6.
Valentin Pilgram war erst spät aufgestanden. In wüstem Halbschlaf, von tollen Träumen gequält, hatte er die Nacht verbracht. Nun saß er über seinem Drogenwelt-Geruch und knuffte die vier Klassen der Gradualerbfolge der Novelle 118 in den schmerzenden Schädel hinein.
Da klopfte es heftig an die Tür seiner Bude, und im selben Augenblick, noch eh er: herein! hatte rufen können, schoß auch schon die Frau Kanzleirätin herein, im geblümten Morgenrock, dessen Schleppe hinter ihr drein waberte, in schleifenbesetztem Häubchen, unter dem die grauen Strähnen des ungeordneten Haares hervorlugten:
»Ach herrjeses, Herr Pilgram, Herr Pilgram, kommen Se doch nur mal schnell — 's Kind hat ja en Weinkrampf — ach es is gräßlich! Kennten Se nich gehn und en Doktor holen? Ich hab ja keen' Menschen nich im Hause ...«
Valentin schoß in die Höhe. »Einen Weinkrampf? Um Gottes willen, was ist denn passiert?«
»Ä Rosenbukett is gekommen, groß wie ä Turm ... un dabei ä Brief, ne, so was von einer Unverschämtheit is überhaupt noch gar nich dagewäsen ...«
»Ist sie denn ohnmächtig? Kann ich vielleicht helfen? Darf ich zu ihr hinein?«
»I du mein Himmel, Herr Pilgram, se is noch im Neglischee ... na aber, ä Kinstlerin — ä Kinstlerin sieht ja schließlich ooch im Neglischee ganz anständ'g aus ... kommen Se nur, Herr Pilgram, helfen Se!«
Aus der geöffneten Tür kam ein warmer Strom von Rosenduft ... und Rosen überall, ein Rosenschwall, ein Rosenwald ... betäubend duftende, schon leise welkende Rosen ... dazwischen die eigentlichen Blumen der Saison: Dahlien, Astern, Erika ... und inmitten, auf eine Chaiselongue hingeworfen, in leidenschaftlichem Schluchzen — sie ...
Ein riesiges Arrangement von Rosen und Chrysanthemen, in Manneshöhe, lag umgestürzt auf dem Boden — daneben ein aufgerissenes Kuvert mit aufgeprägtem Wappen, ein zerknitterter Bogen schweren Elfenbeinbriefpapieres, und — — zwei Hundertmarkscheine ...
Auf dem Tisch aufgereiht die Karten der Spender der übrigen Blumenherrlichkeiten — Jucunda war offenbar eben beschäftigt gewesen, den Gebern zu danken, prompt und akkurat, wie es zu den geschäftlichen Pflichten einer vielgefeierten Künstlerin gehört ... da war das da gekommen ...
Frau Buchner hob das Briefchen auf, glättete es und hielt es Pilgram hin. »Da läsen Se's — und sagen Se, ob so was meeglich is — so eene Gemeinheit —!«
Jucunda hatte sich beim Klang der Stimme ihrer Mutter aufgerichtet ... nun tupfte sie rasch mit dem nassen Tüchlein die Tränen von den glühenden Augen, ordnete das wirre Haar und verfolgte mit gierigen Blicken Valentins Gesichtsausdruck, während er das Briefchen durchflog ...
Valentin Pilgram las ... und eine dunkle Zornesflamme schlug über sein feierliches Gesicht.
»Halunken!« knurrte er.
Er las weiter — nun wendete er das Blatt und sah nach der Unterschrift ... und plötzlich wurden seine Züge ganz starr, und seine Hände ballten sich zur Faust. Dann las er zu Ende ... ließ das Blatt sinken und starrte die Schauspielerin an mit Augen, in denen Schreck, fassungs- und ratlose Bestürzung stand.
»Sie ... kennen, scheint's, die Herren —?« fragte die Kanzleirätin.
»Es scheint, fast — ja ... entsetzlich fatal ...«
»Am Ende gar — Korpsbrüder von Ihnen —?«
»Hm — wenn's richtige Korpsbrüder von mir wären — denen wollt ich die Flötentöne schon beibringen!! — aber so ...«
»Aber — Sie kennen die Absender?«
»Ich ... fürchte ... ich kenn' sie ... von Dillingen ... von Gorczynski ...« Und mit heftig stammelnden Worten erklärte er den Damen, wer es sei, den er hinter diesen Namen vermuten müsse ... und in wie naher Beziehung diese Herren zu seinem Korps, zu ihm selbst standen ...
»Da sehen Sie's!« sagte Jucunda. »Ein Erbprinz! Ein Fürst! das muß man eben einstecken ... nicht mal verklagen kann man so 'n großes Tier — sonst engagiert einen kein Hoftheater mehr ... ganz wehrlos und schutzlos ist man ...«
Und wiederum flossen die Tränen über das weiße, herrische Gesicht ... und auch die Mutter, vom herzbrechenden Weinen der Tochter angesteckt, schluchzte nun los. Um die Wette weinten die Frauen.
Es arbeitete heftig in Valentin Pilgrams festem, offenem Gesicht.
»Nein,« sagte er plötzlich hart und stand mit einem Ruck auf. »Schutzlos? Das sind Sie nicht. Guten Morgen, meine Damen.«
»Wohin, Herr Pilgram? Was haben Sie denn? Was ist Ihnen?« rief Jucunda und hielt den Studenten am Aermel seines Bratenrockes fest.
