndes Stöhnen, nun keuchten klagende Laute wie eines kranken Kindes Stimme:
»Lassen Sie mich doch ... o bitte ... bitte, lassen Sie mich doch los!«
»Ne — gibt's nich!« keuchte der Student. Mit letzter versagender Kraft würgte er sich selber durch die schneeüberstäubten Zweige des Ufergestrüpps hindurch, zog den Körper der Geretteten vollends hinauf und ließ ihn in den lockeren Schnee gleiten, weil die ausgepumpten Muskeln nichts mehr hergaben. Schwarze Finsternis ringsum — nichts hörte Valentin, als das raschelnde Keuchen der eigenen Lungen, das ratternde Hämmern des eigenen Herzschlages und dazu aus der geheimnisvollen Dunkelheit zu seinen Füßen das wimmernde Schluchzen einer Mädchenstimme — immer nur dies wimmernde Schluchzen, dies hilflose Greinen.
»Lassen Sie mich doch los ... o bitte, bitte ... lassen Sie mich doch!«
»Ne,« keuchte Valentin Pilgram, »das können Sie nun wirklich nich ... von mir ... verlangen, Verehrteste ... ich hab' mich dermaßen für Sie ... abgeschunden ... jetzt lass' ich Sie nich wieder ... in die nasse Sauce da!«
Mit der Ueberwindung der Gefahr war ein grimmiger Humor über ihn gekommen. Er richtete sich auf, reckte die stählernen Glieder, schlug ein paar mal die Arme über der Brust mit kräftigem Ruck zusammen, um sich gegen die Frostschauer zu wehren, die sich in seine Haut einfraßen. Dann bückte er sich zu der Geretteten, bekam das schlanke Figürchen um die Taille zu fassen und setzte es mit einem energischen Hub auf die Beine.
»So, nun bleiben Sie gefälligst stehen ... aber nein, kommen Sie mit mir, wir rennen zum »Wassergott« zurück ... das macht warm ... Sie haben ja da meines Wissens Ihre Oberkleider gelassen, die holen wir ...«
Dabei versuchte er die Dunkelheit zu durchdringen, um etwas von den Zügen der Gesellin dieser seltsamen Begebenheit zu erkennen. Umsonst — nur etwas Nasses, Zitterndes hielt er in seinen Armen, dessen Wärme langsam die eisige Nässe der Hüllen durchdrang, die um ihre Glieder schlotterten. Die zarte Gestalt wollte wieder in die Knie sinken, aber er raffte sie empor, zog sie herzhaft an seine Seite und zwang sie, in raschem Schritt durch den lockeren Schnee mit ihm den Fußpfad pleißeaufwärts zu verfolgen.
Dabei redete er ohn' Unterlaß auf das junge Menschenkind ein, das wankend und noch immer leise wimmernd an seiner Seite schritt.
»Nun sagen Sie bloß, meine Gnädigste, wie sind Sie auf die verrückte Idee gekommen, bei so schauderhaftem Wetter Schwimmversuche in der Pleiße zu machen? — Dabei können Sie sich ja einen Schnupfen holen, den Sie in diesem Leben nicht mehr los werden. Denken Sie bloß, wenn ich nicht zufällig des Weges gekommen wäre ... Und noch dazu in Kleidern, das bringt ja nicht einmal ein Mann fertig, geschweige denn so ein kleines zartes Mädel wie Sie. — Oder sind Sie gar eine junge Frau? Dann sagen Sie's mir, damit ich Sie richtig anrede ... kommen Sie, wir müssen schneller laufen ... damit wir warm werden, Sie zittern ja gottserbärmlich. Schade, daß der »Wassergott« zugemacht hat, ich wäre kolossal für einen Grog oder auch deren mehrere, Sie nicht auch?«
So schwatzte er drauf los, allerhand banales Zeug, was ihm gerade in den Kopf kam, und nahm mit Befriedigung wahr, daß das Wimmern schwächer und schwächer ward und schließlich ganz verstummte.
