Achtes Kapitel.

Und nun saß Martin Flamberg inmitten des glänzenden Kreises des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande und seiner Damen im kerzenhellen Kasino vor dem Vorhang, hinter dem das Festspiel sich entrollen sollte.

Wirklich eine stattliche Versammlung.

Zu den Offizieren des Regiments hatte sich ein größerer Zuzug fremder Uniformen gesellt, deren Träger dem Regiment nahe standen.

Voran natürlich der Brigadekommandeur mit seinem Stabe, ferner der Bezirkskommandeur mit seinem Adjutanten, dann eine Anzahl glatzköpfiger, weißbärtiger Herren, pensionierter Generale und Stabsoffiziere mit redseligen Gattinnen und leise verblühenden Töchtern; denn die Villenvorstadt der Garnison war eine vielbegehrte Pensionopolis. Auch sämtliche in erreichbarer Nähe wohnenden inaktiven und Reserveoffiziere des Regiments hatten sich eingefunden.

Zu den Waffenröcken, die bei den ältern Herrn von einem bunten Ordensgeflimmer erhellt waren, gesellte sich ein lichtfarbiger, gleißender Damenflor.

Allerdings, die Gattin des Brigadekommandeurs hatte sich entschuldigen lassen in taktvoller Rücksicht auf Frau Baronin von Weizsäcker; galt doch der Kommandeuse das ganze heutige Fest, soweit es als ein gesellschaftliches Ereignis ausgestaltet war. Und so hatte die Frau Generalin sich zurückgehalten, damit die Gattin des Regimentskommandeurs die Ehren des Abends unverkürzt als erste genieße.

Von den Stabsoffizieren war der trunk- und wetterfeste Oberstleutnant Rautz Junggesell, der hagere, unnahbare Major Blasberg seit fast zwei Jahren Witwer.

So bildeten die spinöse Frau von Sassenbach, die ihre bürgerliche Geburt durch sehr starke Betonung aristokratischen Wesens zu verdecken suchte, und die aus uraltem Adel stammende, rundliche Frau von Czigorski, die mit ihrem Manne in lautem und bourgeoisem Wesen wetteiferte, die nächste Umgebung der Frau Oberst.

Die Gruppe dieser drei Damen war der Mittelpunkt der Weiblichkeit. An sie gliederte sich auf der einen Seite die Schar der meist schon etwas greisenhaften Gattinnen der Pensionierten, auf der andern Seite die der jungen Frauen der Hauptleute und Oberleutnants und endlich eine ganze Schar junger Mädchen, teils Offizierstöchter, teils geladene Freundinnen der letztern aus der Stadt.

Im großen Saale waren die Stuhlreihen gestellt. Die Bühne war in der Veranda aufgeschlagen, die große Glastür ausgehoben, ihr Rahmen bildete das Proszenium.

Hinterm Vorhang harrte der einjährig-freiwillige Unteroffizier Friesen, aufgeregt wie nur je ein dramatischer Dichter am Abend seiner Premiere an einer Weltstadtbühne, selbstverständlich wieder in Dienstanzug und »Porzellanbuchsen«, Regisseur und Inspizient in einer Person.

Neben ihm saß als Souffleur der jüngste Leutnant Carstanjen, sehr ungnädig über dies Kommando, das ihn für eine Stunde dem Flirt im Saal entzog.

Im Augenblick, als Hans Friesen das erste Glockenzeichen geben wollte, fiel sein Blick seitwärts, wo plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, der Gefreite Manes seiner Kompagnie stand, schlotternd vor Befangenheit, im Drillichanzug, mit der schwarzen Gefreitenschnur um den Jackenkragen, die zerknüllte Feldmütze in der Hand, ganz geblendet von den paar Strahlen Festglanz, die seine weit aufgerissen starrenden Augen erhascht hatten. Er machte dem Unteroffizier hilflose Winkzeichen.

»Haben Sie was für mich, Manes?«

»Jawohl, Herr Unner'ffzier ... ene Zettel vom Herr Feldwebel!«

Voll düsterer Ahnung nahm Hans den Wisch, entrollte ihn und las: »Morgen früh fünf Uhr zur Aufsicht beim Umbau von Schießstand 5. Düfke, Feldwebel.«

Aha, der Neid der Götter! — Hol's der Teufel!

In der Eile betete Hans Friesen das Register sämtlicher Flüche her, die er während seines Dienstjahres aus dem Munde der Kapitulanten seiner Kompagnie vernommen hatte.

»Na, Manes, stehen Sie noch immer da? — Sagen Sie dem Herrn Feldwebel einen schönen Gruß von mir, und er könnte —«

Es war doch geratener, den Rest zu verschlucken ... das Dusseltier war imstande, die Bestellung auszurichten ...

O welche Lust, Soldat zu sein —!

Auf einmal klang eine weiche Stimme neben ihm: »Guten Abend, Herr Friesen!«

Herrgott, Molly von Sassenbach als »Friede«.

Mein Himmel, wie schön ... wie unsagbar schön das Mädchen aussah! Zwar das rote Griechengewand, das sie trug, paßte eigentlich verflucht wenig zu ihrer Mission; aber an dem goldenen Palmenzweig, den sie im Arme hielt, konnte man ja bei einigem guten Willen immerhin erkennen, was sie vorstellen sollte.

»Fühlen Sie, wie ich zittere!« Sie hielt ihm die kleine, duftige Hand hin.

»Das nennt man Lampenfieber!« scherzte er gezwungen.

»Wie schade, nun sind die Proben zu Ende!«

»Jawohl ... und übermorgen geht's fort ... und ich seh Sie nicht mehr wieder ...«

»Kommen Sie denn nicht noch einmal zurück in die Garnison?«

»Das wohl ... vierzehn Tage, um das Offiziersexamen zu machen! — Aber dann — dann sind Sie wieder das Majorstöchterlein ... und ich der simple Kommißknote ...«

»Aber Sie kommen doch zum Frühjahr zur Übung ins Regiment?!«

»Ach — im nächsten Frühjahr! ... Das ist eine Ewigkeit —!«

»Herr Friesen, ich will Ihnen etwas anvertrauen: vielleicht sehen wir uns doch schon früher wieder — — nämlich ... das Manöver ist doch im Hunsrück ... und — —«

In diesem Augenblick stürzte der Leutnant Carstanjen, der inzwischen auf der Bühne mit Frau von Brandeis und Nelly geschwatzt hatte, heran und rief: »Donnerwetter, Friesen — machen Sie doch los —!«

Zähneknirschend gab Hans Friesen das Klingelzeichen ... und der Vorhang flog in die Höhe ...

Alles klappte vortrefflich.

Zwar Martin Flambergs Malerauge stand Qualen aus, als er die Farbenzusammenstellungen an Kostümen und Dekorationen sah ...

Leutnant Blowitz, der »für die Regie verantwortlich zeichnete«, hatte sich törichterweise nicht entschließen können, die Unterstützung des doch im Regiment vorhandenen Malers heranzuziehen. Wozu von der Anerkennung der Vorgesetzten und ihrer Damen noch etwas auf einen Herrn fallen lassen, der in drei Wochen wieder nach Hause ging ...? Das konnte doch in der Familie bleiben ... das konnte man ja selber verdienen ...

Die Folgen waren schrecklich.

