Siebentes Kapitel.
Über dem Leben des Füsilierregiments Prinz Heinrich der Niederlande lagerte die Stille vor dem Sturm ... die satte, friedliche Sommerstille.
Die großen Besichtigungen waren überstanden. Auch die fatalen vier Wochen auf dem Truppenübungsplatz lagen bereits hinter dem Regiment, als die letzte Gruppe der Reserveoffiziere eingerückt war. Und alles rastete nun ein wenig bis zum Beginn der Herbstübungen, in denen die Arbeit des ganzen Jahres, der Ausbildungsgang mit seiner weise berechneten, allmählichen Steigerung der Ansprüche und Leistungen alljährlich gipfelte.
Die stille Zeit vor dem Manöver wurde hauptsächlich durch fleißiges Schießen und durch kleinere und größere Felddienstübungen ausgefüllt. So hatten die Reserveoffiziere über allzu starke dienstliche Inanspruchnahme nicht zu klagen. Von den aktiven Herren waren viele beurlaubt; die übrigen atmeten nach der Schinderei des Frühjahrs und Hochsommers ein wenig auf.
Mit Feuereifer stürzten sich die Beteiligten auf die Vorbereitungen zum Regimentsfest. Alle zwei bis drei Tage fanden nachmittags unter Leitung des Festspielpoeten Proben für die Aufführung statt, entweder bei Frau von Brandeis oder bei der Protektorin des Abends, Frau Major von Sassenbach.
Für Hans Friesen bedeuteten diese Proben eine schattige, blumendurchduftete Oase in der dürren Wüste seines Kommißdaseins ... Er lebte nur noch für diese Stunden ...
Was galt's ihm, daß sein Instruktionsoffizier ihn vor versammeltem Kreise seiner Kameraden für den unfähigsten Tappelhans erklärt hatte, der jemals das Regiment verschimpfiert habe?
Was war ihm daran gelegen, daß sein Feldwebel Düfke ihm die Sonderstellung, die sein Talent ihm den Offizieren gegenüber verschafft hatte, täglich durch um so kommissigere Behandlung vergalt, ihm mit dienstlichen Plackereien, wo es nur irgend möglich war, ins Gedächtnis rief, daß er nicht mehr und nicht weniger sei als eben ein Unteroffizier ...
Mochte er ihn den ganzen Tag und die halbe Nacht schikanieren und kommandieren, soviel er wollte ... die Nachmittagsstunden der Proben mußte er ihm freilassen — laut Bataillonsbefehl!
Übrigens hatte Hans auch sonst dienstlich schlechte Tage. So gut er von den Offizieren im allgemeinen zurzeit behandelt wurde, die Herren seiner eigenen Kompagnie machten eine Ausnahme.
Da war Hauptmann Goll, ein alter Junggesell und notorischer Weiberfeind, übrigens ein Verächter alles dessen, was nicht königlicher Dienst war ... und der Künste und Wissenschaften noch ganz besonders.
Da war der Oberleutnant Menshausen ... da war endlich auch der Leutnant Quincke, der, im dunkeln Gefühl der überaus mangelhaften Entwicklung seiner eigenen Geistesgaben, jeden mit seiner grundsätzlichen Abneigung beehrte, der irgend etwas leistete.
Da war schließlich auch der gestrenge Bataillonskommandeur. Wenn der auf der Bildfläche erschien, dann konnte der einjährigfreiwillige Unteroffizier Friesen sicher sein, irgendwie »aufzufallen«.
»Auffallen« war nämlich gleichbedeutend mit »unangenehm auffallen« ... dienstlich irgend etwas versehen haben — die gute dienstliche Leistung verstand sich von selbst und fiel also nicht auf.
Es war, als ob der Major den unglücklichen Einjährigen im Dienst dafür bestrafe, daß er sich außer Dienst der Gunst der Frau von Sassenbach erfreute.
Ach, wenn Hans gewußt hätte, daß er die unverhohlene Auszeichnung, mit der Frau von Sassenbach ihn behandelte, vor allem dem Umstande verdankte, daß er nach ihrer Auffassung auch nicht im entferntesten als Bewerber um eine ihrer Töchter in Frage kam — —
Ein bürgerlicher Gerichtsreferendar, der noch nicht einmal die Qualifikation zum Reserveoffizier besaß — in dem sah auch Mama von Sassenbachs Argwohn nur den harmlosen, völlig ungefährlichen jungen Menschen, der sich mit Wonne nützlich machte beim Arrangement des Regimentsfestes und überaus korrekte Verse von einer vollendeten Loyalität der Gesinnung zu drechseln verstand —
Wenn Hans Friesen das geahnt hätte —!?
Er faßte die liebenswürdige, fast mütterliche Behandlung, welche die Frau Majorin ihm angedeihen ließ, in einem viel schmeichelhafteren Sinne auf —
Und hatte er dazu nicht eine gewisse Berechtigung —?
Denn daß die Nächstbeteiligte — daß Molly von Sassenbach ihn mit gnädigen Augen ansah ... das durfte er sich in Augenblicken schwellenden Hoffnungsglücks denn doch gestehen ...
Geschehen war ja selbstverständlich eigentlich gar nichts zwischen ihnen beiden ... sah man sich doch nur im Kreise der »Schmiere«, wie die kleine Schar der Komödianten des Festspiels sich bereits benannte, und unter den wachsamen Augen der gestrengen Frau Mama ... zudem unter den noch gestrengeren Blicken der Offiziere, für die man zwar außer Dienst »Herr Friesen«, im Dienst aber sofort wieder nur der Unteroffizier Friesen war ...
Und dennoch ... wenn Hans Friesen nach der Probe zur Kaserne zurückeilte, wo seine Anwesenheit dringend notwendig war im Interesse seiner Korporalschaft ... dann war er doch immer in einer wahren Weltumarmungsstimmung ...
Zwei-, dreimal war es ihm doch gelungen, einen Blick aus den veilchenblauen Augen zu erhaschen ... einen Blick! ... all ihr Götter! nach solch einem Blick war's dem guten Jungen jedesmal zumute, als müsse er den engen Tressenkragen aufreißen ... aufspringen, ans Fenster stürmen, mit tiefen Atemzügen die laue Sommerluft in die glühende Brust eintrinken ...
Statt dessen mußte man ruhig und gemessen sitzen bleiben, von scharfen, wachsamen Augen unermüdlich beobachtet und kontrolliert ...
So waren diese Stunden seines außerdienstlichen Daseins auch wieder ein Qual! —! ach — ein süße Qual —!
Sonst nichts als Dienst — Dienst — Dienst! Morgens um vier in die Kaserne ... abends um neun aus der Kaserne ... dazwischen nur eine Mittagspause von einer Stunde, verbracht in Gesellschaft der übrigen Einjährigen in einem benachbarten Speisehause ...
Die Kellnerinnen, die hier bedienten, waren seit einem Jahre der einzige weibliche Umgang gewesen, den Hans Friesen gehabt hatte ... Nun hatten Rosel und Suse plötzlich für ihn jedes Interesse verloren ...
Sie schmollten und rächten sich, indem sie's beim Servieren immer so einrichteten, daß Hans Friesen zuletzt an die Reihe kam und nehmen mußte, was die Kameraden übrig gelassen hatten ...
Hans Friesen merkte es nicht.
Wenige Tage nach Beginn der Übung hatten sich die Reserveoffiziere wieder vollständig im Regiment eingelebt, und jeder von ihnen suchte und fand seinen nähern Verkehr da, wohin sein Wesen ihn wies.
Hielt Professor Brassert sich an die ältern und friedlichern Elemente, so war der Referendar Dormagen der Mittelpunkt einer Gruppe, die nach dem Mittagessen stets endlos beim Skat zusammenhockte, abends auf der Kasinoterrasse einen Syphon Münchener nach dem andern vertilgte, Sonntag nachmittags beim Sekt kleben blieb und nachts gar häufig im Rauchzimmer beim Tempeln. Oder man zog auch Zivil an und suchte die Variétés oder noch verschwiegenere Orte nächtlicher Ergötzung auf. Dieser Gruppe schloß sich auch meist Herr Klocke an, den es nur grämte, daß er nicht so flott mit dem Gelde um sich werfen konnte wie der wohlhabende Jurist. Die Beliebtheit, die jener durch Ansetzen zahlloser »kalter Enten« sich zu verschaffen suchte, strebte er dadurch zu gewinnen, daß er freigebig von seinem unerschöpflichen Vorrat an zweideutigen Anekdoten spendierte oder seine schier unglaubliche Geschicklichkeit in Kartenkunststücken produzierte, was vor dem Verfahren seines Kameraden entschieden den Vorzug der Billigkeit hatte.
