16.

Hans Thumser erwachte. Oben an der Decke war irgend etwas, das blendete ihn. Mit verschlafenen Augen blinzelte er hinauf und sah, daß es Laternenschein war, der, von drunten herauffallend, das Lichtbild eines Fensters auf die weiße Tünche zeichnete. Teufel ja, wo kam das denn her? Das war sonst doch nicht so?!

Mit einem Mal fiel's ihm ein: er war ja gar nicht in seinem eigenen Zimmer, lag nicht in seinem Bett ... aber wo nur? Richtig, er war ja doch auf Volkners Bude — aber warum nur, was war denn eigentlich los?

Mit einemmal krampfte sich sein Herz zusammen in siedendem Schreck: o Gott, morgen früh —!

Eigentlich doch eine sehr vernünftige Idee von Volkner, ihn nicht allein zu lassen in dieser Nacht, in dieser vielleicht ... letzten Nacht. Und auch sonst war alles sehr vernünftig gewesen, was der Senior gesagt und geraten:

»Weißt Du, Thumser, vor einer solchen Affäre ist das einzig Richtige, sich so zu betragen, als sei gar nichts Besonderes los. Um Gottes willen, bloß sich nicht hinsetzen und ein halbes Dutzend Abschiedsbriefe schreiben: an die Eltern, an den Schatz, an die Erbtante, und wer weiß an wen sonst noch. Das hat ja gar keinen Zweck. — Mein Gott, so'n bißchen Knallerei! Ja, wenn Du jedesmal Dein Testament machen wolltest, wenn Du Dich in Lebensgefahr begibst, dann müßtest Du es von Rechts wegen machen, so oft Du vor die Tür gehst! Ueberall kann Dir ein Dachziegel auf den Schädel fallen. Und wenn Du in Deiner Bude und im Bette bleibst, kann schließlich die Decke einstürzen ...«

Des Korpsbruders rheinischer Leichtsinn hatte Hans Thumser über die Abendstunden hinweggeholfen. Man war auf der Kneipe gewesen, hatte Quodlibet gespielt und den blödesten Bierulk betrieben. Dann hatte Volkner ihn mit auf seine Bude geschleift, ihm großmütig sein Bett abgetreten und sich dann selber auf dem Kanapee einlogiert. Von dort herüber drang jetzt sein melodisches Schnarchen. Na ja, der hatte gut schnarchen!

Vorher aber, vor dem Einschlafen, hatten die zwei noch einen besonderen Trall ausgeheckt: Volkner hatte seine Geige genommen, und beide waren sie vor die Kammertür von Volkners bejahrter Hauswirtin gezogen und hatten ihr ein Ständchen gebracht, indem sie zu sanft hinschmelzender Violinbegleitung das schöne Lied gesungen hatten:

Seh ich ein Haus von weitem,
Wo ein lieb Mädel träumt,
Sing ich zu allen Zeiten
Ein Lied ihr ungesäumt.
Und wird's im Fenster helle,
Sei es auch noch so spat:
So weiß ich auf der Stelle
Wieviel's geschlagen hat.

Erst als die Pantoffeln der Alten von drinnen gegen die Tür knallten, hatten sie Ruhe gegeben und waren dann beide auch sofort eingeschlafen.

Volkners Bude befand sich im ersten Stock des Hauses, das an der Kleinen Fleischergasse dem Cafébaum direkt gegenüber lag. Und der Lichtschein der Laterne, die neben dem Eingang des Restaurants stand, war es, der Hans Thumser geweckt hatte. Er tastete nach seiner Taschenuhr und stellte im matten Reflex des Deckenlichts fest, daß es zwei Uhr war.

Auf halb fünf war der Korpsdiener zum Wecken, auf viertel sechs der Wagen bestellt. Um viertel sieben sollte der erste Schuß fallen ... also noch zwei und eine halbe Stunde Schlaf und vielleicht noch vier und eine viertel Stunde zu leben ...

Die ganze vorige Nacht hindurch hatte Hans Thumser wie ein Sack geschlafen. Die nötige Bettschwere hatte er sich ja schon vor dem Zusammenstoß mit Pilgram angezecht. Der gestrige Tag war in beständiger Unrast hingegangen, und so kam jetzt in nächtlicher Stille zum erstenmal Ordnung in den Wirrwarr der Gedanken, die um das Schicksal der kommenden Morgenstunde flatterten.

Also sterben vielleicht ... und warum denn eigentlich? Nun, die Antwort war sehr einfach: Ein anderer war Hansens Ehre zu nahe getreten, hatte ihn tätlich aufs schwerste beleidigt, dafür galt es eben die standesübliche Sühne zu fordern.

Schön! Das klang ja ganz vernünftig. Aber schließlich ... eine Beleidigung hatte doch irgendeinen Grund, ein Motiv. Was hatte er Pilgram denn eigentlich zuleide getan? Was hatte er begangen, daß Pilgram ihn wie einen ehrlosen Buben behandelt hatte? Nun, das eine war ja klar: Pilgram war eifersüchtig, er bildete sich ein, er selber, Hans Thumser, sei sein Nebenbuhler bei Jucunda, und zwar ein begünstigter. Ein begünstigter? Ach, du lieber Gott ...!

Freilich, an ihm selber hatte es ja nicht gefehlt ... Und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht im Augenblick, als Jucunda anfing, gnädig zu werden, sehr gnädig — — wenn nicht der andere dazu gekommen wäre, dieser fade Laffe, über dessen blasiertem Geckenschädel der Nimbus einer Fürstenkrone schwebte?

Aber schließlich, es war doch ein Irrtum, wenn Pilgram sich einbildete, Thumser sei glücklicher gewesen als er selber.

Also ein Mißverständnis! Ein Wahn!

Aber da war noch etwas andres, das nicht stimmte: Was das nur mit dem Brief gewesen war, den Pilgram ihm vorgehalten? Offenbar ein Brief von Jucunda, ein Brief, in dem sie sein Eintreten für ihre Ehre mehr oder weniger verblümt abgelehnt hatte. Und dieser Brief hatte auf einem Briefbogen gestanden, der seine, Hans Thumsers, Initialen trug. Wie kam der Brief auf dieses Papier? Erst jetzt in der Stille der Nacht fand Hans Zeit, um über dies Phänomen nachzugrübeln ...

Und plötzlich stand ihm der Augenblick vor der Seele, wie er Jucunda und ihrer Mutter sein Zimmer zur Verfügung gestellt hatte, um sich auszusprechen. Natürlich, das war's ja! Da hatten die Frauen das Uriasbrieflein ausgeheckt und das liebliche Plänchen gleich realisiert. Sie hatten genommen, was gerade zu erreichen war, das Briefpapier des Mannes, der ihnen vertrauensvoll seine Behausung zur Verfügung gestellt ...

Pilgram aber, der hatte natürlich für die sonderbare Erscheinung sich eine ganz andere Erklärung in den Kopf gesetzt. Er mußte sich eingebildet haben, der Korpsbruder sei mitschuldig an der Abfassung des Briefes, habe ihn vielleicht sogar redigiert ...

Also Mißverständnis Numero zwei.

Schön! Zwei grobe Irrtümer in der Rechnung. Wenn man sich aber einmal in Pilgrams vermutliche Auffassung hineinzudenken versuchte, so konnte man ihm schließlich nicht so unrecht geben, wenn er bis aufs Blut gereizt war, wenn er den einstigen Korpsbruder infamer Gesinnung und Handlungsweise verdächtigte.