»Ich werde Ihnen Genugtuung verschaffen!«
»Sie — mir? Nein, Herr Pilgram, das ... das geht nicht ... Sie werden ja die entsetzlichsten Unannehmlichkeiten haben ... werden sich womöglich gar um meinetwillen — nein, das will ich nicht — das sollen Sie nicht, Herr Pilgram!«
»Nee, nee, Herr Pilgram!« sprudelte auch die Frau Kanzleirätin, »das dürfen Se nich machen! Das kenn' wir ja gar nich von Ihn' verlangen! Das dürfen wir ja gar nich von Ihn' annähm'!«
»Seien Sie ohne Sorge meinetwegen!« sagte Valentin und reckte sich zu seiner ganzen Länge. »Ich bin Manns genug, so eine Affäre standesgemäß zu erledigen.«
»Nein, Herr Pilgram, das dulde ich unter keinen Umständen! Wie kämen Sie denn dazu, sich für mich ... ich bitte Sie, was gehe ich Sie denn überhaupt an?«
Da sah der Student das schöne Mädchen mit einem Blick an, vor dem sie die Augen niederschlagen mußte in Schreck und stolzem Machtgefühl zugleich. Gott, war das entsetzlich ... war das berauschend schön ... was sie da so jäh, so unerwartet erlebte ...
»Erinnern sie sich noch an ... gestern abend?« sagte der Jüngling. »Was Sie mir da versprochen haben?«
»Ach ... das war so leichtsinnig daher geredet ...«
»Von mir nicht!«
Ach ... wie süß das war ... dies Bewußtsein, daß ein Starker, ein Kühner sich einsetzt für dich ...
Aber nein ... das durfte nicht sein ... mit Blitzesschnelle flogen die Bilder von hundert schrecklichen Möglichkeiten an ihrem Geiste vorbei. Er war doch wohl Jurist — seine Karriere würde er sich ruinieren — sein Examen zunächst ... und wer weiß — zwar Prinzen — die schlugen sich ja wohl nicht — aber der Major ... ein Offizier ... ein Duell ... Himmel, und der junge Mensch hatte ja doch Eltern daheim ... und schließlich — auch sie selber konnte eigentlich keinen Skandal gebrauchen ... was wohl Franz Burg dazu sagen würde ... und ihr gnädiger, gütiger Herr daheim in Meiningen ...
»Herr Pilgram — das darf nicht sein! Ich bitte Sie, wenn Sie wüßten, wie oft unsereine so etwas erleben muß — wenn man da jedesmal Krach machen wollte! Die Herren haben's ja wahrscheinlich gar nicht so schlimm gemeint — haben sich wohl gar nichts dabei gedacht —«
»Sie haben ... weinen müssen ...« sagte Valentin Pilgram durch die Zähne ... »das sollen sie mir bezahlen ... die zwei.«
Und mit sanftem Druck machte er die große, schlanke Hand los, die seinen Rockärmel noch immer gefaßt hielt, küßte sie ehrerbietig und ging zur Tür.
»Ach — die dummen Tränen —« rief Jucunda — »das macht nichts, die sitzen einem Mädchen ja so lose ... sehen Sie, ich lache ja schon wieder ... ich lache ja doch —«
Und sieh: da liefen ihr wirklich aufs neue die heißen, hellen Tropfen über die glühenden Backen ... sie schluchzte wie ein Kind:
»Ich will aber doch nicht — Sie sollen nicht, Herr Pilgram —!«
Der war schon aus der Tür, schritt in seine Bude hinüber, riß die neuste grüne Mütze vom Nagel und stülpte sie auf den Schädel. Nahm sein silberbeschlagenes spanisches Rohr und ging zum Flur ... klinkte mit hartem Ruck die Pforte auf und stieg mit hallenden Tritten die Treppen hinab. Aus der steinumschnörkelten Pforte des altersgeschwärzten Barockhauses trat er auf die belebte Katharinenstraße, ging den Markt hinunter am Ladengewimmel des Rathausparterres vorbei und stolzierte grimmigen Schrittes die Grimm'sche hinab.
Und dabei sann er, was zu tun. Also jetzt werde ich die beiden Burschen ankontrahieren müssen — nicht auf Pistolen, bah! Vor die Klinge sollen sie mir, vor die krumme! Freilich, der Prinz wird sich wohl hinter seine Hausgesetze verkriechen und mir einen Ersatzmann präsentieren ... aber der Major, dieser aalglatte Streber — der muß 'ran! Hat ja auch wohl jedenfalls den saubern Wisch verfaßt — denn des Prinzen kindliche Pfote war das nicht, die kenn' ich doch! Na, und dann wollen wir dem mal zeigen, was 'ne Prim ist!
Hm ... aber ... wie stellt sich das Korps dazu? Der Prinz ist Konkneipant unseres Bundes, trägt offiziell seine Farben ... also ... ich werde austreten müssen ... und nicht nur pro forma, denn sie können mir ... nach dem Skandal können sie mir niemals das Band zurückgeben ...
Teufel auch, da hab' ich mir ja eine schöne Suppe eingerührt ...
Aber was kann das helfen ... Ritterpflicht ist Ritterpflicht ... kein Mädchen, und wär's zehnmal eine Komödiantin — keine soll klagen, daß ihre Ehre schutzlos sei, solange Valentin Pilgram noch eine Klinge führen kann ... Hatte er sich nicht ihrem Dienste gelobt — gestern abend? Und wie rasch war das nun gekommen, daß dies Gelöbnis ihn zu Taten rief!
