14.

Asta hatte nicht schlafen können. Das Fieber hatte in dem zierlichen, doch kerngesunden Körperchen rumort — doch der Gedankensturm, der ihr Hirn durchbrauste, der Drang zu leben, zu helfen, ihr armes bißchen Sein dafür einzusetzen, daß nicht unsagbar Entsetzliches geschähe — dies inbrünstige Wollen hatte die heraufbrauende Krankheit niedergeworfen. Und früh um neun schon klopfte sie an Jucunda Buchners Tür.

Frau Kanzleirätin, noch in Nachtjacke und Unterrock, hatte hoch und teuer geschworen, Jucunda sei noch nicht zu sprechen. Asta Thöny hatte sich nicht abweisen lassen.

»Sie wird mir's danken, gnädige Frau!«

Aber Jucunda Buchner dankte nicht.

Aus unruhigen Morgenträumen voll ehrgeiziger Hoffnungen und ahnungsvoller Beklemmungen hatte das Pochen der Kollegin sie aufgeschreckt. Nun saß sie aufrecht im Bett, sehr ungnädiger Laune, kaum, daß sie der Besucherin einen Stuhl anbot. Sie liebte es nicht, sich unvorbereitet überraschen zu lassen.

Mit fliegenden Worten berichtete Asta: ihren Spaziergang an der Pleiße verschwieg sie allerdings, um so genauer aber erzählte sie von dem Renkontre zwischen Pilgram und Thumser auf der Frankenkneipe und sparte nicht an grellen Farben. Sie war überzeugt gewesen, Jucunda würde alsbald um Hans Thumsers willen mit allen Anzeichen des Entsetzens aus dem Bette springen und Hals über Kopf zu dem Geliebten wollen, um ihm nicht von seiner Seite zu weichen, bis die Gefahr an ihm vorübergegangen war ...

Statt dessen sah Jucunda sie stillschweigend mit spöttisch zusammengebissenen Lippen an, als sie hocherglühend ihren Bericht geendet.

»Nun?« fragte Asta ganz erstaunt.

»Mir fällt etwas auf an Deiner Erzählung, liebes Kind,« sagte Jucunda. »Du erzählst mir da von einem Auftritt, der sich auf der Frankenkneipe zugetragen hat ... und zwar wenn ich recht verstanden habe, hast Du nicht nur vom Hörensagen berichtet, sondern Du warst selber dabei gewesen — stimmt's oder stimmt's nicht?!«

Astas Wangen, vom heftigen Gang durch den Schnee gerötet, glühten noch höher auf.

»Ja ... ich habe alles ... selbst mit angehört ...« gestand sie.

»Hm — dann darf ich mir wohl die Frage gestatten: wie kommst denn Du auf die Frankenkneipe?«

Astas Hände zupften unstet an den Falten ihres Rockes.

»Ja, wie soll ich Dir das ... erklären? Es ist ja auch ... eigentlich gleichgültig ... wie ich hingekommen bin — ich war eben ... da.«

»Nun, so gleichgültig kann ich das eigentlich nicht finden,« meinte Jucunda. Sie lehnte sich zurück in die Kissen, stützte sich auf die Ellbogen und fixierte die niedliche Kollegin mit überlegen spöttischem Blick. »Na, also lassen wir das einstweilen mal dahingestellt. Aber: zu welchem Zweck teilst Du mir denn das alles mit?«

»Ja, aber um Gottes willen, Jucunda, das geht doch nicht, das darf doch nicht sein, daß die zwei guten Jungens sich totschießen Deinethalb!«

»Meinethalb?« Jucunda hatte sich hochaufgerichtet. »Wieso meinethalb? Erkläre mir das!«

»Ja, aber Jucunda — das ist doch ganz klar! Uebrigens, um Gottes willen, der eine, der Pilgram, der wohnt doch hier nebenan, gelt, kann der uns auch nicht etwa hören?«

»Beruhige Dich, liebes Kind, meine Mutter hat mir schon mitgeteilt, daß er heut nacht nicht nach Hause gekommen ist. Also bitte, wie kommst Du auf diesen Einfall?«

»Aber begreifst Du denn das noch immer nicht?! Der Pilgram ist doch nur eifersüchtig auf den Thumser, weil Du ihn hast abfallen lassen und den andern — —«

»Und den andern?!« fragte Jucunda scharf. »Na, was denn! Bitte, was denn?!«

»Nun, der andere ... ist denn der andere nicht gestern nachmittag bei Dir ... bei Dir gewesen —?«

»Er war gestern nachmittag zum Tee bei mir, nu! Und was weiter?«

»Zum — Tee —?!« fragte Asta mit einem halb wehmütigen, halb verschmitzten Lächeln. »Nur zum Tee —?«

»Na! zu was denn sonst, bitte?!« fragte Jucunda heftig.