Und darum Mord und Totschlag! Darum zwei junge Leben vor die Mündung geladener Pistolen gestellt! War das nicht Wahnsinn? War es nicht noch in diesem Augenblick Pflicht, eine offene Aussprache herbeizuführen, den Irrtum aufzuklären?!

Aber bei dem Irrtum war es nicht geblieben. Er hatte eine schreckliche Folge gehabt: die rasche Tat, eine Tat, die nicht milder war denn ein Schlag mitten ins Angesicht des Feindes. Und auch zu diesem Schlag wär's ja gekommen, wenn nicht die Korpsbrüder dazwischen getreten wären.

Mißverständnisse und Irrtümer ließen sich aufklären — die Tat war nicht ungeschehen zu machen. Der Kavalier, der von einem Kavalier einen Schlag erhält, muß blutige Sühne fordern. Das war das eiserne Gebot des Ehrenkodex, daran war nicht zu deuteln noch zu rütteln.

Und dann — wer mochte den ersten Schritt tun? Machte der sich nicht verdächtig, als sei es nur die Angst vor der blauen Bohne, die ihn zur Aussöhnung geneigt machte? Würde man ihn nicht der Kneiferei zeihen?

Der Kneiferei? Nun, wer vierzehn Schlägermensuren mit Ehren bestanden hatte, brauchte der sich vor dem Verdacht der Kneiferei zu fürchten?

Halt! So eine Knipserei, das war doch was andres als das bissel Bestimmungsmensur mit Binden und Bandagen.

Nein, da war nichts zu wollen, dafür war man Korpsstudent! Der andere, der war an allem schuld. Der hätte die Aussprache herbeiführen müssen vor der Tat. Daß er dem Freund, dem Korpsbruder aus drei Semestern eine ehrlose Gesinnung überhaupt zugetraut, das war die eigentliche Beleidigung, das war die Schmach, die nur mit Blut abgewaschen werden konnte. Die Worte, die Handlungen, die aus dieser abscheulichen Unterstellung erwachsen waren, die waren schließlich nichts anderes als der zufällige Ausdruck für einen Verdacht, der auch ohne Wort und Schlag ins Herz der Ehre traf.

Nein, es gab keinen anderen Ausweg — und so würde man morgen früh aufeinander losknallen »bis zur Kampfunfähigkeit«.

Und nun kamen die Gedanken an daheim. An Eltern und Geschwister — nein, das ging ja doch nicht, einen solchen Gang zu tun, ohne sich vorher von den liebsten Menschen verabschiedet zu haben. Wenn er nun fiel — wie sollten sie diese wirre, dunkle Geschichte verstehen? Sie würden doch nachforschen, würden wissen wollen, was denn eigentlich geschehen war, wie es hatte so weit kommen können — und dann war's zu spät. Dann war sein Mund, der allein Licht in die Wirrnis hätte bringen können, verstummt. Sein Tod würde den Lieben ein düsteres, grauenhaftes Rätsel bleiben.

Also das geht nicht. Hans wird aufstehen und einen langen, langen Brief an die Geliebten daheim schreiben. Ihnen alles erzählen, ohne Verschweigen, auch das Glück — die landläufige Moral nannte es ja wohl ein sündiges Glück —, das er in Asta Thönys Armen genossen, auch die verworrenen Dränge, die ihn zu Jucunda getrieben. Alles, alles wird er berichten, und so wird wenigstens Klarheit liegen über seinem schauerlichen Ende ...

Ob sie ihn verstehen werden daheim? Mein Himmel, der Vater ist doch auch einmal jung gewesen ...

Und in Gedanken entwarf Hans Thumser den Wortlaut seiner Beichte. Immer eindringlicher, immer inbrünstiger vertiefte er die Schilderung seines Seelenzustandes, immer heißer und drängender formte er seine Bitte um Verständnis, um Vergebung, um ein Gedenken ohne Groll. Und über all dem Sinnen und Grübeln war er plötzlich versunken und verschwunden und wachte erst wieder auf, als Volkner ihn wach rüttelte, und die schlampige Alte, die sie beide gestern abend angeserenadet, in Nachthaube und Nachtjacke, grimmigen Gesichts und knurrenden Mundes den Kaffee auf den Tisch setzte.

Nun war's zu spät, nach Hause zu schreiben. Nun blieb's doch bei Volkners Theorie.

Die trockenen Semmeln von gestern wollten nicht in die Kehle, der glühheiße Bliemchenkaffee blieb fast unberührt. Ein Glück, daß Volkner mit ein paar Tafeln Schokolade und einem besseren Schnaps versehen war.

Geschäftig bediente er den Korpsbruder, wie man um einen Kranken, um einen Sterbenden sich müht. Und dabei fühlte Hans Thumser ganz deutlich, daß der andere sich im tiefsten Innern höchst mollig fühlte bei dem Gedanken: Gott sei Dank, daß ich selber nicht derjenige welcher bin!

Um Punkt halb sechs knallte drunten die Peitsche des Kutschers. Die jungen Männer machten sich bereit.

Im Schauer des dämmrigen Morgens fuhr Hans Thumser fröstelnd zusammen, als sie vor die Tür traten, als sein Blick auf die eingeschnurrte Gestalt des Korpsdieners fiel, der übernächtig auf dem Bock neben dem Kutscher hockte und auf den Knien einen schmalen, schwarzpolierten Kasten trug ...

Nebeldurchdunstet lagen die Straßen. Das Weiß des frischen Schnees war längst in ein kotiges Braun verwandelt, das der Frost der jüngsten Nacht mit tausend Rauhreifkristallen überzogen hatte. Ringsum erwachte das Leben der großen, fleißigen Stadt der Arbeit.

Den Rockkragen hochgeschlagen, dampfenden Atems schritten die Männer, huschten die Frauen einher, jeder an sein Geschäft. Schwarz und finster reckten sich die Fronten der alten Straßen, deren Häuser sich im Laufe der Jahrhunderte aus eleganten Wohnpalästen in dumpfe, mit Affichen überladene Geschäftshäuser verwandelt hatten.

Aber die Nebel sanken, von Osten wuchs die junge Tageshelle. Erste, schüchterne Sonnenstrahlen spielten droben um die Giebeldächer, ein Tag voll winterlicher Herrlichkeit flammte herauf.

Nun wurden die Anlagen durchquert. Weißleuchtend zackte sich das Gewirr der umreiften Aeste ins junge Blau.

Ivo Volkner aber und Hans Thumser studierten eifrig den S. C.-Pistolen-Komment, der in einem handschriftlichen Exemplar auf ihren Knien lag, und zündeten eine Zigarette an der anderen an.

Ganz kühl und geschäftsmäßig sprachen sie immer und immer wieder den vorgeschriebenen Gang der Mensur durch, um später auch nicht den leisesten Schnitzer zu begehen.

Endlich aber hielt es Hans Thumser nicht mehr aus. Er schob das schwarzgebundene Heft zurück, riß das frostbeschlagene Wagenfenster auf, atmete in tiefen Zügen die Morgenfrische und sog mit brennenden Augen das Bild der Morgenwelt in sich hinein.

Und eine wilde Sehnsucht kam über ihn — Sehnsucht nach all dem Unsagbaren, das von da draußen in seine Seele hineinflutete, nach all dem unendlich Schönen des Lebens, das er doch kaum mit erstem Erwachen des Begreifens gegrüßt ... und das doch schon tausend Vorahnungen künftiger Glücksmöglichkeiten in ihm geweckt hatte. Ach, Glücks­möglich­keiten?! Nein, er war ja schon glücklich gewesen!