Frau Cäcilie natürlich sah so blendend schön aus, wie ihr Kostüm und ihre Frisur geschmackvoll und sachgemäß waren, aber die Majorsmädels in ihren roten und lila allegorischen Kostümen aus dem Maskenverleihgeschäft, und vollends Leutnant Blowitz als »Krieg« in einer Rüstung, die ein Mittelding zwischen einem mittelalterlichen Ritterharnisch und einem griechischen Heroenpanzer darstellte und aussah, als sei sie aus Trümmern von Konservenbüchsen zusammengenietet ... geradezu schaudervoll!

Die Dekorationen zu den lebenden Bildern hatte ein kundiger Thebaner von Anstreichergehilfen, den Blowitz unter den Füsilieren der dritten Kompagnie ausfindig gemacht, nach dem Muster der berühmten Gemälde im Offizierkasino zusammengepinselt.

Vor diesen fragwürdigen Hintergrund hatte Blowitz die lebenden Bilder gestellt, so gut er's verstand.

Er war nicht ungeschickt in solchen Veranstaltungen. In seinem frühern Regiment war er vereidigter Festarrangeur gewesen ... und das hatte ihm den Rücken gesteift gegen die Versuchung, den Sachverständigen heranzuziehen, der zur Hand gewesen wäre.

Na, es ging auch so. Und jedenfalls — das Publikum war von der Leistung, die auf dem eigenen Holze des Regiments gewachsen war, vollkommen zufriedengestellt.

Und als schließlich im letzten Bilde die Gipsbüste Seiner Majestät erschien, von den flackernden und knisternden Flammen zweier bengalischer Feuerwerkskörper beiderseits angestrahlt, umgeben von einer Huldigungsgruppe von Soldaten und allegorischen Jungfrauen — da erhoben der General und der Oberst sich mit einem klirrenden Ruck von ihren Stühlen, die ganze Zuschauerschaft folgte, die Regimentsmusik schmetterte die Kaiserhymne, und in heller Begeisterung vermischten sich die hellen Stimmen der Damen mit den dröhnenden der Offiziere.

Dann tönte lauter Applaus ... der Vorhang über dem lebenden Bilde öffnete sich zum zweiten Male ... und nun rief der General mit schallender Stimme in den Saal: »Seine Majestät, unser allergnädigster Herr — Hurra — Hurra — Hurra!«

Die Fensterscheiben klirrten ... die Damen winkten mit der Hand und schwenkten ihre weißen Schals ... die Musik gab im Tusch das Letzte ihrer Lungenkraft her ... es war ein Getöse, als solle der jüngste Tag anbrechen ...

Und abermals dröhnender Applaus ... die Darsteller verneigten sich ...

Aus den Reihen der jüngern Offiziere tönten laute Rufe: »Blowitz — Blowitz —!«

Die Gruppe schob den »Krieg« in den Vordergrund ... er verneigte sich, hold errötend unter seiner Schminke ... immer und immer wieder ...

In der Ecke hinter dem Vorhang aber stand im Ordonnanzanzuge der Festspielpoet ... Um ihn kümmerte sich kein Mensch, selbst Molly von Sassenbach hatte ihn ganz vergessen ...

Oder ob auch sie das Gefühl hatte, daß es ein wenig stilwidrig wirken würde, wenn in diesem Augenblick ein Unteroffiziersrock und ein Paar »Porzellanbuchsen« im Vordergrunde des Bildes erschienen ...?

Erst als nun der Vorhang zum letzten Male gefallen war und die Mitwirkenden in glückseliger Erregung, froh des stolzen Gelingens, laut plaudernd und schwatzend in die als Garderobenräume eingerichteten Korridore abströmten, gewahrte Molly plötzlich den unglücklichen Einjährigen in seiner Ecke: »Herrgott — Sie haben wir ja ganz vergessen — —! Na — das ist 'ne schöne Bescherung —!«

»Poetenlos — gnädiges Fräulein!«

»Na warten Sie — nachher wird der Oberst sicher mit Ihnen sprechen — und dann — dann tanzen wir zusammen, wir zwei — nicht wahr, Herr Friesen?!«

Aber Mollys Prophezeiung erfüllte sich nicht, wenigstens nicht in ihrem ersten Teil.

Zwar hatte Hans Friesen eine offizielle Einladung zum Fest bekommen. Er hatte heimlich gehofft, als Festspielpoet bei den Mitwirkenden des Abends seinen Platz zu finden.

Aber als er in den nun wieder hell erleuchteten Speisesaal trat, da kümmerte sich kein Mensch um ihn, und er drückte sich eine Zeitlang, völlig unbeachtet, in der gräßlichsten Stimmung an den Wänden herum.

Als dann alles Platz nahm, wandte er sich in peinlicher Verlegenheit an den Vizefeldwebel, der den Dienst der Kasinoordonnanzen beaufsichtigte, und fragte, wo ihm sein Platz angewiesen sei. Der antwortete ganz kurz: »Da unten, bei die Avantageur!«

Und richtig! — Man hatte ihn chargenmäßig ganz unten am linken Hufeisenende zwischen die blutjungen Fähnriche und Fahnenjunker gesetzt ...

Diese jungen Herren fühlten sich als zukünftige aktive Offiziere dem Einjährigen um mindestens ein Dutzend gesellschaftliche Nasenlängen voraus und suchten ihn, den um fünf bis sechs Jahre ältern, von oben herab zu behandeln.

Allmählich gewann Hans Friesen den Humor der Situation. —

Nun, wenigstens bei den Bürschchen rechts und links wollte er sich sobald als möglich in Respekt setzen und wartete nur auf die erste passende Gelegenheit, um ein Exempel zu statuieren ...

Inzwischen schaute er nach Molly um ... Sie saß am selben Tisch, aber weit höher hinauf, zwischen den Leutnants Carstanjen und Quincke, die ihr natürlich auf Mord und Tod den Hof machten ...

Ekelhaft, dies verlebte, gelbe Gesicht des fatalen Quincke neben ihrem rosigen, preziösen Köpfchen ... ihren apfelblütenfarbigen Schultern, die sich nun so lockend und schimmernd aus dem rosa Ballfähnchen hoben ...

Und jetzt — da ... sie hatte ihn erspäht, sie lächelte, sie hob unmerklich das Glas ... Er auch ... Blick tauchte in Blick, eine Sekunde lang —

Der grünschnäblige Fähnrich von Berneck, kaum dem Kadettenkorps entschlüpft, siebzehn Jahre alt, hatte Friesens Blick bemerkt ... Er trug bereits das Portepee ...

»Nanu, mit wem flirten Sie denn so vernehmlich?«

»Ja ... das möchten Sie wohl wissen! — Hehe! Neid der besitzlosen Klasse, was ...?! Na, halten Sie sich am Sekt schadlos! Prost, Herr von Berneck —!«

»Ich bin für Sie der Herr Fähnrich von Berneck, Unteroffizier Friesen!«

»Ach so, Sie wollen den ältern Kameraden 'rausbeißen,« sagte Friesen mit gewinnendem Lächeln, »na, dann lassen Sie sich sagen: ein jeder blamiert sich, so gut er's versteht! — Nochmals: Prost, Herr von Berneck —!«

Das Bürschchen wollte auffahren ... Aber die roten Abfuhren auf Stirn und Wange des Einjährigen leuchteten so martialisch, und in den harmlos lächelnden Augen blitzte ein Licht, scharf und hell wie eine niedersausende Säbelklinge. — Achselzuckend wandte der Herr Fähnrich sich ab.