Und dann kam eine wilde Lust an dem unerwarteten Abenteuer über ihn, das in seine verzweifelte Stimmung hineingeplatzt war wie ein Weckruf zu neuem Leben ... Und immer brennender wurde in ihm die Neugierde, die Züge der Unbekannten zu sehen, in deren Schicksal er hatte eingreifen dürfen wie vom Himmel gefallen.
Als die beiden einen Augenblick verpusteten, griff er in seine Hosentasche und zog die Zündholzschachtel hervor, sie war ganz trocken. Die wenigen Sekunden, die er in dem nassen Element zugebracht, hatten nicht genügt, um seine Kleidung gänzlich zu durchfeuchten. Da ließ er ein Hölzchen aufflammen und sah mit jähem Entzücken, welchen holdseligen Fang er gemacht. Dabei weckte ihm das triefende, glühende Gesicht, von langen dunklen Haarsträhnen überhangen, unbestimmte Erinnerungen ...
Aber eine Scheu verbot ihm zu fragen ...
Und das Flämmchen verlosch, das angstvolle Gesicht, die hilflos blickenden Augen versanken wieder in der Finsternis. Nein, jetzt nicht fragen — wie wund mußte diese arme flüchtige Seele sein ...
Da war der »Wassergott«. Valentin stapfte in die schneeverwehte Galerie hinein, aber die Gerettete ließ er dabei nicht los.
»Ne, ne, kommen Sie ruhig mit, Gnädigste, ich habe Angst, Sie möchten zu viel Geschmack an Ihren Schwimmkünsten gefunden haben ... und ob ich Sie zum zweiten Male da herausbrächte? Ich weiß wirklich nicht.«
In der Finsternis fand er die weichen, duftigen Pelzhüllen, ahnte voll Respekt, daß es sich um Kostbarkeiten handeln müsse, und hüllte seine Gefangene sorglich hinein. Sie wehrte sich nicht ...
Und nun der Heimweg. Durch das schneebepuderte Gitterwerk des dürren Waldes am jenseitigen Ufer leuchtete der Widerschein der fernen Stadt, der einen gelblichen Lichtbogen wie eine matte Aureole in die niederwallenden Schneenebel hineinzeichnete. Perlmutterfarben widerleuchtete sein Schein auf den friedlich meerwärts gleitenden Pleißefluten.
Das junge Blut, vom raschen Gang, von der fiebernden Erregung der Herzen aufgepeitscht, besiegte mählich die Frostschauer, die von den nassen Kleidern her die Glieder überrieselten. Und mit einem geheimnisvollen Gefühl brüderlichen Stolzes hielt der Student das zarte Figürchen umschlungen, preßte es an sich, wie um ihm abzugeben von der Siedeglut, die ihn durchpulste.
Noch immer schwieg sie, und wie ein Wasserfall redete Valentin auf sie ein:
»Das hätt' ich mir weiß Gott auch nicht träumen lassen, daß ich meinen Spaziergang in so angenehmer Gesellschaft beenden würde. — Und Sie? Finden Sie es nicht doch viel netter, zu zweit hier im Schnee zu waten, als einsam da unten in der dreckigen Pleiße zu paddeln? — Sehen Sie mal, wie hübsch sich drüben das Gezweige von dem roten Himmel abhebt! Da kann man's wahrhaftig sehen, wie helle die Leipziger sind — sogar der ganze Himmel ist hell über dem guten alten Biernest ... Aber nu sagen Sie doch auch mal was, Fräulein! oder haben Sie Ihre Stimme da unten im Wasser gelassen? Das wäre doch schade. Ich denke mir, Sie müssen sehr niedlich plaudern können ... Soll ich Sie vielleicht noch einmal erleuchten und mich auch, damit Sie sehen, daß Sie es mit einem ganz ordentlichen Kerl zu tun haben? Sie haben doch am Ende nicht gar Angst vor mir?«
Und horch!