»Na, wir wollen nicht streiten,« meinte Asta. »Also: ob die zwei braven Kerle sich Löcher in den Leib schießen Deinethalb, Dir ist's rund herum egal, scheint's?!«

»Meinethalb? Ich weiß nicht, ob sie's meinethalb tun, mir haben sie's nicht gesagt. Und übrigens — ich möchte wissen, was ich daran ändern kann, wenn die zwei sich's in den Kopf gesetzt haben, aufeinander loszuknallen. Ich habe sie nicht geheißen, ich kann sie nicht hindern!«

Asta Thöny spielte mit den Zipfeln ihres Pelzjacketts und sann angestrengt nach mit zusammengekniffenen Brauen. Dabei stieg eine helle Freude, ja ein lustiger Uebermut langsam, aber immer mächtiger in ihr empor. Das war ja eigentlich wunderschön, was sie da erfuhr. Sieh da, Hanschen! Viel Glück scheinst du mit deinem Teebesuch bei der großen Jucunda ja nicht gehabt zu haben! Und für das bißchen Ehre auch noch totgeschossen zu werden — nein, das wollen wir doch mal sehen, ob wir das nicht hintertreiben können. Aber dazu brauchen wir ja wohl nicht die große Jucunda — das können wir uns schließlich auch allein verdienen ...

»Verzeih, liebe Jucunda,« sagte sie. »Ich habe mir eingebildet, Du hättest was übrig für Hans Thumser, da habe ich mich also anscheinend geirrt. Nun dann freilich —«

»Allerdings, mein Kind, da hast Du Dich geirrt. Vielleicht erinnerst Du Dich daran, daß Herr Thumser zwanzig Jahr und ein Student ist. Es mag ja Kolleginnen geben, die sich aus derartig — ungaren jungen Herren was machen. Ich für meine Person — ich lege auf derartige Bekanntschaften keinen Wert.«

Ach so, die Großartige willst du spielen! Na warte —!

»Wenigstens nicht, wenn's ein x-beliebiger Bürgerlicher ist, willst Du sagen, nicht wahr? Wenn's freilich ein Prinz wäre — das ist was andres, gelt, Jucunderl, denn kann er so ungar sein wie er will, hab' ich recht?«

Da fuhr Jucunda Buchner so heftig in die Höhe, daß Asta Thöny unwillkürlich aufstand und einen halben Schritt zurückwich. Die schönen Hände krallten sich, das majestätische Gesicht verzerrte sich zum Ausdruck einer Medusa, die stahlblauen Augen funkelten Wut gleich den Lichtern einer gereizten Katze:

»Was fällt Dir ein, was erlaubst Du Dir?!« Doch rasch glätteten sich ihre Züge zum Ausdruck eiskalter Verachtung, sanken die schönen Schultern nachlässig in die Kissen zurück, und mit einer Handbewegung, gleich jener, mit der eine Königin eine unbotmäßige Kammerfrau entläßt, befahl sie:

»Verlassen Sie mein Zimmer, mein Fräulein!«

Asta Thöny lächelte ihr boshaftes Spitzbubenlächeln. Sie sank in einem tiefen Hofknix zusammen:

»Zu Befehl, Frau Marquise, wünsche gute Karriere.« Und schon war sie hinaus.

Während sie die Katharinenstraße hinunterschritt und den Marktplatz überquerte, dessen Schneedecke grell im duftumschleierten Lichte des frühen Wintermorgens gleißte, fühlte sie sich fast erstickt von der Seligkeit, die verhaßte Rivalin einmal bis aufs Blut geärgert zu haben.

So eine Hundeschnauze! so eine eiskalte! Tut, als hätte sie keine Ahnung, daß sie es doch allein ist, die all den Unfug angestiftet hat in den Brauseköpfen hüben und drüben — Gott! und wer weiß, was für Dummheiten sie sonst noch alles auf dem Gewissen hat! Ist nicht dies ganze Nest wie verrückt nach ihr? Aber das ist das Blödsinnige an dem Ruhm: hat unsereins sich erst mal durchgesetzt, dann liegt die Welt vor ihr auf dem Bauch, und das verrückte Mannsvolk bringt sich um für das Glück, von ihr mit Füßen getreten zu werden ...

Aber jetzt — jetzt ist sie wild. Jetzt faucht sie zu Hause, jetzt hat sie einmal gespürt, daß auch noch andere Katzen Krallen haben —!