Geld hatte man ihr zu bieten gewagt ... ihr, die ganz Deutschland vergötterte ... ihr, die vor seinen Augen dastand in so stolzer Reinheit, wie eine Heilige ... die hatte man kaufen wollen wie eine ... wie eine aus den dunklen Gäßchen der Stadt, durch die am hellsten Tage niemand gehen mochte —?! Das forderte Blut — nur mit Blut war das zu sühnen —!
Aber ... du selber, Valentin Pilgram —?
Hm ... ist das nun nicht eigentlich doch ein Narrenstreich? Hat sie nicht doch recht gehabt, als sie sagte: was geh' ich Sie an —?!
O Valentin Pilgram, Rechtskandidat im achten Semester — greif' in deine Brust und frage dich: geht sie dich an — diese — diese da?!
Ja — wenn eine in der Welt, dann geht diese da dich an ... denn, Valentin Pilgram, so närrisch das auch klingen mag ... Du bist ... diesem Mädchen bist du verfallen seit dem Augenblick, als sie durch die Gasse des jauchzenden Volkes vor Karl den Siebenten trat ... und zugleich in dein Leben, Valentin Pilgram, schicksalsgewaltig ... für immer — für alle deine Tage —!
Nun lag vor dem Schreitenden, herbstsonnenübergoldet, der Augustusplatz: zur Rechten flimmerten die Wasser des Mendebrunnens, reckte sich die finsterblinkende Front des Museums; zur Linken stieg in heiterer Anmut der köstliche Bau des Neuen Theaters ins duftige Blau. Dorthin strebte Franconias Senior, denn er wußte zu dieser Stunde das Korps im Restaurant auf der Theaterterrasse zum Frühschoppen versammelt. Vor ihm wanderte noch eine andere grüne Mütze: Pilgram ließ den Frankenpfiff schallen: da fuhr der Kopf unter der grünen Fuchsmütze herum:
»Ah ... Pilgram —«
Ehrerbietig zog das blonde Füchschen vor dem gestrengen Ersten den Deckel und sprang heran.
»Also, Hartwig, geh' zum Frühschoppen und sage dem Fuchsmajor, er möge sofort die Korpsburschen zum außerordentlichen Korpskonvent zusammenbitten! Ich erwarte die Herren im Flügelzimmer des Restaurants — verstanden?«
»Gewiß, gewiß, Pilgram — ich laufe ...«
Und vom muntern Frühtrunk weg, von der sonnüberglühten Terrasse, wo bei rauschender Musik die Korps ihren offiziellen Frühschoppen hielten inmitten neugierig beobachtender Fremden, verschwand ein wohllöblicher C. C. der Franconia unter dem Rundbogen, der zum inneren Lokal führte, und versammelte sich in einem kühlen, abseitigen Gastzimmer zum Konvent — gespannt, was diese unerwartete Ladung zu bedeuten haben möge.
Die Franken waren's gewohnt, daß ein Ausdruck beklemmender Feierlichkeit sich über das hagere Gesicht ihres Ersten legte, wenn er den Korpskonvent eröffnete: aber so ... so unheimlich offiziell hatten sie ihn doch noch niemals gesehen.
»Ich habe dem C. C. von einer persönlichen Angelegenheit Mitteilung zu machen, die — zu meinem größten Bedauern — mich in einen Widerspruch mit den Interessen des Korps bringt. Unser Konkneipant, Seine Durchlaucht der Erbprinz, und dessen Begleiter Major v. Gorczynski haben sich einer schweren Beleidigung gegen eine Dame schuldig gemacht. Diese Dame ... diese Dame steht unter meinem Schutze ... und deshalb sehe ich mich genötigt, diesen Herren eine schwere Forderung zu übersenden. Ich kann natürlich nicht erwarten, daß das Korps den Erbprinzen zur Verantwortung zieht ... und deshalb bleibt mir nichts übrig, als den C. C. zu bitten, mir die Entlassung ohne Farben zu gewähren, damit ich den Ehrenhandel mit einem Herrn, der offiziell zu den Angehörigen des Korps zählt, zum Austrag bringen kann. Wünscht jemand zu meinem Antrage das Wort?«
In stummer Verblüffung hatten die jungen Herren den Vortrag ihres Häuptlings angehört — angesteckt von seiner Erregung, seinem fiebernden Ernst. Nun baten fast sämtliche Korpsburschen ums Wort und verlangten nähere Erklärungen. Man fragte, wie es möglich sein könne, daß der junge Prinz mit einer Dame, welche der nächsten Verwandtschaft ihres Korpsbruders angehörte — denn nur um eine solche Dame konnte es sich doch handeln — überhaupt in Berührung gekommen sein könne?
»Die Dame, für die ich einzutreten habe, ist keine Verwandte von mir ... es handelt sich um ein junges Mädchen, das außer seinem Vater, einem älteren, gebrechlichen Herrn, keinen männlichen Schutz zur Seite hat — und für das einzutreten mir deshalb als die Pflicht eines Ehrenmannes erscheint, zumal diese junge Dame zugleich eine berühmte und gefeierte Künstlerin ist ... es handelt sich um die herzoglich meiningische Hofschauspielerin Jucunda Buchner.«
Ein unwillkürlicher Laut des Staunens, der tiefsten Ueberraschung entfuhr jedem der jungen Herren. Keiner konnte sich den Zusammenhang erklären ... wußte doch außer Hans Thumser noch nicht ein einziger von ihnen, daß ihr Erster, der notorische Verächter alles dessen, was Kunst und Künstler hieß, überhaupt gestern abend bei den »Meiningern« gewesen war ...
