5.
Die zwölf halben Liter Tucher, die Hans Thumser nach dem Jucunda-Rummel auf der Kneipe noch in seine ausgepichte Fuchsmajorskehle gepumpt, hatten die Erregung der zappelnden Nerven untergekriegt und für die nötige Bettschwere gesorgt — zum Anfang wenigstens. Aber dennoch — als der Student plötzlich aus dumpfen, wirbelnden Träumen in die Höhe fuhr, so daß der kaum verheilte Schädel krachend gegen die Rückwand seines Bettes bumste — da war es noch stockfinster, und wie er ein Streichholz entzündete, wies die Uhr halb vier ...
Und wieder Dunkelheit und Schweigen, und im Herzen schwirrend und rumorend viel hundert Bilder, viel tausend Farben und Klänge ...
Wo soll es hin, das alles?! Was will's von dir, dies tolle, glühende Leben?!
Da horch ... ein seltsamer Laut ... ein zager, verzitternder ... von irgendwoher aus dem Dunkel ... und wieder ... und wieder ... derselbe bang verschwebende Klageton ...
Weinen ... Weinen einer Frauenstimme — ganz leise, mühsam unterdrückt ... von Tränen umschleiert ... erschütternd ...
Nun scheint's zu verstummen ... horch — kein Laut mehr ... doch nein — nur heftiger jetzt die wimmernde Klage ...
Um Gott — das ist — da nebenan — das ist ... Asta Thöny ...
Tränen ... Tränen in Frauenaugen — entsetzlicher Gedanke für einen Jüngling, einen tatensehnsüchtigen, weltgläubigen — wer konnte glücklich sein, ach nur ruhig sein, nur schlafen — wenn ein Mensch, ein Mädchen weinen mußte?!
Himmel — vielleicht ist sie krank geworden — Agnes Sorel, die kätzchenweiche, mit dem süßen, rosigen Hals, den dunklen, flirrenden Augensternen ... windet sich in Schmerzen ... und niemand hört sie, niemand steht ihr bei, denn sie ist nicht ein gehegtes, umsorgtes Haustöchterlein wie Hansens Schwestern daheim — sie ist ganz allein auf der Welt — einsam, schutzlos, hilflos ...
Gott, wenn das doch enden wollte! Das ist ja nicht zu ertragen, diese hilflose Klage ... Aber was kann man tun?
Sich melden — seinen Beistand anbieten ...
Aber — könnte das nicht — mißverstanden werden? Nachdem er nun einmal die dummen, zudringlichen Verse hinübergeschickt? Und einen so wohlverdienten, ach, eigentlich noch viel zu schmuck bebänderten Korb gekriegt?
Aber — wenn sie nun wirklich leidend wäre — Hilfe brauchte — gewiß, sie würde nicht böse werden ...
Oder — wenn man Mutter Ach weckte — und ihr mitteilte, das Fräulein scheine nicht wohl zu sein?
Aber — wenn's nun gar nichts Ernstes wäre — vielleicht nur eine Laune, eine kindische Gereiztheit — was weiß ich — dann hätte man um nichts und wieder nichts den schnarchenden Schlummer der ehrsamen Wittib gestört ... und es gäbe gar noch eine Szene, nachts um halb vier ...
Enfin — was geht's mich an? Decke über die Ohren und weiter dachsen!
Ja, wenn das so ginge! Die Phantasie hebt an zu spielen — dringt durch die Finsternis, die Tapetenwand und malt in rosigen Farben das Bild des einsam weinenden Kindes da drinnen ... und ach, das bange Schluchzen dringt auch zum verbarrikadierten Ohr ...
Mut! Es muß!
»Gnädiges Fräulein —?« ganz leise, kaum geflüstert ...
Das Weinen geht weiter, still und bitter ...
»Gnädiges Fräulein —?«
Auf einmal ist's still da drüben — Finsternis und lastende Stille ringsum ...
»Verzeihen Sie, mein gnädiges ... Fräulein ... ich ... hörte ... ich ängstige mich ... Sie möchten nicht wohl sein ... Hilfe brauchen ... darum hab' ich mir die Freiheit genommen ...«
Noch immer alles still ... offenbar ist man böse ...
»Gnädiges Fräulein ... ich ... ich will nicht weiter beschwerlich fallen ... Sie wissen nun, daß jemand zur Hand ist, wenn's not sein sollte ... Wenn Sie also nichts weiter von sich hören lassen — dann — na dann darf ich ja wohl annehmen, daß ... daß alles in Ordnung ist ... und dann werd' ich also in Gottes Namen weiterschlafen!«
Auf einmal ein Laut ... kein Weinen ... auch kein Wort ... etwas andres ... etwas Silbern-Zwitscherndes — ein ganz feines, ersticktes Kichern ...
