8.
Als Hans Thumser inmitten seiner Korpsbrüder das Theaterrestaurant verließ und über den sonnenflimmernden Augustusplatz, die mittäglich durchhastete Grimmaische Straße nach dem Baarmannschen Lokal am Markt hinüberspazierte, wo das Korps speiste — da wirbelte ihm der Kopf dermaßen vom Fieber des Erlebens, daß die erregten Gespräche der Freunde nur wie aus weiter Ferne zu ihm herüberklangen. Und doch disputierte er selber eifrigst mit ... Es war ja kein Ende zu finden des Ueberlegens und Projektierens — wie alles kommen würde — ob man sich nicht übereilt, ob Pilgram, ob das Korps richtig gehandelt, ob sich nicht eine minder schroffe Lösung des Konflikts hätte finden lassen ... Wie der Erbprinz sich stellen würde ... und schließlich doch auch der Hof in Nassau-Dillingen ... was der für Weisungen erteilen würde ... und was all der welterschütternden Schicksalsfragen mehr noch waren.
Und dabei immer der heimlich bohrende, süß erregende, wonnesam beklemmende Hintergedanke an ... heut nachmittag ...
Und so in Wirrnis und Ahnung verrannen die Stunden ... Jetzt ward alles andre verdrängt durch das Mitgefühl mit Valentin Pilgrams Schicksal, des Korpsbruders, der so ganz anders geartet war, mit dessen Wesen das eigene niemals harmonisch hatte zusammenklingen wollen ... und dessen starkgemute Jungmännlichkeit dennoch die lebenshungrige Seele fest in ihren Bann geschlagen hatte — längst eh dies opferstolze Einsetzen seines ganzen Daseins für ein fremdes Mädchen, das Kind einer andern Welt ... eh' diese Tat sein Bild in eine fast heroische Sphäre emporgehoben ...
Und dann wieder schwirrten mit scheuem Flügelschlage die Gedanken um das eigene Hoffen und Bangen ...
Und seltsam: Astas und Jucundas Bilder, sie rannen zusammen in der Seele ... Wer war's eigentlich, der ihn erwartete heut um fünf? War's nicht jener Dämon, der in seines Korpsbruders Leben so verhängnismächtig hineingegriffen? Jucunda! Jucunda! Der Name klang aus allen Gesprächen, die in der Runde hin und wider flogen ... Daß es überhaupt eine Asta Thöny gab, das wußte ja nur einer von seinen Freunden, und dieser eine — der war fern ... war ausgeschieden aus dem Bunde, dem sein ganzes Herz gehörte, für dessen Farben er in siebenundzwanzig Waffengängen sein junges Herzblut vergossen ... ausgeschieden um jener andern willen ... und selbst dieser eine hatte sie doch nur auf der Bühne gesehen — ahnte nicht, daß sie mit Hans Thumser unter einem Dache wohnte ... konnte nicht ahnen, daß sie heimlich nächtens in ihre Kissen weinen und dann plötzlich lachen konnte, so girrend, so atemversetzend.
Nach dem Mittagessen blieb das Korps beim Kaffee noch lange zusammen. Die Füchse wurden fortgeschickt, und immer und immer wieder in heftigen Disputen drehten und wendeten die Korpsburschen das Ereignis des Tages. Hans aber zog von Zeit zu Zeit heimlich die Uhr und zählte, wie eine Viertelstunde um die andere verrann von jenen, die ihn noch von dem größten Erlebnis seines jungen Daseins trennten ... Und einmal zog er heimlich auch sein Portemonnaie und stellte fest, daß er heute, am einunddreißigsten Oktober, noch fünfundachtzig Pfennige sein eigen nannte ...
Teufel auch! Wenn man die Farben eines Korps trägt, kann man unmöglich ohne ein bescheidenes Blümchen in der Hand bei einer Dame zum Tee antreten ... Und Hans Thumser pumpte sich von Volkner, der immer Geld hatte, eine Mark ...
Und endlich war's dreiviertel fünf ... Und wie ein Träumender strich Hans Thumser die Petersstraße hinunter, einen Busch rosa Dahlien, in Seidenpapier gewickelt, in der Hand ... Zu wem ging's? Zu Asta? Zu Jucunda? Er wußte es nicht ... es ging ... zu ihr ...
Und so war's fast eine Selbstverständlichkeit, daß er sie nun beide fand ...
Die Stube schwamm von Zigarettenrauch ... Und auf dem Sofa, eng aneinandergelehnt, zwei Mädchen ... die, die er zu suchen kam — und die andere ...
»Ach Gott ...« lachte Asta in komischem Entsetzen auf, »Herr ... na wie heißen Sie noch? Herr ...«
»Thumser,« stotterte Hans und blieb ganz verdonnert an der Tür stehen.
»Richtig, Herr Thumser — mein Zimmernachbar — nicht wahr, Sie sind's doch? Mein Gott, Sie hatt' ich wahrhaftig total vergessen —«
»O bitte, dann will ich nicht stören,« sagte Hans und griff zur Tür.
Ein Kübel Eiswasser, einem glutgedörrten Saharawanderer jählings über den Nacken gegossen ...
»Aber nein! Stören! Weglaufen! Gibt's nicht!« Und das weiche Figürchen in der nicht ganz tadellos frischen Batist-Matinee sprang auf, stand vor dem schlanken Studenten, eine Hand, zart und warm wie ein sonnendurchglühtes Rosenblatt, legte sich auf die seine und zog ihn ins Zimmer.
»Nicht böse sein! Meine Kollegin ist mich besuchen gekommen, und da haben wir uns verschwatzt ... Ist's denn schon fünf Uhr? Himmel — und wie's hier ausschaut! Frau Wehe! Frau Wehe! Schnell kommen Sie mal her und räumen S' ab! Gestattest Du, Jucunda? Mein Zimmernachbar, Herr Studiosus Dummler —«
»Thumser,« verbesserte Hans etwas pikiert.
»Pardon — Thumser — meine Kollegin Buchner — die große Buchner, wissen S'!«
Jucunda grüßte stumm und königlich. Sie hatte die grüne Mütze, die drei Farben um die Brust des jungen Mannes wiedererkannt ...
»Ich weiß ...« sagte Hans. »Ich war gestern abend in der 'Jungfrau' ... und ich bin auch unter denen gewesen, die —«
»— ihr die Pferde ausgespannt haben — natürlich! Das nächste Mal, Sie Schlingel, spannen Sie mir die Pferde aus — verstanden? Sonst ist's aus mit der guten Nachbarschaft!«
»Wird gemacht!« sagte Hans, der sich wiederfand. »Inzwischen darf ich wohl als bescheidene Entschädigung diese Blümchen ...«
»Ach — das ist famos! Sehen Sie, Jucunderl, es wachsen heuer doch nicht alle Blumen bloß für Dich ...« Und sie drückte den Studenten in einen der verschlissenen, fettigen Damastfauteuils, welche Mutter Achs beste Bude verherrlichten.
Einen raschen Blick warf Hans Thumser in der Bude umher. Wild sah's aus ... auf dem Tisch noch die Reste des bescheidenen Mittagsmahls, Aepfelschalen und die zerknautschten Mundstücke abgerauchter Zigaretten trieben sich auf dem fleckigen Tischtuch herum ... und drüben auf dem Bette aufgestapelte Mullröcke und Spitzenhöschen, auf dem Schreibtisch ein zusammengerolltes Korsett, dazwischen unsaubere Hefte mit ausgeschriebenen Rollen und zerflederte Reclambändchen ...
Asta war diesem Blick gefolgt und sah den Ausdruck von Mißbehagen, der ununterdrückbar das schmissebedeckte tadellos rasierte Gesicht des korrekten und gepflegten Jünglings überzog.