Asta Thöny! klagte es in seiner Seele. Gott! so undankbar konnte man sein? An sie hatte er noch gar nicht gedacht ... Daß er von ihr sich verabschieden mußte, das war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen ... Und doch — wieviel hatte sie ihm geschenkt! Wie unsäglich gut war sie zu ihm gewesen, und er ... er hatte sie achtlos beiseite geschoben. Und das letzte, das er von ihr gesehen, waren bittere Tränen gewesen.

Zu spät ... Nun mußte das Schicksal seinen Gang gehen. Nun blieb nur noch eins: der Feindeskugel die Brust zu bieten und die Stirn dem wahllosen Walten des Geschicks.

Und doch, wie schön die Welt! Wie reich, was sich barg hinter den weißen Nebelschwaden, die das Kommende verhüllten. Wie selig selbst dieser Augenblick ahnungsvollen Grauens ...

Und Hans Thumsers Seele fühlte sich leben in diesem Augenblick. Leben, wie sie nie zuvor gelebt ... In langen, schmerzvollen Zügen trank sie das Glück des Augenblicks hinein. Das Glück, noch da zu sein, noch ein paar schmerzvoll süße Minuten lang die tiefe Wonne des Daseins atmen zu dürfen.

In einem billigen Zimmer des Hotel de Russie — dritter Stock nach hinten hinaus — hatte Valentin Pilgram sich einquartiert und die halbe Nacht mit Briefeschreiben zugebracht. Erst nach Mitternacht hatte er sich aufs Bett gestreckt und ein paar Stunden hingedämmert ...

Nun marschierte er auf dem Reitweg, der erst rechts, dann links der »Neuen Linie« durch das Streitholz führte, dem Kampfplatz entgegen, ein einsamer Wanderer ...

Er hatte sich nicht entschließen können, die letzten Augenblicke in Gesellschaft seines ihm tief unsympathischen Sekundanten Borgmann zuzubringen, mit dem er zweimal die Klinge und noch viel öfter in hitzigen Debatten des S. C. das Schwert des Wortes gekreuzt.

Um nicht mit dem Wagen zusammenzutreffen, war er vom Fahrdamm abgebogen, auf den Reitweg hinüber, auf dem um diese Morgenstunde noch keine Begegnung zu befürchten war. Er sah nicht die Pracht des jungen Tages, fühlte nicht die Schönheit des Daseins, die ringsum tausend Wunder winterlicher Herrlichkeit erblühen ließ. Er fühlte nichts als seinen Haß — sah nichts als die Gestalt des Gegners, wie sie nun gleich vor ihm stehen würde, ein sicheres Ziel dem stählernen Druck seiner Hand, dem unbeirrbaren Blick seines Auges.

Da ließ ein Geräusch ihn aufschauen, ein Geräusch, das rasch sich näherte. Pferdegetrappel war's, gedämpft durch den Schnee — nur wenn die Hufe ab und an gegen die harte Eiskruste stießen, die den Boden überzog, dann gab's einen klirrenden Ton. Der hatte ihn geweckt.

Da vorne, in den silbernen Nebeln, die noch über der Pleißeniederung lagerten, tauchten, schattenhaft abgehoben vom umgoldeten Himmel, zwei Reitersilhouetten auf: ein Herr und eine Dame. In raschem Trabe näherten sich die schnaubenden Gäule.

Valentin Pilgram konnte keines Menschen Blick ertragen in diesem Augenblick. Er trat rasch hinter den mächtigen Schaft einer Eiche und ließ die Reiter vorüberflitzen. Im letzten Augenblick erkannte er sie: es waren Jucunda und der Erbprinz.

Es war ihm, als hätte er einen Stoß vor die Brust erhalten. Er taumelte, starrte ein paar Sekunden wie ein Blödsinniger hinter den enteilenden Schatten her. Noch klang Jucundas übermütiges Lachen, des Prinzen näselnde Stimme in sein Ohr:

»... mal sehen, ob der Generalintendant meines alten Herrn für ein Gastspiel in diesem Winter ...«

Das waren die Worte, die er aufgefangen ...

Ha ha! — ha ha ha ha ha —!! Das also war das Ende! Darauf lief es hinaus!

Während er zum Todesgange schritt mit jenem andern, der ihm der Glückliche gewesen war bis zu diesem Augenblick ... In derselben Stunde ... pfui Deubel! pfui Deubel!

In dumpfer Betäubung trottete er weiter.

Wo war der blindwütende Haß, der ihm den Nacken gestählt, die Sehnen gestrafft? Verweht — verflattert, wie die weißen Nebelschwaden um die rauhreifumsilberten Kronen der Bäume zerwehten.

Und plötzlich ward er sich des grausamen Wahnsinns bewußt, der in all den Geschehnissen lag, die er selbst ins Rollen gebracht, und die nun abschwirrten, wie ein gräßlich zermalmender Mechanismus, unhemmbar, unwiderstehlich.

Da blinkte schon der Lauf der Pleiße ... da vorn tauchte aus den Morgendünsten der Umriß eines Wagens auf, der sich im Schritt gen Süden bewegte, und hinter ihm klang das Rollen eines zweiten Wagens.

Er beschleunigte den Gang, er mochte sich nicht überholen lassen, weder von seinem Sekundanten noch von der ... andern Partei.

Nun hatte er die »Linie« erreicht, verfolgte sie einige hundert Schritte weit gen Osten ... und sieh, da öffnete sich rechts eine weite Lichtung: die Heiderwiese ...

Am Wegekreuz hielt der Wagen, der vor ihm gefahren war. Er sah, wie drei männliche Gestalten ihm entstiegen und durch den Schnee ins Innere der Lichtung hinein wateten. Das waren die andern: Hans Thumser, Volkner, der Korpsdiener.

Valentin Pilgram blieb am Chausseerand stehen und wartete auf seinen Sekundanten. Nach wenigen Minuten war der Wagen heran. Ihm entstiegen Herr Borgmann im grellkarierten Winterpaletot, sehr zeremoniös, platzend vor Feierlichkeit, und Graf Schmettow, der Meißner-Senior, der als Unparteiischer zu fungieren hatte, verkatert, die Scherbe im Auge. Und ferner der alte Sanitätsrat Dr. Collwitz, der sich als zweiten Paukarzt einen seiner Assistenten mitgebracht hatte. Einen jüngeren, bebrillten Herrn mit langflutendem blonden Vollbart. Dieser wurde als Doktor Köllicker vorgestellt.

Pilgram dankte den Aerzten für ihr Erscheinen, die üblichen Redensarten wurden getauscht in gezwungen nachlässigem Tone, den der Ernst der Stunde mit frostigem Schauer durchzitterte. Dann stapften die Herren der Gegenpartei nach gen Süden.

Hinter ihnen schritt der Korpsdiener der Neo-Borussia, er trug einen mit gelben Messingknöpfen benagelten Koffer, der Instrumente und Materialien für die Aerzte enthalten mochte.

Valentin Pilgrams Blicke suchten den Gegner und erkannten die schlanke, geschmeidige Gestalt. Aber wohin war der Haß geschwunden, der ihn durch Wochen gemartert, wenn er Hans Thumsers bloß gedachte?! Er sah nur noch den Freund, den Korpsbruder aus drei Semestern.

Thumser hatte seinen Paletot abgelegt und stand mit offenem Jackett, über der Weste blitzte das grün-gold-rote Band.

Und dahin sollte man nun zielen, dahin das Todesblei entsenden?!