Da klang's auf einmal aus der Dunkelheit neben seiner Schulter, leise wie ein Taubengirren:
»Angst ... ach nein — wie könnte ich Angst vor Ihnen haben, Sie sind ja so gut zu mir —«
»Hurra! sie kann wieder reden!« jauchzte der Bursch. »Herrlich! herrlich! Und nun — nun sagen Sie mir's mal gleich, wohin ich Sie bringen darf? Denn nach so einer Strapaze gehören kleine Mädchen ins Bett ... Auch ein Glühwein könnte nicht schaden. Also — wohin soll's gehen? Heraus damit!«
Leise nannte das Mädchen seine Adresse. Unwillkürlich schmiegte sie sich fester in den führenden, schützenden Arm. Ihr war, als sei ihr noch nie so wohl gewesen, so geborgen wie in diesem Augenblick. Das Dasein, das ihr vor einer Viertelstunde noch schal und wertlos erschienen war, nun glomm es wieder auf in ihr voll Sehnsucht nach neuem Erleben, voll Dankbarkeit, noch da zu sein, die eigene Wärme siegen zu fühlen über die eisige Nässe, der sie sich anvertraut — das ferne Leuchten zu sehen über der Stadt, wo die Menschen hausten, wo das Leben brandete, wo man Komödie spielte — aß und trank, lachte und küßte ... Gott, welch ein Wahn, welch eine Raserei war doch nur über sie gekommen und hatte sie da hinuntergetrieben —?
Ach leben — nur leben. Besser, sich prügeln lassen vom Schicksal, besser, sich auf und ab wirbeln lassen zwischen Glückseligkeit und Tränen, Tränen und Glückseligkeit, als dies kalte Nichts da unten.
»Ich danke Ihnen,« stammelte sie. »Ich danke Ihnen!«
Und lustig schwatzend von den gleichgültigsten, törichtsten Dingen, als seien sie zwei alte Bekannte, die sich beim Spaziergang begegnet, stapften die zwei Menschen fürbaß durch den knietiefen Schnee.
»Haben Sie warme Backen?« fragte der Student. »Au! Teufel ja, die brennen ja wie ein Oefchen — und die Hände? Ziehen Sie doch die nassen Handschuhe aus, das gibt ja Rheumatismus — richtig, die sind wie zwei Eiszapfen. Da weiß ich Rat, wir werden uns schneeballen. Los! Greifen Sie zu, ich laufe voraus. Daß Sie mir aber nicht wieder auskneifen und in die Pleiße spazieren!«
Nein — Asta hatte keine Sehnsucht mehr nach der Pleiße. Sie bückte sich, griff mit den erstarrten Händen in die lockere Masse, die alles überlagerte — und klatsch, da flog ein raschgeformter Ball dem riesigen Begleiter vor die Brust, daß es nur so knallte ... Und lachend, rennend, prustend, wie zwei Kinder, tollten die zwei den Weg entlang.
Schon schatteten die dunklen Fronten der Vorstadthäuser in das silberne Flockengeflitter hinein. Nun galt's sittsam und verständig nebeneinander durch die Straßen zu schreiten, in denen nur wenige schneebepuderte Gestalten unter weißbezuckerten Regenschirmen hastig und lautlos ihren Behausungen zustrebten.
Als aber der erste Laternenschein dem wandelnden Paar die Gestalt des Partners zeigte, schrie das Mädchen plötzlich auf:
»Um Gottes willen, Sie sind ja in Hemdärmeln! Sie werden sich den Tod holen!«
»Ach! keine Spur!« lachte der Student. »Ich glühe nur so! vorwärts, nur vorwärts!«
Jeder Vorüberwandelnde stutzte, als er das seltsame Schauspiel sah, daß ein junger Mann barhäuptig und hemdärmelig neben einer elegant bepelzten Dame herschritt.
Rasch war Valentin des Anstarrens, des Stehenbleibens satt. Auf der Zeitzer Straße rief er eine Droschke an, deren schneebepackter Gaul mühselig und dampfend dahin keuchte. Und nun war nach wenigen Minuten die Sophienstraße erreicht, die Hausnummer, die das Mädchen angegeben.
Es kostete Mühe, in den nassen Kleidern die Treppe hinan zu kommen, den Korridorschlüssel zu finden.