Wieder ein ganz anderer Kreis war es, dem sich der Forstassessor Troisdorf angeschlossen hatte. Man hätte ihn die Gruppe der Mißvergnügten nennen können. Ihm gehörten alle jene jungen Herren an, die es aus irgendeinem Grunde nicht verstanden hatten, sich die Gunst der höheren Vorgesetzten zu erringen. Es waren nicht nur die Schlechtesten im Regiment. Hier wurde unablässig geschimpft, auf die Vorgesetzten, auf die erfolgreichern Kameraden, die als Streber gebrandmarkt wurden, als Leute, die »über Leichen gingen«. Auch in diesem Kreise wurde scharf gezecht, aber mehr aus Wut und Enttäuschung denn aus Liebe zur Sache.
Frobenius war ziemlich allein geblieben. Unter den aktiven Offizieren hatte er keinerlei Anschluß gefunden. Man behandelte ihn mit korrekter Liebenswürdigkeit und beständiger höflicher Zurückhaltung. In der Öffentlichkeit vermied es jeder, sich mit ihm zu zeigen. Und freilich, ein Vergnügen war es auch nicht, an seiner Seite durch die Straßen der Garnison zu spazieren. Wo er ging, da geleitete ihn ein beständiges Schmunzeln auf allen Gesichtern der Passanten, die Straßenjugend rief ihm freche Bemerkungen nach, ja, es war, als ob selbst die Pferde und Hunde scheuten und stutzten, wenn sie die lange Gestalt im schwarzen Überrock aus der Zeit Albrechts des Bären einherwandeln sahen ...
Frobenius merkte das natürlich sehr wohl. Er wußte sehr gut, daß der größte Teil des ungünstigen Eindrucks, den er hervorrief, auf die Verfassung seiner Equipierung zurückzuführen sei, und ging lange mit sich zu Rate, ob er nicht doch seinem Herzen einen Stoß geben und sich von Kopf bis zu Füßen bei dem ersten Uniformschneider der Garnison neu einkleiden lassen solle. — Aber das hätte ihn wenigstens vierhundert Mark gekostet, und er hatte sich nun einmal, seinen bescheidenen Verhältnissen entsprechend, fest vorgenommen, bei den Neuanschaffungen für die Übung nicht über die hundertzwanzig Mark Equipierungsgelder hinauszugehen, die ihm zustanden. Die aber waren bereits für die inzwischen eingeführten Uniformänderungen sowie für Reithosen und Reitstiefel draufgegangen ...
So trotzte er denn weiter dem Schmunzeln des Straßenpublikums wie der Zurückhaltung seiner Kameraden.
Sein einziger außerdienstlicher Umgang war Flamberg. Und das entschädigte ihn vollkommen — in ihm verehrte er, der Kunstgelehrte, den schaffenden Künstler, wie dieser seinerseits in dem Kritiker den idealen Adressaten seiner Lebensarbeit. Gar manche Stunde verbrachten die beiden Gleichgesinnten im Café, in einer Weinstube drunten in der Stadt oder auf der Stube des einen oder des andern bei kaltem Abendbrot und Flaschenbier in ernstem Geplauder über die zeitbewegenden Fragen der Malerei ... der Dichtkunst ... der Kunst überhaupt.
Dennoch füllte dieser Umgang die Mußestunden des Privatdozenten nicht völlig aus; denn Flamberg legte Wert darauf, auch außerdienstlich viel mit den aktiven Kameraden zusammen zu sein. Es war sein Grundsatz, während der acht Wochen Übungszeit ganz und gar sich in einen Soldaten zu verwandeln, und so wußte er auch mit der ganzen proteischen Wandlungsfähigkeit seiner Künstlerseele sich der Sprache, den Umgangsformen, der Weltanschauung des Kreises anzupassen, welchem er für diese kurze Zeit durch den Rock angehörte, den er trug.
Wilhelm Frobenius wußte sich zu trösten. Die dienstfreien Nachmittage, die kurzen Abendstunden benutzte er, um den Grundriß seiner Vorlesung für das künftige Wintersemester zu skizzieren, die das Drama des Naturalismus zum Gegenstande haben sollte.
Von Tag zu Tag hatte er die peinliche Pflicht aufgeschoben, sich bei seiner Retterin, der Tochter seines Bataillonskommandeurs, für den siegreichen Kampf mit Kuno dem Schrecklichen zu bedanken.
Für einen Menschen, der, wie er, so sicher im Kreise seines Wirkens und Schaffens zu stehen gewohnt war, mußte es ein peinlicher Gedanke sein, eine gesellschaftliche Komödie zu spielen, die für sein inneres Leben keine Bedeutung hatte und ihm doch eine Reihe von Empfindungen bringen mußte, welche die Ruhe seines Herzens gefährdeten — diese schöne Ruhe, die ihm um so wertvoller war, seitdem er eine neue Arbeit begonnen ...
Ja — die Ruhe seines Herzens gefährdeten! —
Denn, so albern ihm das auch vorkam — bei der Erinnerung an jene Szene auf der Chaussee regte sich in ihm noch etwas anderes, als bloß das Gedenken an eine peinliche und lächerliche Blamage. Es war ein dumpfer, uneingestandener Schmerz in ihm, daß seine Retterin aus der so lächerlichen wie gefährlichen Situation nicht nur eine Dame, daß es ... just diese Dame gewesen!
Sein arbeitsames, entsagungsvolles Jugendleben hatte ihn nicht allzu häufig in gesellschaftliche Berührung mit Damen jener Kreise gebracht, denen er seiner Lebensstellung nach heute angehörte.
Die Unzulänglichkeit seiner Verkehrsformen machte ihm das offizielle Gesellschaftstreiben zur sinnlosen Qual und ließ ihn ganz erkennen, wie inhaltleer eigentlich doch all jene Formen des Beisammenseins seien, die überhaupt Männer und Frauen seiner Kreise zusammenführten.
So war sein Verkehr fast gänzlich auf die gleichfalls unverheirateten Gelehrten jener Hochschulen beschränkt gewesen, an denen er bisher gelernt oder gelehrt hatte.
Aber nicht ungestraft beschäftigt man sich ein Leben lang mit den Schöpfungen der Kunst, der Poesie ...
Denn was ist ihrer aller Mittelpunkt? — —
Das Weib! die unabsehbare Fülle der Empfindungen und Erlebnisse, welche die Berührung der Geschlechter dem Mannesleben erschließt ...
Und so lebte unerschlossen ... unerlöst in den Tiefen dieser Gelehrtenseele die Sehnsucht aus der Theorie, aus dem Studium, aus der Nachempfindung heraus, in die Wirklichkeit ... in das Schauen ... in das Erleben ...
Das aber, was sich vor ein paar Tagen auf der Landstraße neben dem Froschtümpel abgespielt, war das nicht ein Erlebnis gewesen ... kein sehr rühmliches ... kein sehr reiches ... aber doch immerhin eine Wirklichkeit, nicht bloß der Reflex einer solchen, nicht bloß ihr Spiegelbild in einer Dichterseele ... einem Buch ... einem Werk?
Sein erstes, sein einziges Erlebnis, und — eine Fortsetzung würde es ja doch finden müssen — den schuldigen, den längst fälligen Dankesbesuch. —
Und eines Morgens um zwölf ließ sich Wilhelm Frobenius von dem getreuen Schmitz den Überrock, frischgewaschene weiße Glacéhandschuhe und den altmodischen Helm mit dem silbernen Landwehrkreuz zurechtlegen ...