»Bös schaut's aus da drin, gelt? Aber warten S' nur, ich schaff' schon eine Ordnung! Faß an, Jucunderl, Du bist ja schuld, daß ich so einen feschen, jungen Herrn in so einer Schlamperei muß empfangen! Und Sie, Frau Wehe« — die noch immer hübsche, kugelrunde Wittib stand mit nachmittagschlafgeröteten Augen in der Tür — »hinaus mit dem Abfall da! Und ein' Tee kochen S' uns, und Kuchen will ich seh'n und Schlagsahn' und was sich sonst gehört! Da haben S' ein Geld!« Und wie ein Irrlicht fegte das dunkellockige Mädchen in der Stube umher, hob den Bettbezug aus gewebter, leidlich defekter Spitze, das Ueberbett in die Höhe, stopfte die herumliegenden intimen Kleidungsstücke drunter und deckte mit einem Spitzbubenlächeln wieder zu, griff in die Nachttischschublade und warf ein paar Markstücke auf den Tisch, daß zwei, drei in die Stube kollerten und Hans Thumser sich bücken mußte, um sie wieder aufzulesen; griff dazwischen in die Zigarettenschachtel, schob ihren beiden Besuchern, sich selbst und schließlich auch der verlegen grinsenden Wittib eine Zigarette zwischen die Lippen:
»Da, Herr Dummser — haben S' Feuer?«
Und da flimmerten auch die feuchten Lippen, die dunklen, flackernden Augen dicht vor Hansens Gesicht, loderten ihn an, während sie mit ihm zugleich am nämlichen Zündholz ihre Zigarette anbrannte ...
Inzwischen saß Jucunda stumm und königlich auf dem Sofa, ohne eine Hand zu rühren, und ließ ihre runden blauen Augen von einem zum andern leuchten. Und auch Hans Thumsers Blicke gingen hin und her, von dem Schalk zu der jungen Königin, von der jungen Königin zu dem rastlosen Schelm ...
Und endlich gab's Ruhe und so etwas wie Ordnung, und mit einem tiefen Aufseufzen warf Asta Thöny sich in das Sofa, kuschelte sich an Jucundas kräftige Schulter ... und nun sahen zwei Augenpaare, das blaue, das schwarze, den braunäugigen Studenten an ...
»So, Herr Dummser, nu erzählen S' uns was!«
Hans Thumser war des Umgangs mit weiblichen Wesen wenig gewohnt. Seine Schwestern waren um vier und fünf Jahre jünger als er, die zählten, samt ihrer Freundinnenschar, noch nicht mit, waren Gören, oder wie man daheim sagte, Blagen ... unfähig, die erhabene Größe eines Studenten, eines Korpsstudenten, eines Fuchsmajors richtig einzuschätzen. Und das Korps? Es lebte außerhalb der Leipziger Gesellschaft, war völlig durch Mensur und Kneipe absorbiert und kam höchstens auf dunklen und verschwiegenen Pfaden einmal mit verachteten Parias der Weiblichkeit in Berührung ...
Aber ... er war ein werdender Poet ... und der Zauber der Situation löste ihm die Zunge, gab ihm Worte, wie sie gesellschaftliche Routine nicht kennt ...
»Erzählen soll ich Ihnen ... meine Damen? Ach ... ich hab' nichts erlebt, was des Erzählens wert wär' in solch einem Augenblick ... aber ... das darf ich ja wohl sagen, nicht wahr? daß ich sehr glücklich bin ... Ich denke an gestern abend ... ich habe Sie beide gesehen und bewundert und beneidet um das Glück Ihres Berufs ... den Menschen das Schöne zu offenbaren ... und nun sitz' ich hier ... Ihnen gegenüber ... seien Sie mir nicht böse, wenn das mir zu Kopf steigt und ... mich dumm und stumm macht ... Sie nennen mich noch immer Dummser, gnädiges Fräulein ... und das stimmt, ich bin auch ein dummer Bub, das fühl' ich, jetzt, wo ich mit Ihnen zusammensitzen darf ... Nein, ich kann Ihnen nichts erzählen ... ersparen Sie es mir, mich mit Konversationmachen abzuquälen ... erlauben Sie mir nur ... da zu sein ... und Sie anzuschauen ... und zu fühlen, ja bis ins Tiefste zu fühlen, wie schön das ist ... was für ein Glück das ist!«
»Aber warum machen Sie sich selber so schlecht?« sagte Jucunda und sah ihn groß an — »Sie sprechen gar nicht übel ... im Gegenteil — ich meine, ich hätte noch niemals einen Menschen so sprechen gehört ...«
»Du —?« sagte Asta, »daß Du mir dem Jungen nicht zuviel Komplimente machst! Das ist meiner, verstehst Du mich? Aber Du mußt immer alles für Dich haben ... die Blumen — die Kränze — die ausgespannten Pferde — die Verehrer, alles muß sie allein haben! Und so was redet von Freundschaft und Kollegialität! Schämen sollten S' Ihnen, mein Fräulein!«
Hans wurde glühendrot. »Ach, meine Damen, machen Sie sich nur immer über mich lustig ... ich weiß ganz genau, wie wenig ich Ihnen sein kann. Nur das eine muß ich Ihnen sagen: Sie ahnen gar nicht, was dieser Tag für mich bedeutet ... Sie können sich wohl nicht vorstellen, wie barbarisch und rauh dies Leben ist, das wir jungen Dächse so führen auf deutschen Hochschulen ... Und seit gestern ist's auf einmal bunt und licht und ... groß und ... schön um mich her ... seit ich Sie beide kenne ...«
»Gott, wie süß er ist — gelt, Jucunda?« sagte Asta und streichelte dem Studenten mit einer raschen, zärtlichen Bewegung ganz leise und flüchtig die glühende, narbenzerrissene Wange. »Nur mehr so Schönes, nur mehr! So was kann man gar nicht genug hören!«
»Ach — Sie scherzen wieder, Gnädigste —« sagte Hans. »Sie sind weit schönere Worte gewohnt ... Sie verkehren am Hof — inmitten von Geist und Grazie ... die Dichter, deren Werke Sie verkörpern, huldigen Ihnen ...«
»Der hat Ahnung, gelt?« lachte Asta halb verschmitzt halb schmerzlich zu ihrer Kollegin hinauf, in deren Arm sie sich drückte.
»Nein, Herr Thumser,« sprach Jucunda langsam, »Sie haben doch wohl eine etwas — na sagen wir mal zu ideale Vorstellung von unserm Leben ... Glauben Sie mir nur, es gibt nicht viel Männer, die so zu reden wissen, daß es einem wohltut ...«
»Gewiß, ich glaub's — so verwöhnt, so anspruchsvoll wie Sie sein müssen ... denn so jung wie Sie sind, Sie sind berühmt, alles liegt Ihnen zu Füßen, Sie kommen wie das Schicksal ... wehe dem, der Ihnen verfällt ...«
Ein Schatten war bei diesen Worten über die enthusiastischen Züge geflogen, die flammenden Augen hatten sich verdunkelt.
Jucundas Stirn hatte sich langsam zusammengezogen.
»Wie das Schicksal?« fragte sie, »wie meinen Sie das?«
»O ... ich dachte an ... eine gewisse Geschichte ... eine sonderbare, aufregende Geschichte ... von der Sie doch wohl auch wissen müssen ...«
»Sie ... meinen ... die Sache ... mit Herrn Pilgram? Von der wissen Sie also auch schon?«
»Ich weiß ... selbstverständlich weiß ich ... wir sind ja doch Korpsbrüder ...«
»Eine ... Sache?« fragte Asta ganz erstaunt. »Was hat's gegeben? Hast mir ja doch gar nichts davon erzählt, daß es was gegeben hat? Heraus mit der Geschichte!«
»Ich möchte ... eigentlich überhaupt nicht davon sprechen ...« meinte Jucunda.
»Und ich ... ich halte mich ebenfalls nicht für berechtigt ...« setzte Hans befangen hinzu.
»Schöne Sachen sind mir das!« zürnte Asta. »Ich bring' Euch zwei zusammen, und schon habt Ihr Geheimnisse miteinander, und ich werd' ausgesperrt und hab 's Zuschau'n! Na wartet — jetzt kommt der Tee mit dem Kuchen, hernach setz' ich Euch vor die Tür und ess' alles alleinig!«
Jucunda hatte einen Moment sinnend den Rauchwölkchen ihrer Zigarette nachgestarrt. Es war dämmrig im Zimmer geworden. Frau Wehe kam mit dem Tee, dem Gebäck, zündete die Petroleum-Hängelampe über dem Tische an, und hell gleißten nun die drei jungen Gesichter auf dem Hintergrunde der abgenutzten Stube, die rasch in völliges Dunkel versank.