Aber schau — wer war denn das? Da kamen aus der Kleinen Fleischergasse zwei grüne Mützen heraus, zwei Franken-Korpsburschen, sehr feierlich. Der eine, der ältere, trug den Paletot nachlässig geöffnet, und man sah darunter den bis hoch hinauf zugeknöpften Bratenrock ... Handschuhe trugen sie, gestreifte Hosen und Gummigaloschen. Der ältere, den kannte sie, den hatte ihr Hans einmal von ihrem Fenster aus gezeigt, es war Volkner, der jetzige Häuptling des Frankenbundes. Ingrimmigen Ernst auf den jungen Gesichtern, steuerten die zwei über den Marktplatz, bogen in die Katharinenstraße und verschwanden in der Tür, die sie selber soeben verlassen.

O Gott — sie wußte, was die zwei zu suchen hatten bei Valentin Pilgram da droben ... sie wußte: die sollten ihm Hans Thumsers Forderung überbringen ... das waren die Kartellträger ...

Daß Hans Thumser kein Glück gehabt bei Jucunda ... und daß sie selber es der verhaßten Rivalin einmal gründlich gegeben — über dieses doppelte Glück hatte Asta völlig den blutigen Ernst der Situation vergessen ... Sie wußte: Kavaliere — und waren sie auch erst seit ein paar Semestern flügge geworden, wie die Herren Korpsstudenten — die fackeln nicht lange mit dem Austrag solcher Händel. Und wenn erst die Pistolen geladen sind, dann kommt guter Rat zu spät ... und dabei mußte sie ja doch in die Probe. Morgen abend war ja Abschiedsvorstellung — »Wallensteins Tod« — und wenn sie auch nur ein winziges Röllchen hatte, das Fräulein von Neubrunn, Theklas Gesellschafterin und Vertraute — die Probe versäumen, das hätte sie sich doch nicht getraut. Der stramme Pflichtgeist, der das Meininger Ensemble beseelte, ließ einen solchen Gedanken selbst in höchster Not niemals aufkommen. Schon dreiviertel zehn, also höchste Zeit! Asta sprang in eine Droschke, befahl »Zum Carolatheater!« und drückte sich fröstelnd in den verschlissenen Plüsch. All ihr Uebermut war verweht. Was auf den starren, korrekten Amtsgesichtern der zwei jungen Gesellen da gestanden hatte, das legte sich wie eisig umklammernde Knochenfinger um ihr Herz.

Die zwei suchten Pilgram ... und wenn er jetzt noch nicht daheim war, er würde kommen, sie würden ihn finden, würden ihre Botschaft ausrichten ... Und dahinter lauerte ein Schreckensbild: das Bild einer tiefverschneiten Waldblöße, die in unberührter, weiter Fläche daliegt im ersten Morgenschein ... Nun rollen von hüben und drüben zwei Wagen heran, lautlos ... ein paar junge Männer entsteigen ihnen, rüsten sich zu geheimnisvoll grausigem Tun — nun treten sie alle rechts und links zur Seite, und zweie nur bleiben inmitten stehen, wenige Schritte nur voneinander, sie heben blitzende Läufe — einer zielt nach des andern Herzen ... und der eine von ihnen heißt Hans Thumser ...

Was tun? o Gott, was tun?!

Da, ein rettender Gedanke: Franz Burg ... der war doch einmal akademischer Bürger ... Wenn einer der Meininger nicht mehr ein noch aus wußte, ging er ja immer zu Franz Burg ...

Ja, das war's! Franz Burg mußte Rat schaffen. Aber wie den Gestrengen erreichen? Wenn sie auf die Bühne kam, würde die Generalprobe bereits begonnen haben — und bis die beendigt war, durfte man dem Szenenleiter mit nichts anderm kommen, aber auch mit gar nichts. Solange gehörte er nur seinem Werk. Und jeder Versuch, ihn mit andern Dingen zu befassen, würde höchstens eine erstaunliche Grobheit eingetragen haben.

Und darüber würde es drei Uhr werden ... Gott, was konnte inzwischen alles geschehen! So lange war man machtlos, war man im Dienst ... war man »Fräulein von Neubrunn, Hofdame der Prinzessin«.

Und die Prinzessin? — Selbstverständlich Jucunda Buchner ... die große Jucunda ...

Drei Uhr nachmittags.
Auf der Kneipe des Korps Misnia tagte das S. C. Ehrengericht zur Entscheidung über die hängende Pistolenforderung des Korpsburschen eines wohllöblichen C. C. der Franconia Thumser wider den früheren C. B. Pilgram.