Und Hans Friesen suchte und fand abermals Mollys Auge — Mollys Lächeln ...

— — Die Tischordnung hatte den Kasinovorstand zwei schlaflose Nächte gekostet. Wahrhaftig keine Kleinigkeit, all die Muschirs und Paschas fein säuberlich nach der Zahl der Roßschweife zu verstauen ... Und noch peinlicher war die Plazierung ihrer holden Ehehälften und Töchter — dann dabei diese Unzahl von Wünschen der Kameraden — und schließlich galt es doch auch noch, gewisse Regungen des eigenen Herzens zu berücksichtigen.

Dieser Reserveonkel ... dieser Malfritze ... der hatte drei Wochen lang fast jeden zweiten Nachmittag ein paar Stunden mit der schönsten Frau im Regiment allein sein dürfen ... Skandal! — Na, der hatte sich's natürlich nicht entgehen lassen, solch eine Gelegenheit nach allen Kräften auszunutzen ... Was mochte er erreicht haben?! — Heut abend würde man zweifellos allerlei beobachten können ...!

So hatte er der Frau von Brandeis den Witwer Major Blasberg als Tischherrn gegeben und sich selbst an ihre rechte Seite gesetzt — — Flamberg gegenüber an die andere Hufeisenseite.

Von den Reserveoffizieren hatte nur der harmlose, dicke Oberleutnant Brassert eine Tischdame bekommen, ein ältliches Stiftsfräulein, eine arme Verwandte des Majors Blasberg, die dem um zehn Jahre jüngern Vetter seit dem Tode seiner Frau die Haushaltung führte ... Mit dieser anmutigen Nachbarin saß Brassert, wie üblich, am Stabstisch.

Frau Cäcilie unterhielt ein krampfhaftes Gespräch mit ihrem schweigsamen Tischherrn und mied es geflissentlich, ihrem Nachbarn zur Rechten auch nur ein Wort zu schenken.

Gräßlich ... fühlen zu müssen, daß er keinen Blick von den Bewegungen ihrer entblößten Arme ... von dem Spitzensaum ihres Halsausschnitts verwandte ...

Er knirschte über diese Vernachlässigung. Na, warte nur — ein bißchen mehr als Luft bin ich doch — — Das sollst du merken, schöne Frau! —

Als wiederum in der stockenden Unterhaltung seiner Nachbarin eine Pause eingetreten war, neigte er sich zu ihr, die sich beharrlich von ihm abgewandt hielt: »Gnädige Frau scheinen mich schlecht behandeln zu wollen?!«

»Ich ... Sie? — ich behandle Sie überhaupt nicht!«

»Na ja, ich bin in Ungnade bei Ihnen — das weiß ich ja!«

»So — das haben Sie also gemerkt!? — Dann wundert's mich, daß Sie als Arrangeur der Tafel keine unterhaltsamere Nachbarschaft für sich gewußt haben als mich!«

»Aber, gnädige Frau — verstehen Sie das denn nicht? — Ich hoffte Gelegenheit zu haben, mich Ihnen gegenüber in ein besseres Licht zu setzen!«

»Ja, sehen Sie — dann haben Sie sich also getäuscht!«

»Das merk ich allerdings! — Schade! Mir fehlen leider Gottes die Qualitäten, mit denen man sich bei Ihnen beliebt machen kann. Schlichter Soldat wie ich, verstehe nichts von Musik, malen kann ich auch nicht ... kurz, nicht für fünf Pfenn'ge Chance ...!«

»Nun also ... Warum haben Sie sich denn mit aller Gewalt den schönen Abend durch meine Nachbarschaft verderben wollen?!«

»Gnädige Frau — was tut man nicht für das Glück, einen Abend neben der schönsten Frau im Regiment sitzen zu dürfen. — So was kommt sobald nicht wieder, daß es von einem selbst abhängt. — — Der Vorzug, in Ihrem Hause zu Gaste geladen zu sein — der hat mir bis jetzt ja nicht geblüht, wenn ich auch ebensogut wie alle andern Herren Ihnen meine Aufwartung gemacht habe — —«

»Herr Oberleutnant, Sie wissen so gut wie ich, daß Sie sich das Recht auf Gastfreundschaft in meinem Hause verscherzt haben!«

»Ah — das ist also noch immer nicht vergessen?! — Tja — ich versteh es eben nicht so gut wie mancher andere, meine Empfindungen im Zaume zu halten —!«

»Pah — Empfindungen — — Sie und Empfindungen?! Sie wissen überhaupt nicht, was Empfindungen sind — —!«

»Ich weiß nicht, was —?! Haha ... man möchte wahrhaftig anfangen, mit Gegenbeweisen zu renommieren ...!«

»Unnötige Mühe! Ihr Renommee ist stadtkundig!« —

»Tja ... was bleibt unsereinem übrig ... die Frauen, die man möchte, sind bereits anderweitig vergeben ... und überdies so unangenehm tugendhaft ... wenigstens unsereinem gegenüber! ... Tja — wenn man ein Ritter der Feder wäre, wie dieser Tapergreis, der Frobenius ... Sehn Sie nur, gnädige Frau: Nelly von Sassenbach plaudert mit ihm über die ganze Tafel hinüber, und Herr von Schoenawa, ihr Tischherr, ist kaltgestellt ... Ja ja, die Herren von der Reserve ... die Herren von der Intelligenz ... das ist mal was anderes für die Damen ... da können wir einfachen Soldaten nicht konkurrieren ... Und wenn man nun gar ein berühmter Maler ist, wie ein gewisser anderer Herr — —«

»Bitte, sprechen Sie sich nur ruhig aus, Herr Oberleutnant —!«

»O ich — — Sie werden begreifen, daß es mir nicht ganz gleichgültig sein kann, wenn man selbst von einer Dame so deutliche Zeichen ihrer Abneigung bekommen hat ... und irgend so ein Herr, der mal auf acht Wochen hier hineinschnüffelt ... der darf dann mit dieser selben Dame allein sein ... Wochen hindurch ... stundenlang ... Ich begreife Herrn von Brandeis nicht — wahrhaftig!«

»Herr Menshausen, Sie sind denn doch von einer Geschmacklosigkeit! — — Wenn ich das nun meinem Mann erzählte?!«

»Das ... würde sich wohl kaum empfehlen, gnädige Frau ... Ich bin der beste Schütze im Regiment!«

»— — Sie sind verrückt! —«

Mit bebenden Lippen wandte die schöne Frau dem Frechen den Rücken.

Himmel ... wenn nur Major Blasberg nichts gehört hatte! — Aber nein ... der war tief, tief in sich versunken ... stumm sah er die Perlen in seinem Sektglase aufsteigen ... Frau Cäcilie wußte: der eiskalte, unzugängliche Mann dachte an nichts als an seine Frau, die seit zwei Jahren in kalter Friedhofserde lag ... an die Mutter seiner drei Buben ...

Gott, wie verschieden doch die Herzen ... die Charaktere aller dieser Männer, die einen Rock trugen ... eine Sprache sprachen ... das gleiche, mathematisch abgemessene und umzirkelte Leben führten ...

Wenn sie selber nun heute stürbe?! — Fritz, das wußte sie, würde dann auch so sitzen ... viele, viele Jahre lang ... und kein Weib mehr anschauen nach ihr ...