Als die Wirtin gegangen, sagte Jucunda langsam: »Ich verstehe, daß Sie sich über die ... Angelegenheit ... die bewußte ... nicht gern aussprechen. Aber Sie werden begreifen: ich bin ziemlich gespannt. Sie wissen schon drum ... also die Sache kommt doch, scheint's, wirklich an die große Glocke. Ich bin ja schließlich doch ein bißchen beteiligt ... Wollen Sie mir nicht sagen, was inzwischen eigentlich passiert ist?«
»Hm ... wenn unsre ... gütige Gastgeberin gestattet, daß wir uns in ihrer Gegenwart über ... eine Sache unterhalten, die sie nicht ... in die wir sie nicht einweihen dürfen?« »Na macht schon, macht schon ...« maulte Asta, »Ihr brennt ja darauf, Eure Geheimnisse auszutauschen ... ich ess' Kuchen.« Und wütend bissen ihre blinkenden Zähne in einen braunlächelnden Mohrenkopf.
»Also kurz ... Er ... ist aus dem Korps ausgetreten ... und hat die ... die bewußten beiden Herren auf Säbel ohne ohne gefordert ... Genügt Ihnen diese Andeutung?« fragte Hans.
»Hm ... und mehr ... wissen Sie also noch nicht?«
»Noch nicht.«
»Immerhin ... also der Skandal ist fertig. Schöne Bescherung ...«
»Hol Euch der Satan, Kinder, Ihr macht eins aber wirklich neugierig wie eine Ziege!« sagte Asta und ließ die kuchenstopfenden Finger sinken. »Säbelforderung — Skandal ... und dabei habt Ihr Euch vor einer halben Stunde erst kennen gelernt vor meinen sehenden Augen ...«
»Gott, warum soll man's ihr schließlich nicht erzählen?« meinte Jucunda. »Morgen weiß es ganz Leipzig ...«
»Hast einmal wieder was, womit Du Dich kannst int'ressant machen, Jucunderl? Gott, das Mädel hat einen Dusel! Daß es um Dich geht, soviel hab' ich schon heraus ... Also es werden zwei sich die Köpf' entzweischlagen Deinetwegen ... hernach schauen die Leut' unsereins überhaupt nicht mehr an ... und so ist's in allem! Schon wie's heißt — Jucunda! Wie kommt bloß ein Vater auf die Idee, so ein Wurm 'Jucunda' zu taufen? Als ob er damals schon geahnt hätt', daß das Kind einmal wird unters Theater gehen! Sag' doch, Mädel — wo kommst an so einen Namen, so ein' ausgefall'nen?«
»Ach — das ist einfach genug ... da war eine alte Tante, die eine Beamtenpension zu verzehren hatte und so schöne uralte Möbel und Bilder gehabt hat aus der Goethezeit ... um die sind alle Verwandte herum gewesen erbschleichen ... aber meine Eltern haben den Vogel abgeschossen und mich nach ihr getauft ... das hat sie so erschüttert, daß sie mir den ganzen Krempel vermacht hat ...«
»Ach — und nun hast Du das ganze schöne Zeugs?«
»I Gott bewahre — verkauft hat's mein Vater und für mich in einem Sparkassenbuch angelegt ... und davon sind mein Studium und meine modernen Kostüme bezahlt worden — paar Groschen werden wohl auch noch da sein, denk' ich ...«
»Ja schaust, was Du für ein Glückskind gewesen bist ...« Astas Augen irrten in die Ferne, ein ganz fremder Ausdruck von Bitterkeit und Ekel umschattete das pfirsichweiche Oval. — »So eine Tante wenn ich gehabt hätt', meinetwegen hätten s' mich Eulalia mögen taufen! Ich hab' das alles allein müssen schaffen, so gut oder — so hundsfött'sch wie's hat gehen mögen ... Dabei wird man ein armes, gerissenes, mit allen Hunden gehetztes Wildkatzerl allenfalls ... und wenn man ein bisserl Talent hat, hernach wurschtelt sich eins am End' auch noch rechtzeitig in die Höh' ... aber eine Priesterin, vor der die Menschen sich platt auf den Bauch schmeißen, eine Jungfrau von Orleans wird man nicht auf die Art!«
Mit herablassender Zärtlichkeit streichelte Jucunda die zierliche Kollegin. »Ich sollte meinen, Asta, Du könntest noch ganz zufrieden sein mit Dir — nicht wahr, Herr ... Gott, dieser lächerliche Name — schon wieder hab' ich ihn verschwitzt —«
»Herr Dummerle!« half Asta ein, und um die schmerzlich verzogenen Lippen huschte schon wieder der Schalk.
Hans Thumsers Blicke wanderten rastlos von einer zur andern. Welches Glück, daß er den goldenen Apfel des Paris nicht zu vergeben hatte!
Und Valentin Pilgram? Und die Affäre? Schon längst wieder versunken ... kaum die Oberfläche des Gesprächs hatte sie gekräuselt, die Geschichte von dem wackren Gesellen, der um dieses achtzehnjährigen Weibes willen sein Blut, sein Schicksal aufs Spiel gesetzt hatte — als Dank für ein paar freundliche Worte, die sie ihm geschenkt ...
Dieser Gedanke tauchte dann und wann flüchtig auf in Hans Thumsers Denken — aber die Gegenwart, die nie erlebte, der beiden jungen, blutjungen und doch schon aller Machtmittel ihres Geschlechtes kundigen Geschöpfe verdrängte das Bild des Korpsbruders, das heut morgen in so lichtem Heroenglanze gestrahlt hatte.
»Sagen Sie, Herr Thumser, was studieren Sie eigentlich?« fragte Jucunda.
»Gott, was studier' ich? Die Geheimnisse des S. C. Paukkomments — die Kunst, eine Tiefquart unter der steilsten Auslage hindurch in die Nasenspitze des Gegners zu dirigieren ...«
»Das glaub' ich nicht ... so sehen Sie nicht aus, als ob das alles wäre, was Sie treiben ...«
»Na ... meine kümmerlichen Versuche, mich mit der Juristerei anzufreunden, werden Sie mir doch wohl kaum am Gesicht ansehen können?«
»Das nun schon gar nicht! Nein, es steckt noch etwas andres hinter Ihnen —«
»Soll ich's verraten?« fiel Asta ein — »ich weiß es nämlich ...«
Und mit ihrem Spitzbubenlächeln, das Köpfchen tief auf die weiche Schulterlinie geneigt, fing sie an zu rezitieren:
»Ich bin ein junger Korpsstudent,
Die Schuhe Lack, der Rock patent,
Korrekt und schick an mir ist alles —
Im Portemonnaie nur —«
»Halt! Gnade!« rief Hans und legte seine Hand beschwörend auf Astas runden Unterarm — von dessen Wärme süße Schauer in seine Fingerspitzen, seine Arme, sein Blut hinüberströmten.
»Ach — sieh da — Verse — und von Ihnen?« fragte Jucunda. »Also ein junger Schiller — oder Goethe? Sieh da!«
»Ach Gott — diese elenden Knittelreime — wenn man nichts Besseres könnte ...«
»Oh — das ist aber nicht hübsch von Ihnen, daß Sie sich meinetwegen so wenig angestrengt haben —« sagte Asta. »Na, was können Sie denn Besseres? Heraus damit!«
»Jawohl, Herr Poet, eine Probe Ihrer Kunst!«
Hans Thumser ließ sich nicht lange bitten. Er sann einen Augenblick nach. Dann richtete er sich unwillkürlich etwas auf, ein feierlicher, strahlender Ausdruck kam in seine Züge; und in tiefinnerer Bewegung sprach er:
»Abgründe klaffen rechts und links
Von meinem schwindelschmalen Pfade,
Und hinter mir schleicht stumm die Sphinx —
Doch über mir geigt Engelsgnade.