Der Kneipsaal, sonst nur »zu den festlichen Gelagen« bestimmt, war nun zu verhängnisschwerer Tagung eingerichtet. An den hufeisenförmigen Tischen saßen die Ehrenrichter, je zwei von jedem der fünf Leipziger Korps, und von dem präsidierenden Korps Misnia noch ein dritter Korpsbursch als Protokollführer.

Wie um das feierlich Eindrucksvolle des Femgerichts zu unterstreichen, waren die Schlagläden heruntergelassen, und die gelben Flammen der Gaslichtkrone warfen zuckende Reflexe auf die bunten Mützen, die dreifarbenen Bänder, die blinkenden Scheiben der Klemmer und Monokels, die schmißdurchsetzten Jugendwangen, die in feierlich offizielle Falten gelegt waren.

Hans Thumser, als der Beleidigte, wurde zuerst gehört.

Mit knappen Worten berichtete er den Vorfall, der sich am gestrigen Abend auf der Kneipe seines Korps zugetragen. Als er geendet, fragte der Vorsitzende, Graf Schmettow, der Erste der Meißner, ein über die Maßen patenter, hagerer Gesell, dessen linke Wange eine furchtbare Säbelnarbe von der Schläfe über den Mundwinkel bis ins Kinn hinein durchzog:

»Danke, Herr Thumser. Ihre Erzählung ist natürlich so, wie sie da vorgetragen worden ist ... äh ... nicht so recht verständlich ... offenbar ist doch zwischen Ihnen beiden ... äh ... noch irgend etwas andres vorgekommen ...? Wollen Sie uns auch darüber Auskunft geben, oder wünschen Sie, daß zunächst sich Ihr Herr Gegner ... äh ... über den von Ihnen vorgetragenen Tatbestand erklärt?«

Hans Thumser sann einen Augenblick nach. Astas Bild, Jucundas tauchte einen Augenblick vor seinem Geiste auf. Hatte es einen Zweck, diese Erlebnisse in die Verhandlung mit hineinzuziehen? — Es war ja schließlich ganz gleichgültig, wie das alles geworden war ... wie es hatte kommen können, daß der einstige Korpsbruder ihm das Band von der Brust gerissen ... das war nun einmal geschehen. Die Tat lag vor, nackt und unerbittlich ... Für sie hatte er Sühne zu fordern — sie zu erklären war allenfalls des andern Sache, nicht die seine ...

»Ich habe vorläufig nichts weiter mitzuteilen, Herr Vorsitzender.«

Damit war er entlassen.

Und mit angespannter Neugier hingen nun die Blicke der jugendlichen Ehrenrichter an der Reckengestalt des Jünglings, der so lange als der Besten einer in ihrer Mitte gestanden hatte, dessen scharfe Klinge nicht nur, dessen scharfes Wort, dessen ganzes vorbildliches Wesen einem jeden stets den vollkommensten Respekt abgezwungen. Da war keiner im Leipziger S. C., der nicht den Fall Pilgram mit brennendem Interesse, mit aufrichtiger Sympathie verfolgt hätte. Und jeder hatte Gelegenheit gehabt zu beobachten, wie Franconias einstiger Senior schon gar bald nach seinem Ausscheiden aus dem Korps wie unter der Last eines grundstürzenden Erlebnisses förmlich in sich zusammengesunken war, verändert, verwildert, tiefster Verbitterung anheimgefallen.

Nun schien er wieder der Alte, zum mindesten in seiner äußeren Erscheinung. Korrekt gescheitelt und gekleidet, in tadellosem Gehrock und Lackschuhen stand er vor dem Ehrengericht, nur um seine Brust fehlte das Band und auf seinem Gesicht das alte trotzig-heitere Selbstbewußtsein ...

»Herr Pilgram,« begann der Vorsitzende, »ich brauche Ihnen nicht zu sagen, worum es sich handelt. Herr Thumser Franconiae hat Ihnen eine Pistolenforderung auf fünfzehn Schritt Barriere und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit übersandt wegen eines Renkontres, das Sie mit ihm gestern abend gegen neun Uhr auf der Frankenkneipe gehabt haben. Entsinnen Sie sich der Ausdrücke, die Sie gebraucht haben, und ist es Ihnen auch bewußt, daß Sie ihm das Korpsband von der Brust gerissen, dann zum Schlage ausgeholt haben, und nur durch das Dazwischentreten der Herren Korpsbrüder des Herrn Thumser verhindert worden sind, Herrn Thumser noch weiter tätlich anzugreifen?«

»Allerdings,« erklärte Pilgram ruhig. »Ich entsinne mich des Vorfalls genau. Ich war vollständig Herr meiner Sinne und übernehme für meine Handlungsweise die volle Verantwortung.«

»Sie sind also bereit, Herrn Thumser die standesübliche Genugtuung mit der Waffe zu geben? Und haben andrerseits nicht die Absicht, irgendwelche andere Formen der Sühne in Vorschlag zu bringen?«

»Nein!« sagte Valentin Pilgram.