Und jener andere — nach dem jede Fiber ihres Leibes ... jeder Herzschlag ... jeder Gedanke sich sehnte?

Er würde sich gratulieren, daß er sie noch gerade vor ihrem Verschwinden aus der großen Modellsammlung des Lebens eingefangen ... für seine Leinwand, die im nächsten Sommer als Reklame seines Pinsels von Ausstellung zu Ausstellung wandern sollte ... würde in die Arme der harrenden Braut eilen ... und weiter malen ... eine Schönheit nach der andern in sich hineinsaugen mit den braunen, durstigen Künstleraugen ... und den vergänglichen Schmelz ihrer Jugendherrlichkeit, die verschwiegenen Tiefen ihrer Seelen zu ewiger Dauer auf seine Tafeln bannen ...

Ach, wie ruhevoll und befriedend doch der Gedanke, daß ein treues Herz, ein ritterliches, makelloses Gemüt nur für uns lebt —

Sie suchte den Blick ihres Mannes. Fritz saß ihr schräg gegenüber an der andern Hufeisenseite neben der bildschönen Frau des Bezirkskommandeurs. Er hatte kein Auge für die aufdringlich zur Schau getragenen Reize der überjungen Frau, die der alternde, zur Disposition gestellte Stabsoffizier in allzu großem Selbstvertrauen an sich gefesselt ...

Nun fühlte Fritz den langersehnten Blick seines Weibes ... beglückt hob er das Glas ... trank ihr zu, strahlend wie ein Bräutigam ...

Ach, und doch, und doch — — —


Die Baronin von Weizsäcker hob die Tafel auf.

Paar hinter Paar ... seideraschelnd ... sporenklirrend schob sich die Gesellschaft aus dem Speisesaal in die Empfangsräume. Hier hielt die Frau Oberst Cercle. Alles drängte sich heran ... die Offiziere, die jungen Mädchen wetteiferten der Gestrengen die brillantberingte Hand zu küssen.

Sie war die typische Kommandeuse: geistig unbedeutend von Antlitz neben dem leuchtenden Gatten, doch äußerst pompös, beständig das Lorgnon an der Nase, voll zuckersüßer Herablassung gegenüber Gutangeschriebenen, hundeschnäuzig ablehnend einem jeden gegenüber, dessen Conduite zu wünschen übrig ließ, und in all diesen feinen Nuancen bereits erstaunlich Bescheid wissend. Ihr Benehmen konnte jedem einzelnen geradezu als Barometer seiner eigenen Stellung im Regimente dienen.

Die Reserveoffiziere waren für sie ohne jegliches Interesse ... existierten einfach nicht. Und dies ihr Benehmen gab für alle Damen, die auf Korrektheit Wert legten, das Signal, die eingezogenen Herren mit kältester Zurückhaltung zu behandeln.

Martin Flamberg stand abseits und beobachtete, das leise, ironische Lächeln des Menschenkenners auf den Lippen, mit scharfem Auge, dem nichts entging ... das durch all die korrekten Formen und Formeln in die Tiefe drang und das Ganze des Menschen packte, der sich hinter ihnen barg ...

Und während sein Verstand sich mit skeptischer Ergötzung am Bilde der menschlichen Komödie weidete, erbaute sich das Malerauge an dem farbenbunten Bilde des äußern Geschehens ...

Wie das wogte ringsum ... wie das flimmerte von Kraft und Anmut ... von Farbenglut und flirrendem Lichterspiel ...

Ab und zu warf Martin auch einen Blick durch die halboffene Tür in den Speisesaal. Hier waltete eine Schar von Heinzelmännchen in Ordonnanzlivree und Füsilierrock ihres Amtes. Mit jener Präzision, welche den braunwangigen Burschen auf dem Exerzierplatz eingedrillt worden war, verwandelten sie den Speisesaal in einen Tempel der Tanzmuse. Mit Zauberschnelle verschwanden die geschmückten, silber- und blumenbeladenen Tafeln, mächtige Besen wurden geschwungen, Staubwolken flogen, Stuhlreihen umkränzten die Saalwände.

In den Empfangsräumen trennte sich inzwischen die Gesellschaft nach Geschlechtern, die Damen ins Billardzimmer, wo die Ordonnanzen Tee und Süßigkeiten darreichten, die Herren ins Rauchzimmer zu Schnaps und Nikotin.

Aber einige der keckern Damen überschritten doch bald wieder den Trennstrich der Geschlechter, unter dem Vorwand, sich eine Zigarette zu holen, und blieben im Rauchzimmer kleben.

Frau Cäcilie suchte ihren Gatten auf, hängte sich an seinen Arm in dem starken Bedürfnis, sich an ihn anzuschmiegen, jenes Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sie bei Tafel so jählings zu ihm hingezogen, auch äußerlich zu betätigen ...

Diesen Augenblick hielt Martin Flamberg für geeignet, sich für die Rosendedikation an seine Braut zu bedanken ...

Mit umschleierten Augen sah Frau Cäcilie ihm entgegen ... Sie hatte ihn seit dem »Firnistag« nicht mehr gesehen ... zehn Tage lang nicht mehr gesehen ...

»Also glücklich vom Urlaub zurück, Herr Flamberg? — Wie geht's — was macht ›Gretchen‹?«

»Sie hat mich beauftragt, ihren Dank noch einmal mündlich zu wiederholen!«

»Nun, war's schön daheim? — Was treibt Fräulein Agathe?«

»Sie baut an unserm Ehenest!«

»Ah — wird's hübsch?«

»Wird noch nicht vorgezeigt, gnädige Frau — ich hab' nicht hingedurft!«

Der Hauptmann lachte übers ganze Gesicht ... er war wie trunken von der Huld seines Weibes: »Na, lieber Flamberg, ich wünsche, daß es gerade so hübsch wird bei Ihnen wie bei uns ... und daß ihr zwei mal gerade so glücklich werdet wie die da und ich ... was, Alte —?!«

Frau Cäcilie lächelte ... ein Lächeln, das Martin durchschauerte.

»Tja, und übermorgen geht's nun fort,« schwatzte Brandeis weiter, »na, für Sie ist das ja nur 'ne Etappe näher auf dem Anmarsch zum Traualtar ... aber für uns zwei —? drei Wochen bittrer Trennung! — Na, Cilly — wo bleibt die Abschiedsträne? — Warten Sie nur, lieber Flamberg, das werden Sie auch noch kennen lernen. — Gut, daß Sie und ich wenigstens zusammen unterm selben Zeltdach schlafen werden ... was, Flamberg? — dann werden wir uns vor dem Einduseln im Stroh von unsern Herzallerliebsten vorschwärmen ... was —?! Ich bin fein heraus ... meine Schwärmerei findet wenigstens volles Verständnis, da Herr Flamberg dich ja kennt ... und sogar einigermaßen gründlich! — wann aber werde ich mal den Vorzug haben —?«

»Nun — wer weiß ... unverhofft kommt oft ...! Darf ich um Ihre Tanzkarte bitten, gnädige Frau?«

»Bitte —!«

»Den zweiten Walzer — darf ich —?«

Sie nickte, und er kritzelte seinen Namen auf das glänzende Blättchen.