Und doch, es gab kein Zurück ... Und ob er wollte oder nicht, die grausame Farce mußte nun mit Anstand zu Ende gespielt werden ...

Und rasch und vorschriftsmäßig wickelte sich nun der Gang der Dinge ab. In genauestem Anschluß an den Wortlaut des Komments wurden nun die Plätze bestimmt, so daß das Licht gleichmäßig verteilt war; wurden die Waffen geladen, die Duellanten instruiert. Der Unparteiische schritt selber mit Riesensätzen seiner langen Storchbeine die Barriere ab und bezeichnete sie durch zwei niedergelegte Spazierstöcke, hüben und drüben. Noch zehn Schritt weiter jenseits wurden durch Kreuze, die in den Schnee geritzt wurden, die Plätze für die Duellanten festgelegt, die sonach durch fünfunddreißig reichlich bemessene Schritte voneinander getrennt waren.

Zuletzt nahmen die Sekundanten ihren Fechtern noch Brieftasche, Uhr und Geldbörse ab und geleiteten sie dann zu ihrem Platze. Dort übergaben sie ihnen die Waffen und traten dann jeder zwanzig Schritt zur Seite.

Der Unparteiische nahm seinen Stand zwanzig Schritte seitwärts von der Mitte der Schußlinie.

»Meine Herren!« sprach er mit schallender Stimme, »ich wiederhole noch einmal: ich zähle bis vier. Wenn ich eins! gezählt habe, dürfen Sie avancieren bis an die Barriere, bis vier müssen Sie abgeschossen haben. Herr Thumser, als der Beleidigte, hat den ersten Schuß. — Bin ich verstanden?«

Mit stummem Nicken antworteten die Gegner.

Hochaufgerichtet stand Hans Thumser und sah übers schneeblinkende Feld. Endlos schien ihm die Entfernung, die ihn von dem Feinde trennte. Aber er wußte, daß sie sich rasch verringern würde, zusammenschrumpfen zu einem schrecklichen Aug' in Auge ...

Ein jähes Frösteln rann durch seine Gestalt, kaum konnte er das Klappern seiner Zähne bemeistern, kaum den Hahn der Pistole spannen ... Und nun noch ein Blick in die goldige Morgenwelt hinaus. Ein Blick in die Zukunft, die vor ihm versinken wollte wie der Tau einer Nacht. Und da überfiel ihn eine jähe, ingrimmige Wut auf den, der ihm das alles rauben wollte. Nein, sich wehren ... sich wehren bis zum letzten Atemzug! Ins Herz den Gegner treffen — ins Herz! Wenn einer fallen soll, gut, so sei's der andere!!

»Eins!« scholl da schneidend scharf das Kommando des Unparteiischen.

Und nun war alles versunken, alles bis auf die hagere, starr emporgereckte Gestalt da drüben, die einst geliebte, nun bis in den Tod gehaßte ...

Wie fern sie war, wie klein ... und nun, nun kam sie heran, nun wuchs sie ... wuchs und wuchs ... und nun blieb sie stehen ... bot sich zum Ziel ...

Da raffte auch Hans Thumser sich zusammen. Mit hastigen Schritten schoß er vorwärts, bis seine Fußspitzen den Spazierstock berührten, der die Barriere bezeichnete.

»Zwei!« klang des Unparteiischen Stimme.

Hans Thumser hob die Waffe bis in die Augenhöhe, zielte auf des Gegners Brust, sah ganz deutlich, wie über dem Visier die breiten Schultern standen, das fahle Gesicht.

»Drei!«

Da drückte er los ...

Er sah den Gegner wanken, sah, wie die Rechte, welche bisher die Waffe gesenkt gehalten, eine rasche, zuckende Bewegung nach der linken Schulter machte. Dann aber fand der Taumelnde Halt, hob nun ebenfalls den Lauf, aber hoch bis über die Stirn, und schoß — schoß hoch in die Luft ...

»Vier!« klang das Kommando des Unparteiischen.

In diesem Augenblick ließ Valentin Pilgram die Pistole fallen und griff mit der Rechten krampfhaft in das linke Schultergelenk hinein.

Doktor Köllicker sprang zu, riß Pilgrams Rock auf, das weiße Hemd wies Blutflecken, er zertrennte es mit raschem Zerren, untersuchte das verletzte Gelenk. Dann winkte er dem Sanitätsrat, der hinzutrat.

Auch Borgmann, der Sekundant, und Graf Schmettow eilten zu dem Verwundeten heran.

Der lächelte mit schmerzverzerrtem Munde. »Viel scheint's nicht zu sein, meine Herren. Von mir aus kann's weiter gehen!«

Aber der linke Arm hing kraftlos herunter, ein Versuch, ihn zu bewegen, mißlang.

Die Herren steckten in flüsternder Beratung die Köpfe zusammen. Die Forderung lautete bis zur Kampfunfähigkeit ... und die lag wohl nicht vor, obwohl das Schultergelenk schwer verletzt schien.

Hans Thumser trug's nicht länger. Der andere hatte, obwohl getroffen, seinen Schuß verloren gegeben. Was konnte das bedeuten? Doch nur dies eine: die Erkenntnis begangenen Unrechts.

Hans winkte seinen Sekundanten heran.

»Ich kann nicht mehr, Volkner — geh und biete Satisfaktion an ...«

In derselben Sekunde scholl auf der Chaussee ein hastiges Hufegeklacker, und eine atemlose Männerstimme keuchte:

»Halt! Im Namen des Gesetzes: halt, meine Herren!«

Zwischen den Büschen des Wiesenrandes tauchte ein goldblinkender Helm auf, ein grüner Waffenrock, der braune Bug eines Pferdes, in rasendem Galopp gestreckt. Fünf Minuten später preschte der Reiter an der Gruppe der Herren vorüber, die sich um den Verwundeten zusammengeballt hatten, warf den Gaul herum, versuchte den Flankenzitternden, Schäumenden zum Stehen zu bringen.

Hans Thumser hielt sich nicht länger. In langen Sätzen übersprang er die fünfzehn Schritt, die ihn von dem Verwundeten trennten, streckte ihm die Hand hin:

»Komm, Pilgram — das geht ja doch nicht mehr!«

Die Herren, die den Verwundeten umdrängten, hatten ihm Platz gemacht.

Aug' in Aug' standen die einstigen Freunde einander gegenüber, tauschten einen Blick, in dem mehr als Versöhnung lag ... Genesungsglück schimmerte darin, neue Hoffnung, neues Leben ...

Mit der heilen Rechten schlug Valentin Pilgram in Hans Thumsers Hand ein ... und auf einmal lagen die Jünglinge sich in den Armen.

Da klangen wiederum Hufschläge auf der Chaussee. Und sieh, ein Wagen hielt am Wiesenrand, ihm entstiegen zwei Herren und eine Dame, die mit hastigen Schritten über den schneebedeckten Wiesengrund herankamen.

Nun löste sich aus der Gruppe der drei die hagere Gestalt eines alten Herrn in Gehpelz und Zylinder los, der mit langen Sätzen über die klirrenden Schollen voranstelzte. Immer hastiger ward sein Gang ... ward zum Lauf ...

»Donnerwetter!« schrie da Volkner plötzlich, »sieh doch nur, Pilgram — Dein alter Herr!«

Die Aerzte hatten sich ins Mittel gelegt und die Umarmung der wiedergefundenen Freunde getrennt, um sich ihres Patienten zu bemächtigen und die verletzte Schulter genauer zu untersuchen.

Nun hob Valentin Pilgram den Kopf, alles wich zurück, so daß die Gruppe der Herankommenden frei wurde — und Pilgram erkannte seinen Vater ...

