9.
Als Herr Borgmann Neo-Borussiae das Hotel Hauffe verließ und verloren, ziellos nach dem Augustusplatz hinüberschlenderte, kam er sich entsetzlich dumm vor. Was sollte er nun seinem Auftraggeber und Doppelgegenpaukanten ausrichten? Man hatte seine Forderung nicht angenommen, aber auch nicht abgelehnt ... Ein Witz ... aber ein fader ... Ist bei Ihrem Auftraggeber eine Schraube los? Rabiater Bursche — ich danke für einen Skandal ... Koller ... Pathologischer Zustand ... Verlange absolut geräuschlose Erledigung ... Rechne dabei auf Ihre Mitwirkung ... Das waren so ungefähr die Schlagworte, die Herrn Borgmann noch im Gedächtnis hängen geblieben waren und nun in der korrekten Chargiertenseele einen tollen Tanz vollführten ... Ja, was sollte man auch einem Prinzen antworten, der von korpsstudentischer Direktion und Haltung keinen Schimmer hatte? Der eine so blutig ernste Sache wie eine Säbelforderung einfach behandelte ... wie ... na wie einen Hanswurststreich ... wie einen faulen Kalauer?!
Und das hatte man sich gefallen lassen? Man hatte Ja und Amen gesagt zu der ungeheuerlichen Zumutung, nach solch einem Affront auch noch an einer ... hm, hm! geräuschlosen Beilegung mitzuwirken?!
Herr Borgmann nahm die weiße Mütze mit dem weiß-schwarz-weißen Randstreifen ab und tupfte die von weißblonden, seltsamerweise schon etwas gelichteten Haaren umsäumte Stirn. Was konnte man seinem Auftraggeber nun eigentlich berichten? Hatte der Prinz irgend eine Erklärung zur Sache selbst abgegeben? Eine Entschuldigung bei der beleidigten jungen Dame in Aussicht gestellt? Nicht das mindeste ... Er hatte nichts weiter geäußert als Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Mandanten — und das kategorische Verlangen, die Sache müsse aus der Welt geschafft werden!
Na, und du, Wilhelm Borgmann, Neo-Borussiae gewesener Zweiter, Erster?! Was für eine Antwort hast du gefunden?
Gar keine! Völlig aus dem Konzept hat man dich gebracht, verblüfft, verhohnepiepelt ... Schindluder hat man mit dir getrieben, ganz einfach!
Und warum? Warum hast du nicht aufgemuckt? Warum hat deine ganze mühevoll erworbene korpsstudentische Direktion, deine Haltung, dein Schimmer dich verlassen? Weil dies junge hagere Herrchen im hellblauen Dragonerüberrock mit den silberblinkenden Knöpfen ein ... Prinz von Geblüt war ... Da war von deiner Spießbürgerseele der dünne Firnis des Kavaliers abgefallen, den man dir in einer Dressur von fünf Semestern aufgepinselt — und du warst in Lakaiendevotion submissest zusammengeknickt!
Und drüben im Theaterrestaurant sitzt der unglückselige Pilgram, weiland Franconiae, und wartet auf Antwort ... Wartet auf das Schicksal ...
Ja, was sagt man ihm nur? So wie die Geschichte in Wirklichkeit abgelaufen ist, so kann man sie ja gar nicht erzählen — der rabiate Bursche schlägt sonst Krach! Das muß man sich erst ein bißchen zurechtlegen ...
Herr Borgmann suchte einen Zufluchtsort. Café Felsche? Viel zu viel Betrieb jetzt da, wahrscheinlich auch ein Tisch voll Neo-Borussen — —
Ein Einfall! Das Museum! Das war zu dieser Stunde vielleicht noch geöffnet ...
Und Studiosus Borgmann tat etwas, was ihm in seinen fünf Semestern, die er in Leipzig zugebracht, noch niemals passiert war: Er ging ins Museum hinein, stieg die prächtige Marmortreppe hinan, schritt gleichgültig durch die Säle voll bemalter Lappen in goldenen Rahmen und versank in einem Plüschsofa des großen Oberlichtsaales ... Und sann, wie er die Sache deichseln könne, ohne seine Blamage eingestehen zu müssen.