»Ich bitt' ums Wort!« rief Ivo Volkner, der temperamentvolle Rheinländer, und als der Erste dem Konvent Silentium für Volkner anbefohlen: »Ja, lieber Pilgram — ohne uns in Deine persönlichen Angelegenheiten hineinmischen zu wollen — aber Deine Erklärungen sind doch für uns alle dermaßen — überraschend, daß wir doch wohl um etwas genauere Auskunft bitten müssen ... was ist der ... jungen Dame ... denn eigentlich passiert ... und wie kommst Du — gerade Du dazu, Dich zu ihrem Ritter aufzuwerfen?«
»Ich will ... zuerst diese letzte Frage beantworten. Oder vielmehr nicht beantworten. Liebe Korpsbrüder, Ihr kennt mich und wißt: ich weiß im allgemeinen, was ich tue ... Und wenn ich Euch sage, das, was ich zu tun vorhabe, das muß sein — na, dann darf ich vielleicht von Euch erwarten, daß Ihr mir das glaubt. Hab' ich recht?«
Allgemeines Gemurmel der Zustimmung.
»Also noch einmal: ich halte mich für verpflichtet, für die Dame einzutreten ... und bitte den C. C. ... von einer näheren Darlegung meiner Motive ... Abstand zu nehmen.«
Volkner bat ums Wort und fragte:
»Ohne weiter in Dich dringen zu wollen, Pilgram: wir hören doch alle in diesem Augenblick zum ersten Male, daß Du die Dame überhaupt kennst. Sollten wir dann nicht wenigstens erfahren, wann und ... unter welchen Umständen Du ... ihr denn eigentlich dermaßen nähergetreten bist, daß Du — hm! daß Du nun dermaßen für sie in die Verlängerung springen willst?«
»Das kann ich Euch mitteilen ... aber zur Erklärung meiner ... meines Entschlusses wird's Euch wenig nützen ... ich muß da schon an ... an Euer korpsbrüderliches Vertrauen appellieren ... ich kenne Fräulein Buchner erst seit gestern abend ... sie ist die einzige Tochter des Kanzleirats Buchner ... bei dem ich zur Miete wohne.«
»Also sozusagen — filia hospitalis!« sagte Volkner, und ein kurzes, verständnisvolles Schmunzeln ging über die erregten Gesichter der Korpsbrüder.
»Nun, ich denke, ich habe Euch zu diesem Punkte mitgeteilt, was ... was sich irgend mitteilen läßt. Und zweitens — was wolltest Du ferner noch wissen, Volkner?«
»Ja — was denn der Erbprinz eigentlich gemacht hat ...«
»Er hat sie durch seinen Begleiter zum Souper einladen lassen — na, das möchte ja allenfalls gehen ... aber er hat dieser Einladung dadurch einen nicht mißzuverstehenden Charakter gegeben — daß er ... daß er zwei Hundertmarkscheine beigefügt hat ...«
Das Lächeln, das bei Erwähnung der Soupereinladung um die Lippen der jungen Herren aufgezuckt hatte, erlosch ... Rufe wurden laut:
»Geschmacklosigkeit!«
»Donnerwetter, der geht aber aufs Ganze!«
»Na ja — ein Förscht — der denkt eben, er braucht bloß auf'n Knopp zu drücken ...«
»Ich denke, liebe Korpsbrüder, Ihr seht ein, daß eine solche infame Beleidigung — einem anständigen Mädchen gegenüber — Fräulein Buchner ist ein anständiges Mädchen, und wenn sie zehnmal eine Komödiantin ist — was sagst Du, Thumser? Du kennst sie ja auch?«
Hans Thumser hatte mit einem wahren Toben der Gefühle die Verhandlung verfolgt, ohne selbst das Wort zu nehmen. Mein Gott, wie war aus dem strahlenden Spiel von gestern so rasch ein grotesker, tragikomisch grinsender Ernst geworden! Und was war doch dieser offizielle, banausische Pilgram für ein Prachtkerl, daß er sich für ein jählings erwachtes Gefühl gleich so ganz und rückhaltlos in die Schanze warf!
Ach, und du, Hans Thumser? was soll denn heut nachmittag werden? Mit was für Träumen, was für Begehrnissen, Hans Thumser, trägst du dich?!