Einer der Ehrenrichter bat ums Wort. Herr ten Brink, der Erste Chargierte der Guestphalia, ein langer, semmelblonder, sommersprossiger Sohn der roten Erde.

»Es ist mir was aufgefallen in der Erzählung des Herrn Thumser,« sagte er. »Herr Thumser hat erzählt, Sie hätten ihm einen Brief zu lesen gegeben, dessen Inhalt ihm vollständig unbekannt gewesen sei. Wollen Sie sich über diesen Punkt vielleicht auslassen?«

»Darf ich mir die Frage gestatten, Herr Vorsitzender,« erwiderte Pilgram, »ob Herr Thumser über diesen Punkt bereits nähere Erklärungen gegeben hat?«

»Nein!« sagte Graf Schmettow. »Wir haben vorläufig darauf verzichtet, uns überhaupt mit der Frage zu beschäftigen, was für ... äh ... Motive hinter dem ... Renkontre vorhanden gewesen sein mögen.«

»Dann —« sagte Valentin Pilgram, »dann würde ich für meine Person vorziehen, diese Seite der Sache ebenfalls unerörtert zu lassen, vorausgesetzt, daß ein hohes Ehrengericht nicht seinerseits darauf besteht.«

»Ich verstehe,« sagte der Vorsitzende. »Die Herren scheinen also einig darüber zu sein, daß der Tatbestand der Beleidigungen lediglich an und für sich hier zum Gegenstand der Verhandlung gemacht werden soll, ohne daß auf ihre Veranlassung weiter einzugehen sein würde — aus Gründen der Diskretion vermutlich, nicht wahr?«

Pilgram nickte stumm.

»Wenn ich recht verstehe,« fuhr der Vorsitzende fort, »so stellen die beiden Herren Gegner sonach den Sachverhalt übereinstimmend dar. Danach würde wohl eine Vernehmung von Zeugen und jede weitere Aufklärung des Sachverhalts erübrigen, nicht wahr, meine Herren?!«

Zustimmend nickten die Ehrenrichter, und der Vorsitzende entließ den Beleidiger.

Die Beratung war nur kurz. Der Fall lag ganz klar: es handelte sich um eine tätliche Beleidigung, die zur Ausführung gekommen war, und um eine solche, deren Ausführung nur durch das Eingreifen Dritter verhindert worden war. Die erstere, das Abreißen des Korpsbandes, kam an Schwere der zweiten, vereitelten mindestens gleich. Neben diesen Realinjurien spielen die vorgefallenen wörtlichen Beleidigungen nur eine nebensächliche Rolle. Der Beleidiger hatte zugegeben, bei klarem Verstande und wohlüberlegt vorgegangen zu sein. Unter diesen Umständen war es vollkommen klar, daß die Forderung genehmigt werden mußte, und zwar ohne daß ein Anlaß vorlag, die sehr scharfen Bedingungen zu ermäßigen.

Schon neigte sich die Verhandlung ihrem Ende, da erbat Herr ten Brink Guestphaliae Erster noch einmal das Wort:

»Ich weiß nicht, meine Herren, die Sache kommt mir eigentlich ein bißchen merkwürdig vor. Die Geschichte mit dem Brief will mir nicht aus dem Kopf, ich habe das Gefühl, da steckt ein Mißverständnis hinter. Ich meine, das Ehrengericht ist doch schließlich nicht bloß dazu da, über eine Forderung zu entscheiden — ich meine, unter Umständen wäre es doch unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Mißverständnisse aufzuklären ... kurz, zwischen den Parteien zu vermitteln. Ich meine, wir sollten in diesem Fall doch ein wenig genauer auf die Vorgeschichte des Renkontres eingehen. Um so mehr, als meines Erinnerns Herr Thumser geäußert hat, der fragliche Brief sei von einer Dame geschrieben gewesen. Na, meine Herren, wir wissen doch alle, wenn die Weiber in so 'ne Affäre hineinspielen, dann ist es meistens halb so schlimm.«

Ein kurzes, verständnisinniges Schmunzeln auf allen Gesichtern, das aber schnell der gewohnten, feierlichen Korrektheit wich. Der Vorsitzende meinte:

»Ich halte uns nicht für befugt, in die persönlichen Angelegenheiten der Kontrahenten einzudringen, wenn diese nicht selbst Wert darauf legen. Ich glaube — der Versuch einer Vermittlung zwischen den Herren würde ... äh ... eine Ueberschreitung unserer Kompetenz sein ... und zugleich ein Eingriff in die Verfügungsfreiheit der Herren, den sie sich nicht gefallen zu lassen brauchten. Aber ich weiß nicht, wie die anderen Herren darüber denken? Bitte sich zu äußern!«

Es stellte sich heraus, daß ten Brink mit seiner Auffassung ganz allein stand. So wurde denn die Forderung mit den Stimmen aller Ehrenrichter gegen die seinige genehmigt und dies den beiden Parteien mitgeteilt.