Andere Bewerber drängten sich herzu. Cäciliens Gesicht versteinerte sich, als auch Menshausen sich heranwagte: »Ich bedaure, Herr Oberleutnant!«

»Wie — zu spät gekommen — schon alles besetzt —?!«

Er hatte, als sei das selbstverständlich, die Tanzkarte von einem Kameraden übernommen, warf einen Blick darauf: »Sieh da ... ein Rheinländer noch frei ... darf ich darum bitten?«

»Den Rheinländer lasse ich aus!«

»Ich bin untröstlich —!«

Blick traf in Blick eine Sekunde lang ... eine Flamme heißen Hasses blitzte der jungen Frau entgegen: Sei auf deiner Hut — du —!

Pah ... was frag ich nach dir ... nach deinem Haß ... nach deinem Rachegelüst ...! antwortete Cäciliens Blick.

Eine Minute später gab sie den Rheinländer an Herrn Frobenius ... war er nicht Martins Freund ...? würde sie nicht von Martin plaudern können mit ihm ...? —


Der zweite Walzer ging zu Ende ... Cäcilie und Martin hatten kaum sprechen können während des Tanzes ... tief aufatmend machten sie Rast. Cäcilie schob die Fingerspitzen in Martins Arm ... Keines wagte, das andere anzuschauen; beide fühlten, der letzte Augenblick des Beisammenseins war nahe.

»Morgen früh werd' ich die Ehre haben, Ihnen meinen Abschiedsbesuch zu machen, gnädige Frau!«

»Den erlaß ich Ihnen, Herr Flamberg — Sie würden mich nicht treffen ... ich reise schon morgen früh! — Soll ich Ihnen sagen, wohin —?«

»Ich bitte darum!«

»So, Sie wissen also noch nichts? — Mein Mann hat Ihnen noch nichts erzählt?!«

»Ich habe keine Ahnung!«

»Wir haben vor drei Tagen ein Gut gekauft ... in der Nähe von Simmern ...«

»Was — auf dem Hunsrück? — und unser Manöver —«

»— entwickelt sich zwischen Simmern und Birkenfeld — ich weiß wohl! — Ich nehme da oben meinen Sommerfrischensitz ... die Sassenbachschen Mädels nehme ich mir zur Gesellschaft mit ... Das Korpsmanöver ist in unserer Nähe ... ich habe die Dislokation bereits studiert ... wir werden einmal zu Ihnen ins Biwak hinauskommen ... und vielleicht reiten Sie an einem Ruhetage mal zu uns hinüber ...«

Martin konnte nicht sprechen. In jähem Entzücken und ahnungsvollem Schreck zugleich taumelten seine Gefühle —

Auf der Heimfahrt vom Urlaub hatte er abgeschlossen ... es sollte ... es würde ja zu Ende sein am zweiten September ... Er würde sich alsbald nach der Übung zur Landwehr versetzen lassen, würde Frau Cäcilie von Brandeis niemals wiedersehen ... Den einen Abend noch unter den Augen des ganzen Regiments ... da würde man schon Fassung bewahren können ... dann Montag nach dem Dienst mit dem Hauptmann nach Hause ... ein korrektes, liebenswürdig heiteres Abschiedsgeplauder unter den Augen des Gatten ... und dann ... ade! ... ade für ewig!

Agathe wartete ... ihr gehörte all sein Sehnen ... jede Sekunde im Banne der schönen Frau war Verrat an dem geliebten Mädchen ... Also Schluß! ... endgültig Schluß!

Und nun — —?! ... Schicksal, nimm deinen Lauf —!

»Kommen Sie, Herr Flamberg ... noch ein paar Takte ... gleich ist's zu Ende ...!«

Hauptmann von Brandeis stand in der Tür des Rauchzimmers, die Zigarette zwischen den Fingern, und sah schmunzelnd in das Gewühl des Tanzes hinein ... ein frisches, glückliches Lächeln lag auf seinen Lippen ...

Die Königin des Festes ... ja, das war sie ... seine Cäcilie ... Die andern Damen ... welche von denen war denn auch nur von weitem mit ihr zu vergleichen!

Und wie sie tanzte ... Selbst die ältesten Stabsoffiziere machten gute Figur mit ihr ... Die alten Herren waren wie elektrisiert, wenn sie die federleichte Gestalt im Arm hielten ... angesteckt von der rhythmischen Energie, die ihre Glieder durchpulste ... Und wenn sie förmlich einen Meistertänzer wie diesen Flamberg gefunden hatte ... den beiden zuzuschauen, das war ja wirklich ein ästhetischer Genuß ...

Überhaupt dieser Flamberg! ... Doch direkt ein begnadeter Mensch! — Stammte er nicht aus ganz dürftigen Verhältnissen? — Freilich ... aus einem Pfarrhause! — Gewiß waren seine Eltern feingebildete Leute gewesen ... die gute Kinderstube! So was ist nicht nachzuholen und nicht nachzuahmen ... aber zur Gesellschaft im eigentlichen Sinne hatte er nun doch mal nicht gehört — und wer merkte ihm das heute noch an ... ein genialer Künstler, eine repräsentative Persönlichkeit, und dabei so'n famoser Kerl — selbstbewußt — natürlich! Na, das gehörte sich auch so! Aber dabei so einfach ... so ohne Prätension ... und Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle ...

Solche Reserveoffiziere sollte man mehr haben im Regiment! Andere Nummer als diese Windhunde, die Herren Dormagen und Klocke, diese Säbelraßler und Uniformfatzken!

Höchst erfreuliche Aussicht, in so angenehmer Gesellschaft die drei Manöverwochen zu verbringen ... und wie reizend, daß nun auch Cäcilie in der Nähe war und auch noch ein wenig von der Gesellschaft des Malers profitieren würde, der ihr ja offenbar sehr sympathisch war. Schade, daß er und seine Zukünftige nicht in der Garnison wohnten; das wäre so recht ein hübscher Verkehr gewesen, die zwei. Cäcilie hatte unter den Damen des Regiments noch immer nicht den rechten Anschluß gefunden ... die junge Braut, das müßte nach Flambergs Beschreibungen ein Umgang für sein anspruchsvolles Weib gewesen sein ... Na, man würde eben bald mal nach Düsseldorf hinüberfahren und die jungen Leute im eigenen Heim aufsuchen ...

Ach ... das Leben war doch schön, wenn man ein bißchen Dusel hatte! — der freilich gehörte dazu ... na, und über Mangel an Dusel hatte Fritz Brandeis wahrhaftig nicht zu klagen ...

»Glänzende Tänzerin, Ihre Frau Gemahlin!« klang's da plötzlich neben ihm. Oberleutnant Menshausen, das geleerte Likörglas in der Hand.

Komisch ... wenn der Mensch auftauchte, immer hatte man so ein fatales Gefühl ... Was war's doch gewesen? — Ach so, seine läppische Bemerkung damals ... wann doch? — — ah, als die Reserveoffiziere einrückten ... haha! — Damals hatte er selber, Brandeis, davon gesprochen, daß er wünsche, Flamberg solle Cäcilie malen ... Und nun war das Bild bereits fertig ...

»Ja, ja, sie tanzt ausgezeichnet!« sagte er mechanisch.