Mit Ueberraschung bemerkte der Student, daß es die wohlbekannte Wohnung war, in der Mutter Ach schaltete, sie, die ganze Generationen von Franken beherbergt hatte. Sie, bei der jetzt jener andere wohnte, dem Valentin Pilgram in ingrimmiger Einsamkeit eine fürchterliche Vergeltung geschworen ...
Starr vor Entsetzen stand die behäbige Witwe, als im matten Schein des Flurlämpchens ihre Mieterin vor ihr stand:
»Ei, herrjemerschnee! ne so was — ne so was ... Was hab'ns denn nur gemacht, Freilein? ... Und wer is denn das? — Weeß Knebbchen, das is Sie ja der Herr Pilgram! Herr Pilgram, is es meeglich?! Nu komm' Se doch bloß mal in die Stube 'nein — ich wer' gleich Feier machen — und Tee wer' ich 'n kochen, i nee so was, nee so was.«
Bei dem Namen Pilgram hatte das Mädchen gestutzt. Höher noch flammte ihr glühendes Gesicht. Stumm klinkte sie ihre Stubentür auf und huschte hinein. Die Tür ließ sie offen in dem dunklen Gefühl, daß ihr Retter einen Anspruch auf die behagliche Wärme habe, die ihr von drinnen entgegenschlug.
Doch der folgte ihr nicht — starr hingen seine Augen an dem weißen Kärtchen, das an der Stubentür befestigt war.
»Das — sind Sie?« fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.
»Ja, das bin ich — kommen Sie doch herein — wärmen Sie sich.«
Zögernden Schrittes trat der Student näher. In scheuem Staunen musterten sich die beiden jungen Menschen, das Hirn von wirren Gedanken durchkreuzt ...
Frau Wehe hastete herein, rannte geschäftig zum Feuer, um frische Kohlen aufzuschütten.
»Nu sagen Se bloß, Herr Pilgram, was haben Se denn angefangen alle zwei? Wer looft denn bloß in so en' Wetter hemdärmlig 'rum und mit bloßem Koppe?! Und naß wie de Katzen seid 'r alle zwee! Da soll wer anders draus klug wer'n!«
»Das Fräulein ist spazierengegangen an der Pleiße, hat im Dunkeln den Weg verfehlt, ist ins Wasser gefallen, ich habe sie herausgezogen,« erklärte Pilgram hastig.
»Gott soll mich bewahr'n!« schrie Frau Wehe. »Nu aber mal schnell ins Bett mit dem Kind! — Und Sie, Herr Pilgram, Sie gehen nebenan zum Herrn Thumser und nehm' sich Wäsche und Kleider, versteh'n Se mich?! Am besten wär's schon, Sie legten sich einfach da nebenan ins Bette! Herr Thumser wird schon nich beese sinn! Und dann koch' ich Euch Tee oder Grog, 'ne paar Wärmepullen unter de Decke, ich wer' schon machen!«
»Nein!« schrie da Asta Thöny. »Herr Thumser, nein — das geht nicht — der darf nichts davon wissen ... der auf keinen Fall!«
»Ach Quatsch!« rief die stämmige Wirtin. »Ihr holt Euch ja den Tod alle zwee, da gibt's nischt zu reden — machen Se fort, Herr Pilgram, in's Bette mit Ihn' —!«
Mit angstvollen, flehenden Blicken hingen des Mädchens Augen an den erstarrten Zügen ihres Retters, seiner finster zusammengekrausten Stirn. — Sie schwieg, sie wußte, daß sie nicht länger bitten durfte, wo es um seine Gesundheit ging, vielleicht um sein Leben ...
Heiser fragte da Valentin Pilgram:
»Thumser? Warum darf der nicht wissen —? Kennen Sie Thumser?«
Tief senkte das Mädchen den Kopf, stand regungslos, schauerte plötzlich in Frösten zusammen. Auch der Student schwieg. In wirrem Grübeln, in finstrem Forschen gingen seine dunklen Blicke zwischen dem zitternden Mädchen, der hilflos, verständnislos dreinglotzenden Frau hin und wider.
»Kennen Sie Hans Thumser, gnädiges Fräulein?« fragte er noch einmal, hart und befehlend. Ein Verdacht reckte sich dräuend in ihm auf. So phantastisch, so aberwitzig, daß der Verstand sich sträubte, ihn zu formulieren ...