Das Schicksal war gefallen.

Gleich nach dem Ehrengericht traten die Sekundanten der beiden Parteien zusammen. Volkner für Thumser und Herr Borgmann Neo-Borussiae Erster für Pilgram. Sie verabredeten als Platz für das Duell die Heiderwiese, eine Waldlichtung im Ratsholz, südwestlich von Connewitz, unfern des linken Pleißeufers, am Reitwege nach Gautzsch, und als Zeit für die Austragung punkt sechs Uhr am folgenden Morgen.

Hiervon benachrichtigten sie ausschließlich den Grafen Schmettow und ersuchten ihn, als Senior des derzeit präsidierenden Korps das Amt eines Unparteiischen zu übernehmen.

Dann wurden die Korpsdiener unter Hinweis auf ihre Pflicht zu absoluter Verschwiegenheit ins Vertrauen gezogen und angewiesen, den Pistolenkasten instandzusetzen, Wagen zu bestellen. Den Vertrauensarzt des S. C. in derartigen Fällen, den Sanitätsrat Dr. Collwitz, einen Alten Herrn der Neo-Borussia, übernahm Herr Borgmann zu bestellen.

Diese Vereinbarungen hatten im Konventszimmer der Misnia stattgefunden, welches den Herren für diesen Zweck zur Verfügung gestellt war. Nun verabschiedete man sich voneinander mit dem üblichen Händedruck bei hochgehobenen, eingewinkelten Ellenbogen und zeremonieller Verbeugung.

Volkner begab sich in eine gegenüberliegende Konditorei, in der Hans Thumser seine Mitteilungen abwartete, und benachrichtigte ihn vom Geschehenen.

Das alles geschah in kurzen, formelhaften Wendungen. Kein Wort wurde gesprochen zwischen den beiden jungen Leuten, das über das sachlich absolut Notwendige hinausging. Jeder mußte die letzte Kraft aufwenden, Haltung zu bewahren angesichts des Grauens, das von diesem Unabwendbaren ausging, von diesem Unabwendbaren, das nun herankroch mit dem schleichenden Schritt der Sekunden und Minuten; das sich vollenden mußte, bevor es abermals Tag geworden.

Nach Schluß der Probe mußte Asta lange warten, bevor sie den Oberregisseur für sich allein bekam. Tausend Geschäfte, tausend Bitten drängten sich noch an ihn heran. Schließlich wurde es ihm zu toll:

»Kinder, ich bin auch nur ein Mensch und muß heut abend den Wallenstein spielen. Jetzt schert Euch gefälligst alle zum Teufel! Ich will schlafen.«

Asta schoß hinter ihm drein.

»Meister, eine Bitte, Sie müssen mich anhören, es geht um Tod und Leben!«

»Und wenn's um sechsundzwanzig Paar Regensburger Würschte geht, ich kann nicht mehr.«

»Helfen Sie mir, Meister, oder soll ich hier auf dem Korridor einen Kniefall tun?«

»Nützt Ihnen auch nichts, kommt alle Tage vor. Lassen Sie mich in Frieden!«

Asta brach in Tränen aus und hängte sich an des Davonhastenden Arm.

»Pah!« brummte der, »auch noch flennen! nützt Dir auch nichts, kommt auch alle Tage vor!«

Aber er schüttelte sie doch nicht ab, als sie sich an seinen Arm hing und das feuchte Gesichtchen an seiner Schulter barg — als sie sich hinter ihm in seine Garderobe drängte.

»Also in drei Teufels Namen, was gibt's? Aber kurz, bitte!«

Er ließ seine lange Gestalt mit einem Grunzen halb des Grimms, halb des Behagens auf das schminkfleckige Sofa fallen. Wies der Besucherin mit Handwink den Frisierstuhl als Sitzgelegenheit. Asta drehte den Stuhl herum, hockte auf seiner vordersten Kante, erzählte stockend, befangen, verwirrt ...