»Und wie sie bei der Sache ist! — wenigstens wenn sie mit Herrn Flamberg tanzt — —!«

»— — Wieso —?«

»Ach, ich — ich meinte nur so —!«

»So?! — Sie meinten nur so! — Ich hatte das Gefühl, als ob Sie sich über irgend etwas ... wunderten!«

»Ich mich wundern? — Nein, das nicht ... sondern ...«

»Was?! — was, wenn ich bitten darf?«

»O — ich — es ist mir allerdings aufgefallen, daß die gnädige Frau dem Herrn von der Reserve gegenüber — so überaus — liebenswürdig ist! Das ist allgemein bemerkt worden.«

»Die Herren von der Reserve haben ihr Patent von Majestät genau so gut wie wir!«

»Selbstverständlich, selbstverständlich!«

»Nun also?!«

»Immerhin — sie gehören doch nicht zum engern Kreise des Regiments.«

»Herr Flamberg ist ein Freund meines Hauses.«

»Ach so — ein Hausfr— — ein Freund Ihres Hauses. Verzeihen Herr Hauptmann meine Neugierde. Nun weiß ich ja Bescheid. Haben Herr Hauptmann schon einen Schnaps genehmigt? Nein? Ordonnanz! einen Benediktiner für Herrn Hauptmann!«

»Ich danke! Ich habe kein Bedürfnis.«

»Nicht? Dann bitte ich um Entschuldigung — meine Pflichten als Kasinovorstand ...«

»Bitte, lassen Sie sich nicht stören!«

— — Was war das gewesen? Was für ein Mißton — was für ein häßlicher Hauch war da herangeweht? Die gnädige Frau so überaus liebenswürdig gegen den Herrn von der Reserve — das ist allgemein aufgefallen! Herrgott, war der Kommißtratsch denn schon wieder am Werk? Und an Cäcilie wagte sich das heran, an seine Cäcilie? Himmelbombenelement!

Wo war sie nur? Schau — da schwebte die weiße Gestalt hin — wie eine Krone umschloß das braungoldene Haar die weiße Stirn — fest schmiegte sie sich an ihres Tänzers breite Brust — an Herrn Flambergs Brust —

Wahrhaftig — vielleicht doch ein bißchen zu fest für die scharfen Augen, die spitzen Zungen der Sittenwächterinnen da hinten auf dem Drachenfels ...

Und wie sie glühte ... er auch ... Mein Gott, warum sollten sie nicht?! — waren sie nicht beide Temperamentsmenschen? fröhliche Genießer, die sich ganz hingaben an den schönen, festlichen Augenblick ...?

Immerhin ... ein wenig Rücksicht nehmen mußte man schon ... wir kennen doch dies Klatschweibergesindel ... ob das Unterröcke trägt oder Hosen mit Stegen ... Vielleicht ... wäre doch ein Wink der Warnung an Cäcilie angezeigt ...

Ach, Unsinn! — Wozu ihr die unbefangene Freude trüben —? Seine Cäcilie ... er kannte sie doch! Und Flamberg! ... Hand ins Feuer für den!

Der Walzer klang aus. Quer durch den ganzen Saal, mit strahlendem Lächeln, schritt Fritz von Brandeis auf das Paar zu, das eben glühend, schweratmend, den Tanz beendet hatte. Und in heiterm Geplauder nahm er Cäciliens Arm und spazierte noch ein Weilchen mit ihr und Flamberg durch den Saal.

Mochten die Klatschweiber sich die Mäuler zerreißen!


Der Drachenfels hatte seine Wahrnehmung bereits festgelegt. Und die war: Einige der Damen des Regiments hatten sich einer entschieden zu starken Bevorzugung des nicht aktiven Elements unter den Herren schuldig gemacht.

Auf der Bühne, wo vorher der Eintracht lieblicher Genius mit herzbewegenden Worten die stille Friedenstätigkeit des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande gepriesen, war nun der Areopag der alten Damen versammelt. Da thronte inmitten die Kommandeuse und handhabte eifrig das Lorgnon; zu ihrer Rechten Frau von Sassenbach, zur Linken Frau von Czigorski. Und um die drei Säulen des Regiments herum gruppierten sich die übrigen Damen, die Gattinnen der Podagristen aus Pensionopolis ... Nur ein einziges jugendliches Gesicht in ihrer Mitte, die Frau Hauptmann Haller, eine sehr lebenslustige Frau von dreißig Jahren, die diesmal schweren Herzens auf die Freuden des Tanzes verzichten mußte, da sie ihren drei Buben noch ein Geschwisterchen bestellt hatte.

Die rechte Flanke, wo Frau von Sassenbach saß, sprach nur von Frau von Brandeis; was die Herzen der Gruppe außerdem bewegte, durfte mit Rücksicht auf die Majorin nicht zu Worte gelangen. Um so eifriger betuschelte dafür die linke Seite die allgemeine Beobachtung, daß Frau von Brandeis heut abend nicht die einzige Dame war, die sich mit Vorliebe an gewisse Herren des Beurlaubtenstandes hielt.

Schon bei Tische hatte man bemerkt, daß das ältere Fräulein von Sassenbach sich weit weniger um ihren Tischherrn bekümmerte, den ernsten und zielbewußten Regimentsadjutanten, als vielmehr um ihr Gegenüber, diesen unmöglichen Herrn von der Landwehr, dessen schwarzblauer Waffenrock mit den altmodischen großen Knöpfen, dessen riesige Epaulettes und dessen trikotartig knapp die hagern Beine umschließenden Hosen allgemeines Entsetzen erregt hatten.

Ja, und kaum war die Tafel aufgehoben, da hatte sich Fräulein Nelly alsbald im Rauchzimmer eingefunden und bei einer Zigarette mit dem merkwürdigen Bekannten weiter geplaudert.

Dann allerdings war der Tanz in seine Rechte getreten. Der schien nicht die starke Seite des eingezogenen Herrn zu sein; denn er stand meist in der Tür des Rauchzimmers und schaute durch seine riesigen Brillengläser mit behaglicher Betrachtung in das Gewühl des Tanzes hinein. Wer ihn aber genauer beobachtete, konnte wohl bemerken, daß sein Blick ein bestimmtes Ziel verfolgte ...

Nelly Sassenbach wanderte von einem Arm in den andern. Stets, wenn sie an Herrn Leutnant Frobenius vorbeistrich, flog ein rascher, stiller Blick des Einverständnisses zu ihm hinüber ...

— — Ja, Wilhelm Frobenius sah nichts als seine Retterin ... War sie nicht just das Gegenteil alles dessen, was er an Weiblichkeit bisher gekannt ... und war sie nicht zugleich die Verkörperung seines erträumten Frauenideals ...?!

Er hatte in der Literatur vor allem immer für die heroischen Mädchengestalten geschwärmt, wenn auch seine vielbewunderte stilistische Meisterleistung die Analyse der Gretchengestalt war. — Sein Herz zog ihn vielmehr zu den ausgesprochenen Mannweibern der Dichtung ... freilich im Leben war ihm dergleichen niemals begegnet ... ach, ihm waren überhaupt wenig Frauengestalten begegnet im Leben ...

Von den Damen des Regiments interessierte ihn, außer Nelly, nur noch eine, jene, von der sein Kamerad und Freund Flamberg ihm doch in einem Ton erzählt hatte, aus dem selbst ein noch naiveres Gemüt als er hätte herausfühlen müssen, daß sie ihm mehr gewesen denn nur ein Modell ...