Eine halbe Stunde später stand er in einem dunkeln Salon mit Mahagonimöbeln und grünen Plüschfauteuils ... an den Wänden in schweren, goldenen Leisten tief nachgedunkelte Bilder preußischer Offiziere in den Uniformen vergangener Jahrzehnte und blasser Damen in schwarzen Krinolingewändern ... daneben in auffallendem Kontrast protzige Rahmen, welche die Bildnisse eines grobknochigen Mannes vom Typus des industriellen Emporkömmlings und einer schlichten, spießbürgerlichen Frau in violetter Seidenrobe umschlossen ...
Eine zarte Dame mit nervösem, spitzem Gesicht, unruhig flackernden Augen, scharfer, leichtgeröteter Nase und schlichtem grauen Scheitel trat aus dem Nebenzimmer herein: »Bitte Platz zu nehmen, Herr Leutnant!«
Frobenius versank fast in dem niedern Sammetsessel und hatte einige Mühe, seine langen Beine, den Säbel und Helm schicklich unterzubringen. »Gnädige Frau werden bereits gehört haben ... ich hatte neulich das Unglück ... man hatte mir ein unbrauchbares Pferd geschickt ... und Ihr Fräulein Tochter ...«
»Ach, der Herr sind Sie! —« Rücksichtslos kritisierend musterten die grauen Augen die Erscheinung des Besuchers.
»Ich möchte also Ihrem Fräulein Tochter noch einmal meinen Dank für ihren gütigen Eingriff aussprechen —«
»Ach, das war wohl nicht mehr als Christenpflicht von Nelly, Herr Leutnant!«
»Werde ich die Ehre haben, das gnädige Fräulein selbst zu sehen —?«
»Meine Töchter sind wieder ausgeritten, aber sie müssen jeden Augenblick wiederkommen!«
Einen Augenblick Stille. Wilhelm Frobenius fühlte sich namenlos geniert.
Frau von Sassenbach hatte inzwischen ihre Prüfung beendet — — Nein — der Herr war ungefährlich!
Und in viel liebenswürdigerm Ton stellte sie nun die üblichen Fragen: Wie der Herr Leutnant sich im Regiment gefalle ... wie er mit seinem Kompagniechef zufrieden sei ... ob er sich auf das Manöver freue. — — Er sei ja wohl Gelehrter im Zivilverhältnis — und aus Bonn — sieh da — aus dem schönen Bonn am Rhein.
Ob er auch die dortigen Verwandten ihres Mannes, Seine Exzellenz den Generalleutnant a. D. von Sassenbach und seine Damen kenne —
Das mußte Frobenius natürlich verneinen —
Hinter seinem Rücken öffnete sich mit raschem Ruck die Tür. — Er fühlte: da ist sie — —
»Ah, sieh da — der Herr Leutnant Frobenius — na, endlich!« Schelmisch drohte das Mädchen mit dem Finger.
Sie hatte sich nicht Zeit genommen, sich umzukleiden ... schlank und straff stand sie da ... knapp umschloß das graue Reitkleid die elastische Gestalt ...
Auf ihren Lippen lag ein Lächeln ... ein Lächeln von so ganz anderer Art als neulich am Froschtümpel ...
Und mit ausgestreckter Linken hielt sie dem Besucher einen stattlichen Folioband entgegen, auf dem — — sein Name stand ... »Man hat sich inzwischen mit Ihnen beschäftigt, wie Sie sehen, Herr — — Leutnant ...«
Mit einem Male überkam den Gelehrten das Gefühl einer wunderbaren Sicherheit. Schau, schau — nun wußte sie, nun mußte sie wissen, wen sie vor sich hatte ... mußte wissen, daß er nicht immer das hilflose Opfer unmöglicher Situationen war.
»Werden Sie glauben, Herr Leutnant, ich hab nicht nur Ihr Buch gelesen ... ich hab auch zum ersten Male seit meiner Pensionszeit den Schiller wieder vorgenommen —!«
»Ah — — das ist schön! — Aber nun lassen Sie mich Ihnen nochmals meinen aufrichtigen Dank —«
»Aber so schweigen Sie doch bloß von der albernen Geschichte ... das war ja nicht der Rede wert ... Ich hab Ihnen zu danken ... ich!«
Und mit peinlicher Überraschung ward nun Frau von Sassenbach die stumme Beobachterin eines Gesprächs über Gegenstände, die in ihrem Salon noch niemals verhandelt worden waren ...
Was war das ... Nelly glühte ja bei der Unterhaltung mit diesem langstelzigen Herrn, wie sie kaum je im Ballgespräch mit einem ihrer Verehrer geglüht hatte ...
»Erinnere dich, Nelly, daß wir heute mittag bei Frau von Czigorski zu Tisch gebeten sind! es wird Zeit, dich umzukleiden!«
Der Besucher verstand. »Ich darf die Damen nicht länger aufhalten!«
»Ich hoffe, Sie werden mir noch mehr von Schiller erzählen, Herr Frobenius,« sagte das Mädchen, indem es sich erhob.
»Ich fürchte,« meinte Frobenius, »dazu wird kaum Gelegenheit sein!«
»Aber gewiß! — erstens sehen wir uns doch nächstens auf dem Regimentsfest — und zweitens werden wir doch hoffentlich bald einmal das Vergnügen haben — nicht wahr, Mama? — Herrn Frobenius bei uns zu sehen!?«
»Ich hoffe das gleiche,« sagte Frau von Sassenbach in einem Ton, der wenig mit dem Inhalt ihrer Worte stimmte ..
»Leben Sie wohl, Herr Frobenius, und seien Sie nochmals bedankt ... ja ... seien Sie bedankt ...! Auf Wiedersehn, Herr Frobenius!«
Beim Aufstehen kamen Beine und Säbel abermals in Konflikt.
Was tat's! — — Auf Wiedersehn! hatte sie gesagt — auf Wiedersehn — —
In dem Kreise der Gleichgültigen und Zurückhaltenden, in dem Frobenius sich bewegte, hatte er, ohne es zu wissen und zu ahnen, einen geschworenen verbissenen Feind.
Major von Sassenbach hatte sich beim Hauptmann Goll genau nach den Umständen erkundigt, unter denen der Reitunfall des Landwehroffiziers zustande gekommen war.
Goll hatte ihm erzählt, wie besorgniserregend sich der Gaul bereits auf dem Kasernenhof benommen — wie er sich dann beim Ausreiten zum Exerzierplatz zur Ruhe gegeben habe, beim Klang der ersten Schüsse aber plötzlich wie wahnsinnig geworden und nach kurzem Widerstande seines Reiters in besinnungsloser Karriere mit ihm davongerast sei.
Der Major hatte sich erinnert, daß Leutnant von Finette ihm erzählt, es handle sich um ein notorisch verdorbenes Pferd, und er hielt sich für verpflichtet, festzustellen, wie es zusammenhängen mochte, daß die Verwaltung des Tattersalls einen solchen Schinder einem Offizier zu dienstlicher Verwendung an die Hand zu geben gewagt habe.
Zufällig kam er in den nächsten Tagen an der Reitbahn vorbei, suchte den Direktor auf und beschwerte sich sehr energisch.
Der schien untröstlich, ließ sofort den Stallaufseher kommen. Dieser war sehr erstaunt, daß ihm eine Rüge zugedacht war; just dieses Pferd sei ausdrücklich verlangt worden.
Von wem denn?
Ja, das wisse er nicht mehr. Er müsse in der Liste nachsehen.
Er kam zurück, meldete: der Bursche des Oberleutnants Menshausen habe das Pferd bestellt — anzuschreiben für Herrn Leutnant der Landwehr Frobenius.
Nun wußte der Major genug.
Er sprach dem Direktor der Reitbahn sein Bedauern über das Mißverständnis aus, empfahl sich und überlegte ...
Was tun? — Offenbar hatte der kaltherzige Geselle, den der Major ohnedies nicht leiden konnte, dem harmlosen Landwehrfritzen einen infamen Streich gespielt — Was war nun anzufangen —? Frobenius Mitteilung machen —? Aber dann mußte es ja Mord und Totschlag geben — — Nein — er wollte sich den intriganten Herrn privatim vorbinden.