Inzwischen saß Valentin Pilgram in regungslosem Warten in einer dunklen Ecke des Theaterrestaurants. Was werden würde? Nun das war ja ganz klar: Sowohl der Major als auch der Erbprinz, der die Charge eines Rittmeisters bekleidete, würden die militärisch korrekte Erklärung abgeben, daß sie die Tatsache der erfolgten Forderung ihrem zuständigen Ehrenrat unterbreiten würden ... Der würde dann einen formellen Ausgleichsversuch machen — wenn dieser, wie selbstverständlich, gescheitert wäre, würde der Erbprinz einen Ersatzmann stellen, einen möglichst fechtgewandten Offizier eines Gardekavallerieregiments ... Und dann stiegen eben die beiden Partien ... Na Himmel, das hatte man ja doch schon fünfmal durchgemacht — zwar nicht unter ganz gleich schweren Bedingungen ... Aber — na ja, Eisen ist Eisen, und fechten haben wir ja gottlob gelernt ...
Und dann ...
Valentin Pilgram versank in Träume ... Dann mußte irgend etwas kommen, etwas Schönes, von dem man sich keine rechte Vorstellung machen konnte. So ganz ohne Dank und Lohn würde man ihn doch nicht laufen lassen ...
Dank und Lohn? Aber wie?
Valentin Pilgram hatte bewiesen, daß er bereit war, sich jeden vors krumme Messer zu langen, der an dies Mädchen anders dachte denn an eine Heilige ... Und Heilige ... Wie belohnen sie denn?
Mit ihrer Gnade ... Mit Fürsprache im Himmel ...
Sie belohnen von ferne ... Mit Gaben, für die man sich auf Erden verdammt wenig kaufen kann ...
Na, und das wird ja auch wohl dein Fall sein, mein guter Valentin — nicht wahr?!
Na — und wenn auch! Wir haben eben getan, was wir mußten ...
Ein alter Reckenspruch aus den goldenen Tagen des Rittertums klang ihm durch den Sinn:
A Dieu mon âme,
Ma vie au roi,
Mon coeur aux dames,
L'honneur pour moi.
Pour moi ... Na eben, das war's: das Bewußtsein: So gehört sich's — und so hab' ich's gemacht ...
Endlich! Da kam sein Kartellträger ...
»Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Borgmann ...«
»Gewiß, gern ... Herr Ober, eine Schale Schwarz ...«
»Also ... Angenommen?«
»Hm ... Die Herren haben Erklärungen abgegeben, die vielleicht ... als befriedigend gelten könnten ...«
»Was! sie kneifen?!«
»Hm ... Doch wohl etwas zu schroffer Ausdruck ... Der Prinz hat den Major beauftragt, die Angelegenheit in Güte zu arrangieren ... Ich nehme also an, daß er Familie Buchner im beiderseitigen Namen um Verzeihung bitten wird ... Was macht's, Ober? Fünfundzwanzig? Schön — ziehen Sie fünfunddreißig ab ...«
Valentin Pilgram war wie vor den Kopf gestoßen.
In Güte arrangieren ... Fräulein Buchner um Verzeihung bitten ... Hm ... Verteufelt einfache Lösung ... Und das hatte man sich nicht mal im Traume vorgestellt, daß es so kommen würde ... kommen ... müßte ...
Himmel ja — man war eben Korpsstudent — trat für alles, was man gesagt und getan — selbst in der Hitze gesagt und getan — für das trat man eben stramm und rücksichtslos ein mit Waffe und Blut, mit Schädeldach und Nase, mit Brustbein und Armknochen — konnte sich gar nicht vorstellen, daß jemand auswich — revozierte und deprezierte — den Schwanz einzog und ... na eben kniff.
Und ... jeden andern Kneifer durfte man einen Kneifer schimpfen ... Dieser aber stand außerhalb der Lebensgesetze der akademischen Welt — der er pro forma doch angehörte ... Der konnte sich eine Kneiferei leisten, obwohl er doch auch Student, offiziell sogar Korpsstudent war ...
Was für ein Hohn ... Was für eine blöde Farce!