Ich aber will nachtwandlerkühn
Den Gratgang bis ans Ende wagen,
Und hell durchsonnt von Morgenglühn
Der Harfe gold'ne Saiten schlagen!«
»Ah ... bravo ... das ist wirklich ein Gedicht ...« sagte Jucunda. »Sieh da — wer hätte das hinter diesem wandelnden Modejournal gesucht ...«
»Oh ... seh' ich aus wie ein wandelndes Modejournal?«
»Na, so seht Ihr Korpsstudenten doch alle aus ...«
»Gott ja — es braucht ja nicht jeder Poet auszusehen wie die Jünglinge aus dem Café Größenwahn — von denen mir ein Berliner Korpsbruder neulich erzählt hat.«
»Nein, da haben Sie recht,« sagte Jucunda. »Die Sorte kenn' ich auch — aus der Zeit unseres Gastspiels am Viktoriatheater ... ich denke mir, der junge Goethe ist hier in Leipzig auch so etwa wie ein wandelndes Modejournal herumgelaufen, während seine Kollegen lange fettige Haare und schmutzige Hemdkragen trugen ... Sieh da — also so schaut ein junger Dichter aus ... alte kenn' ich ja schon diesen oder jenen, aber das waren alles sehr verschlissene, sehr diplomatische, sehr nüchterne und ... ernüchternde Herren ... Sie sind nicht nüchtern, Herr Thumser, Sie laufen wie in einem ewigen Rausch herum — wenn Sie auch noch so schneiderelegant aufgemacht sind ...«
»Ja, das ist wahr!« sagte Hans lebhaft. »Ewiger Rausch! Sie haben recht! Ich bin immer wie betrunken von ... von all dem Herrlichen um mich her — von all dem Neuen und Gewaltigen, das jede Stunde bringt! Ist nicht die Welt ein einziges, ungeheures Wunder? Und so ein armes Menschenherz viel zu klein und eng, um das alles zu fassen? Und wenn man's nun so erleben darf, die Schönheit, die Kunst, die Poesie leibhaftig vor sich zu sehen ... wie in Ihnen, Jucunda Buchner ...«
Die braunen Augen hingen an den blauen, die blauen an den braunen — mit hochaufgerichteten Leibern saßen die jungen Menschen einander gegenüber, und Ströme des Lebens rauschten von einem zum andern.
Jucunda fühlte sich wachsen in dieser naiven Bewunderung eines Menschen, in dem ihr weiblicher Instinkt die gärenden, schäumenden Kräfte witterte ... und Hans Thumsers gläubiges Märchenherz erblickte in dem weißen, vom Schöpfer in einer Künstlerlaune so edel ausgeformten Gesicht die fleischgewordene Schönheit, herabgestiegen vom Himmel, um ihm, dem Werdenden, die Fülle zu offenbaren ...
Auf einmal fuhren beide herum: ein Ton, ein erstickter, war in ihre Versunkenheit gedrungen — ein Ton, den Hans schon einmal vernommen zu haben meinte: der Ton eines bittren, unbezwinglichen Weinens ...
Asta Thöny hatte den Kopf in die Finger gedrückt, die Hände auf die Knie gepreßt ... ganz in sich zusammengekauert saß sie da, die zierlichen Schultern zuckten, aus dem Nest der schwarzen Flechten hatten sich ein paar glänzende Locken gelöst und rollten über den weißen Nacken ...
»Aber Kind — was ist Dir nur?« fragte Jucunda und legte den Arm um die Hüften der Kollegin.
Aber die schüttelte die Umschlingung ab, sprang auf, eilte zum Fenster hinüber und lehnte den hochgehobenen Arm, die tiefgesenkte Stirn an die Scheiben ...
»Aber ... was ist Ihnen denn nur, gnädiges Fräulein?« stammelte Hans Thumser.
»Ach, geht mir doch — laßt mich doch in Ruh, Ihr zwei! Poussiert doch miteinander, so viel Ihr Lust habt — aber nicht in meiner Gegenwart!«
»Aber Kind!« sagte Jucunda, stand auf, sah Hans an mit einem Blick, der für die Kollegin um wohlwollende Nachsicht zu bitten schien, wie für ein törichtes, verzogenes Kind, und trat zu ihr ans Fenster.
»Ach, gehen Sie doch, Buchner — lassen Sie mich! Es ist ja immer dieselbe Geschichte! Alles müssen Sie für sich haben, alles belegen Sie mit Beschlag — alles muß zu Ihren Füßen liegen, keiner andern gönnen Sie was! Den Jungen da, den hab' ich nun entdeckt — und kaum hab' ich ihn eingeladen, schon sind Sie da, als wenn Sie's gewittert hätten — und gleich geht's los, das alte Spiel — nur Jucunda Buchner redet, man sieht nur sie, man hört nur sie, man vergafft sich nur in sie, nichts existiert auf Gottes weiter Welt, nichts und gar nichts, als einzig und immer wieder Jucunda Buchner!«
»Herr Thumser, ich bitte Sie um Ihr unparteiisches Zeugnis!« sagte Jucunda ruhig, ganz beherrschte Weltdame — »ist das nun gerecht, wie diese Dame mich behandelt? Habe ich auch nur den geringsten Versuch gemacht, Sie — wie hat sie gesagt? — mit Beschlag zu belegen? Haben wir nicht vollkommen harmlos geplaudert alle drei? Und auf einmal aus heitrem Himmel diese Explosion? Habe ich das verdient, Herr Thumser? Bitte, sprechen Sie.«
In tödlichster Verlegenheit hatte Hans Thumser diesen Ausbruch, dieses Zwiegespräch der Kolleginnen über sich ergehen lassen. Er suchte vergebens nach der rechten Antwort auf Jucundas Frage.
»Gnädiges Fräulein ...« stammelte er zuletzt, »verzeihen Sie, wenn ich auf Ihre Frage nicht antworte. Wir sind beide Fräulein Thönys Gäste ... Ich bin untröstlich, daß ich Ihr Mißfallen erregt habe, Fräulein Thöny ... ich darf Ihnen zwar versichern, daß es keineswegs meine Absicht war, Sie irgendwie zu ... wie soll ich sagen? ... zu vernachlässigen ... Wenn ich dennoch ... es an der schuldigen Rücksicht habe fehlen lassen — so bitte ich tausendmal um Entschuldigung ...«
Asta Thöny antwortete nicht. Sie stand noch immer am Fenster ... der Schein der Straßenlaternen von drunten umrandete ihre dunkle Silhouette mit einem silbernen Streif — den weißen Batist, den zarten Flaum des Armes, die Flimmerlöckchen des schwarzen Haars. Wie das Kabinettstück eines der holländischen Kleinmeister sah das aus.
Jucunda und Hans blickten einander an — der Jüngling in ratloser Befangenheit, das Mädchen gelangweilt, mit verdrossenem Achselzucken ...
In diesem Augenblick erklang draußen eine heftige, erregte Stimme, die Jucunda auffahren machte:
»Na, Gott sei Dank und Lob — endlich also! G'sucht hab' ich das Mädchen durch die halbe Stadt ... nee so was, nee so was!«
Die Tür sprang auf, und eine massive Frauengestalt füllte den Rahmen — Frau Wehe verschwand fast ganz hinter dem roten, schwitzenden Gesicht, das von den Samtschleifen, den Seidenbändern eines schwarzen Kapothutes eingesäumt war — hinter den mächtigen Schultern unterm perlbesetzten Samtcape ...
»Jucunda — endlich ... Wenn Du wüßtest, was ich hab' müssen aussteh'n diesen Nachmittag Dir zuliebe ... Daß mich der Schlag nicht hat gerührt, das is mir ä blaues Wunder ...«
»Mutter — Du?« sagte Jucunda langsam und ungnädig. Sie empfand dunkel, daß diese Erscheinung in schroffem Widerspruch stand zu dem mystischen Glanz, der, sie wußte es, von ihr ausging, wenn sie wollte, und wenn der Glückliche, der in diesem Glanze stand, die nötige Naivität besaß.
»Was ist denn passiert? Darf ich zunächst bekannt machen? Meine Kollegin Fräulein Asta Thöny — Herr Studiosus — na wie war's doch noch? Dummser, nicht wahr?«
»Thumser,« sagte Hans.
»— meine Mutter, Frau Rat Buchner. Also was steht Dir zu Diensten, Mama?«
»Nu nee — ich weeß nich recht, ich mecht wohl mal e Wertchen mir Dir alleene sprech'n, Jucunda ... Entschuldigen Se nur, meine Herrschaft'n — aber kannste nich e bißchen mit mir uff de Straße 'nunter kommen, Kind?«
»O bitte, gnädige Frau, wenn Sie mit Ihrem Fräulein Tochter etwas unter vier Augen zu besprechen haben« — fiel Hans Thumser ein — »meine Stube ist nebenan, die steht Ihnen mit Vergnügen zur Verfügung — darf ich Mutter Ach — Frau Wehe, wollt' ich sagen, darf ich ihr Auftrag geben, daß sie Licht macht?«
Jucunda dankte mit einem Lächeln, kühl und hoheitsvoll, wie nie zuvor, als gälte es, den etwas befremdlichen Eindruck, den das Erscheinen ihrer Mutter gemacht, durch doppelt königliches Wesen wettzumachen. Und Hans und Asta blieben allein zurück.