Frobenius verglich die beiden Frauen beim Tanzen. Cäcilie legte sich weich und anschmiegend in des Tänzers Arm. Es schien ihr angenehm zu sein, wenn man sie recht fest und nahe hielt. Scheinbar willenlos überließ sie sich der Führung ihres Partners, tanzte ruhig, schwebend; ihre Füße schienen sich kaum zu bewegen.

Nelly aber tanzte mit weitem Abstand, sehr selbständig, mit weit ausholenden Schleifern, wie um sich auszutoben und auszutollen im Tanz. Wenn man sie so sah ... ihre Tanzwonne steckte an ... man bekam Sehnsucht, sich von ihr hineinziehen zu lassen in diese Strudel, diese Wirbel, in denen sie sich tummelte wie ein losgelassenes Füllen ...

Ach, es war Jahre her, seit Wilhelm Frobenius zum letzten Male auf dem Professorenball das Tanzbein pflichtmäßig, aber ohne Liebe zur Sache geschwungen. Damals hatte sich die alternde Tochter des Rektors und Dekans der philosophischen Fakultät lebhaft für den jungen, aufstrebenden Privatdozenten interessiert, und manche mehr oder weniger zarte Andeutung hatte ihm nahegelegt, er solle zugreifen und seine Karriere sichern ... aber die hochfahrende Nüchternheit des gelehrten Fräuleins hatte ihm ein Grauen eingeflößt. Er hatte sich sehr merkbar zurückgezogen und war seitdem gesellschaftlich ziemlich kaltgestellt. Daß er auch heute noch nicht einmal Extraordinarius war, stand zweifellos auch in einem gewissen innern Zusammenhang mit jener Fahnenflucht. — Nun, er hatte gesellschaftliche und berufliche Zurücksetzung zu verschmerzen gewußt ...

Auch heute abend hatte er nicht engagieren wollen, aber als er nach Tisch Fräulein Nelly von Sassenbach eine gesegnete Mahlzeit wünschte, hatte die ihm von selbst ihre Tanzkarte hingehalten.

»Ich bin ein miserabler Tänzer, gnädiges Fräulein!«

»Schadet nichts — wir werden plaudern!«

Nun der Bann gebrochen war, hatte er auch noch Frau von Brandeis engagiert. Die Schar der übrigen Damen war ihm gleichgültig — auch durfte man die aktiven Herren nicht berauben.

Aber der Gedanke an den bevorstehenden Tanz hatte ihn doch mit einem gelinden Grauen erfüllt ...

Nun war er da, der gefürchtete und doch ersehnte Augenblick ...!

»Also mit dem Tanzen ist es wirklich nichts, Herr Frobenius?«

»Sie würden wenig Freude an mir erleben!«

»Aber so versuchen wir doch einmal!«

Und mit einem Gefühl ehrfürchtiger Andacht legte er seine Hand um die schlanke, feste Gestalt des Mädchens ...

»Also los — es ist ja nur 'ne Polka — die werden Sie doch noch schaffen können!«

Alles drehte sich im Wirbel ... aber er nahm all seine Kraft zusammen ...

»Sehn Sie wohl — geht ja blendend!«

Wahrhaftig, es ging wunderschön — zwar Hören und Sehen schwanden ... nichts blieb als ein dumpfes Gefühl des Rhythmus ...

Eins, zwei, drei, vier — eins, zwei, drei, vier —

Das ... und ein Strom von Glück und Rausch, der von dem straffen, lebenswarmen Mädchenkörper aus in alle Glieder des Gelehrten überströmte ... in die Seele eines fast vierzigjährigen Knaben ...

Wenn nur nicht das Parkett so infam glatt gewesen wäre! — Und daß man alle Augenblicke mit einem andern Paar karambolierte, war auch nicht gerade angenehm ... aber er war ja so kurzsichtig ... und alles wirbelte im Kreise ringsum ...

»Na warten Sie nur, wenn Sie mich beim nächsten Walzer nicht zu einer Extratour auffordern, dann werd' ich böse!«

Auf einmal fühlte er, daß er den Halt verlor ... sein linker Fuß war ausgeglitten ... die Wirbelsäule bekam von unten einen Stoß ... knickte vornüber ... der lange Körper verlor das Gleichgewicht ... riß im Sturz die Tänzerin mit um ... Im selben Augenblick stieß zum Überfluß ein heranwirbelndes Paar wider die taumelnden Leiber, und mit voller Wucht sausten beide lang in den Saal ... Nelly hatte einen leisen Schreckens- und Schmerzensschrei ausgestoßen, sie war im Sturz unten zu liegen gekommen ... die Röcke flogen zur Seite ... fast bis zum Knie streckten die weißen Strümpfe sich vor ...

Wie der Blitz war sie empor trotz eines heftigen Schmerzes im linken Bein ...

»Herrgott — stehn Sie doch bloß auf!«

Ihr Tänzer saß in genau derselben Stellung, wie vor fünf Wochen im Froschtümpel, auf dem blanken Parkett inmitten des Gedränges der Paare, die jäh anhielten und die Gestrauchelten umdrängten ...

Verworren, blöden Ausdrucks starrte er vor sich hin ... die Brille war abgeflogen ... er war so gut wie blind ...

»Stehn Sie doch auf ... Donnerwetter nochmal!!«

Und Nelly reichte ihm beide Hände hin ... er griff zu wie ein tappiges Baby ... ließ sich emporziehen ...

»Herrgott nein — mit Ihnen ist aber auch wahrhaftig gar nichts anzufangen!«

Mama Sassenbach raste wie eine Furie durch den Saal ... Wo war ihr Mann? ...

Natürlich — der bekümmerte sich kein bißchen um seine Töchter ... hatte sich irgendwo im Rauchzimmer festgekneipt!

Wahrhaftig, da saß er mit dem Oberstleutnant, dem Bezirkskommandeur, ein paar pensionierten Exzellenzen und Stabsoffizieren um einen Siphon Münchener.

»Verzeihung, meine Herren! — Moritz, komm, wir müssen nach Hause!«

»Aber, Kind — 's ist ja noch nicht mal Mitternacht!«

»Einerlei — wir müssen! Nelly hat einen kleinen Unfall gehabt ... Fuß verstaucht ... einen Riß im Kleid ... und außerdem —«

»Verflucht! — Selbstverständlich ganz zu deiner Verfügung, liebste Amelie! — Sie verzeihen, meine Herren!«

Die alten Herren schmunzelten.

Es kam selten vor, daß Frau Amelie von Sassenbach nicht aus irgendeinem Grunde vorzeitig zum Aufbruch blies und den Gatten vom Münchener wegschleifte ...

— Wutbebend berichtete Frau von Sassenbach ihrem Gatten.

Der fluchte: »Das kommt davon, daß sich das Mädel mit dem Landwehrfritzen eingelassen hat ... den hätte sie doch wahrhaftig kennen sollen! — Wo steckt sie denn?«

»Ist schon in der Garderobe — sie konnte sich ja im Saal überhaupt nicht mehr sehen lassen in dem ruinierten Kleid!«

»Und wo ist Molly?«

»Herrgott ja, Molly — — geh sie suchen, Moritz!«

Und Moritz ging auf die Suche.

Ja, wo war Molly? — Im Gewühl der Tanzenden spähte der Vater vergeblich nach dem lichtblonden Zopfgetürm über dem rosa Tüllfähnchen ...