»Hm ... Und Sie meinen, Herr Borgmann — mit diesen Erklärungen müsse ich mich begnügen?«
»Ich ... glaube wenigstens nicht, daß ... nach diesen Erklärungen ... das Ehrengericht Ihre Forderung noch genehmigen würde, wenn Sie darauf bestehen wollten ... Selbst ein S. C. Ehrengericht nicht ... Aber vor das kommt die Sache ja überhaupt nicht ... Die kommt vor den Offiziersehrenrat ... Na und der wird eben selbstverständlich die Sache für erledigt erklären unter diesen Umständen ...«
Ach so ... Also alles in schönster Ordnung ... Die Ehre der angegriffenen jungen Dame in integrum restituiert durch die Deprekation ... und nur er selber ... er selber um sein Korpsband gekommen ... und eigentlich ... der ... Blamierte ...
Hm ... es stimmte ... Da war nichts zu machen ... Aber auch gar nichts ...
Ja ... Wie war denn das aber möglich? Hatte er denn irgend einen ... Fehler gemacht?
Nein ... Er hatte den Geboten der Ehre, der Ritterlichkeit gefolgt ... Und was sich da wider ihn aufreckte ... das war etwas, was er bis dahin noch nicht geahnt hatte — der Unsinn des Daseins ... die Tragikomödie des Idealismus ... dieses phantastischen romantischen Idealismus, der den eigenen Adel, die eigene heroisch-naive Auffassung von Pflicht und Ehre noch für das Gesetz des Weltganges hält ...
Valentin Pilgram stand auf ... stumm ... stieren, korrekten Antlitzes.
»Ich danke Ihnen verbindlichst für Ihren gütigen Beistand, Herr Borgmann ... Nun, dann wird sich die Sache ja wohl in aller Güte und Freundschaft erledigen ... zwischen den ... Nächstbeteiligten ... Adieu, Herr Borgmann ...«
Donnerwetter — dachte Wilhelm Borgmann — das hat besser gegangen, als ich mir's träumen ließ ...
Valentin Pilgram irrte durch die Straßen ... Dies Menschengewoge, der Spätherbstglanz über der Welt, die Wagen, die klingelnde Pferdebahn, das alles machte ihn rasend. Er floh ins Rosental, strich ziellos durch die Laubgänge ...
Jucunda! Das war sein einziger Trostgedanke ... Jucunda würde zu ihm stehen ... ihm danken, ihn belohnen ... irgendwie ... für alles, was er ihr geopfert ...
Er rannte immer weiter, immer tiefer ins Holz hinein — über die Elster hinüber, kreuzte die sumpfigen Wiesen jenseits der Marienbrücke, verlor sich in den braunen Forsten des Leutzscher Holzes. Es kam die frühe Dämmerung, es wurde feucht und frostig unter dem Laubdach, von dem langsam Blatt um Blatt niederrieselte im melancholischen Schweigen des windstillen Herbstabends — Valentin Pilgram bemerkte es nicht. Und wie die Fledermäuse, die lautlos um die schattenhaften Säume der Gebüsche schwirrten, über den perlmuttfarbenen Spiegeln der Sumpfteiche huschten, so flatterten durch des wackern Gesellen Hirn die aberwitzigen Gedanken.
Er hatte doch recht getan — gehandelt wie ein Mann und Kavalier ... Und eine lächerliche Blamage war die Folge ... Das Korpsband, das geliebte, war von seiner Brust hinweggeweht, wie ein klagender Abendhauch die ziehenden Nebelstreifen dort auf den Wiesen hinwegstreifte ...
Das konnte doch das Ende nicht sein — so dummejungenmäßig beiseite geschoben werden, das war doch kein Abschluß für Valentin Pilgrams stolze, prangende Burschenherrlichkeit ...
Nein ... Es mußte noch irgend etwas kommen — die Ahnung irgend eines süßen oder schrecklichen Ereignisses düsterte durch die Seele des einsamen Wanderers.