Stumm war's im Zimmer, während jenseits der Tür, jenseits der beiden Kleiderschränke, die sie hüben und drüben verbarrikadierten, ein erregtes Flüstern anhob. In weißen Schwaden lag der Zigarettenqualm über dem Tisch, wob um die Hängelampe, ward von Wärmestrudeln in ihren Schirm hineingesogen und stieg um ihren Zylinder steil wie aus einem Schlot empor.
Ein weiches, brüderliches Gefühl zog Hans zu dem Mädchen hin, das noch immer schweigend am Fenster stand, vom Laternenlicht umsilbert, von stoßweis zuckendem Schluchzen den schlanken Leib geschüttelt.
»Fräulein Asta!« sagte er und trat ein paar Schritte auf sie zu; das Herz schlug ihm bis in den Hals. Nun war es da: er war zum erstenmal in seinem Leben mit einem Mädchen allein.
Sie antwortete nicht, nur heftiger flossen ihre Tränen beim Klang der gedämpften Stimme, die so erregt, so gütig ihren Namen sprach.
»Fräulein Asta,« sagte Hans noch einmal, »so wahr ich lebe, ich habe nicht daran gedacht, daß mein Benehmen Sie kränken könnte. Und Sie müssen mir's glauben, wenn ich Ihnen sage: es war reiner Zufall, daß ich ... daß ich mich mehrmals hintereinander mit meinem Gespräch nur an Fräulein Buchner gewendet habe — ich weiß wohl, daß ich gesellschaftlich noch nicht sehr gewandt bin ... aber ... Fräulein Buchner ... Ihnen ... vorziehen ... daran hab' ich ja mit keinem Sterbensgedanken gedacht ... ich wäre doch auch ein Narr ... Sie ... Sie sind ja so ein ... so ein wundervolles Geschöpf ... Sie ahnen ja gar nicht, wie ich ... hingerissen gewesen bin ... gestern, wie ich Sie auf der Bühne sah ...«
Er lauschte, ob eine Antwort käme ... aber regungslos stand das Mädchen, Arm und Stirn an die Scheiben gepreßt, die von der Wärme ihrer Glieder mit einem feinen Nebel beschlugen. Und wie Hans sich zage, Schritt um Schritt, der Fensternische näher schob, fiel sein Blick auf die Sophienstraße: drüben, vorm Eingang des Carolatheaters, drängte sich schon wieder, noch weit über eine Stunde vor Beginn der Vorstellung, ein dichter Menschenhauf, des Augenblicks wartend, da die Kasse sich zur ersten Wiederholung der »Jungfrau« öffnen würde. Noch nicht vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seit er Asta Thöny zum ersten Male gesehen ...
Aber ihre Tränen waren versiegt: sie harrte, ohne sich zu rühren ... es war, als lausche sie ... als lechze sie, mehr zu hören ... mehr ...
Hans Thumser fühlte, wie alle seine Glieder nur ein einziges banges, verlangendes Beben wurden ... auch seine Stimme bebte heftig, als er weitersprach, ohne zu wissen, was er sagte ...
»Asta ... ich habe noch nie ... noch nie ein Mädchen berührt ... ich bin ein ganz dummer, dummer Bub ... Sie ... Sie müssen Geduld mit mir haben ... Wenn Sie ahnen könnten, wie mir zumut ist ... wie ich mich sehne ... ach, wie namenlos ich mich sehne ... ach, und ich hab' mich ja schon so gesehnt ... seit ich Sie gesehen hab' da drüben ... in Ihrer Schönheit ... und heut nacht, o Mädchen, wie haben meine Gedanken, meine Träume sich an Dich gedrängt ... hast Du das denn nicht gefühlt? nicht geahnt? Seien Sie doch nicht so stumm, sagen Sie mir doch, daß Sie mir verziehen haben ... mir ist ja so bang, so namenlos bang ist mir nach Dir ...«
Da wandte das junge Weib sich um ... Ihre duftenden Arme warf sie dem Knaben um den Nacken und überflutete ihm die Lippen, die Augen, den Hals mit dem schäumenden Strom ihrer Küsse.
Also, Jucunda, Du weeßt nu, was die Glocke geschlagen hat ...« beendete drüben in Hans Thumsers Studentenbudchen Mutter Doris ihren Bericht über die schwerste Stunde ihres Lebens — wie sie den Nachmittagsbesuch des Herrn vom Nassau-Dillingenschen Hofe genannt hatte. Sie thronte auf dem Kanapee unter den gekreuzten durchbohrten Mützen, den staubigen, verblichenen Bändern in ihrer ganzen schnaubenden, dampfenden Leiblichkeit ... Die Korsettstangen knackten unter den keuchenden Atemstößen der eingepreßten Lungen, die fleischige Hand wedelte ohn' Unterlaß mit dem feuchten Taschentuch den beperlten Hängebacken Erfrischung zu. Jucunda saß stumm in einem der geblümten Fauteuils, mit zusammengepreßten Lippen, das stolze Haupt ein wenig zurückgeneigt, die blauen Augen starr zur Decke gerichtet. Sie schwieg auch, als die Mutter ihren Bericht geendet und erwartungsvoll an den Zügen der Tochter hing.
»Nu rede Du aber gefälligst ooch en Ton!« polterte Mutter Doris schließlich heraus. »Ich mein', ich hätte mich nu genügend abgerackert für Dich!«
»Na, wenn Du meine Meinung denn wirklich hören willst, Mutter: Du scheinst mir eine märchenhafte Dummheit begangen zu haben.«
»I herrjemersch nee ... nu wird mer'sch aber doch zu tolle! Und was wär' das fier ä Dummheit, wenn's gefällig wär?«
»Wie Du den Brief hast herausgeben können, Mutter, das versteh ich einfach nicht ... das Geld, mag sein, obgleich mir's schon lieber wäre, ich hätte einen Postquittungsschein in Händen ... aber den Brief — unglaublich einfach!«
Sie sprang heftig auf, stieß den Fauteuil mit einem Ruck zur Seite, daß er in seinen Grundfesten krachte, und rannte zum Fenster — starrte hinaus, wie drüben vorher die zierliche Kollegin ...
Ach ... da drunten drängten sich die Massen — eben war der Kassenflur geöffnet worden — stießen sich, balgten, prügelten sich um den Vorrang ... wem galt das alles als ihr? Die alle da unten, hatten die einen anderen Gedanken als — Jucunda Buchner?
Und nach der Tortur dieser letzten Viertelstunde, nach all dem Ekel, der Zukunftsbangigkeit, die in ihr aufgequollen war beim Bericht der Mutter — kam da auf einmal eine wunderbare Gelassenheit über das Mädchen. Pah — was konnte ihr geschehen?!
Inzwischen hatte Mutter Doris sich von ihrem ersten Schreck erholt.
»Nee, weeßte, Jucunda, ich versteh Dich nich, wahrhaft'gen Gott, ich versteh Dich nich. Erscht stellst Du Dich an wer weeß wie sähre, daß De so än Brief kriegst, un ... un das andre ... un nu kommt der, der Dir's geschickt hat, und holt sich's wieder ab — un nu is ooch wieder nicht recht — — un ich hab' Dir doch bloß die scheißliche Geschichte woll'n vom Halse halten ... nee, nee, so was! Das hätt' ich wissen sollen, dann hätt' ich dem dicknäsigen Herrn ganz einfach gesagt: kommen Se gefälligst wieder, wenn Fräulein Jucunda Buchner derheeme is — mich geht's nischt an!«
»Hättest Du das man getan, Mutter ... Ich hätte dem Herrn schon beigebracht, wie man mit Jucunda Buchner spricht — das kannst mir glauben! Ach — aber es ist ja alles egal ...«
Sie reckte sich ... ein harter Glanz kam in ihre Augen ... Noch eine knappe Stunde, und die Rampenlichter flammten auf, und sie tauchte hinein in ihren blendenden Schimmer — und von jenseits, aus dem dunkel gähnenden Zuschauerraum, dampfte die Vergötterung der anderthalb Tausend ihr entgegen ...