Bei nächster Gelegenheit stellte er Menshausen: »Herr Oberleutnant, Ihr Bursche hat am vergangenen Donnerstag vormittag im Tattersall ein Pferd abgeholt — war das für Sie oder für jemand anders?«
Das fahlbraune Gesicht des Oberleutnants wurde noch um einen Ton fahler ... die aufgedrehten Schnurrbartspitzen zuckten leise ... »Das war — für jemand anders, Herr Major!«
»Für wen denn?«
»Für den Leutnant der Landwehr Frobenius!«
»Wie kamen Sie dazu?«
»Der Bursche des Herrn Frobenius wußte noch nicht Bescheid im Tattersall!«
»So — und da haben Sie ihm also freundlicherweise den Ihrigen zur Verfügung gestellt?«
»Zu Befehl, Herr Major!«
»Und — wie war es denn möglich, daß der Bursche mit dem notorisch unbrauchbaren und gemeingefährlichen Viech angezogen gekommen ist?«
»— — Woher soll ich das wissen, Herr Major!? — ich bedaure das selbst aufs lebhafteste — ist eben 'ne kolossale Schweinerei von den Stallburschen im Tattersall.«
»Hm — also Sie hatten dem Burschen keine Anweisung gegeben, welches Pferd er bringen solle?«
»Ich, Herr Major? — —«
In diesem Augenblick stieg eine dunkle Welle in das schnauzbärtige Antlitz des Stabsoffiziers ... die starken Kinnmuskeln begannen mächtig zu arbeiten ... zwischen den zusammengepreßten Lippen drang keuchend der Atem hervor und blies die lang herabhängenden grauen Schnurrbartborsten in die Höhe ...
Herrgott, der Major wußte Bescheid! — Wie? — das mochte der Teufel wissen —!
»Ich bitte ganz gehorsamst um Verzeihung, Herr Major — ich habe die Unwahrheit gesagt —«
»Das heißt: Sie haben mich unverschämt belogen, Herr! — Frech und schamlos belogen haben Sie mich!!«
»Herr Major, ich muß ganz gehorsamst bitten —«
»Gar nichts bitten müssen Sie ... Soll ich Sie dem Ehrenrat melden —?! Wissen Sie, was dann mit Ihnen passiert?!«
Totenblaß, mit bebenden Lippen stand Menshausen vor dem Vorgesetzten ... die weißbehandschuhte Rechte am Mützenschirm flatterte hin und her ...
»Haben Sie gewußt, daß der Herr von der Landwehr keinen Schimmer vom Reiten hatte?«
»Nein, Herr Major — ich habe ihn erst am Tage vorher beim Mittagessen kennen gelernt.«
»Na, und da haben Sie ihm nicht auf den ersten Blick angesehen, daß er nicht der Mann ist, einen solchen Racker zur Räson zu bringen?!«
Menshausen schwieg.
»Geben Sie also zu, daß Sie sich einer Infamie schuldig gemacht haben?«
»Herr Major —!«
»Geben Sie's zu —?! Oder wollen Sie's vom Ehrengericht bescheinigt haben?! — Nicht nur, daß Sie sich skandalös unkameradschaftlich benommen haben ... Sie haben ein Menschenleben in Gefahr gebracht ... Na, und Sie wissen ja auch, wem Sie's zu verdanken haben, daß Sie nicht als fahrlässiger Mörder dastehen —! Genügt Ihnen das nicht, um einfach in den Boden zu sinken, Sie — —? Also noch einmal: geben Sie zu, daß Sie sich ganz unqualifizierbar benommen haben — geben Sie's zu —?«
»Es — es — — soll nicht wieder vorkommen, Herr Major!«
»Ich denke in diesem Augenblick daran, daß Ihr verstorbener Herr Vater ein Kriegsschulkamerad von mir gewesen ist ... dazu können Sie sich gratulieren ... sonst — — Aber ich werde Sie im Auge behalten, Herr Oberleutnant — verlassen Sie sich darauf! Danke —!!«
— — Für diese Stunde hatte Menshausen Rache geschworen.
Ohne daß Frobenius eine Ahnung davon hatte, umlauerte Menshausen seinen ganzen Lebenswandel, dienstlichen und außerdienstlichen ... Irgendwo würde man schon etwas finden, wo man hinterhaken könnte ...
Es war ja doch auch reinweg zum Verrecken ... immer kam aller Ärger von den verdammten Gehirnfatzken, die dem ehrlichen Soldaten hier in seine Arbeit hineinkorksten ...
Vor wenig Tagen hatte er draußen bei der Felddienstübung wegen des versedrechselnden Einjährigen einen Riesenanriß besehen ... und nun diese gottverfluchte Schweinerei, die ihn das Wohlwollen seines Bataillonskommandeurs gekostet hatte! —
Das sollte nicht vergessen werden —!
Während die Reserveoffiziere sich bei den höhern Vorgesetzten lediglich dienstlich zu melden hatten, war es üblich im Regiment, daß sie ihrem Kompagniechef noch einen gesellschaftlichen Besuch in dessen Wohnung abstatteten; bei den verheirateten Herren pflegten sie aber zwei Karten nur dann abzugeben, wenn sie dazu besonders aufgefordert wurden.
Das lag ja bei Martin Flamberg vor ...
Eines Morgens nach dem Dienst warf er sich in Besuchsanzug, um Frau von Brandeis seine Aufwartung zu machen.
Er hatte, wie täglich bei der Rückkehr von der Kaserne, ein zärtliches Briefchen seiner Braut vorgefunden, und während er sein zweites Frühstück verzehrte, überlas er, ein stilles Lächeln um die Lippen, die beglückenden Zeilen ...
Agathe richtete zurzeit daheim das eheliche Nest ein und meldete freudestrahlend, daß die Saloneinrichtung aufgestellt sei ...
»Auch noch für ein anderes Zimmer sind die Möbel angekommen. Denk dir selbst, du Schlimmer, für welches!«
Ach, du süßes, süßes Mädel! ... Herrgott, nur sieben Wochen noch! —
Er schob den Brief in den Ärmel seines Überrocks und machte sich auf den Weg.
Eine Weile noch spann seine Phantasie die holdseligen Träume weiter. Dann aber begannen sich seine Gedanken mit dem Ziel seines Besuches zu beschäftigen.
Er hatte genug im Regiment von Frau von Brandeis gehört, um zu wissen, daß er einem nicht ganz gewöhnlichen Erlebnis entgegengehe.
Niemand wollte so recht begreifen, wie Herr von Brandeis an diese Frau gekommen war.
Ein liebenswürdiger Herr von tadellosen Manieren, einigem Unterhaltungstalent und auch von durchschnittlichen militärischen Fähigkeiten.
Daß er allerdings einmal im Schießen mit seiner Kompagnie den Kaiserpreis davongetragen, das schrieb man weniger seinen eigenen Bemühungen zu, als der Tüchtigkeit seines Kompagnieoffiziers, des nunmehrigen Regimentsadjutanten, Oberleutnant von Schoenawa. Und so mißgönnte man ihm ein klein wenig den Roten Adlerorden vierter Klasse, den er diesem glänzenden Schießresultat seiner Kohorte verdankte.
Was man aber als ganz und gar wohlverdient ansah, das waren die zahlreichen Frühstücksorden, die ihm zuteil geworden waren, wenn er das Regiment bei Fürstenbesuchen und Hoffestlichkeiten zu vertreten hatte; denn seine Repräsentationstalente waren beträchtlich, und Englisch und Französisch sprach er wie seine Muttersprache.
Aber das alles waren doch keine Qualitäten, die Anspruch auf die Gunst einer Dame, wie seine Frau war, gewährten!
Frau Cäcilie war vor anderthalb Jahren dem Regiment wie ein Stern aufgegangen ...
Jeder kannte die Höhe ihrer Mitgift und wußte, daß sie auf ein noch ganz anderes Vermögen Anwartschaft hatte, wenn sie einmal ihre noch recht rüstigen Eltern in Wiesbaden beerben würde.
Inmitten eines Offizierkorps, dessen Angehörige weder von Hause aus noch im großen und ganzen infolge ihrer ehelichen Verbindungen durch namhafte Vermögen ausgezeichnet waren, gab soviel Geld immerhin die Folie des Außergewöhnlichen.