»Ein anständiges Mädchen?« rief er zur Antwort auf die Frage des Ersten. »Eine Königin ist sie ... eine Göttin ... Pilgram, ich beneide Dich um das Glück, für sie vom Leder ziehen zu dürfen!«
»So überschwenglich brauchen wir das gar nicht mal auszudrücken,« sagte der Erste. »Aber ein anständiges Mädchen ist sie ... und da ich nun mal zufällig das Pech oder ... das Glück habe, mit ihr unter einem Dache zu wohnen ... und der erste honorige Mensch zu sein, dem sie sich anvertraut hat ... so bleibt ja wohl nichts andres übrig, als die Konsequenzen zu ziehen ...«
Bei diesen so nüchtern klingenden Worten schwoll's in all den jungen Burschenherzen. Es war der romantische Glanz, der diese Tat ihres Korpsbruders, ihres Führers, umwob, der ihnen allen Sinne und Urteil blendete. Wenn auch der Idealismus, den das Gymnasium in ihnen erzogen, durch die Formen blasierten, kaltschnäuzigen Lebemannstums verdeckt, ja stellenweise überwuchert sein mochte — noch lebte in ihnen allen etwas von dem Adelsgeiste, unter dessen Herrschaft ihre ganze Jugend, die Formung ihrer Seelen gestanden ... Wohl stieg in manchem von ihnen das Gefühl auf, als hätte sich doch am Ende ein Kompromiß finden lassen ... noch bedächtigere Seelen bedachten gar insgeheim, daß eine solche Katastrophe, auch wenn Pilgram vorher offiziell aus dem Korps ausschiede, doch nicht ohne Folgen für die Beziehungen des Korps zu dem Erbprinzen und damit vielleicht überhaupt zu den deutschen Fürstensöhnen bleiben könne ... In weiter Ferne dämmerte gar hie und da etwas wie der Gedanke an verpfuschte Karriere, verspielte Zukunftsaussichten ... aber:
»Wer die Folgen ängstlich zuvor erwägt,
Der beugt sich, wo man die Tiefquart schlägt —
Frei ist der Bursch!«
— das galt auch heute noch, das galt, das sang man nicht nur, so handelte man auch — hol's der Teufel!
Einstimmig ging Pilgrams Antrag durch, ihm die ehrenvolle Entlassung ohne Band zu erteilen ... Aber durch jedes Herz ging's wie ein schriller Riß, als nun Valentin Pilgram stumm das grün-gold-rote Band von der Brust zog, es stumm auf die Mütze legte, die auf dem Tische lag, sich mit schweigendem Händedruck von den ... ehemaligen Korpsbrüdern verabschiedete ... und, mit einem Handwink im Kreise, an ihnen vorüberschritt ...
Er ging durch den Schenkraum des Theaterrestaurants, schritt barhaupt quer über den Augustusplatz, kaufte sich in der Passage für seinen letzten Taler (Gott sei Dank, morgen ist der Erste!) einen einigermaßen schäbigen Filzhut und kehrte dann zur Theaterterrasse zurück. Grüßend schritt er am Frankentisch vorbei, wo die harrenden Füchse in stummer Verwunderung ihre Mützen zogen, lüftete flüchtig den Hut zu den Tischen der übrigen Korps und trat auf den Neo-Borussentisch zu, an dessen Spitze der Erste, Herr Borgmann, mit dem gewohnten süffisanten Lächeln präsidierte.
»Herr Borgmann — kann ich Sie einen Moment sprechen?«
»Mit dem größten Vergnügen, Herr Pilgram ...«
Die beiden jungen Herren traten abseits an den Rand der Terrasse, von der der Blick hinschweifte zum zitternden Spiegel des Schwanenteiches, auf das braune, rieselnde Laub der Anlagen auf dem alten Umwallungsgebiet.
»Zunächst gestatte ich mir, Ihnen anzuzeigen, daß ich aus dem Korps Franconia ausgeschieden bin ...«
»Herr Pilgram —!«
»Sie werden den Grund sogleich erraten: Ich bitte einen wohllöblichen C. C. der Neo-Borussia um Waffenschutz und zugleich Sie persönlich um die große Liebenswürdigkeit, Seiner Durchlaucht dem Erbprinzen von Nassau-Dillingen und Herrn Major von Gorczynski je eine Forderung auf schwere Säbel ohne Binden und Bandagen auf fünfundzwanzig Minuten bis zur Abfuhr zu überbringen.«
In ratloser Verblüffung waren Mutter und Tochter zurückgeblieben, als ihr Student sich so unerwartet und kategorisch zu Jucundas Ritter aufgeworfen. Nun sie allein waren, wich die erste Rührung und Ergriffenheit bald einem kaltblütigen Erwägen.
»Das gibt weeß Knebbchen än richt'gen Schkandal!« platzte Mutter Doris heraus. »Gucke, das hast Du nu davon, daß Du Dich so hast vergessen kenn'! Schließlich — so gefährlich war doch am Ende die ganze Geschichte nu nich! Man hätte den Herrn ihr Geld einfach sollen wiederschicken — mit Abzug von's Porto nadierlich — un den Korb zum Gärtner zurück, un all's war in Ordnung! Statt dem wird der nun hingehn und wird'n fordern, den Erbprinz, un der Krach is fertig! Un schließlich, was wer'n die Leite sagen? Die Buchner hat's mit ä Studenten, wer'n se sagen!«
Eine Flut von wirren Gedanken wirbelte durch Jucundas Hirn. Da war so unendlich Vieles, was beglückte, erregte, schmeichelte, stachelte, berauschte! Welch eine Macht ging von ihr aus — trieb den langen Jungen, einen Sohn aus gutem Hause, den Ersten Chargierten des ältesten und angesehensten Korps in Leipzig — sie war ihren Kindheitserinnerungen noch nahe genug, fühlte sich noch immer als Tochter eines Hauses, das jahraus, jahrein nur Korpsstudenten beherbergte — wußte das als eine Ehre zu schätzen ... ihn trieb sie in tolle, aberwitzige Abenteuer, diese unheimliche Macht, die von ihr ausging ... Achtzehn Jahre, und schon der Mittelpunkt von Tragödien und Katastrophen ...
