15.
Wenige Minuten nach halb zwölf stieg Asta Thöny am Böhmischen Bahnhof in Dresden aus dem Leipziger Schnellzuge. Sie hatte schon in Leipzig das Dresdener Adreßbuch eingesehen und festgestellt, daß der Senatspräsident am Oberlandesgericht Heinrich Pilgram in der Marschallstraße Nummer zweiundzwanzig wohnte.
In dem milderen Klima der Residenzstadt war der Neuschnee des gestrigen Tages schon geschmolzen und hatte das Pflaster mit einer zähen Schlammkruste überzogen. In den Straßen war schon alles Leben erstorben. Trübselig spiegelte sich der Schein der Straßenlaternen in den Kotlachen der überschwemmten Rinnsteine. Trübselig klapperte der Gaul durch die physiognomielosen Straßen der Vorstadt und durch die kaum angebauten Alleen an der Grenze der Altstadt.
Eigentlich doch ein wahnsinniger Plan: um Mitternacht einer wildfremden Familie auf die Bude zu rücken! Aber schließlich, man hatte doch wohl alle Veranlassung, ihr dankbar zu sein. — Endlich: da stand sie vor der Pforte einer vierstöckigen Mietskaserne, und während der Wagen von dannen rollte, riß sie sich schier die Hände ab in dem Bemühen, den Portier zu alarmieren.
Ein Tattergreis, der hastig Hose und Rock über sein Nachtgewand gezogen, mit wirrem Graukopf und schlampigen Pantoffeln empfing sie, bösartig knurrend, und war nur durch etliche Markstücke so weit zu bezähmen, daß er sie bei der schwankenden Beleuchtung einer schwelenden Handlaterne bis zum dritten Stock hinaufbegleitete, wo ein Porzellanschild mit der Aufschrift »Pilgram« an einer breiten, mit Vorhängen abgeblendeten Glastür den Eingang wies.
Drinnen alles finster.
Wahnsinnige Situation! Aber was half's! Die Klingel schrillte, und zu Astas freudiger Ueberraschung erschien schon nach wenigen Minuten ein verschlafenes Dienstmädchen, das entsetzt zurückprallte, als es der fremden, eleganten Dame ansichtig wurde.
Die Herrschaften seien in Gesellschaft, würden aber wohl bis ein Uhr wieder zurück sein ...
Den unbekannten Besuch in die Wohnung einzulassen, dazu war das Mädchen nicht zu bewegen, und so mußte Asta unter Führung des Tattergreises abermals die drei Stiegen hinunter, um draußen auf der ganz verlassenen Straße in Schlamm und Tauwind auf und ab zu patrouillieren, wie sie abends vorher im Schnee auf der Kleinen Fleischergasse auf- und abpatrouilliert war ...
Endlich nach einer Stunde Wartens nahten von der Altstadt her vier vermummte Gestalten: ein Herr im Zylinder, den Rockkragen hochgeschlagen, und drei Damen, eine kugelrunde und zwei schlanke, hochgewachsene, in Abendmänteln und Kapuzen.
Im Augenblick, als der alte Herr den Schlüssel einschob, um zu öffnen, trat Asta auf ihn zu:
»Um Verzeihung! Ich habe wohl die Ehre, Herrn Präsidenten Pilgram ...«
Der alte Herr richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf, stand völlig verblüfft, musterte die Fragerin.
Im selben Augenblick sah Asta durch goldgefaßte Brillengläser hindurch zwei scharfe, klare Augen mit durchdringendem Blick auf sich gerichtet.
»Allerdings! Ich heiße Pilgram — Sie wünschen?!«
Inzwischen waren die Damen herangekommen, starrten völlig verblüfft und verständnislos auf die zierliche Gestalt im silbergrauen Jackett, deren Züge ein grauer Schleier fast ganz verbarg.
»Entschuldigen Sie gütigst, Herr Präsident, könnte ich Sie wohl einen Moment allein sprechen?«
»Was für eine Angelegenheit, bitte, meine Dame? Es ist ein Uhr!«
»Eine sehr dringende Angelegenheit,« stammelte Asta, »ich komme aus Leipzig, es handelt sich um Ihren Sohn.«
Ein noch schärferer Augenblitz traf das Mädchen.