Aber mehr noch als diese äußeren Güter war es der Ruf ihrer eigenartigen Schönheit, ihres Geistes und ihrer Talente, was sie hoch über das Durchschnittsniveau der im Regiment vertretenen Weiblichkeit heraushob und die erstaunte Frage berechtigte, wie eine solche Dame sich mit einer glatten Mittelmäßigkeit wie Fritz von Brandeis habe begnügen können! —
Es herrschte in den gesellschaftlichen Beziehungen der Herren des Regiments zu seinen Damen im allgemeinen ein ausgezeichneter Ton. Die Frauen und Töchter der Kameraden galten auch den ausgesprochensten Don Juans als Tabu.
Um die schöne Frau von Brandeis aber, die Tochter der Künstlerstadt, wehte es wie ein geheimnisvoller Hauch von Seltsamem ... geheimnisvoll Lockendem ... der sie aus der Schar der bieder korrekten Frauen und Mädchen heraushob, die man sonst an der Seite der Kameraden zu sehen gewohnt war ...
Und die keckern unter den jüngern Herren hatten denn auch in aller Vorsicht einmal Fühler ausgestreckt — aber sie waren rasch und gründlich enttäuscht worden —
Frau von Brandeis war eine ebenso tadellose wie zärtliche Gattin —
Oberleutnant Menshausen, der Abgott aller Nähmädchen und Ladenmamsells der Garnison, hatte im Vertrauen auf eine nicht unbeträchtliche Reihe von Erfolgen auf gefährlichen Gebieten einmal einen etwas schärfern Ansturm riskiert ... aber die schöne Frau hatte ihm in einer Weise heimgeleuchtet, die ihm ein für allemal den Mut zu weitern Versuchen benommen hatte.
Von alledem hatte Martin Flamberg in den letzten Tagen im Kasino genug gehört, um mit einiger Spannung seinem heutigen Erlebnis entgegenzusehen ...
Nun, er war ja abgehärtet ... mochte Frau von Brandeis immerhin ein kleines Wunder sein ...
Wenn er die Reihe strahlender Schönheiten an sich vorüberziehen ließ, die im vergangenen Sommer seinem Pinsel gesessen hatte, so brauchte er nicht zu befürchten, in Versuchung zu kommen ... Agathe konnte ganz ruhig sein! —
Sein erster Eindruck war eine gewisse Enttäuschung ... Unwillkürlich hatte er sich ein Bild der vielberedeten Erscheinung gemacht ... groß — königlich — brünett ... Nun war sie einen Kopf kleiner als er selbst, von rötlich-braunem, flimmerndem Haar, zarten Farben, lebhaftem, etwas unruhigem Auge ... Gewiß ein sehr anmutiges Geschöpf ... aber für ihn, den Verwöhnten, doch nichts Außergewöhnliches ...
Mit großer Lebhaftigkeit leitete Frau Cäcilie das Gespräch ein: »Ich entsinne mich sehr wohl, Herr Flamberg, Ihnen einmal in Gesellschaft begegnet zu sein!«
»Ah, bei Kommerzienrat Trinkaus, nicht wahr, meine Gnädigste?«
»Gewiß, bei Trinkaus. Ich weiß noch, Sie haben einen auffallend schlecht sitzenden Frack getragen ... Daran hab ich gleich gemerkt: der muß was Besonderes sein ... Wenn einer bei Trinkaus so schlecht angezogen herumlaufen darf, das ist sicher ein Genie ...«
»Stimmt, stimmt!« lachte Flamberg, »gepumpt für zwei Mark fünfzig!«
»Heute scheinen Sie etwas mehr auf Schneider zu halten!?«
»Geschäftssache, gnädige Frau! — Ein gewisses Publikum glaubt nur an Künstler, die in erstklassigen Ateliers arbeiten lassen können!«
»So — und das können Sie also!?«
»Man schlägt sich so durch, gnädige Frau!«
»Ich glaub's ... Sie müssen nämlich wissen, Herr Flamberg, ich war diesen Juni mit meinem Mann auf Urlaub in Berlin ... Da hab ich Ihre zwei Bilder in der Sezession gesehen ... Wissen Sie, was mein Mann damals zu mir sagte? Du, so ein Bild möcht ich von dir haben!«
Aha — dachte Martin Flamberg, darauf will's also hinaus ...
»Ich beneide Sie!« fuhr die schöne Frau fort, »ich beneide euch Künstler überhaupt!«
»Beneiden? — um was?«
»Wie soll ich sagen — Sie sitzen hier friedlich und plaudern oder strampeln draußen auf der Heide herum und führen Ihren Zug ... und derweile reisen Ihre Bilder in der Welt herum ... reden zu Tausenden, was für ein Kerl Sie sind ... Ist das nicht beneidenswert? — Ich möchte es — die Fernwirkung Ihrer Persönlichkeit nennen!«
»Ach, gnädige Frau, mich dünkt ... viel beneidenswerter als solche Fernwirkung, von der man schließlich doch nichts hat ... viel beneidenswerter muß die Nahwirkung sein, die eine schöne Frau ausübt.«
»Ach je, die Nahwirkung ... auf wen denn? ... Wen hab' ich denn, um ›nahzuwirken‹? Die Stabsoffiziere ... grämlich ... früh verbraucht — die Hauptleute ... dienstgehetzt — dazu die streberhaften Oberleutnants und die ungaren Leutnants ...«
»Sie urteilen sehr hart, gnädige Frau ... Diese Herren sind doch die Kameraden, die Berufsgenossen Ihres Gatten.«
»Ums Himmels willen, hab ich mir mal wieder den Mund verbrannt!? — Na, das bleibt doch unter uns, nicht wahr, Herr Flamberg?«
»Selbstverständlich! — Nun ja ... ich kann's mir schließlich vorstellen ... Sie kommen aus so ganz andern Kreisen ... Aber ich meine, auch Ihnen müßte das doch imponieren, diese unermüdliche, opferfreudige Kleinarbeit, die hier geleistet wird!«
»Kleinarbeit ... ja wahrhaftig, Kleinarbeit!«
»Aber eine sehr wichtige und nützliche Arbeit! — Flößt Ihnen das denn keinen Respekt ein?«
»Respekt — o ja!«
»Und schließlich — was geht Sie am Ende das Milieu an, in dem Sie leben? — In einer Häuslichkeit wie dieser ... an der Seite eines liebenswürdigen, ritterlichen Gatten, wie der Ihre ist ...«
»O ja!«
Schon wieder dies »O ja!« — Dies »O ja!«, das er so gut kannte! —
Das kam ja immer zuerst, wenn eine verheiratete Frau zu kokettieren begann ... dies korrekt sich stellende, zugleich aber leises Bedauern, heimliche Enttäuschung andeutende »O ja« über den Gatten — —
Äh ... sie waren doch alle gleich ... alle, alle versuchten sie dies ewig gleiche, langweilige Spiel ... dies Spiel, das eben doch nichts weiter war und bleiben sollte, als ein Spiel ... ein Flirt ... eine inhaltlose Sensation!
Ein ernsthaftes Abenteuer — ach, dazu waren sie ja doch fast alle zu feige ... zu satt und zufrieden am Ende in ihrem warmen Nest ... aber sich einen Flirt versagen zu können ... dazu waren sie doch wieder alle zu unausgefüllt ... zu unvornehm ... zu charakterlos ...
Gräßlich, dies frivole, ziellose Spiel mit den heiligsten Dingen ... mit Treue und Leidenschaft ... Wie rasch man das durchschaute ... wie rasch der pikante Reiz der ersten derartigen Erlebnisse verweht war ... und dann widerte es einen nur noch an ... Also von der Sorte war auch diese da ...!
Fast brüsk brach er auf und empfahl sich.
»Wir hoffen, Sie nächstens bei uns zu sehen, Herr Flamberg!«
Klischee, Klischee — — Und so etwas galt im Offizierkorps als eine Art höheres Wesen —
Schade — ein hübsches Bildchen hätte sie schon abgegeben: die schwermütigen braunen Augen unter der weißen Stirn, mit dem rostfarbenen, straffen Haarkranz darüber und ... Eine feine Schulterlinie hatte sie gewiß auch ... Der Unterarm, die feine, nervöse Hand ... Das war vielversprechend gewesen —!