Es war schon Nacht, sternüberflimmerte Spätherbstnacht, als er vor sich die dunklen Umrisse des Leutzscher Bahnhofes auftauchen, die grellfarbigen Lichter des Bahnkörpers flimmern sah. Eine dumpfe Sehnsucht nach der Stadt zurück überkam ihn plötzlich, nach wogenden Menschenmassen, nach Wagenlärm und glitzernden Schaufenstern. Er erkundigte sich: der nächste Zug fuhr erst in einer halben Stunde. In dem schmutzigen Bahnhofsrestaurant schüttete er hastig, gedankenlos ein paar Glas Bier in die brennende Gurgel. Als der Zug herannahte und er die Börse zog, bemerkte er, daß er an seiner Uhrkette noch den Bierzipfel trug, ein Stück des grün-gold-roten Korpsbandes mit goldenen Beschlägen ... Da hakte er mit einem bitteren Zucken der Mundwinkel den blanken Zierat ab und barg ihn in seiner Brieftasche.
Als er auf dem Thüringer Bahnhof ankam, war es gegen neun Uhr. Er hastete heimwärts. Jetzt war Jucunda im Theater — spielte abermals die Jungfrau ... An allen Anschlagsäulen hing der Theaterzettel, der ihren Namen trug ... Es trieb ihn nach Hause, dahin, wo sie geboren und groß geworden war, eine seltene, phantastische Wunderblume, in einem abgezirkelten, banalen Spießergärtchen erblüht ...
Alles war still und finster in dem engen, muffigen Korridor, als er die Entreetür öffnete. Natürlich, die Eltern waren ja mit im Theater, ihr Goldkind zu bewundern ...
Er suchte seine Zündholzschachtel, fand sie, aber sie war leer. Vergebens tappte er nach Licht. Die Tür zur Wohnstube war angelehnt, ein matter Lichtreflex von der Straßenbeleuchtung fiel heraus. Valentin konnte der Versuchung nicht widerstehen und trat ein. Stumm und dunkel und dumpfig lag das Zimmer. Dort am Fenster hatte er mit ihr gestanden — wann doch nur? Vor einer Ewigkeit?! Pah — es war noch nicht vierundzwanzig Stunden her ... Und hier auf dem verschlissenen Plüsch hatte sie gesessen, das weiße Königinnenhaupt zurückgelehnt ... und — wie hatte sie nur gesagt? 'Vielleicht kann ich doch einmal einen Ritter gebrauchen — dann will ich an diese Stunde denken und Sie rufen ...' Und jetzt? Hatte sie ihn nicht gerufen? — Nein — das eigentlich wohl nicht ... Aber hatte sie nicht geweint?! Sie ... sie ... und hatte geweint um einer bübischen Kränkung willen ...
Und da hatte er getan, was er genau so rasch, so selbstverständlich und geradezu getan hätte für seine Schwesterchen daheim in Dresden ... Und morgen würde ganz Leipzig über ihn lachen ...
Hastig trat er auf den stockfinstern Korridor zurück und tappte nach seiner Stube hinüber. Zufällig bekam er die Klinke zu Jucundas Kammertür in die Hand ... Er drückte sie nieder, und ein Duft wehte ihm entgegen, der ihn mit einem Schwall stummer, wirrer Sehnsuchtswünsche bedrängte. Das Zimmer lag nach einem Seitengäßchen hinaus und war fast völlig finster. Nur aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein ganz matter Lichtschein hinein. In diesem Schein leuchtete das weiße Bett, schon aufgeschlagen, für die Nachtruhe der Künstlerin ...
Ein Grausen des Verlangens schnürte dem reckenhaften Burschen die Kehle zusammen. Er schloß hastig die Tür und stand einen Augenblick lang in der Dunkelheit. Alle Glieder bebten, seine Kinnbacken schlugen im Frost zusammen. Dann übergoß ihn glühende Scham. Er war der Mann nicht, sich an dem Dunste der Geliebten verstohlen schnüffelnd zu erletzen. Er rannte hinaus, fand endlich die Tür seiner Bude und saß lange mit fiebernden Gliedern in der Finsternis, auf seinem Sofa. Endlich fuhr er auf, schwankte zu seinem Nachttischchen hinüber, machte Licht, zündete die Petroleumlampe an und sah die aufgeschlagenen Repetitorien liegen, wie er sie morgens verlassen hatte, als die Kanzleirätin in sein Zimmer gestürzt war ...