»Hm ...« sagte er nur, dann bückte er sich aufs neue, schloß auf und sagte zu seinen Damen:
»Ihr seid wohl so freundlich und geht schon hinauf solange.«
Mit angstvoller Neugier musterten die drei Damen die Fremde, aber ein scharfes: »Also bitte!« veranlaßte sie, dem Wunsche des Familienoberhauptes Folge zu leisten. Die Tür fiel ins Schloß.
»Also zuvörderst, wer sind Sie?« fragte der alte Herr.
»Ich bin die Herzoglich Meiningische Hofschauspielerin Asta Thöny.«
»Hm ... und Sie wünschen?«
»Ihr Sohn Valentin wird sich morgen früh mit einem andern Studenten schießen.«
Die buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen, der graue Fransenschnurrbart zuckte.
»Und dieser andere Student ist wer?«
»Ein Herr Hans Thumser.«
»Hans Thumser?! Das ist ja ein Korpsbruder meines Sohnes!«
»Ihr Herr Sohn ist schon vor Wochen aus dem Korps ausgetreten ...«
»Was ist das?!«
Der Präsident richtete sich straff auf:
»Das müßte ich denn doch wohl wissen, mein Fräulein!«
»Es ist aber so, Herr Präsident.«
»Hm ... lassen wir's zunächst einmal dahingestellt, ob Sie recht haben. Was veranlaßt Sie, mir diese Mitteilung zu machen?«
Asta war auf diese Frage vorbereitet und hatte sich ihre Antwort zurechtgelegt.
»Ich bin ... mit Herrn Thumser ... nahe befreundet.«
»Hm — mit Herrn Thumser? Sie machen mir also Ihre Mitteilungen weniger im Interesse meines Sohnes als vielmehr in dem des Herrn Thumser, wenn ich recht verstanden habe?«
»Nein, das doch nicht, Herr Präsident. Allerdings ... vor allem doch wohl Herrn Thumser zuliebe ... Aber Ihren Herrn Sohn kenne ich auch, zwar nur sehr flüchtig, aber ich bin ihm zu großem Dank verpflichtet, er hat mich ... er hat mir gestern ... das Leben gerettet.«
Der alte Herr sah das erregte Mädchen mit einem Blick an, in dem ganz deutlich zu lesen war, er zweifle an ihrem Verstand.
»Darf ich Sie bitten, meine Gnädigste, Ihren Schleier zu heben, damit ich sehe, wen ich eigentlich vor mir habe?!«
Mit zwei raschen Bewegungen streifte Asta Thöny den Schleier in die Höhe. Sie fühlte sich mit scharfer Prüfung gemustert. Aber das Ergebnis mußte wohl nicht ungünstig sein, denn erheblich liebenswürdiger als zuvor fuhr der alte Herr fort:
»Darf ich Sie bitten, mein gnädiges Fräulein, sich mit mir hinauf in meine Wohnung zu bemühen: Sie werden mir erzählen.«
Er entzündete ein Wachsstreichholz und leuchtete dem seltsamen Gast die Treppe hinauf. Der Hausflur war nun hell erleuchtet. An einer halboffenen Tür drängten sich drei weibliche Köpfe, die hastig verschwanden, als der Präsident mit seinem Besuch eintrat. Sehr höflich nahm er dem Gaste den Regenschirm ab und geleitete ihn in ein dunkles Zimmer zur Rechten, entzündete zwei Gasflammen, bat, ihn einen Moment zu entschuldigen.
Einen raschen Blick warf Asta in dem Zimmer umher. Die übliche, gutbürgerliche Einrichtung der sechziger Jahre: Mahagonimöbel, grüner Plüschbezug, an den Wänden ehrwürdige Familienbilder in Oel mit Darstellungen von Priestern und Gelehrten aus den beiden letzten Jahrhunderten. Am Fenster ein Mahagonisekretär mit Rolljalousie, darauf zahlreiche Photographien in Ständerrahmen, unter denen Asta sofort die eines schlanken Studenten in Mütze und Band herauserkannte.
Der Präsident kam zurück, bat, auf dem Sofa Platz zu nehmen, und setzte sich ihr gegenüber in einen Plüschsessel. Er hatte abgelegt. Auf der linken Brust seines Fracks schimmerte eine blinkende Ordenreihe.