Schon war der Präsident heran, ergriff mit beiden Händen die Rechte des Sohnes, die sich ihm entgegenstreckte. Mit zuckenden Augen, mit zuckenden Lippen standen Vater und Sohn einander gegenüber.

»Ihr verfluchten Bengels!« sagte der alte Herr, »was macht Ihr für Geschichten?«

»Etwas zu spät bist Du doch gekommen, lieber Papa — Du siehst, der Fall ist bereits erledigt!«

»Ich wollt's Euch auch geraten haben! Schlimm genug, daß es so weit gekommen ist! Na, was hat's denn abgesetzt?«

»Ach, nicht der Rede wert,« lachte der Junge und zwang den grimmigen Schmerz nieder, der von dem verletzten Gelenk aus durch den ganzen Oberkörper fraß.

»Nun, und Du wunderst Dich gar nicht, daß ich hier bin?!«

Valentins Blicke hatten die Gestalt des jungen Weibes erkannt, das nun herankam in Begleitung eines dicken Herrn. An diesen ritt der Gendarm heran und machte ihm in dienstlicher Haltung eine Meldung, während das Mädchen mit glühenden Backen und strahlenden Augen nähertrat, um dann ein paar Schritt vor den Herren plötzlich tiefbefangen stehen zu bleiben.

»Die da, nicht wahr?« fragte Valentin den Vater.

»Jawohl, die da ... zum Dank für ... vorgestern!«

»Ach, ich glaube, es war ihr weniger um mich zu tun ...« sagte Valentin Pilgram und suchte das Auge des wiedergefundenen Freundes.

Aber der hatte keinen Blick für ihn. In tiefer Erschütterung, regungslos starrte er zu der hellen Gestalt hinüber, die über die weißen Schollen herangeschwebt kam wie ein Frühlingshauch. Als sie nun aber stehen blieb, da sprang er ihr entgegen, die Hände weit ausgestreckt. Da hob auch sie ihm die Hände entgegen, und er ergriff sie und drückte sein glühendes Gesicht hinein.

Erbprinz Heribert hatte nach seiner Rückkehr vom Morgenritt wie gewöhnlich von neun bis zwölf das Kolleg besucht und war dann in seine Wohnung im Hotel Hauffe zurückgekehrt, um mit Major von Gorczynski zu frühstücken.

»Nun, Durchlaucht, wie war's?« Der Major hob das Portweinglas.

»Danke, ganz nett.«

»Nur ganz nett?!«

»Ach, wissen Sie, lieber Gorczynski, ich glaube, das ist eine von den ganz Gerissenen ... die sichert sich vorher — verstehen Sie?«

Der aufwartende Lakai brachte auf silbernem Brett eine Besuchskarte. Der Prinz las:

Pilgram
Senatspräsident am Königlichen Oberlandesgericht
Dresden.

»Haben Sie gesagt, daß wir beim Frühstück sind?«

»Zu Befehl, Durchlaucht, aber der Herr bittet dringend um eine Unterredung.«

»Schön — ins Empfangszimmer.«

Als der Bediente verschwunden war, reichte der Erbprinz seinem Erzieher die Karte hinüber.

»Vermutlich der Vater meines ... äh ... meines Kollegen!«

»Kollegen?! Wieso?«

»Na, weil der auch auf die Buchner reingefallen ist. Kommen Sie mit, lieber Gorczynski — für alle Fälle.«

Hoch aufgerichtet, die Ordensrosette im Knopfloch seines Ueberrocks, erwartete der alte Herr den jungen Fürsten. Des Umgangs mit hochgestellten Persönlichkeiten gewohnt und seiner guten Sache sicher, neigte er sich mit gemessenem Selbstbewußtsein.

»Sehr erfreut — Herr Präsident, was verschafft mir die Ehre? Darf ich bekannt machen? Herr Major von Gorczynski — Herr Präsident Pilgram. — Stört Sie die Gegenwart meines Begleiters, Herr Präsident?«

»Ich bitte, Durchlaucht.«

»Bitte Platz zu nehmen, meine Herren.«

»Durchlaucht, ich komme im Interesse meines Sohnes Valentin, den Sie kennen!«

»Ich habe die Freude.«

»Durchlaucht wissen, daß mein Sohn aus dem Korps Franconia ausgetreten ist, um Ihnen gegenüber für eine Dame eintreten zu können, von der er annahm, daß Sie, Durchlaucht, ihr — —«

»Hm ...« machte der Erbprinz, »ich weiß.«

»Durchlaucht haben die Güte gehabt, diese Angelegenheit in ritterlicher Weise beizulegen. Trotzdem hat das Korps Franconia aus Rücksicht auf Durchlaucht davon Abstand genommen, meinen Sohn in die Reihen seiner Mitglieder wieder aufzunehmen.«

»Allerdings ...« sagte der Erbprinz. »Das habe ich mir wohl so gedacht — aber wenn ich mir eine Zwischenbemerkung erlauben darf, Herr Präsident: die Geschichte war mir höchst fatal ... und ich habe mich seitdem vom Verkehr bei dem Korps fast völlig zurückgezogen ... Es war mir kolossal peinlich ... verstehen Sie, Herr Präsident?«

»Ich begreife sehr wohl,« sagte der Präsident ruhig. »Die jungen Herren haben wohl eine zu geringe Meinung von Euer Durchlaucht wohlwollendem Verständnis für die korpsstudentische Auffassung gehabt, sonst hätte sich doch wohl ein Ausweg finden lassen, um meinem Sohn die wohlverdiente Ehre der Zugehörigkeit zu dem Korps — zu dessen Alten Herren ich, beiläufig bemerkt, auch selber zähle — wiederum zu verschaffen. Oder täusche ich mich, Durchlaucht?«

»Ne, ne, mein verehrter Herr Präsident. Sie haben in der Tat vollkommen recht ... Wenn's nach mir gegangen wäre ... aber man hat mich ja gar nicht gefragt. Mir für meine Person wär's ja doch zehnmal angenehmer gewesen, wäre die ganze Geschichte diskret behandelt worden. Aber man hatte ja die Sache dermaßen übers Knie gebrochen ... ich stand vor einem fait accompli ... und da hielt ich's für das beste, mich um gar nichts mehr zu bekümmern. Das werden Sie begreifen, nicht wahr, Herr Präsident?«

»Ich begreife vollkommen, Durchlaucht. Ich sehe aber auch, daß ich mich in meinen Vermutungen über Eurer Durchlaucht Ansichten von der Sache in keiner Weise getäuscht habe: und darum komme ich jetzt mit der formellen Bitte, die der Zweck meines Besuches ist: wollen Durchlaucht die große Güte haben, durch meinen Mund dem Korps Franconia mitteilen zu lassen, daß einer Rückgabe des Bandes an meinen Sohn Ihrerseits nichts im Wege steht?«

»Aber mit dem größten Vergnügen, Herr Präsident! Ich bin ja höchst erfreut, daß die fatale Geschichte endgültig aus der Welt kommt ...«

»Ich danke ehrerbietigst für diese Gnade, Durchlaucht. Ich glaube, sie ist an keinen Unwürdigen verschwendet! Da Sie nun aber in so überaus verständnisvoller Weise meinem Vorschlage entgegengekommen sind, so darf ich wohl auch noch eine andere Begebenheit erzählen, die mit der besprochenen nicht ganz ohne Zusammenhang ist, und die glücklicherweise ebenfalls eine Wendung zum Besseren genommen hat?«