Ausführlich und sehr lustig berichtete er an Agathe.
Schon einige Tage später konnte Martin Flamberg sich überzeugen, daß sein Künstlerauge recht vermutet hatte.
Drei Tage nach seinem Besuch lud ihn ein silbergraues Kärtchen zu einer Abendgesellschaft in kleinem Kreise ... ein Kärtchen, bekritzelt mit einer seltsamen Handschrift: feste Auf- und Abstriche, doch umschwirrt von einem kapriziösen Gewirr hin- und herfahrender Schnörkel ... links oben in der Ecke ein Doppelwappen, vermutlich das Adelswappen derer von Brandeis und das bürgerliche der alten Düsseldorfer Patrizierfamilie, aus der die junge Frau hervorgegangen ... Freilich! sie konnte es sich leisten, das Wappen ihrer Sippe neben dem adeligen aufzupflanzen ...
Er führte die Frau des Hauses zu Tisch — — Außer ihm: Major von Sassenbach mit Frau und Töchtern, Oberleutnant von Schoenawa und Leutnant Blowitz.
Heute sah er sie ganz anders.
Die drei andern Damen, die Offiziere, nicht zuletzt der Gatte, gaben dieser Frau eine Folie, die sie seltsam hob ... In dieser Umgebung, wahrhaftig, erschien sie wie ein hinverwehtes Wunder.
Aller Augen hingen an ihr; sie beherrschte die Unterhaltung.
Spießbürgerliche Mißbilligung lag auf dem spitzen Gesicht der Frau von Sassenbach ... rötete ihre Nase ... ließ ihre grauen Augen in frostigem Pharisäertum funkeln ...
Die stattlichen Majorsmädel verschlangen die elegante junge Frau in naiver Bewunderung ...
Leutnant Blowitz, ein braver Junge, huldigte ihr mit knappenhafter Ergebenheit ...
Schoenawa, ein kalt beherrschter Energiemensch, verfolgte jede ihrer Bewegungen mit verschlossenem, finsterm Ernst ... Nur zuweilen flimmerte in seinen frostigen schwarzen Augen ein heißer Strahl; der verriet Martin Flambergs geschultem Malerauge: auch dieses Mannes Seele, soviel er davon besitzen mochte, stand im Banne der Hausherrin ...
Ihr Gatte glänzte übers ganze Gesicht vor demütig anbetender Bewunderung, vor Glück und Stolz, der legitime Besitzer so vieler Herrlichkeit zu sein ...
All diese Verehrung, diese teils freiwillige, teils widerwillige Bewunderung steckte den Maler an.
Und wirklich ... sie sah strahlend aus ... sie trug eine fraisefarbene Seidenrobe, überrieselt von einem bronzefarbenen Spitzengewirk ... Der Ausschnitt ließ eine Schulterlinie von adeliger Zeichnung frei, den Hals mit leisem Rosa angetönt ... ihn umzog ein dünnes goldenes Kettchen mit einem smaragdgrünen Darmstädter Glasschmuck ... Für Maleraugen ein Fest ...!
Das sprach er nach Tisch bei der Zigarre dem Hauptmann aus.
Der griff die Andeutung rasch und gewährungsfreudig auf.
Martin merkte, er war einem geheimen Wunsch seines Kompagniechefs entgegengekommen ...
Und zwei Tage später stand der Maler im Wintergarten der Villa Brandeis mit Pinsel und Palette der Hausherrin gegenüber. Flamberg hatte sich ein förmliches Atelier zwischen den Palmen und Skabiosen improvisieren dürfen. Als Hintergrund hatte er eine spanische Wand aufgestellt und eine blaßrosa Sammetdecke darüber aufgehängt, die er in einem der Salons entdeckt hatte.
Er selber trug über der grauen Litewka eine grobe blaue Küchenschürze, die Frau Cäcilie persönlich unter Lachen und Scherzen ihm umgebunden ...
Und nun durfte er sie ungeniert und gründlich betrachten, wie sie vor ihm im Sessel lehnte in dem Kostüm von neulich, das er sich ausgebeten hatte ... in der fraisefarbenen Seidenrobe mit dem rieselnden Gewirk bronzener Spitzen ... mit dem geraden Ausschnitt, der die herrliche Schulterlinie enthüllte ...
Seltsam war ihr zumute unter dem durchdringenden, enthüllenden Blick der braunen, durstigen Künstleraugen ... Weich ... hingebend ... opferfroh ...
Einmal trat der Maler auf sie zu, um ein paar Falten ihres Gewandes anders zu ordnen ... da durchschauerte es sie ... unwillkürlich schloß sie leise die Augen ... neigte das flimmernde, duftende Haupt zurück ...
Martin Flamberg mußte sich zusammennehmen ... mußte mit Gewalt an seine ferne Agathe denken ...
Und das war nun jeden zweiten Tag ein paar Stunden ... jeden zweiten Tag ...
Manchmal kam Hauptmann von Brandeis vom Nachmittagsbesuch im Kompagnierevier zurück, steckte, freundlich lächelnd, den Kopf ins »Atelier«, warf einen prüfenden Blick auf die Fortschritte des Abbildes ... einen strahlenden auf das Original ...
Das Lächeln, das diesen Blick erwiderte, ward täglich matter und matter ... Brandeis merkte es nicht.
»Wie finden Sie meinen Mann?« fragte Frau Cäcilie einmal den Künstler.
»Ich bin ihm sehr gut, er ist so eine wahre Natur, durch und durch echt — so etwas empfinden wir stets als besonders wohltuend — wir verlogenes, verdorbenes Künstlergesindel, wir —«
»Verlogen und verdorben — seid ihr alle so —?«
»Alle ... das liegt in unserm Handwerk ... das ganze Leben ist uns ja doch nur ein Vorwand ... alle Menschen sind uns nur Mittel zum Zweck ...«
»Aber zu was für einem Zweck —!«
»Zu keinem schlechten — das weiß Gott! — Aber die Menschen, die mit uns umgehen, sind dennoch immer betrogen ... wir nützen sie aus, und sie dürfen's nicht merken ... beileibe nicht ... daß sie uns nichts sind als Modelle!«
»Das sagen Sie — ein Bräutigam?«
»Das ... steht auf einem andern Blatt, gnädige Frau ...«
»Also doch nicht so ganz Übermensch ... doch irgendwo ein Fleckchen in Ihrem Herzen, wo man sich anbauen kann?! —«
Martin Flamberg malte und schwieg.
»Heut abend bleiben Sie zum Tee bei uns! — Mein Mann kommt erst um acht Uhr aus der Kaserne zurück — Sie werden mir inzwischen Gesellschaft leisten, und ich werde Ihnen etwas vorsingen!«
Martin Flamberg atmete tief auf ... »Wer könnte da ›nein‹ sagen —?«
»Ich habe schon lange auf die Gelegenheit gelauert, Ihnen zu zeigen ... ein bißchen Wer bin ich auch ... ein bißchen mehr als all die Kommißgänschen hier herum ... ein ganz klein bißchen pass' ich auch in die Welt, in der Sie heimisch sind —«
— — Und Frau Cäcilie saß am Flügel ...
Sie schien zu wachsen, als nun die ersten Akkorde aufschauerten unter den schlanken, nervösen Fingern ...
Nur die Kerzen am Instrument brannten im Zimmer ... warfen gelbe Lichter auf die erdbeerfarbene Seide ... flimmernde Reflexe in die straffe Haarkrone — darunter schimmerte die weiße Stirn mit mattem Opalglanz ...
Nun öffnete sich sanft der schmale Mund ... und weiche Töne quollen durchs Zimmer:
»Nicht im Traume hab' ich das gesehn,
hell im Wachen stand es schön vor mir,
eine Wiese voller Margeriten ...«
Martin saß im Halbdunkel. Ah, Straußens »Freundliche Vision« — die dunkelschwüle Weise, wie sie zu der Stunde paßte ... Martins Seele löste sich ganz ... ein heißes Fluten hub an, wogte und webte durcheinander ...
»Und ich geh mit einer, die mich lieb hat,
ruhigen Gemütes in die Kühle
dieses stillen Gartens, in den Frieden,
der voll Schönheit wartet, daß wir kommen.«
Mit einer, die mich lieb hat ... Agathe ... Agathe ...