Und abermals mußte Asta die Geschichte des gestrigen Abends erzählen. Der Präsident lauschte gespannt, ohne sie mit einem Wort, mit einer Frage zu unterbrechen. Als sie geendet, trat er auf sie zu, streckte ihr die Hand hin:
»Ich danke Ihnen, meine Gnädigste. Das war sehr gescheit von Ihnen, daß Sie gekommen sind. Ich fahre mit Ihnen nach Leipzig. Ich habe schon nachgesehen, um drei Uhr vierzig fährt der Zug, um halb sechs sind wir drüben. Darf ich Sie inzwischen meinen Damen zuführen?«
»Sehr gütig, Herr Präsident. Und was wird werden, was wollen Sie tun?«
»Den beiden jungen Herren klar machen, daß ihre Eltern sie nicht deshalb großgezogen haben, damit sie sich untereinander als Zielscheibe benutzen.«
»Aber werden wir auch nicht zu spät kommen? Wollen Sie nicht vielleicht vorher noch ein dringliches Telegramm an Ihren Sohn ablassen?«
»Liebes Fräulein, ich war selbst einmal Student — bin sogar Alter Herr des Korps Franconia —, wie ich die Buben kenne, scheren sie sich in solchen Fällen den Teufel um ein väterliches Telegramm. Im Gegenteil: wenn sie erst wittern, daß wir ihnen auf der Spur sind, dann kriegen wir sie morgen früh überhaupt nicht mehr zu fassen. Um halb sechs Uhr sind wir dort, vor sechs Uhr wird's ja überhaupt nicht hell um diese Jahreszeit; inzwischen werden wir überlegen, was zu tun ist. Darf ich Sie jetzt bitten, zu meiner Frau und zu meinen Töchtern hinüberzukommen?«
»Verzeihung, Herr Präsident, würden Sie es nicht für besser halten, wenn Sie zunächst Ihre werten Damen über den Zweck meines Besuchs aufklärten?«
»Da haben Sie recht, liebes Fräulein. Wenn Sie mich also einen Augenblick beurlauben wollen ...?«
Nur wenige Minuten blieb Asta allein. Dann flogen zwei schlanke Mädels herein, in Balltoilette, mit glühenden Backen, glänzenden Augen, in denen die Angst um den Bruder und dabei doch auch brennende Neugier und gespannte Erregung standen, und stellten sich mit befangenen Knixen vor. Achtzehn und zwanzig mochten sie sein, die ältere dem Vater und Bruder wie aus den Augen geschnitten; die jüngere, ein munteres, molliges Ding, das Ebenbild der Mutter, wie sich alsbald herausstellte, als nun auch die rundliche Frau Präsidentin auf der Bildfläche erschien. Und alsbald saß Asta mit Valentin Pilgrams Mutter und Schwestern unter der Hängelampe eines altmodisch-behaglichen Speisezimmers. Man stopfte sie mit Butterbrot und Süßigkeiten, man fragte sie aus nach tausend Dingen, von denen sie keine Ahnung hatte.
Während dessen hatte sich der Präsident entfernt, kam nach ein paar Minuten zurück.
»So, mein gnädiges Fräulein, ich habe mir die Sache überlegt. Ich werde jetzt gleich zum nächsten Telegraphenamt gehen und eine dringliche Depesche an die Leipziger Polizei aufgeben. Hören Sie, was ich aufgesetzt habe:
'Königl. Kreishauptmannschaft Leipzig! Morgen früh soll dort Pistolenduell zwischen meinem Sohn Valentin und Stud. Hans Thumser stattfinden. Ort und Zeit unbekannt. Abreise sofort, um selbes zu verhindern. Ankomme 5.29 dort Dresdener. Erbitte Unterstützung, womöglich berittenen Gendarmen, am Bahnhof.
Pilgram,
Senatspräsident am Oberlandesgericht.'
So, ich nehme an, daß man einem königlichen Beamten meines Ranges in angemessener Weise entgegenkommen wird. Wenn die Polizei einigermaßen ihre Pflicht und Schuldigkeit tut, so kommen die jungen Herren morgen früh überhaupt nicht aus ihrer Bude heraus, sondern werden gleich mit Beschlag belegt. Sollte aber wider alles Erwarten die Sache nicht klappen, so sind wir ja da!«
»Ja, aber um Gottes willen, Herr Präsident,« meinte Asta, »wir haben doch keine Ahnung, wo die schreckliche Geschichte eigentlich vom Stapel gehen soll — wie wollen Sie das denn herauskriegen?«
»Ja, Papachen, wie willst Du das nur herauskriegen?« echoten die Töchter.