Und nun erzählte der Präsident in knappen Worten von dem Renkontre der beiden einstigen Korpsbrüder und seinem blutigen Austrag. Die Motive des Zusammenstoßes ließ er unberührt. Er konnte sich wohl vorstellen, daß der Erbprinz den Zusammenhang auch so durchschauen würde ... und darin hatte er sich nicht getäuscht. Als er geschlossen hatte, erhob sich der Erbprinz und streckte seinem Besucher die hagere Hand hin:

»Ich danke Ihnen, Herr Präsident, Ihre Geschichte soll mir eine Lehre sein ... gewisse Leute sind anscheinend ... äh ... mit Vorsicht zu genießen. Was meinen Sie, lieber Gorczynski? Na, ich werde mir's merken!«

»Gestatten Durchlaucht nochmals meinen ehrerbietigsten Dank.«

»Aber ich bitte, mein verehrter Herr Präsident — nur ich habe zu danken, nur ich ... Sie haben mir einen größeren Dienst geleistet, als Sie vielleicht ahnen. Grüßen Sie Ihren Sohn, oder noch besser: sagen Sie ihm, ich hoffe heute abend auf der Frankenkneipe mit ihm auf gute Freundschaft anzustoßen ... Doch halt! Vorher müssen wir noch einmal ins Theater ... Nicht wahr, lieber Major? Heut ist ja die Abschiedsvorstellung der Meininger, das dürfen wir uns doch nicht entgehen lassen ... Aber nachher, nicht wahr, Herr Präsident, dann treffen wir uns im Cafébaum!«

»Ich hatte gleichfalls vor, das Theater zu besuchen, Durchlaucht, wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf — und zwar mit meinem Sohn und unserm Korpsbruder Thumser. Die Verletzung meines Sohnes ist ja freilich nicht ganz unbedeutend: das linke Oberarmbein ist in Höhe des unteren Ansatzes des Oberarmkopfes getroffen, die Kugel ist im Knochen stecken geblieben, konnte aber mit Leichtigkeit entfernt werden.«

»Sehr erfreulich zu hören, Herr Präsident. Also auf Wiedersehen heut abend, nicht wahr?«

Um zwölfeinhalb Uhr fuhr der alte Pilgram am Cafébaum vor, stieg die Stufen zur Frankenkneipe hinan und wurde vom Korpsdiener in das Konventszimmer geführt, wo Franconias Korpsburschen bereits zum C. C. versammelt waren.

Ehrerbietig begrüßte die Schar der Studiosen den Alten Herrn, der sofort beim Eintreten eine grüne Mütze, die der Korpsdiener ihm dargereicht, auf seinen grauen Schädel gestülpt hatte.

Volkner bat Platz zu nehmen und eröffnete den C. C. Er erteilte dem Alten Herrn Pilgram das Wort. Dieser berichtete über seinen Besuch bei dem Prinzen und entledigte sich seiner Mission.

Mit strahlenden Gesichtern vernahmen die Korpsburschen die frohe Botschaft.

Unmittelbar, nachdem der Alte Herr geendigt, sprach der Senior:

»Ich stelle den Antrag, dem früheren C. B. Pilgram, gewesenen Zweiten, Ersten, Ersten das Band zurückzugeben. Wünscht jemand zu dem Antrage das Wort?«

Alles schüttelte den Kopf, aus jedem Auge strahlte helles Glück. Hans Thumser aber schämte sich nicht, daß ihm zwei Tränen über die frischen Wangen rollten. Unfähig jeden Wortes, reichte er dem Präsidenten über den Tisch hinüber die Hand.

Und nun saßen sie im Carolatheater, auf einer der vordersten Parkettreihen. Präsident Pilgram inmitten der beiden jungen Gesellen, zur Rechten sein Sohn: er trug den linken Arm in der schwarzen Binde, fest im Gipsverband verschient, den Rock nur lose über die linke Achsel gehängt, den Aermel leer. Ueber die rechte Schulter aber, über die Weste und die schwarze Binde zog sich das grün-gold-rote Band.

Hans Thumser saß zur Linken. Ueber den alten Herrn hinweg aber schauten die Freunde sich immer und immer wieder in die Augen. Sie fühlten: so hatten sie sich noch nie gehört, so sich noch nie geliebt. Und diese Liebe, die würde nun bleiben fürs ganze Leben ...

Oft aber flogen ihre Blicke auch nach der zweiten Proszeniumsloge des Parketts vorn rechts hinüber. Da saß der Erbprinz, die Scherbe im fahlen Gesicht, und hinter ihm verschwanden die groben Züge, der wehende Schnurrbart des Majors im Dämmer des Logenhintergrundes.

Aber auf den blasierten Zügen des jungen Fürsten lag heute ein seltsames Leuchten, das noch niemand an ihm gekannt hatte. Und wenn sein Blick den Augen des alten und der beiden jungen Franken da unten im Parkett begegnete, dann lachte sein ganzes Gesicht so knabenhaft fröhlich, so jung und gut, als sei auch er ein x-beliebiges junges Studentlein und nicht der Erbe eines deutschen Fürstenthrones.

Ringsum aber drängte sich ganz Leipzig und füllte das Haus bis zum letzten Stehplatz droben auf der Galerie. Eine festlich dankbare Stimmung lag über der erregten Versammlung.

Fünf Wochen lang war dies Haus ein Tempelhaus gewesen. Fünf Wochen lang hatte man hier den höchsten Offenbarungen gelauscht, welche die edelste Blüte der zeitgenössischen Bühnenkunst geschaffen hatte im Bunde mit den erhabensten Genietaten der großen Szenenbeherrscher des Dramas der Weltliteratur. Und nun wollte man am letzten Tage noch einmal mit voller Seele, mit allen Sinnen genießen, wollte in sich aufnehmen die gigantischste Schöpfung der deutschen Tragödie: »Wallensteins Tod«.

Das Spiel begann.

Inmitten der Bilder seiner Gestirne stand der einsam-stolze Mann, über dessen Haupte schon die schwarzen Fledermausschwingen des Verbrechens, die Rabenfittiche des Todes rauschen. Am nächtlichen Himmel suchte er den Stern seines Lebens, der sich nun so bald verfinstern sollte ... Und in raschen, unfehlbaren Schlägen vollzog sich sein Geschick.

Der alte Herr aber da vorn im Parkett und seine beiden jungen Gefährten harrten ungeduldig des Augenblicks, da der Vorhang sich zum dritten Akt heben und die beiden Mädchengestalten auftauchen würden, die so tiefe Furchen in die Herzen, in die Geschicke der jungen Männer gezogen.

Und sieh — nun erfüllte sich's.

Die Gardine rauschte empor; und es erschloß sich ein dunkler wuchtiger Saal mit Kamin, Gobelins, gepolsterten Bänken an den Wänden. Nach hinten stieg eine Treppe empor, im Bogen geschweift aus massivem, dunkelgebeiztem Eichenholz mit schwerem Renaissance-Geländer. Sie führte zu einer langen Galerie, die gegen die Bühne zu von einem riesigen, aus zahllosen kleinen Scheiben bestehenden Glasfenster abgeschlossen war.

Und wie verloren in dem weiten, angstdurchschauerten Raum saßen vorn rechts auf der Bank zwei Frauengestalten mit weiblichen Arbeiten beschäftigt, während eine dritte oben auf der Galerie stand und aus den Fenstern nach drunten spähte — Wallensteins Schwägerin, die Schwester seiner Seele ...

Die zwei da unten aber — die beiden jungen Franken, die kannten sie.