Gewaltsam hatte Martin die Erregung zurückzudrängen versucht, die aus der Tiefe seiner Seele in seine Augen quoll ... Nun übermannte es ihn plötzlich ...
»Herr Flamberg, was haben Sie —?«
»Ich habe heim gedacht ... heim gedacht an ein fernes Mädchen — das hat keine Ahnung, daß ich in diesem Augenblick —«
»Nun — was?«
»— daß ich einer Stimme lausche ... einer Stimme, die nicht die ihre ist ...«
»Nun — und was ist dabei?«
»Viel ist dabei — — —«
»Ach Sie — Sie Künstler Sie — ich weiß ja, alles nur Vorwand, alles nur Modell ... Sie haben's ja selbst gesagt.«
»Gnädige Frau —!«
»Haha ... nun wollen Sie's wohl gar nicht Wort haben ... aber Sie haben sich verraten ... Nun dürfen Sie sich nicht wundern, wenn man Sie nicht so tragisch nimmt!«
Die junge Frau ging mit raschen Schritten zum Flügel zurück ... schlug einen schrillen Akkord an ... ging in eine tolle Walzermelodie über ... dann brach sie plötzlich ab, sang zu übermütiger Weise abermals einen Bierbaumschen Text:
»Maikater singt die ganze Nacht:
Der Frühling ist erwacht, erwacht!
Der Frühling ist erwacht!«
»Ah, ihr musiziert? — Das ist recht ... und so lustig! — Das freut mich! Entschuldige, liebes Kind, daß ich so spät komme ... und auch Sie, lieber Flamberg ... danke Ihnen, daß Sie meiner Frau Gesellschaft geleistet haben ...!«
— — An diesem Abend vergaß Martin Flamberg zum ersten Male, vorm Schlafengehen am Sternenhimmel Agathens Augen zu suchen.
Am 17. August, am Vorabend des Tages von Gravelotte, wurde das Regiment aus der Stimmung der Festvorbereitung durch eine plötzliche Trauerkunde gerissen: Seine Durchlaucht der Erbprinz von Nassau-Dillingen, der Kommandeur des rheinischen Armeekorps, war nach kurzer Krankheit in Koblenz gestorben.
Wenige Stunden nach Ankunft der Trauernachricht kam auch bereits die Allerhöchste Kabinettsorder, nach welcher die Offiziere des Armeekorps auf vierzehn Tage Trauer anzulegen hatten.
In dieser Zeit eine große Feierlichkeit mit Musik und Tanz zu begehen, das wäre nicht schicklich erschienen. Und so mußte das lange vorbereitete Regimentsfest bis zu einem andern großen nationalen Gedenktage, dem Tage von Sedan, aufgeschoben werden. Dieser Tag hatte sonst für das Regiment nur die allgemeine patriotische Bedeutung, nicht die spezielle eines Ruhmestages: denn das rheinische Armeekorps hatte ja bei Sedan nicht mitgefochten.
In anderer Beziehung aber klappte es mit der Verlegung recht hübsch. Der 2. September fiel nämlich auf einen Sonntag. Und da am Dienstag, den 4. September, die Abfahrt ins Manövergelände im Hunsrück angesetzt war, so blieb Montag, der 3., zum Packen, und das Regimentsfest wurde so, außer einem Begrüßungsfest für die Kommandeuse, zugleich ein Abschiedsfest.
Für die aktiven Herren bedeutete das Ausrücken ins Manövergelände einen dreiwöchigen Abschied aus der Garnison.
Die Offiziere des Beurlaubtenstandes würden überhaupt nicht mehr in die Garnison zurückkehren; sie würden sich am letzten Manövertage nach Schluß der Übung bei der Kritik abmelden können und galten damit als entlassen, um von der nächsten Bahnstation aus auf dem kürzesten Wege in ihre Heimat zurückkehren zu können.
— Die letzten Wochen vor dem Feste waren verhältnismäßig ruhig verlaufen.
Martin Flamberg hatte das Bild der Frau von Brandeis vollendet, und damit war für ihn die Veranlassung zu seinen regelmäßigen Besuchen in der Villa Brandeis weggefallen, nachdem im Kreise der Intimen des Hauses bei einer Sektbowle »Firnistag« gefeiert worden war ...
Am folgenden Morgen hatte Hauptmann von Brandeis auf dem Rückmarsch von der Felddienstübung den hinter ihm marschierenden Flamberg an die Seite seines Pferdes gewinkt und hatte mit ihm in schnellerem Tempo einige Schritte Vorsprung vor der marschierenden Kompagnie gewonnen:
»Nun sagen Sie mal, lieber Flamberg, wir wollen uns ganz offen darüber aussprechen — und ich denke, Sie nehmen mir das wohl nicht übel — Sie haben mir da das ersehnte Bild meiner Frau gemalt. Und Sie wissen ja, ich bin in ganz erfreulichen Verhältnissen. Bitte, machen Sie mir jetzt Ihren Preis, und genieren Sie sich durchaus nicht, die Sätze zu berechnen, die Sie auch sonst von Ihren Auftraggebern beanspruchen.«
Martin Flamberg sann einen Augenblick nach. Er fand es sehr richtig und vornehm von Herrn Brandeis, daß er es seiner, des Malers Entscheidung überließ, wie er die Angelegenheit auffassen wolle:
»Ich bitte ganz gehorsamst, Herr Hauptmann, mir gestatten zu wollen, meine Arbeit Ihrer Frau Gemahlin als bescheidenen Ausdruck meines Dankes für liebenswürdige Gastfreundschaft zu Füßen zu legen, und Ihnen, Herr Hauptmann, als gleich bescheidenen Dank für die gütige Aufnahme, die ich schon zum zweiten Male bei der Königlichen Ersten gefunden habe!«
Brandeis markierte liebenswürdige Verlegenheit: »Aber lieber Flamberg, wie soll ich das nur wieder gut machen?«
»Das haben Herr Hauptmann bereits vorher getan! Nur eine Bitte möchte ich mir gestatten auszusprechen, vorausgesetzt selbstverständlich die Zustimmung Ihrer verehrten Frau Gemahlin: ich möchte bitten, mir zu erlauben, das Bild im nächsten Frühjahr in Berlin auszustellen!«
»Na, lieber Flamberg — — selbstverständlich werde ich ja den Fall mit meiner Frau besprechen müssen ... aber ich zweifle nicht im geringsten daran ... daß sie stolz sein wird, in solch einer meisterhaften Verkörperung ... vor der staunenden Mitwelt paradieren zu dürfen ...«
— — »Ja, was machen wir da, Cäcilie?« fragte Brandeis daheim, nachdem er berichtet hatte. »Eigentlich ist mir die Sache ein bißchen fatal ... das Bild ist ja ein fürstliches, ein unbezahlbares Geschenk ... das kann ich ja eigentlich gar nicht annehmen von dem fremden Herrn.«
»Da wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben!« meinte Frau Cäcilie, »jedenfalls müssen wir uns in irgendeiner Form revanchieren.«
»Da fällt mir was ein: Flamberg ist doch verlobt und heiratet unmittelbar nach dem Manöver. Da werden wir ihm also ein schönes Hochzeitsgeschenk machen!«
»Aber bitte, nicht etwa einen Wertgegenstand, der auch nur einigermaßen wie eine Bezahlung aussieht!«
»Ne, selbstverständlich das nicht!« lachte der Hauptmann, »das möchte uns auch wohl doch ein bißchen schwer fallen! — Weißt du, daß er für jedes der Bilder in der Sezession fünfzigtausend Mark bekommen hat?«
»Mir fällt noch etwas anderes ein ... selbstverständlich, das mit dem Hochzeitsgeschenk, das wird gemacht ... aber ich werde der Braut einen prachtvollen Korb Rosen schicken mit unserer Visitenkarte!«
Der Hauptmann war einverstanden. Und Frau Cäcilie ließ ein riesiges Arrangement prachtvoller La-France-Rosen zusammenstellen. Dazu sann sie sich noch etwas anderes aus: sie ließ Flambergs Werk photographieren und fügte eines der Bilder ihrer Sendung an die Braut des Malers bei. Zu dieser Sendung schrieb sie selbst ein paar Begleitzeilen:
»Mein sehr verehrtes gnädiges Fräulein, empfangen Sie hierbei das Abbild des jüngsten Meisterwerkes Ihres Herrn Bräutigams, und erlauben Sie dem Original und dem künftigen Mitbesitzer des herrlichen Werkes, Ihnen die herzlichsten Wünsche zu Ihrer demnächstigen Vereinigung auszusprechen.