Leutnant Blowitz, der als Ballarrangeur und Vortänzer fungierte, sah seinen Chef mit suchenden Augen in der Tür stehen. Er führte Frau von Brandeis, mit der er just eine Extratour tanzte, schleunigst zu ihrem rechtmäßigen Tänzer, Herrn von Schoenawa, zurück und schoß auf den Major zu: »Kann ich Herrn Major mit irgend etwas dienen?«

»Ich suche meine Tochter Molly — wir brechen auf!«

»Meines Erinnerns habe ich das gnädige Fräulein vor ... vor zirka einer halben Stunde gesehen ... sie tanzte mit dem Einjährig-Freiwilligen Friesen!«

»So, mit dem Einjährigen — und seitdem — —?«

»Seitdem ist sie mir aus den Augen gekommen!«

»Na ... machen Sie kein Aufsehen ... hier im Saal ist sie nicht! ... Wo könnte sie sonst wohl sein —?«

»Im Rauchzimmer und im Billardzimmer haben Herr Major schon nachgesehen?!«

»Im Rauchzimmer war ich selbst! — im Billardzimmer — das wäre möglich!«

Lebhaft plaudernde Gruppen in allen Ecken, um die Spieltische gedrängt erhitzte Leutnantsgesichter, junge Mädchen und Frauen, die sich eifrig fächelten ... hastende Ordonnanzen mit Servierbrettern voller Selters- und Biergläser ... von Molly keine Spur! —

Also nochmals zurück in den Saal! —

Auch hier keine Molly! —

»Vielleicht weiß der Einjährige Bescheid?« meinte Leutnant Blowitz, »den muß man ja leicht herausfinden an seinen schauerlichen weißen Hosen!«

Jawoll —! die weißen Hosen waren ebensowenig zu finden wie das Majorsmädel ...

»Da bleibt nur noch eine Möglichkeit, Herr Major — — das gnädige Fräulein muß im Garten sein!«

»Is ja ausgeschlossen!«

Aber der bekümmerte Vater stürzte doch sogleich zur Veranda ... spähte in den Garten hinaus, dessen Laubengänge, vom Mondlicht angesilbert, dunkel träumten, nur von den mattleuchtenden Kugeln einiger Lampions belebt ...

»Molly!« rief der Vater gedämpft, »Molly — bist du hier?!«

— — Ein paar Minuten bangen Schweigens ...

Dann tauchte ein weißer Schatten aus der Dämmerung, und ... ein harmloses Lächeln auf dem glatten Engelsgesichtchen hüpfte Molly die Veranda hinauf: »Hast du mich gerufen, Papachen?«

»Allerdings — Mama bricht auf!«

»Oh, wie schade ... ich hatte mich so auf den Kotillon gefreut!«

»Tut mir leid! — Wie kommst du denn in den Garten?«

»Es war so heiß — — ich wollte mich ein wenig abkühlen!«

»So — abkühlen! — Na, komm!«

Lächelnd und schlank wie eine Fee schwebte Molly vorauf.

Der Major folgte. Unablässig zwirbelten seine Finger die lang herabhängenden grauen Schnurrbartspitzen ...

Er hatte sehr wohl bemerkt, daß hinter dem weißen Schatten, der sich aus dem Dunkel entwickelte, noch ein anderer weißer Schatten im Garten gespukt hatte ... aber der war nicht ans Licht gekommen ...

Er hatte eine heillose Ähnlichkeit gehabt mit einem Paar weißen Mannschafts-Paradehosen, auch »Porzellanbuchsen« geheißen — —

Ja, das hatte der Vater gesehen, aber ... er wollte nichts gesehen haben ...

Nur künftighin besser auf das Mädel passen —!

»Na, gut' Nacht, lieber Blowitz! Ich danke Ihnen! Noch viel Vergnügen!«

»Danke gehorsamst, Herr Major! — Empfehle mich, mein gnädiges Fräulein!«

Wenn der nur nichts gemerkt hatte — —!

Blowitz verzog keine Miene beim Abschied.

Aber er hatte doch gesehen.

Na, wenn die Kleine sich partout einen Flirt mit dem Einjährigen in ihr blondes Köpfchen gesetzt hatte ... Hermann Blowitz fühlte weder zum Denunzianten noch zum Klatschweibe Beruf in sich ... Er wollte seine Entdeckung für sich behalten ... bei ihm war das Geheimnis der Kleinen gut aufgehoben —

Und Hans Friesen, der erst wie ein Verbrecher gezittert hatte, lachte nun selig in sich hinein in seinem dunkeln Versteck ... er tappte sich zu der Bank zurück, auf der er eben mit Molly gesessen — auf der er kühnen Muts einen scheuen, seligen Kuß erbeutet hatte ...

Der machte das Poetenherz schwer und warm ...

Er fühlte das Schicksal seines jungen Lebens über seinem Haupte ...

Es hieß Molly ... Molly Sassenbach — —


Um vier Uhr morgens waren die letzten Damen gegangen. Nun rotteten sich die Leutnants im Billardzimmer um die Siphons zusammen.

Teufel auch ... die Nacht war doch mal angebrochen ... die vorletzte Nacht in der Garnison ...

Morgen nur Instruktionsstunden und Appell ... Appell ...

Stiefelappell ... Gewehrappell ... Appell mit eisernen Portionen und Appell mit Fußbekleidung ... Appell mit Sachen, die auf Kammer abgegeben werden mußten ... Stubenrevision ... und zuletzt Appell im Manöveranzug.

Das schaffte man auch mit unausgeruhten Knochen ... mit einem noch so wüsten Brummschädel.

Erhitzt vom Tanz goß man einen Schoppen nach dem andern in die glühende Kehle. Bald waren die Leutnants Klocke und von Finette wie die Staubsäulen betrunken. Energischer Zuspruch älterer Kameraden mußte sie zum Heimschwanken bewegen. —

Die Tanzlust war noch nicht gestillt. Da die Regimentsmusik verschwunden war, setzte sich der kleine Carstanjen ans Klavier und hieb eine wilde Walzermelodie in die Tasten hinein ...

All die unruhvollen jungen Männerherzen, in denen die Erregungen des Festes nachzitterten, lechzten unbewußt nach einem letzten äußersten Austoben ... Einer umfaßte den andern ... und bis zum Umfallen wurde gewalzt.

Verschlafen lungerten die Ordonnanzen in den Ecken herum und starrten mit blöden, verwunderten Augen auf das wilde Treiben ihrer jungen Herren ...

Schließlich wurden sie hinausgeschickt.

Und auf den hohen gotischen Stühlen, die sonst feierlich die Regimentstafel umstanden, wurde nun ein toller Ritt ausgeführt ... dann nach dem krähenden Kommando des kleinen Carstanjen ein großes Schwadronsexerzieren ...

Ein jeder hatte sich dazu bewaffnet ... Eine große Trophäe von alten Ritterschwertern, Hellebarden und Morgensternen, welche die Wand des Rauchzimmers zierte, war zu diesem Zweck geplündert worden ...

Ein abenteuerliches Bild, die jungen Herren mit aufgeknöpften Waffenröcken ... rittlings auf den hochlehnigen Stühlen ... ausgerüstet mit phantastischem Gewaffen aus alter Ritterzeit ...

»Eskadron — Galopp —!«

Keiner aber glühte höher ... keiner johlte lauter ... keiner schwang die Waffe wilder als Martin Flamberg.