»Ach so —!« sagte der Student völlig beruhigt. »Na, denn gut' Nacht, mein gnädiges Fräulein, und sei'n Sie nicht böse!«
Und krachend warf er sich auf die rechte Seite, fest entschlossen, nun aber auch a tempo —
Da horch! Noch einmal ein Lachen, nun aber hell, übermütig — und dann die Stimme, die girrende, die streichelnde der Agnes Sorel:
»Aber bitte ... ich muß ja doch danken für die gute Meinung! Aber sei'n Sie ganz ruhig — mir fehlt wirklich nix — ich hab' nur so ein bissel für mich geweint — das kann doch vorkommen — gelt?«
»Na — wenn's weiter nichts ist ... ich hab' ja solch einen Schrecken bekommen ...«
»O — das tut mir leid — ich hab' Sie so friedlich — na ja, so friedlich schnarchen gehört — da hab' ich gedacht: den störst du nicht ... und da hab' ich halt ein bissel geweint ... Nehmen Sie's nicht übel, es soll nicht wieder passieren ...«
»Aber bitte — von meinetwegen — ich weiß ja jetzt, daß es nichts weiter zu bedeuten hat, wenn Sie einmal nachts weinen — da werd' ich mich also künftig auch nicht mehr drum aufregen ...«
»Ach du lieber Gott — zu bedeuten hat's schon was ...«
»Hm ... also doch?! — — Können Sie mir's nicht sagen?«
»Ach ... so durch die Tür hindurch ...«
Jetzt fingen Hans Thumsers Hände denn doch ein bißchen an zu zittern. Er suchte nach einer Antwort ... fand keine ... Himmel! Meine unsterbliche Seele für einen Einfall ...
»Ja ... so durch die Tür ... das geht natürlich nicht recht ...«
Endlich ... das erlösende Wort: da ist's:
»Aber ... wenn ich Ihnen ... morgen früh ... einmal ... meine nachbarliche ... Aufwartung machen dürfte ...«
»Hm ... morgen früh?!« Es klang so gedehnt ... so ... nach einem leisen Bedauern ... ach nein ... das war ja doch ... da mußte Hans Thumser sich doch wohl ... verhört haben ...
»Morgen früh? Da hab ich ja Probe von zehn bis zwei ... Da müssen Sie schon morgen nachmittag kommen ... zum Tee um fünf, wenn Sie mögen — gelt?«
O Gott ... solch eine Einladung ... zum erstenmal in diesem jungen Leben einem so schönen ... so ... verlockenden ... Mädchen gegenüber ... mit ihr allein ... Gibt's denn so etwas?! Ist das denn möglich?!
»Nu — Sie antworten ja gar nicht?« klang's ganz leise. »Sind Sie am Ende gar — schon wieder eingeschlafen?«
»Aber mein gnädiges Fräulein — wie können Sie nur denken ...«
»Also Sie kommen? Das ist schön. — Na, nu wollen wir aber auch ... gut Nacht, Sie — Sie Füchschen Sie!«
»Bitte — Fuchsmajor!« rief Hans Thumser fast laut vor Selbstbewußtsein. »Also ... wenn's denn sein muß — gut Nacht, Agnes Sorel!
Auch jenseits der Loire liegt noch ein Frankreich,
Wir gehen in ein glücklicheres Land,
Da lacht ein milder, nie bewölkter Himmel,
Und schöner blüht das Leben und die Liebe!«
Ja! Wenn man so ein phänomenales Versgedächtnis hat! Und seinen Schiller intus!
»Donnerwetter — allerhand Achtung!« kicherte es von drinnen. »Da möchte man ja wahrhaftig — aber nein — jetzt wird geschlafen — gut Nacht, Herr Fuchsmajor!«
Tiefe Stille ... Dunkelheit ... und zitternde Sehnsucht ... zitternde Hoffnung ...
Hans Thumser fand keinen Schlaf. Zu toll rumorte die Jugendbangigkeit in seinen Gliedern ...
Er lauschte, ob er wohl noch einen Laut vernähme von da drüben ... aus der Märchenwelt der Träume ... aber alles blieb stumm ... und endlich vernahm er durch den lastenden Frieden der Nacht geruhig schwellende, leise Atemzüge ...
Sie schlief ...
Da streckte sich auch Hans Thumser mit einem langen Seufzer ... und versank.