»Liebe Kinder, ich war doch selbst mal in dem Geschäft. Gebt acht: Wenn man sich schlagen will, geht man nicht zu Fuß heraus, sondern bestellt sich einen Wagen. Wenn man aber Korpsstudent ist, so hat man für diesen Wagen eine ganz bestimmte Bezugsquelle: das Korps nimmt nämlich seinen Wagen immer bei ein und demselben Fuhrwerksbesitzer, der ihm Vorzugspreise gewährt. Den Namen aber des Wagenlieferanten der Franconia, den kenne ich leider nur zu genau. Oder soll ich jetzt sagen: glücklicherweise? Ich habe nämlich am Schluß des vorigen Semesters für unseren guten Valentin noch eine ganz erkleckliche Wagenrechnung berappen müssen ... Der gute Mann wohnt in der Nähe des Bayrischen Bahnhofs, an ihn also wenden wir uns zunächst und versuchen herauszubekommen, wohin die Fahrt gehen soll.«
»Aber wird er's auch verraten?« meinte Asta, »das könnte das Korps ihn doch teuer entgelten lassen?«
»Ich glaube, wenn ich mit der Polizei drohe und darauf aufmerksam mache, daß man ihn wegen Beihilfe zum Zweikampf mit tödlichen Waffen am Schlafittchen kriegen könnte, dann wird er wohl mit sich reden lassen!«
»Ach, Papachen, wie klug Du bist!« riefen die Töchter, strahlend vor Entzücken über das unerwartete Abenteuer. Himmel, wie interessant endete der Abend, der so langweilig, ganz nach dem Schema F verlaufen war.
»Nun aber müssen Sie schlafen, liebes Fräulein,« meinte die Präsidentin, nachdem ihr Gatte sich entfernt hatte, um das Telegramm aufzugeben. »In einer Stunde müssen Sie schon wieder zum Bahnhof, die sollen Sie wenigstens zur Ruhe benutzen.«
Aber Asta dankte. Sie könne nachher in der Eisenbahn noch genug schlafen, sie würde jetzt doch kein Auge zutun. Nur Hunger habe sie noch, wenn sie's denn schon sagen solle, und Durst auch.
Und die vier Frauen schwatzten und lachten zusammen wie alte Freundinnen ... und nur selten einmal ging's einer von ihnen durch den Kopf, was für morgen auf dem Spiele stand.
Papachen würde schon alles machen. Wenn Papachen eine Sache in die Hand genommen hatte, dann konnte es ja nicht schief gehen!
Als Asta und der Präsident fast als einzige Passagiere dem Frühzuge entstiegen, trat ein behäbiger Herr in einem undefinierbaren Räuberzivil auf den alten Herrn zu.
»Verzeihen Sie gütigst, ich habe wohl die Ehre, Herrn Senatspräsidenten Pilgram ... Mein Name ist Gensel, Königlicher Kriminalkommissar. Stelle mich im Auftrage der Kreishauptmannschaft zu Ihrer Verfügung.«
»Ah, charmant, Verehrtester. Haben Sie auch einen Gendarmen zur Hand?«
»Der wartet draußen mit seinem Gaul.«
»Nun, und was ist sonst geschehen?«
»Ja, Herr Präsident, wir haben unser Möglichstes getan. Wir haben sofort zwei Kriminalschutzleute zu den Wohnungen der beiden jungen Leute geschickt und feststellen lassen, ob sie zu Hause wären. Ihr Herr Sohn hat seine bisherige Wohnung bei dem Kanzleirat Buchner seit gestern ganz aufgegeben und ist ins Hotel übergesiedelt, in welches, das wußten die Leute nicht. Und der andere, Herr Thumser heißt er ja wohl, der ist heut nacht nicht nach Hause gekommen.«
»Teufel! Das ist scheußlich — was nun?!«
»Ja, was nun, Herr Präsident? Ich weiß auch nicht, was ich machen soll!«
Der Jurist sann eine Weile nach, dann erklärte er dem Polizeibeamten seinen Plan, durch den Fuhrwerksbesitzer den Duellanten auf die Spur zu kommen.