»Was wirscht De denn nu anfangen?« fragte Mutter Doris ganz halblaut. »Wo der Herr Major doch verlangt hat, Du sollst machen, daß der ... der Herr Korpsstudent seine ... seine Aufforderung zum Duell ... daß er die zurück tut nähm'!«
Jucunda versank in einen Wirbel der Gedanken. Das Bild des jungen Gesellen stieg in ihr auf, der so viel für sie getan ... aus einem ritterlichen Empfinden heraus, das so einfach, so natürlich war, daß Jucunda es wohl verstehen mußte, würdigen konnte in seiner schlichten, starken Mannhaftigkeit ... Und nun sollte sie selber von ihm verlangen, daß er den kühnen, verhängnisvollen Schritt, den er zu ihrem Schutze getan — rückwärts tun sollte ... Sie war in einer Luft groß geworden, in die immerfort, aus den Stübchen der Mieter ihrer Eltern in die gute Stube da hinten mit den grünen Plüschmöbeln, in die Träume ihres eigenen Mädchenkämmerleins hinein — die romantischen Vorstellungen und Begriffe von korpsstudentischem Schneid, von Burschenehre hineingeweht waren ...
O sie wußte ganz genau, was es für den weiland Ersten Chargierten der Franconia bedeutete, aus dem Korps auszutreten, um einen Prinzen, der an offiziellen Kneipabenden die grüne Mütze anlegte, zum Säbelduell fordern zu können ... und was es nun erst bedeuten mußte, wenn sie ihm zumutete, seine Forderung zurückzunehmen, ohne daß eine Sühne erfolgt war ... ohne selbst eine formelle Bitte um Entschuldigung ... denn als eine solche konnte doch der Besuch des Majors, seine unverblümten Drohungen, die Erlistung des Briefes und des Geldes aus der Hand der hilf- und ahnungslosen Mutter unmöglich aufgefaßt werden ...
Immerhin — hier war der Ansatzpunkt. Die Sache mußte dem Studenten so dargestellt werden, als habe der Major den Auftrag gehabt, eine Bitte um Verzeihung im eigenen Namen und im Namen seines prinzlichen Zöglings zu überbringen ... als ob er diese Bitte auch tatsächlich überbracht habe ... und wenn sie, die Beleidigte, sich mit dieser Genugtuung einverstanden erklärte, dann war ja doch wohl für ihren Beschützer kein vernünftiger Grund mehr, seine Forderung aufrecht zu erhalten ... und alles in schönster Ordnung ...
Alles in Ordnung? Nein ... Jucunda war ein viel zu klarer Kopf, als daß sie die Folgen des Geschehenen nicht zu Ende gedacht hätte ...
Also er zieht seine Forderung zurück, und dann? Nun dann ist er, auf gut deutsch gesagt, der unrettbar Blamierte ... Er ist aus dem Korps ausgetreten und hat ein Mitglied des Korps gefordert — die Forderung ist zwar nicht zum Austrag gekommen, aber die unsühnbare Feindschaft zwischen den beiden jungen Männern besteht — sie können nicht mehr auf der Kneipe zusammensitzen, nicht mehr die gleichen Farben tragen ... Und da das Korps seiner ganzen Tradition nach, um seiner Beziehungen zu Hof, Behörden, Gesellschaft willen den Prinzen nicht fallen lassen kann, so wird eben Pilgram dran glauben müssen ... Er hat sein Band verloren, ist ausgeschieden aus dem Kreise der Freunde seiner Jugend ... All das tapfere Ringen, Mensuren, Chargen, verbummelte Semester umsonst ...
Das alles wußte Jucunda und wurde sich im angestrengten Nachsinnen weniger Minuten über all diese Folgen klar, mitleidslos gegen sich und ihn ...
Und wieder meinte sie sein hartes, herrisches Gesicht zu sehen, wie es weich, selbstlos, opferfreudig aufglühte um ihrer Ehre willen ...
»Sie haben weinen müssen — — — das sollen sie mir bezahlen, die zwei ...«
Wie gut, wie tapfer, wie ... heldenhaft seine Worte, seine Tat ... und nun?!
Hieß das nicht ... ihn schmählich verleugnen ... wenn sie nun zurückwich, sie ... und dadurch seiner Tat den ritterlichen Glanz raubte ... sie zu einer Narrensposse, zu einem Dummenjungenstreich erniedrigte?
Aber ... ihre eigene Zukunft? Ihre Karriere? War das nicht alles, alles das, was der Major ihrer Mutter angedeutet hatte ... waren das nicht alles Wahrheiten?!
Einen Augenblick lang war sie geneigt, das alles in den Wind zu schlagen ... Pah ... Engagement in Frage gestellt ... Bericht gegen sie beim Hof in Meiningen ... War sie nicht Jucunda Buchner? Brauchte sie die Hoftheater? Oder brauchten die Hoftheater — sie?!
Ach nein ... So stand es doch nicht ... Man war nicht immer achtzehn Jahre, nicht immer eine neue Entdeckung, eine Sensation, eine Mode ... Jucunda wußte schon viel, viel zu viel von den brutalen Gesetzen der Macht, der Laune, des Glücks, des Wechsels, welche die schillernde Welt regierten, in der es ihr bislang so herrlich, so unverdient und unfaßbar glänzend gegangen ... sie dachte an ihre alte, verknitterte Garderobiere, die auch einmal eine vergötterte junge Liebhaberin gewesen war — freilich nur am Stadttheater in Stallupönen, aber je höher der Anstieg, um so grimmiger die Gefahr, um so steiler und zerschmetternder der Sturz ... Nein, beim Theater konnte sich niemand erlauben, nur auf sein Talent, seine eigene Kraft und Persönlichkeit zu bauen und die Gunst der Mächtigen, der Brotgeber leichtsinnig zu verscherzen ... Niemand konnte sich das erlauben, auch Jucunda Buchner nicht ...
Er ... oder ich — — so stellte sich schließlich die Frage ... und waren da die Chancen nicht doch zu ungleich? Schließlich ... ersparte sie nicht auch ihm durch ihren Entschluß, ihn fallen zu lassen, das größere Opfer, das noch ausstand? Das Risiko eines, nein zweier Zweikämpfe mit schweren Waffen, unter den schärfsten Bedingungen? Ersparte sie ihm nicht den definitiven, den viel größeren, gar nicht wieder gut zu machenden Skandal?!
Eine ... Enttäuschung ... eine schmerzliche Wunde für sein jugendlich enthusiastisches Empfinden bedeutete es ihm, wenn sie sich zurückzog ... mehr doch nicht ... Für sie aber stand ihre ganze Zukunft, ihre Zukunft als Künstlerin wie ihre materielle Existenz auf dem Spiele ...
Gab es da eine Wahl?
Und letzten, allerletzten Endes: Hatte er das alles nicht sich selber zuzuschreiben? Hatte sie ihn um seinen Schutz — gebeten?! Nein, das hatte sie nicht getan, mit keinem Wort, keinem Blick ... Er hatte sich zum Verteidiger ihrer Ehre aufgeworfen ... Hatte sich eigentlich, wenn man es einmal mit einem etwas scharfen Ausdruck bezeichnen wollte, aufgedrängt ... Und hatte sie nicht alles Mögliche versucht, ihn von diesem unerbetenen Opfer abzuhalten?! Aber er war ja fortgestürmt, als ging's um seine eigene Ehre, um sein Leben ...
Jucunda stand am Fenster, noch immer regungslos. Und hinüber, herüber schossen die Gedanken, anklagend und entschuldigend ...
Mutter Doris saß ganz still und gedrückt in ihrem Kanapee ... Daß sie eine furchtbare Dummheit gemacht, als sie das verhängnisvolle Briefchen aus der Hand gegeben ... das war ihr nun völlig klar ... Ihre spießbürgerliche Verschlagenheit sagte ihr ja nun selber, daß man aus solchen Beweisstücken Kapital hätte schlagen müssen ... Selbstverständlich nicht im materiellen Sinne — o nein, so etwas hatte man ja gottlob nicht nötig ... Aber man kann doch nie wissen, wozu man ein solches Zettelchen einmal gebrauchen kann ... So etwas läßt man sich doch nicht ganz umsonst aus den Fingern drehen ...
Und dies Bewußtsein: die einzige Waffe, die ihre Tochter besaß, blöde, gedankenlos aus der Hand gegeben zu haben — das machte sie klein und stumm ...