Asta antwortete nicht. Sie sank immer tiefer in sich zusammen. Und plötzlich knickte sie in die Knie, ihre Arme fielen auf einen Stuhlsitz, das Köpfchen mit den triefenden, zerzausten Flechten glitt in die silbernen Falten des Pelzwerks, das sich um ihre Glieder schmiegte, und ein jähes Schluchzen durchrüttelte die hingeworfene Gestalt.
Valentin Pilgram begriff ... Das fehlte noch, das war das letzte ... Und die ganze, kochende sinnverwirrende Wut, die den Nachmittag über sein Inneres verwüstet, schlug in roter Lohe aus den Tiefen seines Wesens empor, stieg ihm in die Augen, in die Stirn, in die Fäuste. —
»Der Hund —! Ah, der Hund!« knirschte er. »Sorgen Sie mir gut für das Fräulein, Frau Wehe! Adieu!«
Er stürzte hinaus. Die Stubentür, die Korridortür krachten hinter ihm ins Schloß.
Asta Thöny war emporgefahren. Blitzschnell schloß sich die Gedankenkette: Also der da, ihr Retter, das war Valentin Pilgram — er, den sie kannte aus Hansens Erzählungen, von dem sie wußte, wie er in jähem Zorn sich zur Sühne für eine Schmach gedrängt, die ihrer großen Kollegin widerfahren ... Und nun, nun stürmte er von hinnen, unvollkommen bekleidet wie er war, schäumend vor Wut, wie sie ihn mit einem letzten Blick gesehen. Und sein letztes Wort war eine gräßliche Drohung für Hans Thumser gewesen. Für ihn, von dem er nicht einmal in dieser Not trockene Kleider hatte annehmen wollen.
Das bedeutete Gefahr — Todesgefahr für den geliebten, den treulosen Jungen —!
Todesgefahr —! Noch meinte sie den stählernen Druck des Armes zu fühlen, der sie aus dem kalten Flutengraus gerissen, der sie so sicher und brüderlich heimgeleitet.
Wehe dem, der diesem Arm verfiel.
Nein, nein ... das nicht, das nicht! Um diesen Preis gerettet zu sein, nein, das nicht ... o Gott, das nicht —!
»I herrjemerschnee, Fräulein Thöny, was hat er denn nur, der Herr Pilgram, was hat er nur?« stammelte Frau Wehe.
»Still, still!« winkte Asta ab. »Lassen Sie mich einen Augenblick.« Und hastig sann sie, wo Hans Thumser nur stecken könne in diesem Augenblick ...
Ach so — Mittwoch — offizielle Kneipe ... Ach, sie kannte den Wochenkalender des Korps in- und auswendig. Also im Cafébaum, auf der Frankenkneipe ... Und da ... da würde ja auch der Rächer ihn suchen ... nein — das nicht ... o Gott, das nicht —
Und mit einem Ruck stülpte sie das Barett wieder auf, klappte den Kragen des Pelzjacketts in die Höhe, und triefend und schlotternd, wie sie war, rannte sie an der verblüfften Wirtin vorüber, flog die halbdunkle Stiege hinunter, stand auf der Sophienstraße ...
Drüben fluteten dichte Menschenströme, vom Glast der Laternen des Carolatheaters überstrahlt, vom Flockengestiebe silbern umflittert, in die dunkel gähnenden Pforten des Kassenflurs hinein.
Gott sei Dank, »Piccolomini« —! Asta war dienstfrei. In die erste Droschke, die drinnen ihre Fracht abgeladen hatte und aus der dunklen Ausfahrt herausrumpelte, sprang Asta hinein, rief im Einsteigen dem Kutscher zu:
»Kleine Fleischergasse, Cafébaum, so schnell das Pferd laufen kann — einen Taler Trinkgeld sollen Sie haben, wenn's rasch geht!«
Der Wagenschlag klappte, der Kutscher schlug die Peitsche dem Gaul um die dampfenden Flanken, und durch die dunklen, schneeverwehten Straßen schwerfällig von dannen rollte das Gefährt.