Und eine stumpfe Ruhe kam über ihn. Arbeiten! Arbeiten! Er wühlte sich in die schematisch öde Zusammenstellung der elementaren Grundbegriffe seiner Wissenschaft hinein. Seiner Wissenschaft — ah bah! Die Quelle des Wissens, die hell in seiner Nähe sprudelte, hatte er ängstlich gemieden sieben Semester lang und nur dem Korps gedient ... Nun galt es hastig und mechanisch einen Haufen seelenloser Notizen in sich hineinzustopfen, um den toten Popanz, die pappdeckelne Attrappe einer fadenscheinigen Examensweisheit aufzurichten ...
Immerhin ... wenigstens Vergessen wirkte dies stumpfsinnige Büffeln ...
Und eine Stunde verrann — zwei Stunden ... Plötzlich draußen auf dem Flur die Stimmen der heimkehrenden Familie Buchner. Valentin lauschte angestrengt ... Ob sie ihn denn nicht noch zu sprechen wünschte? Ihm zu danken für die ... glückliche Lösung, die sein Eingreifen doch herbeigeführt?
Und wirklich — es pochte an seine Tür ...
»Herein!«
Mutter Kanzleirätin stand auf der Schwelle. Ein wenig rot und verlegen ... In der schleifenbesetzten Kapuze, dem altmodischen Abendmantel, genau wie gestern, als er sie aus dem Wagen gehoben ...
»Sie wär'n entschuld'gen, Herr Pilgram — hier is Sie nämlich ä Briefchen von meiner Tochter ...«
Ein — Brief? Und warum konnte sie denn nicht selber —?!
So deutlich stand diese Frage in des jungen Mannes starr aufgerissenen Augen, daß Frau Buchner die unausgesprochene beantwortete:
»Nämlich, Se dürfen's ihr nich iebel nähm', selber kann se's Ihn' nich sagen, sie is Ihn' nämlich gar zu sähre angegriff'n von der Vorstellung ... Gut Nacht, Herr Pilgram, wünsch' gute Ruh ...«
Und hastig war die massive Gestalt aus der Tür ... Nur der Brief blieb zurück, lag weiß und fremd auf dem fleckigen, grellgemusterten Tischtuch.
Mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge nahm Valentin das Kuvert und studierte die großen, fahrigen Züge der Aufschrift:
»Herrn Stud. Pilgram ...«
Weder Fakultät noch Vorname ...
Was steht darin? Nun, es kann doch nur eins sein: Dank und abermals Dank, feuriger, inniger Dank ...
Er riß den Umschlag auf und las:
»Sehr geehrter Herr ...«
Er las und las ... »erwünschte Erfolg« — »Herren haben mündlich bei mir um Entschuldigung gebeten« — »danke Ihnen innigst« — »großes Opfer« — »Zweck erreicht« — »nehmen Sie Ihre Herausforderung zurück, damit nicht noch ... weitere ... Unannehmlichkeiten entstehn ...« — »mit der nochmaligen Versicherung meines aufrichtigsten Dankes Ihre ganz ergebene ...«
Na ja ... na also ...
Völlig korrekt das alles ... Nichts fehlte, was man so erwarten und verlangen konnte ...
Nichts fehlte ... gar nichts ...
Valentin Pilgram sah lange und regungslos in den hellen Lichtkegel der Petroleumlampe, bis die Augen ihn zu schmerzen anfingen.
Na ja ... na also ...
Und endlich klappte er den Brief zusammen. Wollte ihn in den Umschlag schieben ... Da auf einmal blieben seine Augen an etwas hängen, das er nicht begriff. Auf der letzten Seite des Bogens, am unteren Rande und mit dem Kopfe nach unten, fand sich ein Monogramm aus den Buchstaben T und H und darüber der Zirkel eines wohllöblichen C. C. der Franconia zu Leipzig.
Was war das?!
T. H.? Oder ... H. T.? Und darüber der Frankenzirkel?
Kein Name der verflossenen Korpsbrüder fing mit einem H an, aber mit einem T? Thumser? Hans ... Thumser ... Das ... stimmte ...
Was war das? Wie kam Jucunda Buchner zu einem Briefbogen von Hans Thumser?! Teufel —
Hatte der am Ende den Makler gespielt? Und geholfen, ihm diese ungeheure Blamage einzubrocken?!