Aber da war noch eine andere Stimme: die Stimme der kalt rechnenden Vernunft, die Stimme der kleinbürgerlichen Gerissenheit, die das früh gewitzigte Töchterchen einer engbegrenzten Spießerwelt auf ihrem Anstieg in lichte Höhen des Daseins bisher so sicher geleitet hatte: die warnte vor dem Skandal ... mahnte zur Ruhe, zur Vorsicht ...
»Wenn ich nur wüßte, was Hoheit in Meiningen zu so einer Geschichte sagen würde ...«
»Nu, ich glaub' nich, daß der gnädigste Herr sähre entzickt mechte sinn, wenn's Geschichten gibt wegen en Prinzen aus fürstlichem Hause ...« meinte die Mutter.
Jucunda sann, an wen sie sich wohl um Rat wenden könnte. Franz Burg! schoß es ihr durch den Sinn. Der wackere, selbstlose Freund und Förderer hätte es wohl verdient, daß sie sich überhaupt zuerst an ihn gewandt hätte ... Und das hätte sie ja auch sicherlich getan, wenn nicht ihre Nerven, noch nachzitternd von den gestrigen Fiebern, ihr den Streich mit dem Weinkrampf gespielt hätten ... ja, und da war's eben alles so von selbst gekommen, das Andre, das Unwahrscheinliche, das süß Berauschende und Erschreckende ...
Mutter Doris war natürlich sehr einverstanden ... Und alsbald war Jucunda auf dem Wege zu Franz Burg ... wie sie immer zu Franz Burg gegangen war, wenn sie nicht mehr aus noch ein wußte ... es gingen sehr viele Menschen zu Franz Burg, wenn sie nicht mehr aus noch ein wußten ...
Ach, wie ging sie gern zu Franz Burg! Erstens war es ein behagliches Bewußtsein, daß er verheiratet war — sehr glücklich verheiratet. Zweitens war's ein sehr behagliches Bewußtsein, daß — nun daß er trotzdem heftig für sie schwärmte — so was merkt man doch, nicht wahr? — daß sich hinter seiner trockenen, reservierten Freundschaft eine Empfindung versteckte, die gewaltsam gebändigt werden mußte ...
Gott, ist das entzückend, so zu fühlen, zu wissen, daß man wie eine allvergötterte Königin durchs Leben schreitet ... Ihr fiel ein, daß sie einmal von den Indianern gelesen hatte, sie sammelten die Skalpe ihrer erlegten Feinde ... O Jucunda — wenn du die Skalpe deiner zur Strecke gebrachten Verehrer sammeln würdest ... was für ein Museum käme da zusammen!
So sann Jucunda, während sie hastig die Petersstraße hinabschritt, den Weg, den man sie gestern im Triumphzug heimwärtsgeführt ... Unter dem Torweg kaufte sie sich die Morgenzeitungen, außer dem Tageblatt, das sie daheim zum Frühstück schon verschlungen, und las die Kritiken ... eitel Hosianna über den ganzen Abend, und sie natürlich der Mittelpunkt ... und hier ein Bericht über ihre Heimkehr, feuilletonistisch zurechtgestutzt — brav so, brav, na ja, so was macht eine bildschöne Reklame, das darf öfter passieren!
Erst während sie die Anlagen am Roßplatz kreuzte, den Königsplatz überschritt, kam ihr wieder in den Sinn, weshalb sie sich eigentlich heut morgen zum Theater aufgemacht hatte, wo sie doch auf Rechnung der gestrigen Strapaze von der Probe dispensiert war. Nein, dieser gute Pilgram — so ein Starrschädel! Eigentlich rührend ... und doch ein bißchen zum Lachen, daß er sich ihretwegen ... des lumpigen Billetts wegen, das doch wahrhaftig nicht das erste gewesen war und auch nicht das letzte sein würde ... daß er sich deswegen mit Tod und Teufel schlagen wollte — sich sein Leben verpfuschen reineweg! Also solche Männer gab es doch auch ... eigentlich eine Wohltat, wenn man so inmitten dieses marklosen, irrlichtelierenden, an großen Worten sich betrinkenden und vor jeder Tat mit eingekniffenem Schwanz abseits schleichenden Künstlervolks lebte ... Franz Burg war ja eine Ausnahme ... aber ob er sich ihretwegen auch nur einem Schnupfen ausgesetzt hätte statt einer Degenklinge — das bezweifelte Jucunda denn doch eigentlich ...
Da war das Carolatheater ... Jucunda schritt durch den Eingang, überquerte das schmale Höfchen, den Kassenflur, in dem sich bereits wieder das Publikum um die Abendplätze prügelte — Gott, wie wird Hoheit sich über die Kassenrapporte freuen! — schlüpfte durch die knarrende Eisentür in den Bühnenumgang und horchte am Pförtchen, das zur Bühne führte. Burg arrangierte eben das »Lager« ...
»Kinder,« hörte sie seine Stimme, »faßt Eure Kriegsknechte man recht feste um 'n Hals — Ihr seid jetzt keine höheren Töchter mehr, Ihr seid Lagerdirnen des Friedländers, die hatten etwas weniger etepetetige Umgangsformen als die Leipzigerinnen von 1888! Und wenn's aus Versehen mal 'nen handfesten Kuß absetzt — na, für die Kunst muß man eben Opfer bringen können!«
Ja — das konnte natürlich bis zur Erschlaffung so weitergehen ... und dabei war doch Eile not ... Es half nichts, sie mußte unterbrechen ... obschon sie wußte, daß er das auf den Tod nicht leiden konnte ... Sie trat in den halbdunklen Bühnenraum, den nur die offenen Gasflammen der Proberampe matt erhellten. Da stand Franz Burg neben dem Regietisch, umringt von der andächtig lauschenden Schar des »Volkes«.