Als sie schwieg, tippte Franz Burg mit dem Mittelfinger der Rechten auf seine Brust und zuckte ein paarmal langsam die Schultern. Seine Brauen waren hochgezogen, um die schmalen Lippen spielte in tausend Fältchen ein Mephistoschmunzeln.

»Sie sollen mir raten, was ich tun soll, Meister!«

»Ja, Kindchen, soweit ich aus der Geschichte klug geworden bin, handelt es sich also um zwei Studenten, und einer von ihnen ist momentan Quartiergast in dem Kämmerchen da drüben unter Ihrem Pelzjackett, das freilich, soviel mir bekannt ist, häufig seinen Mieter wechselt. Aber, wat sall ick dorbi dauhn?«

»Einen Rat — einen Rat will ich, lieber Herr Burg. Sie sind doch Student gewesen — was fängt man nur an, um die zwei wieder auseinanderzukriegen? Was soll ich tun, sagen Sie mir, was soll ich tun?!«

»Die Karre laufen lassen, wie sie laufen will! Ich bitt' Sie — die jungen Leute müssen doch was erleben ... Sehen Sie sich doch um in der Welt! da geht ja heute alles so verflucht ehrbar, korrekt und vorschriftsmäßig zu, es passiert nichts — und passieren muß doch was in der Welt ... wovon sollen wir denn sonst leben, wir armen Komödianten, und die Poeten, die für uns Komödie schreiben! Ist ja 'n wahrer Segen, daß wenigstens auf deutschen Hochschulen noch manchmal 'n bißchen gerauft und geknallt wird. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, daß noch Leidenschaft in der Jugend drin steckt ... daß noch Tragödien passieren. Das wäre ja doch ein wahrer Jammer, wenn man so was hintertreiben wollte.«

»Aber wenn nun ein Menschenleben dabei zugrunde ginge, bedenken Sie doch, Meister! So ein blühendes, herziges, junges Studentenleben!«

»Na — wenn schon!« knurrte Burg, »Studenten gibt's doch weiß Gott genug auf der Welt. Eine große Sensation ... eine — na, einen Stoff — das ist wahrhaftig so'n Allerweltsstudentenleben wert!«

»Herr Burg, Sie sagen Allerweltsstudentenleben ... das stimmt hier aber nicht; der eine, das ist kein Allerweltsstudent, das ist was ganz Besonderes —«

»Der eine? Also Ihrer selbstverständlich, nicht wahr?«

»Gott ja, meiner, wenn Sie wollen.«

»Nun, was ist denn so Besonderes an ihm?!«

»Er ist ein Dichter! Ach, so wundervolle Gedichte macht er. Wenn ich doch nur eins bei mir hätt'!«

»Sieh, sieh!« schmunzelte der Oberregisseur. »Also ein zukünftiger Bühnenlieferant. Na, dann soll er sich erst recht schießen!«

»Aber Herr Burg ... um Gottes willen!«

»Ja gewiß soll er. Entweder er geht drauf — na, in Gottes Namen: er ist der erste nicht. Wie mancher Homer ist blind geworden, ehe er Zeit gehabt hat, die Welt, das Leben so tief in sich hineinzusaugen wie der alte Griechenbarde ... Wie mancher Aeschylos mag in der Seeschlacht gefallen sein, wie mancher Schiller auf der Karlsschule in Verzweiflung und Verblödung hineingeknutet ... Das ist Kismet ... Wenn er aber übrig bleibt, glauben Sie nicht, daß er dann ein ganz andrer Kerl ist wie vorher, wenn er mal dem Tode ganz nahe ins Gesicht gesehen hat? Glauben Sie nicht, daß er Ihnen nachher noch viel schönere Verse machen wird; daß er noch 'ne ganz andere Nummer von Tragödie zustandebringt, wenn er erst mal erlebt hat, wie einem zumute ist, der die Nase hinhalten muß, wenn's drüben blitzt und knallt?«

Asta sprang auf, rannte schluchzend zum Fenster.