Scheu und wesenlos wie ein gutes, dienstbares Geistlein hockte Asta Thöny als Fräulein von Neubrunn neben der jungen, schönheitsstrahlenden Herrin.

Die aber saß weiß und blaß, den adligen Kopf in schmerzvoller Starrheit zurückgelehnt an die braune Täfelung.

Sie war die Schönheit, die versinken muß unterm erbarmungslosen Schritt des Schicksals, sie war die Tugend, die zermalmt wird von den geifernden Kinnbacken des Verbrechens, sie war die leuchtende Seele des gigantischen Gedichts, sie war ... das Ideal ...

Und alles vollendete sich nun.

Mit unerhörter Wucht stampfte das Fatum daher und ließ den Lügenbau der friedländischen Größe zusammenkrachen. Blatt um Blatt sank hernieder von dem ragenden Baum, bis er einsam stand, entlaubt, doch herrlich in seinem starren Trotz.

Und nun kam jene gewaltigste aller Szenen, die Valentin Pilgram und Hans Thumser als Pappenheimer Kürassiere mitprobiert hatten, und der sie nun als Zuschauer nur lauschen durften, wie damals, als Hans, ein scheuer Primaner, sie zum erstenmal erschaut, dahinten, weit in der Heimat — im Barmer Stadttheater, auf dem Eckplatz des zweiten Ranges.

Zwischen den zwei eisengeharnischten Männern, dem fürstlichen Vater rechts, dem ritterlich prangenden Geliebten links stand das unglückselige, geopferte Mädchen. Vor die grausame Pflicht gestellt, zu wählen zwischen Gehorsam und Liebe.

Und sie wählte den Gehorsam ... Mit den unschuldig reinen Händen riß sie die Liebe aus ihrem Herzen und stieß sie von hinnen ... in den unerbittlichen Schlachtentod ...

War das Jucunda Buchner? War's das junge Ding von achtzehn Jahren, mit dem die zwei schlanken Burschen da unten an einem Tisch gesessen, in einer Stube? Um derentwillen sie heut morgen in der Frühe des leuchtenden Wintertages einander mit der Pistole in der Hand gegenüber gestanden hatten, während sie mit einem gefürsteten Knaben über Feld ritt, nur von dem einen Gedanken erfüllt, ein Gastspiel am Hoftheater in Nassau-Dillingen für den nächsten Winter herauszuschlagen?

Nein, sie war es nicht. Ihre sterbliche Hülle war's! Und doch auch die nicht mehr. Auch die verwandelt, erhöht, durchleuchtet, durchseelt von der geheimnisvollen Flamme, die tief drinnen in ihr loderte, unerklärlich, unbegreifbar ... der heiligen Flamme, die, solange sie loderte, alles überstrahlte, alles verzehrte, alles verklärte, was irdisch, was menschlich, was gewöhnlich, was häßlich war an ihr ...

Horch, schon brandete von draußen der Schwall der Pappenheimer heran ... Schon klang die wilde Feuerweise des Reitermarsches, der zu Kampf und Tode lud ...

Und nun — nun tobte der rasselnde Schwall die Stiegen hinauf, stapfte in die Galerie hinein, daß die Scheiben klirrend barsten, strudelte die Treppe hinunter, überschwemmte in immer erneuten Güssen blinkender Wogen die ganze Bühne ... entblößte Schwerter, haßflammende Blicke ...

Und inmitten die zwei jungen Menschen, — neben dem todgeweihten Manne das todgeweihte Weib, die weiße, unschuldig leuchtende Gestalt, das tief gesenkte, sterbensmatte Haupt.

Und nun, nun ist der grausame Kampf zu Ende gekämpft. Aus dem Arm der Geliebten reißt Oberst Max sich los.

»Bedenket, was Ihr tut. Es ist nicht wohlgetan,
Zum Führer den Verzweifelten zu wählen.
Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan,
Der Rachegöttin weih' ich Eure Seelen!
Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben,
Wer mit mir geht, der sei bereit, zu sterben!«

Und mit hochgereckten Armen stürzt er sich hinein in die eisenschäumende Woge. Die brüllt hell auf, schäumt gischtend empor, schlingt ihn hinunter, reißt ihn von hinnen. Die Treppe hinauf strudelt der gärende Schwall — noch einmal taucht der wehende Helmbusch, der silberne Harnisch auf ... versinkt aufs neue in den gleißenden Fluten. In den wütenden Jubel der todestrunkenen Schar gellen die wirbelnden, erzenen Rhythmen des Reitermarsches ...

Da unten, da vorn, bricht das verlassene Kind vor des starren Vaters eisenumschienten Knien zusammen ... es erfüllt sich das tragische Los des Schönen auf der Erde ... Das Edle sinkt ... Das Ideal verweht ...

Vorbei ... vorbei ...

Während die Gardine niederrauschte, legte der alte Präsident seine beiden Hände um die Schultern der jungen Männer zu seiner Rechten und seiner Linken:

»Kinder ... jetzt versteh' ich Euch ...!«

Am andern Morgen begleitete Hans Thumser seine Asta im Wagen zum Bayrischen Bahnhof. Das Leipziger Gastspiel der Meininger war zu Ende — weiter rollte der Thespiskarren ... Schon übermorgen abend würde man im Gärtnerplatz-Theater in München mit »Jungfrau« eröffnen ...

Auf dem Bock thronte ein riesiger Reisekoffer. Vier Kisten mit Kostümen waren schon als Eilgut vorausgegangen.

Drinnen aber im Wagen lachten die zwei und machten die tollsten Witze. Das Herz war ihnen gar zu voll und gar zu schwer.

»Asta ...« sagte Hans mit einem Male im tiefsten Ernst, »— ich bin ein dummer, grüner Junge ... und ein Habenichts dazu ... sonst sagte ich zu Dir: Laß uns zusammenbleiben ...«

»Du Dummerle!« schalt Asta heftig und gab ihm einen derben Klaps auf die Backe — »Du bist doch wirklich ein riesengroßes Dummerle! So etwas darf man nicht einmal denken ... so ein feiner, nobler Junge wie Du ... und eine ... eine Landstreicherin wie ich ...«

Aber ihre Lippen zuckten bitter und sehnsüchtig dabei, und in den Augen schimmerte es verdächtig ...

»Pfui, Asta! Abscheulich, so von Dir zu sprechen! Von meiner ... meiner süßen Asta —!«

»Sag's noch einmal!« bat Asta. »Es klingt so schön ... und ich werd's ja doch niemals wieder hören ...«

»Niemals wieder?! So oft Du willst, Süße, so oft Du willst ... und so oft ... ich ... kann ...«

»Da hast Du's ja ... Du wirst nicht können, mein armes Dummerle ... und ich ... ich werde auch nicht wollen ... Es war so schön ... nun ist's zu Ende ... und das ist gut so. Für uns beide ... für mich auch ... Denn wenn's noch länger gedauert hätte ... dann ... dann wär ich am Ende doch nicht mehr von Dir los gekommen ...«

»Asta ... Asta ... So viel hast Du für mich getan ...«

»Ja siehst Du — da hast Du wieder so recht mein ganzes Pech: alles, was ich für Dich hab' tun wollen, ist beim guten Willen geblieben ... Ich hab' Dich glücklich machen wollen ... und Du bist zur Jucunda gelaufen ... Ich hab' Dir das Leben retten wollen ... und bin zu spät gekommen ... Eh wir dazwischen kamen, hattet Ihr Euch schon vertragen ... So geht mir's immer — —«

»Asta ... mein Mädchen ... ich ... ich hab' Dich ja so lieb ... so unsagbar lieb ... ich laß Dich nicht fort ... ich ... ich brenne durch ... Ich geh' mit nach München ... Ich frage Euren Herrn Burg, ob er einen Volontär brauchen kann ... Ich sollte meinen, zu einem Komödianten müßt' es doch auch bei mir reichen ...«

Asta tupfte die Augen mit ihrem Spitzentüchelchen, und die zuckenden Mundwinkel lachten schon wieder ihr lieblichstes Spitzbubenlachen.