»Suchen Sie mich, Buchner?«
»Wenn Sie einen Moment Zeit für mich hätten, Meister ... es ist dringend ...«
Jucunda störte nicht ohne Grund — dafür kannte er sie. Aber allzu gnädig klang es nicht, wie er drinnen im Konversationszimmer ein kurzes »Also los!« hervorstieß.
Und Jucunda berichtete. Ausführlich entschuldigte sie sich, daß sie sich nicht zuerst an ihn gewandt ... ließ deutlich durchblicken, daß ihr die ganze Geschichte nur so über den Kopf gekommen ...
Ein sardonisches Schmunzeln zog über's ausgearbeitete Gesicht des Oberregisseurs, in seinen dunklen, tiefliegenden Augen tanzten tausend Teufelchen.
»Un wat sall ick dorbi dauhn?«
»Helfen sollen Sie, lieber Freund! Das darf doch nicht geschehen!«
»Ganz im Gegenteil, Kindchen — einer von den dreien muß auf der Strecke bleiben — noch besser alle! Die Schädel sollen sie sich spalten — einander auffressen wie die beiden Löwen in dem berühmten Liede:
Zwei Löwen gingen einst selband
In einem Wald spazoren,
Und haben da, von Wut entbrannt,
Einander aufgezohren!«
»Das — kann Ihr Ernst nicht sein!«
»Aber blutiger! Was liegt an einem Rechtskandidaten, einem Erbprinzen, einem Stabsoffizier! Hin müssen sie allesamt werden, damit Jucunda Buchner im Triumph über ihren Leichnamen zum Tempel des Ruhms emporwandelt!«
»Ach — mir ist wirklich nicht nach Späßen zumut!«
»Denken Sie, mir?! Merken Sie nicht, Kindchen: alles, was nicht zum Bau gehört, ist Publikum, das heißt, einzig und allein dazu da, uns zu bewundern, zu feiern, zu erhöhen ... Gestern abend haben sie Ihnen die Pferde ausgespannt und Sie im Wagen nach Hause gezogen: geben Sie mal acht, wenn Ihr Student und Ihr Erbprinz sich Ihretwegen gegenseitig aufgespießt haben — was die Leute dann erst mit Ihnen aufstecken! Auf Händen werden Sie dann nach Hause getragen!«
»Und ... was wird Hoheit zu der Geschichte sagen?«
»Hm ... Hoheit ...« Burg sann einen Augenblick nach. Allerdings, das war zu erwägen ... An Hoheit durfte so eine kindische Affäre natürlich nicht herankommen ...
Aber ... würde es denn überhaupt eine Affäre werden? Franz Burg kannte die Welt und wußte, daß in ihr nichts so heiß gegessen wird, wie jugendlicher Ueberschwang es kochen möchte ...
»Na ... so weit sind wir ja noch lange nicht!« lachte er. »Vorläufig wollen wir mal ruhig zusehen, wie das Rummelchen sich historisch entwickelt ... Is ja ganz nett, auch mal Zuschauer spielen zu dürfen! So, und nun muß ich wieder Affen dressieren — komm her, Langbeinchen, gib mir 'n Kuß!«
Als Jucunda auf der Straße stand, sah sie ihre Kollegin Thöny drüben in einem Fenster des ersten Stockes liegen. Sie winkte ihr zu.
»Was haben Sie denn da drinnen gemacht, Buchner? Kommen Sie 'nauf, wir schwatzen ein bissel!«
Die beiden Rivalinnen kamen rasch ins Gespräch. Plötzlich fiel's Jucunda ein, daß ihre Mutter daheim mit dem Mittagessen wartete: Na, dem ließ sich abhelfen — es war nicht alle Tage so nett — nicht alle Tage vertrug man sich so gut mit seinen Kolleginnen — das mußte man auskosten. Sie pfiff sich einen barfüßigen Jungen von der Straße herauf und schickte ihn mit einem Markstück und einem Stadttelegramm zum nächsten Postamt.
»Muß probieren, nicht zum Essen erwarten. Jucunda.«
Die Mädchen teilten das frugale Mittagsmahl, das Mutter Ach ihrer Pensionärin gekocht hatte, und schwatzten, küßten sich, schworen sich ewige Freundschaft ... und Asta Thöny hatte ganz vergessen, daß sie noch heut nacht so heiß geweint hatte, weil man Jucunda Buchner die Pferde ausgespannt hatte und ihr nicht ...
Und Jucunda Buchner dachte nicht mit einem Sterbensgedanken mehr daran, daß um ihretwillen ein junger, wackerer Gesell im Begriff war, seine Zukunft und sein Leben auf ein tolles Spiel zu setzen ...
Erbprinz Heribert und sein Mentor waren beim Dessert ... Zwei junge Leutnants vom hundertsiebenten Regiment, Söhne verarmter Nassau-Dillingenscher Adelsfamilien, deren alte Herren nur Infanteriezulage erschwingen konnten, waren zu Tische geladen. Man trank Pommery und beklatschte Hofskandäler der benachbarten Fürstenhöfe — da wurde in dringlicher, persönlicher Angelegenheit Herr Studiosus Borgmann Neo-Borussiae gemeldet.