Valentin Pilgram dachte nach. Nun, der kleine Thumser war ein Faselhans, hatte den Kopf voll konfuser Ideen, voll unvorschriftsmäßiger, inkorrekter, umstürzlerischer Gedanken über allerhand heilige, unantastbare Dinge, Dinge, die immer so gewesen waren und immer so bleiben sollten ... Sah ein bißchen von oben herab auf alle Menschen und Zustände — aber eine Gemeinheit, eine heimtückische Verräterei und Niedertracht — die war ihm denn doch nicht zuzutrauen ...
Aber — wie war dies — Unfaßbare da — zu erklären?!
War denn irgendeine Möglichkeit, daß Jucunda und der versedrechselnde, kunstsimpelnde Korpsbruder in Berührung hätten kommen können?
Gestern abend — so viel stand fest — kannte Thumser die Künstlerin noch nicht persönlich — hatte zwar die Idee gehabt mit dem Pferdeausspannen, aber nicht ein Wort mit dem Mädchen gewechselt ...
Aber — hatte nicht er selber, Valentin, gestern abend im Gespräch mit der Familie Buchner den Namen Thumsers genannt als desjenigen, der den glorreichen Einfall mit der Pferdeausspannerei ausgeheckt ...
'Dafür hätten Sie 'nen Kuß gekriegt,' hatte Jucunda gesagt ... Noch ganz deutlich entsann sich Valentin einer dunklen Regung von Eifersucht ...
Wär's möglich — sie hätte sich vielleicht an den gewandt um ... um einen Ausweg aus der Verlegenheit, in die Valentin Pilgrams rasche Ritterschaft sie hineingestürzt?!
Oder?! Hatte er — Hans Thumser — die Bekanntschaft eingeleitet? Er wußte aus dem C. C., was vorgefallen war ... Er war sehr schweigsam gewesen im C. C. ... Sollte er diese ... Gelegenheit ... seine Wissenschaft um die Situation — sollte er die benutzt haben, um sich bei Jucunda lieb Kind zu machen?!
Wie es auch sein mochte — es war etwas geschehen zwischen den beiden ... Hans Thumser hatte seine Hand im Spiel — in dem falschen, ränkevollen Spiel, an dessen Ende seine, Valentins, hilflose Blamage stand ...
Himmel und Hölle! Da stand ja auf einmal ein neuer Feind auf — ein Feind, der eine harmlos grinsende Freundesmaske trug ... und einer, der nicht unangreifbar war, wie die andern — nicht geschützt wie diese Jucunda durch ihr Geschlecht — nicht durch Rang, durch Pflichten der Rücksichtnahme, durch die Ausnahmegesetze der militärischen Standesordnung — wie das fürstliche Käsegesicht mit der Scherbe im Auge oder sein schnurrbärtiger Begleiter ...
Einer, den man sich langen konnte!
Ein Korpsbruder?! Pah ... er selber war ja nicht mehr Korpsstudent ... Konnte ramschen, mit wem es ihm beliebte ... Seine Rache kühlen an dem ersten besten, der seinem Grimm in den Weg lief ...
Ja, seinem Grimm — der besinnungslosen Wut, die ihm nun auf einmal in die Augen stieg mit blutrotem Schimmer, ihm Blick und Fassung trübte — daß er aufsprang, die Halsbinde, den Kragen aufriß, um nicht zu ersticken ...
Nebenan raschelten Kleider, klapperten die leisen Tritte müder Mädchenfüße ...
Sie — und nur eine dünne Wand zwischen ihm und seinem Schicksal ...
Er lauschte ... flüsternde Frauenstimmen klangen: Mutter Kanzleirätin brachte wohl das Goldkind schlafen ... Nun knarrte die Tür, nun schlürften die Pantoffeln der Alten über den Korridor, zum ehelichen Schlafgemach hinüber ... Und ein herzhaftes, langgezogenes Gähnen ... Und nun krachte das Bett, rauschten die Kissen ...
Valentin Pilgram saß noch immer steif und regungslos an seinem Schreibtisch und starrte in den Lichtkegel der Petroleumlampe ... Und in der Faust hielt er den halbzerknüllten Briefbogen, der vorne Jucunda Buchners Brief und hinten Hans Thumsers Monogramm und den Frankenzirkel trug ...
Na ja ... Na also — — —!!