»Ne, Hanserl — das glückt Dir nicht ... Das können wir vor Deinen Herren Eltern nicht verantworten! Bleib Du, was Du bist ... ein Jurist ... oder ... werd' einmal ein Dichter, wenn Du kannst ... ich glaube, Du kannst — — und dann, in zehn oder zwanzig Jahren schreibst Du einmal ein Stück, das über alle Bühnen geht — mit einer wunderhübschen Rolle für die komische Alte darin ... Und wenn Du dann auf Reisen zufällig einmal nach Krotoschin oder nach Stallupönen kommst und siehst an irgendeiner Bauernkneipe oder Scheune den Theaterzettel einer Schmiere kleben, die Dein Stück spielt, und hinter der Rolle der komischen Alten findest Du den Namen Asta Thöny ... dann setz Dich irgendwo unter das 'verehrliche Publikum' ... aber ganz, ganz weit hinten ... daß ich Dich nicht etwa erkenne ... und denk' daran, daß das alte, häßliche Weiblein da oben einmal in Deinen Armen gelegen hat ... vor langer, langer Zeit ... als Du noch jung warst und unberühmt und nichts weiter als ein Korpsstudent in Leipzig ... Gelt, Hans, Das tust Du —?«

Hans Thumser konnte nicht sprechen. Er küßte nur immer wieder die rosige, weiche Hand, die er zwischen seinen harten, waffengestählten Tatzen eingepreßt hielt, als wollte er sie zerdrücken.

Der Wagen hielt vor dem Abfahrtportal des Bayrischen Bahnhofs. Es war zehn Uhr morgens. In grellem Weiß standen die beschneiten Dächer gegen das satte Himmelsblau, das gleißende Sonnenlicht.

Auf dem Bahnsteig hielt bereits der Münchener Schnellzug. Für das Ensemble der Meininger waren auf Bestellung ein paar Extrawagen angehängt worden. Im Kassenflur, unter der Halle, wimmelte es von glattrasierten Männergesichtern, von lebhaften mit betonter Eleganz gekleideten Frauen. Riesige Koffermassen wurden in die Gepäckwagen verstaut ...

Daß Asta Thöny sich auf dem Bahnhof in Begleitung eines grünbemützten Studenten einfand, erregte keinerlei besondere Sensation unter ihren Kollegen und Kolleginnen. Derartiges war man von ihr gewohnt. Sonst war's meist eine Uniform ...

Die große Jucunda schritt mit spöttischem Naserümpfen an dem Paare vorüber, einen ungeheuren Strauß der wunderbarsten Rosen in der Hand, den ihr soeben ein prinzlicher Lakai überbracht hatte. Ja ... den Rosenstrauß hatte sie wohl ... aber keinen herzlieben Jungen zur Seite, der bei ihr hatte bleiben wollen bis zum letzten Augenblick ... Nur ihre Eltern gaben ihr das Geleit, Mutter Doris aufgedonnert im unglaublichsten Staat — Vater Kanzleirat im abgeschabten Winterpaletot und zerbürsteten Zylinder, ein armseliger, hüstelnder Schatten neben den beiden mächtigen Frauengestalten.

Die übrigen Kollegen gingen mit diskret abgewandten Gesichtern an Asta und ihrem schmucken Begleiter vorüber.

Nur Franz Burg trat grüßend heran:

»Guten Morgen, Kleine ... Na — ist das Ihr Dichter?«

»Ja, liebster Freund — das ist er ...«

Burg lüftete lächelnd seinen Hut, nannte seinen Namen, streckte dem Studenten die Hand hin:

»Nun, ich sehe, Sie sind noch sehr lebendig ... Höchst erfreulich das.«

Mit korrekt eingewinkeltem Arm schlug Hans Thumser ein in Franz Burgs Händedruck und zog höchst offiziell die Mütze.

»Hm,« machte der Oberregisseur und musterte ungeniert das feierlich zurechtgefaltete Jugendgesicht — »vorläufig ist noch nicht viel zu lesen auf der Physiognomie da ... aber wer weiß ... vielleicht stehen wir uns noch einmal an anderer Stelle gegenüber, und Sie legen mir ehrfurchtdurchfröstelt das Manuskript Ihres ersten Dramas in die Hand ... wer weiß! Dann wollen wir uns dieses Augenblicks erinnern ...«

»Und ich werde mich Ihres 'Wallenstein' erinnern, Meister — — einstweilen lassen Sie mich Ihnen dafür danken ...« sagte der Student ... und Franz Burg sah auf einmal mit Staunen, wie auf dem jungen Gesicht die feierlich korrekten Falten sich auflösten, wie aus den dunklen Augen eine heiße Flamme sehnsüchtiger Leidenschaft schlug. Da leuchtete auch sein Blick dem jungen Gesellen freundlich und ermunternd ins Gesicht.

»Also — auf dereinstiges Wiedersehen, junger Freund —! Jetzt aber sollt Ihr zwei die paar letzten Augenblicke noch füreinander haben, Kinder ...«

Die paar letzten Augenblicke — —

Hans Thumser und Asta Thöny senkten die Häupter und die Blicke ... Hoben sie dann und ließen die Augen lange, lange ineinander ruhen ... Dabei schwiegen die Lippen, Unsagbares quoll auf in ihren Herzen.

»Bitte Platz nehmen!« schnarrten da die Stimmen der Schaffner.

Da warf Asta die Arme um Hans Thumsers Nacken. Es kümmerte sie nicht, daß die Kollegen vom Fenster aus mit Grinsen und halblautem Scherz den Abschied beobachteten ...

»Leb wohl ... mein Hanserl ... auf ewig ... leb wohl ...«

»Nein ... nicht auf ewig ... das ist ja unmöglich ... das ertrag ich ja nicht —«

»Ach, Hanserl — wie gut Du das ertragen wirst ... aber Du ... von Zeit zu Zeit einmal an mich denken ... gelt? an ... Dein ... erstes Glück ... gelt, Hanserl?!«

Aus der finstern Halle polterte der Zug in die sonnige Morgenhelle hinaus. Grell im Sonnenlichte leuchtete der weiße Rauchschwaden, den der enteilende Schlot der Maschine hinter sich herzog. Und ein großes Abschiedwinken ging aus den Fenstern des Zuges, ging auf dem Bahnsteig, wo in ganzen Rudeln die Freunde und Verehrer standen, welche die scheidende Künstlerschar bis zum letzten Augenblick begleitet hatten ...

Ein Tüchlein aber wehte länger als alle andern ... und Hans Thumser blickte ihm nach, winkte ihm nach, bis alles vorbei war.

Dann wandte er sich rasch und schritt gesenkten Hauptes aus der Halle. Einen Korpsstudenten in Couleur sollte niemand weinen sehen.

Von Walter Bloem sind früher erschienen:

Sonnenland

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Anmerkungen zur Transkription

Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden übernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachliche Passagen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, sind kursiv dargestellt, für Abkürzungen, wie C. C. und Regentenzahlen wie XIV wurde dies nicht gemacht.