Der Kommissar war völlig einverstanden. Man stieg in eine Droschke und rollte durch die hier noch immer mit kotigem Schnee bedeckten Straßen zum Bayrischen Bahnhof.
Im trüben Laternenschein huschten hastige Fußgänger vorüber, das Leben der großen Stadt erwachte — die Arbeit begann.
Die Herren berieten eifrig während der kurzen Fahrt. Der Präsident im Rücksitz, der Kriminalkommissar ihm gegenüber. Asta lehnte in ihrer Ecke, fröstelnd, übernächtig, von Angst geschüttelt, und lauschte der halblauten Unterhaltung der Herren.
Der Gendarm war vorausgetrabt. Als man vor dem Fuhrhof ankam, hielt er bereits an dem Portal mit dem Geschäftsinhaber, einem grobknochigen Mann in Flausrock und Holzpantoffeln.
Schnell kletterte der Kommissar aus dem Wagen und inquirierte sofort den Fuhrherrn:
»Ist der Wagen für das Korps Franconia schon fort?«
»Weeß Knebbchen, ja, Herr Kommissar, schon seit zehn Minuten is er weg ... tut mir sähre leid.«
»Und wohin geht die Fahrt?«
»Das kann ich Sie nich sagen, uff mei Ehrenwort nich. Der Wagen is bestellt für um den Herrn Volkner abzuholen, Kleine Fleischergasse fünfe ... aber da wird er nu ja woll ooch schon nich mehr sinn.«
Der Präsident war ebenfalls ausgestiegen und fragte: »Na, lieber Herr, Sie werden ja doch wohl eine Ahnung haben, wohin es geht?! Wo fahren denn die jungen Herren gewöhnlich hin, wenn sie was Besonderes vorhaben, he?!«
»Nu, mei gutester Herr, wenn ich's ehrlich sagen soll, gewehnlich machen se doch so was im Ratsholz ab, un da gibt's eigentlich nur een' Weg: Kaiser-Wilhelm-Straße 'runter, dann Kaiserin-Augusta-Straße, am alten Wasserwerk vorbei und ins Streitholz hinein. Freilich, was für ä Plätzchen se sich dasmal haben ausgesucht, davon habe ich Sie natierlich de leiseste Ahnung nich, mei gutester Herr.«
»Also, Herr Robolski,« sagte der Kriminalkommissar, »ich mache Sie darauf aufmerksam: Wenn sich's herausstellt, daß Sie uns nicht die reine Wahrheit gesagt haben, dann krieg' ich Sie bei die Hammelbeene, verstehen Sie mich?!«
»Mein Ehrenwort,« sagte der Fuhrherr, »mein heiligstes Ehrenwort, Herr Kommissar, das, was ich gesagt habe, ist alles, was ich weeß.«
»Schön! Also, Gendarm Mehlhorn, Sie haben gehört: sitzen Sie auf, traben Sie was haste was kannste nach dem Streitholz. Wir kommen nach. Sie reiten bis zum Schnittpunkt der 'Neuen Linie' und der 'Linie', meinetwegen auch die 'Linie' hinauf, bis zum Flußgraben, dann zurück bis zum Wegekreuz, dort warten! Merken Sie inzwischen was von den Duellanten, so greifen Sie selbständig ein, verstanden?!«
»Zu Befehl, Herr Kommissar!« sagte Mehlhorn dienstlich, schwang sich auf seinen Braunen und klapperte die Bayrische Straße hinunter.
Die beiden anderen Herren verabschiedeten sich mit flüchtigem Gruß und Dank von dem Fuhrwerksbesitzer, wiesen den Kutscher an, hinter dem Gendarmen drein zu fahren, stiegen ein, und die Gäule zogen an.
Die drei im Wagen schwiegen und sannen.
Vom Bayrischen Bahnhof blinkten grelle Signallichter, schrillten Lokomotivenpfiffe, ratterten mit dumpfen Stößen ausfahrende Züge über die Schienen. Drüber stand schon heller Tagesglast. Auf der matt erleuchteten Kreisscheibe der Bahnhofsuhr standen die beiden Zeiger in einer geraden, senkrechten Linie ...
O Gott, wenn man zu spät kam! Es konnte sich ja nur um Minuten handeln.