Jucunda schloß unterdessen ab. Ganz kühl, ganz klar hatte sie alles abgewogen. Nein, es ging nicht ... Sie konnte sich nicht, wider ihre innersten Lebensinteressen, von dem Don-Quichotte-Streich des jungen Burschen durch dick und dünn fortschleppen lassen ... Losketten mußte sie das Schiff ihres Glücks von der toll und steuerlos dahinrasenden Fahrt des überheizten Dampfers, der sie so mir nichts dir nichts ins Schlepptau genommen ...
Und doch ... und doch ...
'Sie haben weinen müssen ... Das sollen sie mir bezahlen ... die zwei ...'
Wenn man — diesen Ton, diesen Blick nur los werden könnte ...
Pah ... Es mußte sein ...
Und schließlich und endlich — wer war Herr Pilgram?! Ein gleichgültiger junger Mensch, von dem sie nichts wußte, als daß er sie einmal sehr grob in ihrer Arbeit gestört ... sich für diese Grobheit dann freilich sehr manierlich entschuldigt ... und eine Abendstunde mit ihr geplaudert hatte ... in der sie, das wußte sie ganz genau, ihm nicht die leiseste Andeutung einer Sympathie gemacht hatte, die sie ja auch nie empfunden hatte ... Denn schließlich, sie machte sich ja doch nicht das mindeste aus ihm ... Er war ein kreuzbraver, aber doch durchaus alltäglicher Geselle ... Ja, wenn noch etwas in ihrem Herzen sich geregt hätte bei dem Gedanken an ihn ... die Ahnung von etwas Besonderem ... wie sie es eben, vor einer halben Stunde, so deutlich gefühlt hatte im Gespräch mit ... jenem andern grünbemützten Studenten, in dessen Zimmer sie jetzt stand ... der so schöne Verse machen konnte und so seltsam verhaltene Worte reden... in dem irgend etwas gärte und brodelte, das ihrem eigenen Wesen und Wollen auf eine geheimnisvolle Weise verwandt war ...
Nein ... Herr Pilgram war ... irgendein Herr Pilgram ... war nichts und niemand ... Herr Pilgram hatte sich in ihr Leben eingedrängt ... man würde ihn mit möglichster Schonung, doch unmißverständlich wieder hinauskomplimentieren müssen ...
»Es ist gut, Mutter ...« sagte Jucunda und wandte sich ruhig um. »Ich will Herrn Pilgram schreiben ... jetzt gleich ... er soll seine Forderung zurückziehen ... Den Brief kannst Du ihm hernach — wenn wir aus dem Theater nach Hause kommen — dann kannst Du ihm den Brief auf die Stube legen ... Hoffentlich ist er nicht zu Hause, wenn wir kommen — sonst — na sonst mußt Du ihm den Brief eben geben.«
»Na, das is verninft'g von Dir, Mädchen!« seufzte die stattliche Frau und atmete tief auf, daß die Korsettstangen knackten. »Hier, mache nur schnell ... Da is ja der Schreibtisch, und Briefpapier liegt ooch genug herum — gleich setz' Dich und schreib'! Kannst Dich ja hernach bei dem Herrn entschuld'gen ...«
Jucunda ging zum Schreibtisch des Studenten hinüber, fand Briefbogen, entdeckte aber, daß sie sämtlich oben in der linken Ecke den Zirkel des Korps Franconia und darunter das Monogramm des Eigentümers trugen. Da drehte sie kurz entschlossen einen Bogen herum und schrieb auf die Rückseite:
»Leipzig, den 31. Oktober 1888.
Sehr geehrter Herr!
Ihr ritterliches Eintreten für mich hat den gewünschten Erfolg gehabt: die beiden Herren, die mir diesen abscheulichen Brief geschickt haben, haben mündlich bei mir um Entschuldigung gebeten. Ich bin über diese Lösung hocherfreut und danke Ihnen innigst für Ihren gütigen Beistand, ich weiß wohl, daß Sie mir ein großes Opfer gebracht haben. Nun ist der Zweck Ihres Handelns erreicht. Bitte tun Sie mir nun auch den Gefallen und nehmen Sie so bald als möglich Ihre Herausforderung zum Duell zurück, damit nicht noch weitere Unannehmlichkeiten entstehen.
Ich bin mit der nochmaligen Versicherung meines aufrichtigen Dankes
Ihre ganz ergebene
J. B.«
In einem Zuge, ohne Besinnen, hatte Jucunda geschrieben: Nun überlas sie die Zeilen und wunderte sich, wie klar und einfach und selbstverständlich das alles klang. Und darum wunderte sie sich noch viel mehr, weshalb ihr nur so übel dabei zumute war. Sie hatte ja doch recht, tausendmal recht ... Es war eine so klare vernünftige Lösung — es konnte ja doch schlechterdings nicht anders gemacht werden ...
'Sie haben weinen müssen ... Das sollen sie mir bezahlen, die zwei ...'
Das war ja doch eigentlich ein Unsinn ... Was gingen ihn, den fremden jungen Mann, ihre Tränen an? Was berechtigte ihn, für diese Tränen Sühne zu fordern? Da war irgend etwas, das stimmte nicht ... ein Fehler, ein Gedankenfehler ... Und aus diesem Fehler war alles entstanden ...
Dennoch ... Sie fühlte es ganz deutlich: Um das törichte, unbesonnene Handeln des Jünglings war etwas Leuchtendes, etwas, das den Taten des Mädchens von Orleans verwandt war ... Und es war wie in Talbots Worten, des eisigen Vernünftlers, dessen hundeschnäuzige Kriegsmathematik vor dem frommen Wahn der Jungfrau zusammenbrach:
»Unsinn, du siegst ... und ich muß untergehn ...«
Und während Jucunda Buchner den Brief kuvertierte und die Adresse darauf schrieb:
»Herrn Stud. Pilgram«
— seinen Vornamen entsann sie sich auf der Visitenkarte gelesen zu haben, die er an seine Tür genagelt hatte, aber er wollte ihr nicht einfallen — als sie so schrieb, da empfand sie es ganz deutlich, ganz unabweisbar, daß sein Tun gut und groß gewesen war ... und ihres frostig und häßlich und gemein ...
»Da, Mutter, steck den Brief in Deinen Pompadour ... und jetzt« — sie zog die Uhr — »sieben bereits!« Donnerwetter! Jetzt revidierte der Inspizient drüben schon die Garderoben! Teufel auch — höchste Zeit ins Theater — »Vorwärts, Mutter!«
»Willste nich Deine Kollegin daneben abholen?«
»Na — die wird wohl schon hinüber sein — aber ich kann ja mal nachsehen ...«
Sie klopfte an die Tür des Nachbarstübchens, und da keine Antwort kam, klinkte sie auf. Die kleine Kammer lag dunkel und still. Nur durch die Fenster fiel der Schein der Gaslaternen von der Straße durch die Gardinen, malte ein paar große Rechtecke an die weißgetünchte Decke. Also Asta Thöny warf sich drüben bereits wieder in den steiflinigen Brokat der Agnes Sorel ...
»Sie ist schon hinüber — und kommt doch erst im ersten Akt — und ich muß schon zum Prolog 'raus ... Glücklicherweise nur das Bauernkleid ... Vorwärts, Mutter ...«
Das hatte sie freilich nicht sehen können oder wenigstens nicht gesehen in der Finsternis, daß auf dem Sofa noch einsam und regungslos der junge Student gesessen hatte, das Poetlein, um dessen »schwindelschmalen Pfad Abgründe klafften rechts und links ...«
Daß er noch immer da saß, seitdem das Mädchen sich aus seinen Armen gerissen ... Alle Glieder und das Herz wie mit Blei beschwert vor trunkener Zärtlichkeit, sein ganzes Wesen durchschauert von Erfüllungsglück ...