»Hm ... dringliche, persönliche Angelegenheit? Also bitte ins Empfangszimmer ... Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine Herren ...«
Sporenklirrend ging der Prinz — den militärischen Gästen zu Ehren war er heut in der Uniform seiner Sophiendragoner — in den Salon hinüber, dessen konventionelle Hoteleleganz durch ein paar erlesene Stücke aus dem erbprinzlichen Schloß Beauregard eine Art persönliche Note empfangen hatte.
Herr Borgmann verneigte sich tief. Unter seiner schwarzen Kompresse waren Stirn und Nase erblaßt vor feierlicher Erregung.
»Durchlaucht ... ich bedaure unendlich ... furchtbar peinliche Mission ...«
»Darf ich bitten, Platz zu nehmen?«
Stotternd entledigte sich Herr Borgmann seines Auftrages.
»Hören Sie mal, mein Verehrtester — das ist ein Witz ... aber ein fader!« sagte der Erbprinz. »Einen Augenblick ... ich werde Herrn von Gorczynski rufen lassen, der ist ebenfalls beteiligt ...«
Er klingelte und befahl, den Major zu bitten.
»Nehmen Sie mir die Frage nicht übel, Herr Borgmann — ist bei Ihrem Herrn Auftraggeber vielleicht eine Schraube los?«
»Ich bedaure, als Kartellträger eine Kritik an dem Inhalt meines Auftrages ... weder selbst ausüben noch ... entgegennehmen zu dürfen ...«
»Sehr korrekt!« lobte der Erbprinz. »Sie haben ganz recht — verzeihen Sie. Aber ich bin einstweilen dermaßen baff ... So was hab' ich denn doch nicht für möglich gehalten.«
Und zu dem eintretenden Major mit einem boshaften Schmunzeln:
»Nun sagen Sie mal, mein Verehrtester — was haben Sie uns da denn eigentlich eingebrockt? Wir werden gefordert! Wir sollen uns prügeln — weil wir den perversen Wunsch geäußert haben, mit der Jungfrau von Orleans zu soupieren!«
Der Major begriff nicht — mußte erst völlig aufgeklärt werden — und dann platzte er hell heraus ... Der Prinz stimmte ein, auch Borgmann glaubte aus schuldiger Höflichkeit mitlachen zu müssen ...
»In der Tat, die Sache ist zum Wälzen,« sagte der Prinz — »aber Teufel auch, wie bringen wir diesen rabiaten Burschen, den guten Pilgram, zur Ruhe? Wie die ganze verfahrene Karre wieder ins Gleis? Ich danke für einen Skandal ... die Sache muß unbedingt in aller Stille arrangiert werden.«
»Durchlaucht,« sagte der Major, »ich bin natürlich schuld. Ich habe unsre ... hm, hm ... unsre vollkommen harmlose Soupereinladung scheinbar doch ein bißchen zu herausfordernd stilisiert ... ich übernehme selbstverständlich jede Verantwortung. Zunächst werde ich zu Fräulein Buchner hinfahren, mich als den Schreiber des ... verhängnisvollen Zettels bekennen ... und für mich, als den allein schuldigen Teil — die Verzeihung dieser ... nun der jungen Dame erbitten. Damit dürfte dann wohl die Angelegenheit vollkommen erledigt sein — nicht wahr, Herr Borgmann?«
»Hm ... ich will's hoffen,« meinte Herr Borgmann etwas kleinlaut. »Wenn ich den Fall richtig taxiere, ist mein Herr Auftraggeber in ... na, in gewissen ... heiligen ... Gefühlen gekränkt ... die bei etwas temperamentvollen jungen Leuten leicht eine ... etwas explosive Form annehmen ...«
»Ach so — Koller nennt man das ja wohl,« näselte der Erbprinz. »Ja ... aber wenn ein solcher — hm ... pathologischer Zustand gemeingefährlich wird, dann muß eben eine Radikalkur versucht werden. Aeh — die Sache ödet mich ... Ich wünsche, lieber Herr von Gorczynski, daß Sie die Angelegenheit völlig ins Reine bringen, verstehen Sie mich?«
»Gewiß, gewiß, Durchlaucht, ich werde es an nichts fehlen lassen ...« hastete der Major beflissen.
»Und Sie, Herr Borgmann? Ich rechne auf Ihre Mitwirkung zu einer absolut geräuschlosen Beilegung!«
»Durchlaucht wollen versichert sein, daß ich mein möglichstes tun werde!«
Mit kurzer Verneigung schritt der Prinz an den beiden Herren vorüber und überließ sie ihrer Ratlosigkeit. Auf dem Wege zum Speisesalon brach er in ein schallendes Gelächter aus.
So eine gerissene Katze — bringt's fertig, einen Prinzen, einen Prinzenbegleiter und einen langen Laban von Schlagetot vor ihren Reklamewagen zu spannen ... und sowas ist achtzehn Jahre alt und spielt weißgewaschene Tugendengel dermaßen überzeugend, daß einem ganz kniefällig dabei zumute wird ... Na, warte Du, Dich zähm' ich mir noch mal, Du süße, weiße Bestie Du — das lohnt doch noch der Mühe!
»Sie, lieber Aldringen, geben Sie mal 'n Glas Pommery — aber etwas lebhaft, bitte!«