Ein Mann, dem wir andern alle nichts sind als der gleichgültige äußere Anstoß für sein Schaffen, nichts als ein Motiv, ein Modell, das man festhält mit raschem, unfehlbarem Pinsel, und das dann, ach so schnell, einem neuen Platz machen muß, nichts als ein paar bunte Farbflecke in der Außenwelt — — einem solchen Mann dürfen Sie Lebensgesellin sein — Sie Glückliche. —
Empfangen Sie unsre aufrichtigsten Empfehlungen.
Fritz und Cäcilie von Brandeis.«
Als Agathe van den Bergh diese Zeilen las, gab es ihr einen Ruck am Herzen ... Lange, lange studierte sie die Züge der Photographie, die klare Schrift mit den festen Grundzügen und dem kapriziösen Schnörkelgerank ...
So war es nun schon die zwei Jahre hindurch gewesen: jedesmal, wenn sie ein neues Werk des Geliebten sah, hatte sie dies dumpf nagende Wehgefühl ... Es war nicht Eifersucht ... es war der unbegriffene Schmerz der reinen Mädchenseele, die empfand, daß sie dem geliebten Manne nicht alles — nicht alles war — niemals alles werden würde — ach nein, niemals mehr denn ein kleiner, kleiner Ausschnitt aus seiner Welt —
Es war nicht Mißtrauen ... nur das geheime Grauen war's des ahnenden Mädchenherzens vor den Abgründen im Leben, in der Sehnsucht, in der Vergangenheit und Gegenwart des Mannes ... des Künstlers.
Am vorletzten Samstag vor dem Ausrücken — es war der 25. August — ging Martin Flamberg auf einen viertägigen Urlaub nach Düsseldorf ...
Wie im Fluge verstrichen ihm die wenigen Stunden der Heimfahrt ...
Welch ein Sturm in ihm ... welch ein Sturm der Gefühle — der Leidenschaften — der Gedanken — der Grübeleien und Träume ... Agathe hatte ihm den großen Frieden seines Lebens bringen sollen — ihn ausfüllen bis in die Tiefen seiner Seele ... Er hatte gewähnt, in ihr jene große Liebe gefunden zu haben ... jene große Liebe, von der alle Menschen träumten ... und die Künstler heißer und sehnsüchtiger denn alle andern ... und nun — —
Seine Besuche bei Frau Cäcilie hatten nun aufgehört, und seitdem erst war es ihm ganz bewußt geworden, was diese Besuche ihm bedeutet hatten ... Nein wahrlich, was seitdem in seiner Seele fieberte und stürmte, das hatte wenig Ähnlichkeit mit dem großen Frieden, den er erhofft ...
Agathe empfing ihn am Bahnhof. Der Präsident van den Bergh begleitete seine Tochter.
Martin fühlte, wie seine Braut ihn prüfend ... angstvoll beobachtete ... Er fühlte es, ohne daß er den Zusammenhang begriff; denn Agathe hatte es nicht übers Herz bringen können, auch nur ein Wort über die Sendung der fremden Dame und das seltsame Briefchen, das sie begleitet hatte, an ihren Verlobten zu berichten ...
War es so etwas wie böses Gewissen, was Martin Flamberg hellsichtig machte für die verhohlene Befangenheit seiner Erkorenen ...? Er gab sich lebhaft ... heiter ... ungezwungen ... mit fast lärmhafter Lustigkeit ... Und dabei fühlte er doch, daß sie seine Absicht durchschaute ...
»Nun, Martin,« sagte der Präsident bei der Heimfahrt, »Sie haben inzwischen auch wieder eine neue Arbeit vollendet?« Der Präsident hatte sich noch heute nicht entschließen können, seinem Schwiegersohn das väterliche Du entgegenzubringen.
»So, hat Agathe Ihnen erzählt — ja gewiß, Papa, ich habe meine Zeit gründlich ausgenutzt.«
»Eine schöne Frau! — Ich erinnere mich ihrer noch sehr gut ... als Backfisch machte sie Furore in unsern Salons ... aber sie muß sich inzwischen noch mächtig herausgemacht haben, nach Ihrem Bilde zu schließen.«
»Aber — woher wissen Sie, Papa —?«
Dunkelglühend, mit niedergeschlagenen Augen sagte Agathe: »Die Dame hat mir einen prachtvollen Rosenstrauß geschickt ... und eine Photographie ihres Bildes ...«
»Und davon hast du mir nichts geschrieben!?«
»Ich dachte, sie hätte es dir selber gesagt.«
»Nein, das hat sie nicht — ich habe sie auch nicht mehr gesehen, seit das Bild fertig ist ...«
— — Zu Hause, im ersten Augenblick des Alleinseins warf sich Agathe mit einem leisen Stöhnen an seine Brust, sah ihm tief in die Augen: »Ach, Martin, kommst du mir so wieder, wie du gegangen bist — —?«
»Aber Kind — was hast du nur?!«
Stumm zeigte ihm Agathe Cäciliens Bild und Brief ...
Tief atmend überflog Martin die seltsamen Zeilen ... Gott, sie sagten ihm ja nichts Neues ... er wußte ja doch schon ... Aber Agathe mußte beruhigt werden ...
Wie sie so vor ihm stand, da glich sie so ganz wieder jener Gestalt, die das Faustbuch von Wilhelm Frobenius in seiner Phantasie lebendig gemacht ... ganz wie Gretchen sah sie aus, die bebenden Herzens den Geliebten fragt, ob er glaube, glaube an eine ewige Macht, die den Wandel unseres Schicksals lenkt ...
Und in einem Wirbel des Gefühls riß er die geliebte Gestalt in seine Arme und küßte die schweren Tränen aus seines Mädchens Augen ...
Aber während er die bebende Braut an seinem Herzen hielt, fühlte er mit Grausen, daß er einer andern denken mußte ... immerzu ... immerzu einer andern ... so, wie sie ihm gegenüber gestanden hatte in der letzten Stunde zweieinsamen Beisammenseins ...
Das Bewußtsein, daß diese Stunde niemals wiederkommen werde, hatte beiden mit jähem Griff plötzlich die Kehle ... das Herz umschnürt ...
Herrgott, warum gab es Schranken in der Welt? — Was half dem Künstler die Phantasie — die allmächtige, allerfassende, die ihn die grenzenlosen Reiche der Schönheit nur darum in all ihrer Herrlichkeit überschauen lehrte, damit das Leben selbst ihn dann immer wieder ausschlösse von dem Besitz alles dessen, was er viel tiefer doch als andere empfand ... viel tiefer verstand ... viel tiefer hätte genießen können ...
Martin hatte die Zähne zusammengebissen ... hatte das letzte Aufgebot all seiner Seelenkräfte in sich aufgerufen zu keuchendem Kampfe gegen die Versuchung, dies Weib in seine Arme zu schließen ... das Weib des vertrauenden Mannes, des Vorgesetzten, des Kameraden ... Und er wußte es wohl: die Glut all dieser verschwiegenen Kämpfe hatte er seinem Werke eingehaucht ... Er wußte: es war sein bestes geworden.
Und hatte Agathe das nicht herausgefühlt — nicht ahnend empfunden — selbst aus dem schattenhaften Abbild seines Werkes, das sie allein erst kannte?!
Und warum mußte er dieser letzten Sekunde des heißen Kampfes, des schmerzvoll bittern Sieges gedenken ... in diesem Augenblick ... im Arme des Mädchens, das er sich zur Kameradin seines Lebens, zur Friedenbringerin seines Herzens erkoren?
Sie hatte ihn nicht gebracht ... den ersehnten Frieden ... Ob er wohl kommen würde, wenn er sie einmal ganz sein eigen nennen durfte?
An diese Hoffnung wollte er sich anklammern.