Jucunda schritt über den Hof, der mit Dekorationsstücken vollgepfropft war, die zum Schutze gegen den Regen mit Wachsleinwand verhangen waren — stolperte über die Beine des ausgestopften schwarzen Pferdes, dessen Leichnam im dritten Akt so überzeugend die Stimmung des blutgedüngten Schlachtfeldes heraufbeschwor — nahm dies Stolpern für ein gutes Omen, hastete weiter, so schnell, daß Mutter Doris in weitem Abstande hinter ihr drein schnaufte ... Und als sie nun das schmale Pförtchen aus Eisenblech öffnete, das zum Bühnenraum führte, als ihr der vertraute Dunst von Schminke, wirbelndem Staub und Menschenbrodem entgegenschlug, als sie den schlechterleuchteten Korridor, den halbdunklen Bühnenraum kreuzte, auf dem die Arbeiter eben den Prospekt zum Prolog anbohrten ... als sie dann die hallende Steintreppe hinanflog, in ihr Kämmerchen schoß, wo die zerknitterte Krausen herzklopfend ihrer harrte — (»Ach Gottchen nee, gnäd'ges Fräulein, daß Se nu endlich kommen! Der Inspizient und der Herr Oberregisseur sind schon sechsmal mind'stens dagewäsen nach Ihn' fragen!«) als ihr weißes Gewand, als das blanke Eisen ihrer Rüstung, ihres Helmes aufgleißten im hellen Licht der Spiegellampen —
— da fühlte sie, wie alles, alles abfiel, was dieser Tag ihr Fremdes, Verworrenes, unheimlich Störendes gebracht. Fühlte, daß sie noch dieselbe war wie gestern abend um diese Stunde — dieselbe, die sie immer sein würde, so oft der Rausch des Komödienspiels, des Im-Spiele-Gestaltens über sie kam.
Sie riß die Taille ihres Straßenkleides ab, reckte die herrlichen Arme, schmetterte durch den Raum, daß die Wände wankten:
»Ins Kriegsgewühl hinein will es mich reißen,
Es treibt mich fort mit Sturmes Ungestüm,
Den Feldruf hör' ich mächtig zu mir dringen,
Das Schlachtroß steigt, und die Trompeten klingen!«
Ja, es parierte, das erzene Organ ... vor dem sogleich die anderthalb Tausend da drunten erzittern würden ... Ja, sie war es noch, um derentwillen die alle da draußen vor allem doch gekommen waren — die Heldin des Stückes, die Heldin dieses Abends ...
Kaum stand sie im Bäuerinnengewand, die braunen Haare zu schlichtem Flechtenbau um das runde Haupt gelegt, da trat Franz Burg ein, im ledernen Koller bereits, doch noch ohne das rasselnde Blech drüber, noch ohne Maske:
»Nun, Langbeinchen? Das kennt man ja gar nicht von Ihnen, daß Sie mal zu spät kommen! Wie ist die Stimmung?«
»Prima prima!« lachte sie und leuchtete den Freund an.
»Nichts Neues in der Affäre?« fragte er leise.
»Nichts von Belang ... Ich denke, es renkt sich ein.«
»Oh!« Franz Burg zog die tiefschattenden Augenbrauen hoch — »das wäre aber jammerschade ... Können Sie denn nichts dazu tun, daß die Geschichte mit dem nötigen Theaterdonner zum Klappen kommt?«
»Ach ... Ich bin froh, wenn sie aus der Welt ist ... Ich muß freien Kopf haben, freie Arme zum Arbeiten, zum Schaffen ...«
»Soll ich Ihnen mal was verraten? — Ihr Erbprinz ist im Theater — hat noch vor einer halben Stunde einen [Levkoyen] geschickt und eine Loge bestellen lassen ... Da alles futsch war, hat der Intendant die Direktionsloge zur Verfügung gestellt ...«
»Hm ... Das ist ja interessant ... Werde mir den jungen Herrn doch mal anschaun ...«
»Sie kennen ihn noch gar nicht?«
»Keine Ahnung ...«
»Na — die Hauptsache ist: Er ist da — jedenfalls ein Beweis, daß man nicht ungnädig ist ... Na, die Reklame haben Sie verscherzt, nun halten Sie sich wenigstens den hochgeborenen Verehrer warm ...«
Der Inspizient steckte den Kopf zur Tür herein:
»Fräulein Buchner — bitte auf die Szene!«
»Also, Langbeinchen, wieder mal: Hals- und Beinbruch!«
»Danke, Meister!«
Mit Wohlgefallen sah Franz Burg der weißen, stolzen Gestalt nach. Künstlerblut! dachte er, kennt nichts als sich und ihre Arbeit ... Alles andre ist Dreck ...
Und Jucunda schritt die Treppe hinunter. Alles grüßte mit vertraulicher Höflichkeit, wenn sie vorüberging: die Friseure, die Bühnenarbeiter, die Statisten, die Volontäre ...
Und in ihrer Seele schwoll die unbändige Lust des Schaffens. Es schwang und klang in ihr von dröhnendem Jambenstrom und schmelzender Trochäenklage ... »Frommer Stab, o hätt' ich nimmer mit dem Schwerte dich vertauscht« ... Kaum konnte sie das Maß, die scheue, entrückte Gebärde für die Stimmung des Anfangs finden, da sie noch ein schlichtes Hirtenmädchen ist, von geheimen Stimmen, phantastischen Visionen geängstigt, doch ihrer Sendung noch ahnungsvoll unbewußt ...
Und endlich rauschte die Gardine empor, wogte drunten das Gebraus, das wohlbekannte, von Zettelknistern und Räuspern und Zurechtrücken, klappten die Sitze der Zuspätkommenden, tönte das leise Zischen der Gestörten ... Und all dies wirre Durcheinander verebbte nach und nach, und die große schaurige Stille ward, in die ihrer Partner Verse hineinklapperten, wie eine belanglose Ouvertüre, ein gleichgültiger Auftakt des Augenblicks, da sie die ersten Worte zu sprechen haben würde ... Ach, aber wie endlos lang dieser Auftakt! Die kamen ja heut wohl gar nicht vom Fleck, der alte Thibaut, ihre Schwestern, die Bräutigame — biedre Chormitglieder, die heute ein paar Verse zu lallen hatten ...
Gesenkten Hauptes, stumm stand das Hirtenmädchen im Hintergrund ... Nur zuweilen hob sie zaghaft und scheu die großen Augen, ließ sie von einem zum andern flattern, als verstände sie die Sprache ihrer nächsten Menschen nicht mehr ... Und aus den verträumten Augen Johannas d'Arc spähte Jucunda Buchners ganz wacher, lauernder Sinn in den Zuschauerraum, dorthin, wo dicht an der Rampe links die Direktionsloge lag ... Die Lichter blendeten abscheulich — dennoch konnte sie allmählich ganz vorn, matt angestrahlt vom Widerschein des hellen Bühnentages, zwei Gesichter erkennen: ein fahles, junges mit der blinkenden Scherbe im Auge — und daneben ein verwettertes, tiefgebräuntes mit flatterndem Schnurrbart ... Also das waren die zwei — »von Dillingen — von Gorczynski« — das waren die Schreiber des verhängnisvollen Briefchens — die Spender des Rosenturms und der ... beiden ... blauen ... Lappen ...
Achtung jetzt! Bertrand kommt, den blinkenden Helm in der Hand, den »ein Bohemerweib« ihm aufgedrungen im Gewühl ... Gleich wird das Stichwort kommen ... Horch ... Die letzten Verse rannen hin:
»Da war das Weib mir aus den Augen schnell —
Hinweggerissen hatte sie der Strom
Des Volkes, und der Helm blieb mir in Händen.«
In diesem Augenblick versank alles, alles ... Jucunda Buchner versank, und nichts mehr war als Johanna von Orleans ... Die schoß nun wie ein Meteor aus der scheuen Zurückgezogenheit vor, riß dem alten Bauern den Helm aus der Hand:
»Gebt mir den Helm!«
Erschrocken fragt der Alte:
»Was frommt Euch dies Gerät?
Das ist kein Schmuck für ein jungfräulich Haupt!«
Und wie eine Fanfare jauchzt es aus der endlich entfesselten Brust der jungen Heldin:
»Mein ist der Helm — und mir gehört er zu!«
Alles — alles ist versunken — nur eines wirkt und wogt: der große Rausch des Schaffens ...
Und Johanna wurde erst wieder Jucunda, als nach dem ersten großen Monolog die Gardine sank und gleich darauf, wie hinweggerissen vom Orkan des Beifalls, wieder emporrauschte ... als tausendstimmiger Jubelruf sie umbrandete ...
Da war Jucunda wieder da — ganz wach, ganz klar ... Und sie neigte sich ... neigte sich zuerst mit tiefem Hofknix nach der Direktionsloge.