»Das ist entsetzlich, Herr Burg, das ist grausam!«

»Ne, das ist klug, das ist weise, Kindchen!«

»Also gut!« schrie die Kleine, warf sich herum, stand mit geballten Fäusten vor dem Oberregisseur, das reizende Gesicht von Grimm und Haß verzehrt. »Also gut! Sie sollen sich schießen ... einer soll auf dem Platze bleiben, alle beide — was kommt dabei heraus?! Nur eine neue Reklame für sie, für die große Jucunda! Was wird's heißen? Zwei Studenten haben sich geschossen ... wegen ihr, wegen Jucunda Buchner! Das ist's ja auch, was sie will, darauf hat sie's ja auch angelegt mit allem Raffinement, die Katze, die verdammte! Der ist's recht, wenn ein paar so fesche junge Kerle zum Teufel gehen ihretwegen — das paßt ihr grad in ihren Kram, dem hundeschnauzenkalten Weibsbild, das an nichts denkt — nur an sich, nur an sich!«

»Ach so!« lächelte Franz Burg. »Da zielt's hinaus! Mag sein, Sie haben recht, Kindchen ... Vielleicht ist unsere große Jucunda wirklich eine ganz haarsträubende Egoistin — aber ich wollte zu Ihrem Besten, Kleine, Sie selber wären's auch. Wenn Sie das erfreuliche Temperament, das Sie anscheinend im Leben besitzen, ein bißchen mehr zusammenhielten und auf Ihre Kunst losließen, statt auf Ihre ... auf die Mieter Ihres Herzenskämmerleins — glauben Sie mir, Sie wären eine größere Künstlerin, als Sie's leider sind. Sagen Sie mir nichts gegen die Jucunda, die ist ganz gut so wie sie ist. Die ist, was Sie nicht sind: eine Komödiantin. Die fühlt und weiß, wozu sie auf der Welt ist: nämlich zum Komödienspielen! Lieben und sich lieben lassen — schöne Sache, o ja, für die andern, für die Alltagsweiber — aber nicht für Euch. Zusammenhalten sollt Ihr Eure Glut, kalt wie Hundeschnauzen sollt Ihr meinetwegen sein im Leben, wenn Ihr nur abends, sobald der Lappen in die Höhe fliegt, Vulkane seid, wie die Jucunda einer ist! — Na, haben Sie noch weiter Schmerzen, Kleine?«

Gesenkten Blickes, mit zuckendem Kinn hatte Asta die Standrede des Meisters über sich ergehen lassen. Nun warf sie den Kopf trotzig in den Nacken, stampfte mit dem Fuß auf:

»Ich will aber nicht, ich will nicht, daß der lange Pilgram mir meinen süßen Jungen totschießt! Wollen Sie mir helfen, wollen Sie mir einen vernünftigen Rat geben?! Oder soll ich meiner Wege gehen?«

»Hm ... also das sage ich Ihnen, Astachen, gehen Sie weg vom Theater, aus Ihnen wird niemals was. — Also, wenn's denn absolut sein muß, die Sache ist doch entsetzlich einfach: Wenn Studenten Dummheiten machen, dann steckt man sich hinter ihre Eltern. Leben die respektiven Herren Väter noch?«

»Beide, soviel ich weiß.«

»Na also, und wo wohnen sie denn, die würdigen Erzeuger der beiden Hitzschädel?«

»Der eine wohnt da hinten im Rheinland irgendwo, soviel ich weiß.«

»Welcher? Ihr moralischer Schwiegerpapa oder der andere?«

»Nein, der eine,« sagte Asta, und das alte Schelmenlächeln blitzte durch Grimm und Tränchen wieder hindurch.

»Also an den wird bis morgen nicht dranzukommen sein — und der andere?«

»Der andere, der ist, soviel ich weiß, irgendein hohes Tier in Dresden!«

»Teufel, das trifft sich ja glänzend! Also, setzen Sie sich auf die Bahn, Kindchen, und rücken Sie dem Alten — wie heißt er? — dem alten —?«

»Pilgram,« half Asta ein.

»Also, rücken Sie dem alten Pilgram auf die Bude und petzen Sie ihm, daß sein wackerer Sprößling seinen Monatswechsel dazu mißbraucht, statt hinter seinen Büchern zu hocken, andern jungen Leuten Löcher in den Bauch zu schießen. Ich wette, dann entwickelt sich alles weitere historisch.«

Asta sprang auf den Oberregisseur zu, der noch immer langhingestreckt auf dem schminkfleckigen Sofa lag, fiel ihm um den Hals und küßte ihn stürmisch.

»Ach, Franzel, Sie sind doch der Allerbeste! Das wird gemacht, das ist die Rettung!«

»Aber bitte, erst nach dem 'Lager' — die kleine Oerzen ist krank geworden. Sie spielen heut abend die Gustel von Blasewitz. Nachher reisen Sie meinetwegen, wohin Sie wollen.«

»Ich danke Ihnen, oh, ich danke Ihnen tausendmal, Sie Goldiger!«

»Es ist ein Skandal,« knurrte Franz Burg. »Da hat unser Herrgott endlich mal wieder eine richtiggehende Tragödie angelegt, und so ein dummes, kleines Gör zerreißt ihm das Konzept und macht eine Posse draus!«